Powered by Invision Board
 Willkommen Gast ( Einloggen | Registrieren )

Portal | Board | TV | Kalender | Suche | Mitglieder | Regeln | Impressum | Datenschutzerklärung | Hilfe

Seiten: (4) [1] 2 3 ... Letzte » ( Zum ersten neuen Beitrag ) Antworten | Neues Thema | Neue Umfrage |
[CH] Die Schweiz mal wieder., Unterwegs zuhause in 26 (Halb-)Kantonen. [Zur Themenübersicht]
« Älteres Thema | Neueres Thema » Thema abonnieren | Thema versenden | Thema drucken
146225
  Geschrieben am: 14 May 2017, 09:51


Lebende Forenlegende


Status: Mitglied
Mitglied seit: 1 Apr 07
Beiträge: 15257

Alter: 42
Wohnort: TH/EDBU


Die Schweiz mal wieder – von A(arau) bis Z(ofingen) –
oder: schöner von A nach B(ex).


Tag 1: Mal eben bis an eines der Enden.

Da war sie wieder, diese Erkenntnis. Nein, nicht vordergründig die, dass ein paar Tage Abstand von der Arbeit auch mal wieder sinnvoll wären, das auch. Was in meinem Kopf herumspukte und mich dazu brachte, an einem Donnerstagmorgen im April mal wieder über den größten Grenzbahnhof Europas – das ist Basel SBB – zu laufen, war die Erkenntnis, dass es in unserem südlichen Nachbarland bislang noch mehr km Bahnstrecken gibt, als ich Zeit hatte, diese zu bereisen. Noch. Allen ernsthaften Versuchen zum Trotz.

Also soll jetzt das „Delta“ zwischen diesen beiden Polen kleiner werden, und deshalb steure ich das Stumpfgleis 3 an, wo ich in einem SBB-EW IV des IR nach Zürich Platz finde. Pünktlich zieht die Re 420 an, und über Muttenz und Pratteln geht es hinaus auf die Bözbergstrecke, s’näggschd ist Rheinfelden. Bei Stein-Säckingen verläuft die Bahnlinie in Halbhöhenlage und gibt einem ein Blickfeld auf den Rhein und die südbadische Seite, das man so von der DB-Hochrheinstrecke auf diesem Abschnitt nicht hat. Einzig die Autobahn unterhalb der Bahngleise trübt den Blick etwas. Im Zug ruhig-entspannte Atmosphäre, der Zugsbegleiter hat eine Bekannte getroffen und nutzt die Zeit bis zum nächsten Halt in Brugg für einen Plausch. Kurz darauf in Baden steige ich auch aus und vertausche den IR gegen einen RABe 514, das sind die Siemens-Doppelstock-ET, die auf der S-Bahn Zürich unterwegs sind. Ein solcher bringt mich, des Streckensammelns wegen, als S6 via Wettingen – Otelfingen – Regensdorf-Watt nach Zürich-Oerlikon. Dieser „Vorortbahnhof“ (vor dem das VBZ-Tram 11 verkehrt), weist dichten Zugsverkehr in alle Richtungen auf, so dass ich zeitnah Anschluss an die nächste S-Bahn habe, mit der ich eine weitere Strecke „erfahren“ möchte.

user posted image
Blick in den Oberstock eines RABe 514 der Zürcher S-Bahn.

Meine S14 nach Hinwil entpuppt sich als „Klassiker“ der Zürcher S-Bahn, eine Re 450 schiebt 3 Doppelstockwagen. Es geht über Schwerzenbach ZH durch dicht besiedelte Agglomeration nach Uster und von dort weiter nach Wetzikon. Leider gibt es die weitere Tagesplanung nicht her, das „letzte Stück“ bis Hinwil auch noch gleich zu erledigen, dieser „Stumpen“ wird wohl einem nächsten Besuch vorbehalten bleiben. Ich darf dagegen die dritte Zugsbauart auf der dritten S-Bahn-Linie begrüßen, vom Nachbargleis aus fährt mich ein RABe 511 (Stadler KISS) als S5 über Rüti ZH zuerst in den Knoten Rapperswil und von dort aus über den Seedamm hinüber in den Kanton Schwyz – nach Pfäffikon SZ.

user posted image
RABe 511 066 als RegioExpress 5066 Chur-Zürich in Pfäffikon SZ.

user posted image
Am 843 001 führt einen Lokzug aus 1x Tm 232 + 2x Am 841 an – Pfäffikon SZ.

Dieser Bahnhof – am Ort ist der Hersteller der bekannten „Official Swiss Railway Watch“ ansässig – ist mir schon von früheren Schweiz-Reisen geläufig, und so gibt es nicht allzu viel Neues zu entdecken, während ich eine für örtliche Verhältnisse vergleichsweise lange Wartezeit auf den nächsten RABe 511 habe. Dieser ist allerdings ein 6-teiler mit grauem Rahmen (anstatt blau bei den 4-teilern der S-Bahn) und verkehrt als RE von Zürich nach Chur, nächster Halt Siebnen-Wangen, kurz darauf Ziegelbrücke, auch hier werde ich noch nicht das letzte Mal vorbei gekommen sein, denn die abgehenden Strecken nach Uznach und Linthal fehlen ebenfalls noch auf der persönlichen Streckenkarte. Als wir kurz darauf am Walensee entlang rollen, frage ich mich, ob ich für die heutige Fahrtroute den richtigen Tag ausgesucht habe, denn es ist eher noch etwas diesig, die Berge hängen in Wolken. Bäh, aber nicht zu ändern, der Zug fährt ja weiter und erreicht über Sargans dann Landquart. Noch immer auf die Minute pünktlich, steige ich im Bündnerland aus.

user posted image
Ge 4/4 II 633 steht mit dem RE 1241 in Landquart bereit.

In der (Beton)-Bahnsteigunterführung von Landquart sorgt ein Musikerpaar mit Country-artigen Klängen für Live-Beschallung, während sein Gitarrenspiel etwas müde klingt, hat sie eine schöne klare Gesangsstimme. Für mich geht es aber weiter, auf den Meterspurgleisen der RhB stehen die RE schon im Doppelpack nebeneinander, ich wähle den – vom Rampenaufgang her gesehen – linken Zug, gebildet aus einer Ge 4/4 II und diversen älteren Reisezugwagen. Allegra! – nein, das ist nicht nur ein Name für einen ET von Stadler, sondern, wieder etwas dazu gelernt, im Rätoromanischen ein gebräuchliches Grußwort. „Rhaetian Railways“ – jaja, die Touris aus aller Welt – begrüßen mich so auf der Prättigaustrecke, auch diese sehe ich zum ersten Mal. Gleich die erste Zugskreuzung in Malans ist ein Güterzug mit Ge 6/6 II, … - naja, hätte man ja vielleicht auch gerne als Bild gehabt, aber nicht zu ändern. Die variierenden RE (nach ihren Zielen) haben hier auch variierende Halte, mein Zug hält bis Klosters Platz noch in Schiers, Jenaz und Küblis, die Strecke steigt dabei auch merkbar an.

Nach Klosters Platz wird es dann dunkel – dabei ist das hier erst der Zugerwaldtunnel, der in einer leichten Steigung hinauf nach Klosters Selfranga führt, das ohne Halt durchfahren wird. Hier ist die Autoverladung für den nun folgenden „längsten Meterspurtunnel der Welt“, den 19 km langen Vereinatunnel. Gebaut in den 1990ern als ganzjährig wintersichere Verbindung ins Oberengadin, ist das wieder mal Schweizer Denken – in Deutschland wären die 800 Millionen CHF Baukosten (seinerzeit) und mehr höchst wahrscheinlich in einen Ausbau der Flüela-Straße geflossen. Die Einfahrt in den Vereinatunnel ist zweigleisig, und tatsächlich begegnet meinem RE dann auch ein Stück weit im Berginnern ein Autozug, bevor die Trasse dann eingleisig wird. 19 Minuten geht es durchs Dunkel, bevor über den Abzweig Sasslatsch das Engadiner Tunnelende am Bahnhof Sagliains erreicht ist. Dieser ist als Umsteigepunkt zu Zügen in Richtung Zernez – Filisur und als Autoverlad angelegt. Rund 240 Höhenmeter waren seit Klosters auch noch zu überwinden. Und noch viel wichtiger: im Engadin strahlt die Sonne von einem blauen Himmel, was die Bergkulisse natürlich noch viel schöner zur Geltung bringt. Mein RE fährt jetzt weiter auf die Unterengadinstrecke in Richtung Scuol-Tarasp.

user posted image
Bündner Bergpanoramen von unterwegs.

Auf den noch folgenden 17 km durch Berglandschaft windet sich die Strecke hauptsächlich durch Wiesen, der alpinen Landschaft folgend sind Tunnel und Brücken nicht selten. Scuol-Tarasp ist Endbahnhof, von hier aus ginge es nur noch mit dem Postauto weiter, das neben dem Bahnhof auch nach Landeck in Österreich abfährt.

user posted image
Aussterbende Art – ein Reisezugwagen mit Hauptgattungskennzeichen „D“ – hier bei der RhB in Scuol-Tarasp für den Velo-Transport vorgehalten.

Mein nächster Zug ist dann der Regio nach Pontresina, auch dieser ist mit Ge 4/4 II bespannt, im Gegensatz zum RE aus Landquart ist es aber ein Pendelzug und wird ab Scuol-Tarasp geschoben. Bis Sagliains kenne ich die Strecke natürlich schon, danach geht es nicht in den Tunnel, sondern über Susch dem Inntal folgend, auch den Inn auf einem Viadukt überquerend, nach Zernez. Auch dort besteht internationaler Poschti-Anschluss, durch das Val Müstair und über den Ofenpass nach Mals im Südtiroler Vinschgau. Rätoromanisch lässt sich im Übrigen in seiner Aussprache nicht vom Italienischen her ableiten, das merke ich im weiteren Streckenverlauf mit Halten an Bahnhöfen wie Cinous-chel-Breil, S-chanf oder La Punt – Chamues-ch doch sehr deutlich. Auch wenn die RhB natürlich hier auch schon längst mit moderner Technik arbeitet und all diese Stationen unbesetzt sind, gibt die Infrastruktur im Allgemeinen ein gepflegteres Bild ab, als man das von DB Station & Service so im Durchschnitt gewohnt ist. Der österreichische Einfluss macht sich durch Aufschriften wie „Kassa und Wartraum“ bemerkbar. Über die Verzweigung in Bever erreicht der Zug dann den Knoten Samedan, wo ich aussteige und eine weitere Strecke auf der Schweizkarte „abhaken“ kann.

user posted image
Unterwegshalt: Der Bahnhof von La Punt – Chamues-ch, GR.

In Samedan scheinen sich die Sprachprioritäten wieder verschoben zu haben, denn hier werden Züge nicht nur in Deutsch und dem in der Schweiz aufgrund des internationalen Publikums schon recht üblich gewordenen Englisch angekündigt, sondern auch in Italienisch. Na mir soll es recht sein. Schönwetter übrigens auch hier, wo auf über 1700 m der höchste Punkt meiner heutigen Reise erreicht ist. Hier sehe ich dann auch Drehstrom vor den Zügen, einerseits in Form der moderneren Ge 4/4 III, andererseits auch mit den ABe 8/12, den „Allegras“ – ein solcher bespannt dann auch meinen nächsten Zug, den RE in Richtung Chur.

user posted image
So komme ich also doch noch zu einem Bild von einer RhB - Ge 6/6 II – Samedan.

Ich suche mir dann auch einen Platz im ET, und bin angenehm überrascht: die RhB-Allegra sind nicht nur starke Schlepptriebwagen, sondern überzeugen auch durch eine vergleichsweise hochwertige Inneneinrichtung. Wieder verlasse ich den Bahnhof in Richtung Bever, aber dieses Mal geht es nicht mehr ins Unterengadin, sondern auf das Weltkulturerbe Albulabahn, dessen Schleifen, Brücken, Rampen und Kehrtunnel ich über Bergün hinunter bis in das noch „gerade mal“ auf 1080 m gelegene Filisur genießen kann. Hier steht mein Anschlusszug bereit, wieder ein Pendelzug mit Steuerwagen voraus, nur schiebt hier eine Ge 4/4 III mich wieder hinauf, der Zielbahnhof des Zuges ist Davos Platz. Auch diese Strecke ist eine sehenswerte Gebirgsbahn, es geht durch die Schlucht des Landwasssers, durch Tunnel und über Brücken, deren bekannteste das Wiesener Viadukt ist. Vom auf knapp 1200 m gelegenen Halt in Davos Wiesen klettert dann die „Ortsverbindung“ noch um 340 m höher bis zum Zielbahnhof in Davos Platz, wo der Fahrplan mir ein wenig Zeit einräumt. Davos ist ja immer wieder in den Medien, ich persönlich finde es bei meinem kurzen Rundgang jetzt nicht zwingend spektakulärer, schöner oder glamouröser als andere Schweizer Touristenorte in den Bergen. Das Bahnhofsgebäude ist ein – abweichend zum sonst bei der RhB vorherrschenden Stil – klar gegliederter, auch recht großer „Neubau“ von 1949, auf dessen Hausbahnsteig ich dann den RE entere, der mich zurück nach Landquart bringen wird. Bis Davos Wolfgang geht die Strecke noch bergauf (1625 m), und danach geht es „bis Basel nur noch bergab!“ – was aber nur topographisch, keinesfalls wörtlich gemeint ist. Von der Davoser Seite ist zweifellos die schönere Einfahrt nach Klosters Platz, man sieht den Bahnhof bereits lange vorher von oben, bis man in einer Schleife dort einfährt. Danach geht es nochmals durch die Kalkfelsen- und Wiesenlandschaft des Prättigau bis Landquart, wo ich der „kleinen Roten“ auf Wiedersehen sage, und mich anschicke Graubünden zu verlassen. Weil es Abend geworden ist, darf dies ruhig komfortabel und schnell geschehen, und so wähle ich den IC, der aus IC-Doppelstöckern gebildet ist und bis Basel SBB noch genau zwei Zwischenhalte haben wird: Sargans und Zürich HB. Nun ist auch das Wetter am Walensee noch schön geworden, und dieser Streckenabschnitt lässt sich ja auch im Licht der untergehenden Abendsonne genießen. In Thalwil haben wir eine Paralleleinfahrt mit dem IR aus Luzern, der aus demselben Wagenmaterial gebildet ist, aber dort halten muss, so dass mein IC durchfahrend der erste Zug ist, der den Zürcher HB erreicht. Lernende der SBB machen zwischenzeitlich noch Fahrgastbefragungen, unter anderem auch über die Reiseroute. Kurz denke ich darüber nach, ob ich „böse“ sein soll und Cinous-chel-Breil nach Siselen-Finsterhennen oder etwas ähnliches als Reiseroute angeben, nur um hinterher die Schreibfehler zu zählen – nein, ich bin zu den Nachwuchseisenbahnern natürlich fair geblieben. Der Zug fährt in die Zürcher Kopfbahnsteighalle ein, und aufgrund der Anschlüsse in alle und aus allen Richtungen findet natürlich ein reger Fahrgastwechsel statt. Nach 11 Minuten Aufenthalt geht es dann weiter, nur dass im Gegensatz zur Hinfahrt der Weg via Heitersbergtunnel – Aarau – Kurve Olten – Hauensteinlinie nach Basel führt, wo mich das Tram noch ins Nachtquartier bringt, um für den nächsten Tag auf Schweizer Gleisen gerüstet zu sein.


--------------------
Unmündig nennt man uns, und Knechte, duldet die Schmach nun länger nicht!
    
     Link zum BeitragTop
146225
  Geschrieben am: 14 May 2017, 09:55


Lebende Forenlegende


Status: Mitglied
Mitglied seit: 1 Apr 07
Beiträge: 15257

Alter: 42
Wohnort: TH/EDBU


Tag 2: Spottsucht und Umwege.

Wieder geht es im Trubel des Morgenstoß über „den SBB“ in Basel, wo mein erster Zug heute ein mit Re 460 bespannter EW IV – Pendel ist, der als IR bis Erstfeld verkehrt. Vor der GBT-Einweihung war das der IR in den Tessin. Nicht geändert hat sich, dass diese IR ohne Halt bis Olten verkehren, im bekannten Aargauer Bahnknoten steige ich auch gleich wieder aus, und nachdem ich einmal von ganz links außen nach ganz rechts außen gewechselt bin, finde ich mich in einem SBB-Flirt wieder, der als Regio in Richtung Solothurn unterwegs ist. Muss so sein, weil mein nächster Umsteigebahnhof Niederbipp von „höherklassigen“ Zügen, die auf dieser Strecke ja bekanntlich ICN sind, nicht bedient wird.

user posted image
ASm – Normalspur im Güterverkehr: Tm 837 826 in Niederbipp.

user posted image
ASm – Meterspur Be 4/8 110 als Regionalzug 421 in Niederbipp.

Niederbipp ist einer der vielen Schweizer Bahnhöfe mit Gleisen in Normal- und Meterspur, das Gleis am Hausbahnsteig ist sogar ein Dreischienengleis. Ein gepflegtes Reisezentrum gibt es ebenfalls im Aufnahmegebäude, welches allerdings nicht von den SBB, sondern durch die hier vor Ort tätige ASm betrieben wird. Mit dem zweiten der – gleichfalls wieder roten – Meterspurtriebwagen der Aare-Seeland-mobil, der westwärts vorbeikommt, verlasse ich dann Niederbipp, Ziel der Übung ist, Solothurn auf der Meterspurstrecke, die abseits der SBB-Hauptbahn via Oberbipp und Flumenthal verläuft, anzufahren. In Solothurn geht es dann „als Tram“ auf der Straße durch die Stadt zum Bahnhof, bestimmt auch ein reizvolles Fotomotiv, nur ließe mein Zeitplan gerade so die Rückfahrt des ET nach kurzer Wendezeit am Solothurner Bahnhofsvorplatz zu, der dann aber voll gegen die Sonne fährt – wieder ein Punkt für die „nächstes Mal aber machen“ – Liste.

Ich bleibe auf dem Vorplatz in Solothurn und suche. Und zwar die richtige Kante, wie der Schweizer auch zu Bushaltepositionen sagt. Als ich meine gefunden habe, kann ich mir ein Grinsen nicht ganz verkneifen, denn wer fährt schon in die Schweiz, um dann – fast wie zu Hause! – mit einem Bus des RBS zu fahren? Nur dass dieser Citaro C2 leuchtend orange lackiert ist und RBS hier für „Regionalverkehr Bern-Solothurn“ steht. Hm, einer von deren Stadler NExT-ET wäre mir jetzt lieber, aber… - Kontrollierter Vordereinstieg ist was für Deutschland, hier gilt auf dem Bus das schweizweit etablierte Prinzip der Selbstkontrolle, Fehlbare werden gebüsst. Und auch der Bus verlässt pünktlich auf die Minute Solothurn, versteht sich. Sind ja hier nicht die LVL.

Warum fahre ich Bus? Weil es in diesem Fall leider nicht wirklich zu vermeiden ist. Es gibt zwar noch ein Bahngleis von Solothurn aus zu meinem nächsten Zwischenziel Büren an der Aare, dieses ist aber leider ohne planmäßigen Verkehr und zwischenzeitlich auch ohne Fahrdraht. Die Geschichte der Bahnverbindung liest sich wie „hätte so auch in Deutschland passieren können“ – erst eine vorübergehende Einstellung, dann verloren die SBB das Interesse ganz, weil der bernische Regionalverkehr ja an die BLS überging, dann war eine Brücke schadhaft… - dass eine Kantonsgrenze auf der Strecke liegt (BE zu SO) war wohl am Ende auch nicht förderlich. Der Bus folgt letztlich dem Streckenverlauf recht direkt, und ich muss zugeben: Die Ortschaften, die wir passieren, sind letztlich Weiler – ein Riesenaufkommen an Fahrgästen hat eine Bahn, die im Prinzip „nur“ Solothurn und auf der anderen Seite direkt nur das noch kleinere Lyss anbindet wohl nicht zu erwarten. Sollte es eines Tages dennoch wieder Züge geben, muss ich halt nochmals wiederkommen. So hält der Buskurs aber am Vorplatz des Bürener Bahnhofs, wo am Gleis 1 bereits ein RABe 535 „Lötschberger“ der BLS als Regio nach Lyss bereit steht.

user posted image
RBS-Citaro der Linie Solothurn – Büren – Zollikofen am Bahnhof von Büren an der Aare.

Das ist eine kurze Fahrt, 10 Minuten bin ich in der „Bombardier-Kiste“ unterwegs. Lyss sieht mich nur, um den Regio zu wechseln, das EVU bleibt, nur der Zug ist jetzt ein „Privatbahn-NPZ“, ein RBDe 566 mit Jumbo-Zwischenwagen fährt mich weiter westwärts durch Ortschaften und Wiesen in den Keilbahnhof Kerzers mit seinem erhalten gebliebenen historischen Stellwerk.

user posted image
Das historische Stellwerk von Kerzers.

Natürlich dient diese ganze „westlich-an-Bern-vorbei“ – Fahrt wieder mal einzig und allein dem Streckensammeln. Weiter geht es auf der anderen Keilbahnhofsseite, ein RABe 525 „Nina“ würde direkt nach Murten verkehren, ich nehme – aus Sammlungsgründen, warum auch sonst – einen weiteren kleinen Umweg und gönne mir einen Augenblick (also ganze 6 Minuten lang) den Charme der 1970er.

user posted image
BLS Re 465 005 erreicht mit dem RE 3921 aus La-Chaux-des-Fonds nach Bern gleich Ins.

Ich bin nämlich in einen RE von Bern nach La-Chaux-des-Fonds eingestiegen, und die werden von der BLS bekanntlich ja (noch, man hat ja jetzt bei Stadler eine ordentliche Menge neuer Flirt u.a. für genau diese RE-Linie bestellt, Einsatz ab Anfang der 2020er Jahre) mit Zügen aus Re 465 + EW III bedient, und diese verströmen dieses Flair der ‘70er trotz Überarbeitung in einem gewissen Sinne immer noch. Und bequem…seufz, hilft ja nix, raus aus dem Wagen als der Zug in Ins hält. Ja, hier war ich natürlich auch schon mal, und deshalb geht es heute nur kurz auf den Vorplatz schauen, von dem – auf Meterspur – die ASm mit Stadler-GTW über Lüscherz und Täuffelen nach Biel abfährt. Nein, ich steige nicht ein, mein nächster Zug kommt aus Neuenburg. Masern hat er hoffentlich keine, auch wenn er rote „Tüpfeli“ drauf hat, es ist nämlich ein RABe 527 der tpf. Man könnte auch sagen: ein Flirt. Dieser verkehrt jetzt „um die Kurve“ über Sugiez nach Murten und von dort aus dann über Cressier und Courtepin nach Freiburg im Uechtland. Die Ortschaften, die man vom Zug aus sehen kann, sind alles keine großen Orte, und der Zug schlängelt sich auch mäandernd durch Wiesen, Wald und Flur, ist aber dennoch gut besetzt.

Freiburg im Uechtland bietet zwei Arten von Bussen um den Bahnhof herum – auf der Stadtseite vor dem Bahnhof leise elektrische Trolleys, der Dieselkram verkehrt vom Busbahnhof aus, der hinter dem Bahnhof im Keller liegt und den unwiderstehlichen Charme einer Tiefgarage hat. Spätestens jetzt holt es mich auch ein, dass ich den Röschtigraben wohl überfahren habe, französische Sprachfetzen dringen von allen Seiten an meine Ohren. Bevor mich das – mal wieder, ich gebe zu, es ist ein liederliches Vorurteil bei mir - zu Spott und Lasterhaftigkeit verführt, brauche ich erstmal etwas zu trinken. Als mir der freundliche Angestellte an der Supermarktkasse „une belle journèe“ wünscht (frz: einen schönen Tag), kann ich mich nicht ganz zurückhalten und danke ihm in meinem besten Italienisch mit einem herzlichen „Grazie, anche a Lei“ (Danke, Ihnen auch) – was dann doch einen sehenswert verdutzten Gesichtsausdruck hervorbringt. Jaja, der Kanton Freiburg ist zwar offiziös zweisprachig, aber außerhalb aller offiziösen Einrichtungen scheint mir die Beherrschung von etwas anderem wie halbwegs rhythmischen Grunz-Lauten, Verzeihung, natürlich der französischen Sprache, oftmals doch etwas viel verlangt. Werde ich nochmal überprüfen müssen, die Stadt an sich soll ja sehenswert sein … denke ich so bei mir, während ich bereits im IC-Doppelstöcker sitze, der mich in Richtung Waadtland bringt. Wer die Strecke Bern – Lausanne via Freiburg kennt, weiß, dass der schönste Streckenabschnitt – bitte dafür einen Fensterplatz in Fahrtrichtung links wählen – am Schluss kommt. Nach dem kleinen Verzweigungsbahnhof von Puidoux-Chexbres, der später noch Erwähnung finden wird, kommt noch ein Tunnel und dann … - öffnet sich der Blick über die Weinterassen des Lavaux hinüber über den Genfer See auf die Alpengipfel. Beim heute vorherrschenden strahlend blauen Himmel mit Sonne wahrlich ein Postkartenmotiv, das man minutenlang genießen kann, während sich der Zug die Rampe nach Lausanne hinab windet. Unten am See kann ich schon die Streckengleise in Richtung Montreux erkennen, auf denen ich die Reise fortsetzen werde, doch erst noch ein kurzer Bahnsteigwechsel im Trubel der Olympiastadt Lausanne.


--------------------
Unmündig nennt man uns, und Knechte, duldet die Schmach nun länger nicht!
    
     Link zum BeitragTop
146225
  Geschrieben am: 14 May 2017, 09:56


Lebende Forenlegende


Status: Mitglied
Mitglied seit: 1 Apr 07
Beiträge: 15257

Alter: 42
Wohnort: TH/EDBU


Weiter mit Tag 2, ab Lausanne:

Der jetzt folgende IR ist – wie alle (?) IR auf der Verbindung Lausanne-Brig – ein mit Re 460 bespannter EW IV-Pendel, wobei hier auch jene EW IV eine Heimat haben, die beim letzten großen Umbau-Projekt nur die „Sparbehandlung“ bekamen, also Hg 160 km/h, keine Zulassung für LBT/GBT. Reicht ja auch aus für die Fahrt entlang der Waadtländer Riviera, es stehen noch ein paar Bilder der TPC auf dem Nachmittagsplan, also steige ich in Aigle aus. Hätte ich so oder so gemusst, denn Westschweizer Fahrpläne sind – anscheinend – nicht ganz so dicht und gut abgestimmt, wie das weiter nordöstlich der Fall ist, und der von mir genutzte IR hält nicht in Bex. Also will ich die „Zwangspause“ in Aigle dafür nutzen, die Straßenbahneinfahrt eines TPC-Schmalspurzuges aus Les Diablerets noch kurz ins Bild zu bannen – nun, es bleibt bei dem Vorsatz, denn als ich zu den Schmalspurgleisen komme, prangen dort große Tafeln „Hors service!“ (frz.: außer Betrieb). Während ich noch rätsle, ob auf allen 3 Strecken dann nichts fährt – immerhin stehen im Vorfeld Fahrzeuge der Strecke nach Leysin abgestellt, und der Meterspur-GTW am Bahnsteig sieht auch aus, als könne er nach Champery abfahren – biegt der Zug dann auch schon um die Ecke. Hmpf.

user posted image
[i]Zahnrad-ET BDeh 4/4 313 der TPC für die Strecke Aigle – Leysin in Aigle VD.


Erst später kapiere ich, dass die TPC mit den großen Tafeln nicht auf ausfallende Züge, sondern auf ein temporäres nicht-funktionieren der Zugzielanzeiger an den Bahnsteigen hinweisen wollen. Also gut, nachdem die Meterspurstrecken ab Aigle ja eh noch alle befahren werden müssen, werde ich einfach nochmals wiederkommen, aber dennoch … Gebrummel über „vernünftige Sprache“ kann ich mir nicht ersparen, als ich in den (Walliser) RegionAlps-NPZ-Domino einsteige, der mich als RE nach Bex bringen wird (spricht sich einfach nur „Be“ aus). Dort betreiben die TPC zwar leider kein Ortstram mehr, aber auch die Züge nach Villars und auf den Col-de-Bretaye zwängen sich durch die Ortsdurchfahrt, die an einigen Stellen absoluten Besichtigungswert für Zeitgenossen vom Schlage des Ludwigsburger OBs hätte. Fotomotive gäbe es reichlich, Züge im Stundentakt dafür dann eher zu wenige. Dennoch reicht es noch eine Fahrt bis in den Ort und wieder zurück, wo die Beh 4/8 sehr knapp an den Ecken der alten Häuser vorbeiziehen.

user posted image
TPC Beh 4/8 Nr. 92 fährt auf dem Marktplatz von Bex ein.

Auf dem Rückweg nutze ich dann einen in Bex haltenden IR, und weil ich die Zeit dazu tatsächlich habe, gönne ich mir noch 28 Minuten in Montreux, um den „Tourikitsch“ der MOB noch kurz zu visitieren. Na, nicht ganz, zu meiner Überraschung verkehrt der Regio nach Zweisimmen mit einem der ABDe 8/8 aus 1968 an der Spitze, leider steht dieser natürlich besch… eiden im Licht.

user posted image
Kitsch as Kitsch can: GDe 4/4 6003 der MOB in Montreux.

user posted image
ABDe 8/8 4003 „Kanton Bern“ der MOB vor dem Regio in Montreux.

Der nächste SBB-IR, den ich entlang der Riviera bis Vevey nutzen möchte, lässt mir Gelegenheit, weiter an meinem Spott über Westschweizer zu basteln: zum einen ist er 3 – in Worten: drei! Minuten verspätet, die Hölle ist offen! – und zum anderen streitet sich eine Gruppe junger Damen in den Zwanzigern lautstark über irgendetwas, als ich einsteige, natürlich gestenreich und in Französisch. Triff hier die Schweizer Unterschicht, die in der Schweiz Französisch spricht… (okay, angestiftet durch die Altneihauser…) – nachdem der vielstimmige Zicken-Krieg nicht so aussieht, als könne er vor Genf noch enden, steige ich halt in Vevey einfach wieder aus. Gut, wollte ich ja sowieso. Eine Reisewarnung betrifft die westliche Bahnsteigunterführung dieses Bahnhofes, nicht nur dass die einfach an eine Straßenunterführung angeflanscht wurde und eher grattlig daher kommt, nein, die Ab-/Aufgänge zu den Bahnsteigen sind auch recht eng, also nichts für großes Gepäck und Menschen mit Platzangst. Schnell noch ein Foto eines MVR-ET? Der einzig anwesende (Altbau) steht gegen die Sonne und ist vollgeschmiert – nein, dann lieber gleich einsteigen, und zwar in den „Wengertzug.“

Ach ja, der „Train des Vignes“ – da zeigen mir die SBB – äxgüsi, le CFF – wieder mal, wie nett sie doch zu mir sein können. Früher hätte ich Stress gehabt, um ein vernünftiges Bild des extra für diese Nebenbahn gelb lackierten NPZ anzufertigen, heute spare ich mir diese Mühen und steige in den „gewöhnlichen“ NPZ-Domino ein, der mich nach Puidoux-Chexbres wieder hinauf bringen wird. Man kann sich vermutlich lange darüber auseinandersetzen, welches Bahngleis durch das Lavaux die schönere Aussicht bietet, die Strecke auf der ich jetzt bergwärts rolle ist halt „nebenbahniger“, nur eingleisig und etwas beschaulicher. Für mich heißt es beim Ausstieg auch: wieder eine Strecke „abgehakt“.

user posted image
SBB RBDe 560 246 erreicht hier als S-Bahn Waadt (RER Vaud) von Palezieux nach Lausanne den Bahnhof von Puidoux-Chexbres.

Puidoux-Chexbres ist als Bahnhof – mit dem holzüberdachten Mittelbahnsteig – ländlich, beschaulich und so stehe ich in der Frühlingssonne und höre den Vögeln zu, also wenn nicht gerade sonstiger Bahnverkehr stattfindet. Züge aus Richtung Palezieux sieht man schon eine gute Weile vorher, wie sie sich am Hang oberhalb des Weilers entlangschlängeln – besonders der IC-Doppelstöcker, der Puidoux-Chexbres natürlich ohne Halt durchfährt, kommt da gut zur Geltung. Dann ist Schluss mit Tagträumen, mein Zug nach Palezieux fährt ein, der nächste NPZ-Domino, dieser aber mit einem Zwischenwagen mehr, und weil zur besten Nachmittags-HVZ in Lausanne abgefahren, auch deutlich voller. Auch in Palezieux bin ich wirklich nicht der einzige, der dem neben dem Bahnhofsgebäude gelegenen Meterspur-Kopfbahnhof zustrebt, wo schon ein Stadler-ET der tpf wartend bereitsteht. Das erste Teilstück dieser Fahrt bis Chatel-St.Denis führt stetig bergauf und bietet mehrfach schöne Aussichten auf die Alpenkette in Fahrtrichtung rechts. Nach dem mit einer Kreuzung und einem Kopfmachen verbundenen Aufenthalt im Bahnhof von Chatel-St. Denis – das dürfte locker der größte Ort an der Strecke sein, vom Endpunkt Bulle abgesehen, und außerdem habe ich mit dem Vivisbachbezirk auch wieder freiburgischen Boden erreicht – geht es dann ebener und vor allem durch Wald und Wiesen nordostwärts gen Bulle. Auch dort – wie bei diversen anderen Bahnen schweizweit – kann man noch beobachten, dass nicht nur die RhB noch Güterverkehre auf schmaler Spur betreiben.

user posted image
Meterspurtriebwagen Be 4/4 124 der tpf vor aufgeschemelten Normalspur-Güterwagen in Bulle.

Auch Bulle wird mich noch mindestens einmal sehen, weil der – jetzt – mir letzte fehlende Streckenast ab dort nach Broc (auf Meterspur) auch mit viel gutem Willen nicht in den Plan für diesen Tag zu integrieren war. Also halt beim nächsten Mal, man braucht ja noch was zu tun im Leben, und „nach Broc fahren!“ hört sich halt doch ungleich besser an wie „endlich wieder mehr Überstunden arbeiten!“ oder ähnliche Vergnügungen. Ich verlasse Bulle dann auf der Normalspur, ein NPZ-Domino von den SBB bildet den RE nach Bern. Zuerst geht es durch Wiesen stetig bergab bis Romont, dort erreichen wir die Hauptstrecke von Lausanne nach Bern wieder und kuppeln auf einen zweiten NPZ-Domino, der aus Palezieux gekommen ist, auf. Danach geht es in flotter Fahrt auf der Hauptbahn dahin – bitte, die NPZ sind zwar an sich sowas von „Achtziger“, aber 140 km/h laufen sie halt auch. Ich sitze ganz am Schluss im ET (RBDe 560) des Zugsteils aus Bulle, der seit Romont überschaubar belegt ist – so ließe es sich bis Bern doch aushalten.

user posted image
Im dahineilenden RBDe 560 zwischen Romont und Freiburg unterwegs.


Leider sind die SBB schon in Freiburg eine üble Spaßbremse, denn „infolge Bauarbeiten“ bei Flamatt ist die Streckenkapazität reduziert und der RE verendet heute in Freiburg – bzw. wendet gleich wieder auf den Gegenzug. Reisende nach Bern benutzen bitte den IR um … ja, gut, ist ja gleich. Der IR kommt von Lausanne, besteht aus einer Re 460 mit EW IV – Pendel plus „Päckli“ – einem Verstärkermodul. In jenem kann ich mir noch einen Platz ergattern, aber mit Abfahrt in Freiburg ist der IR doch sehr gut belegt – Stehplätze sieht man bei den SBB „oberhalb der S-Bahn“ jetzt nicht zu häufig, weil die nachgefragten Verbindungen meiner Erfahrung nach doch auch mit ordentlich Kapazität gefahren werden, so 12-14 Wagen sind da eher die Regel als die Ausnahme.

In Bern dann natürlich rascher Fahrgastwechsel in der Beton-Bahnhofshöhle, der IR würde weiterfahren nach Luzern, nächster Halt Zofingen – ach nö. Dann halt doch ein rascher Bahnsteigwechsel, und schon sitze ich nebenan im Doppelstock-IC, der Bern in Richtung der Schnellfahrtrasse nach Rothrist verlässt. Nächster Halt ist Olten, und wieder einmal geht es dann über die altbekannte Hauensteinlinie nach Basel SBB.


--------------------
Unmündig nennt man uns, und Knechte, duldet die Schmach nun länger nicht!
    
     Link zum BeitragTop
146225
  Geschrieben am: 14 May 2017, 09:59


Lebende Forenlegende


Status: Mitglied
Mitglied seit: 1 Apr 07
Beiträge: 15257

Alter: 42
Wohnort: TH/EDBU


Tag 3: Mach die A-Welle – oder: irgendwie im Kreis herum, oder auch nicht?

Der nächste Tag sieht mich ab Basel SBB im IR nach Luzern, es ist eine Re 460 mit EW IV. Zur allseitigen Überraschung geht es mal wieder über die Hauensteinlinie nach Olten. Ja gut, in Luzern will ich zwar auch noch vorbeikommen, aber wer fährt denn dahin auch mit dem direkten IR via Zofingen und Sursee? Also ich zumindest heute nicht, ich steige auf einen – nein, keinen Flirt wie gedacht – NPZ-Domino um, der mich als S23 nach Langenthal bringt. Ja, ihr Nietenzähler, ich weiß auch, dass das schon zum Kanton Bern gehört, aber wer hat denn bitte behauptet, dass ich nur im Aargau unterwegs sein würde? Davon war ja bitteschön nicht die Rede. Ab Langenthal geht es – unter wiederkommen-pflichtiger Missachtung der noch fehlenden Strecke nach St. Urban – mit einer BLS-525, einer NiNa, nämlich auf die nächste unbekannte Bahn. Vom Kopfgleis aus verkehrt die S6 via Lotzwil, Madiswil, Kleindietwil … ja, unter anderem auch nach Huttwil. Deswegen hieß der ganze Krempel ja auch mal früher Vereinigte-Huttwil-Bahnen, bei der BLS gelandet ist das ganze über fortgesetzte Fusionitis. Huttwil ist ein bisschen größerer Ort und Bahnhof, nicht nur mit Busanschlüssen, sondern auch mit einer Fahrzeughalle, in der die Umrisse eines nicht näher identifizierten historischen ET ausgemacht werden können. Außerdem ist Huttwil auch Kreuzungsbahnhof, die Strecke ist nämlich eingleisig. Weiter geht es über Gettnau – nur echt mit Kiesverkehren – und Willisau dem Tal entlang, bis wir in Wolhusen auf die Strecke Luzern<->Konolfingen treffen. Umsteigen ist aber nicht nötig, die S6 fährt bis ans Vierwaldstätter-See-Ufer durch. Bei der Einfahrt in Luzern fallen dann noch die an der Seite stehenden, ramponierten Zugsteile des hier verunfallten RABe 503/ETR 610 auf. Einiges müsste wohl doch repariert werden.

Ich verlasse Luzern aber ganz und heil wieder mit der nächsten S-Bahn, diese heißt S1 und ist ein Flirt. Auf der altbekannten Hauptbahn in Richtung Thalwil verbleibe ich bis Rotkreuz im Zug (diesen Kanton habe ich damit auch erreicht). Rotkreuz ist auch einer jener Orte, wo der Bahnhof doch nicht unerheblich größer zu sein scheint als der Ort selbst ist.

user posted image
SBB RABe 521 019 steht als „S26“ nach Aarau in Rotkreuz bereit.

Ein rascher Flirtwechsel (von einem 523 in einen 521) bringt mich dann wieder auf unbekannte Gleise, es geht von Rotkreuz aus über Sins, Benzenschwil, Muri AG nach Wohlen, wo ich jetzt noch nicht aussteige, sondern noch einen Moment mir den verwaisten, ungenützten Bahnsteig der einstigen Wohlen-Meisterschwanden-Bahn anschaue. Nein, das ist nur wieder böse Fuzzisicht, dass der – von Zügen ungenutzt, als Velo-Abstellplatz dienend – noch deutlich besser aussieht als so mancher aktive Bahnsteig der DB Station & Service. Wie werde ich denn auch an einem weltweit führenden Mobilitätsdienstleister zweifeln können. Ich doch nicht. Nein. Neeein. Es kommt dann noch Dottikon-Dintikon, und dann steige ich in Lenzburg aus, wo man als Bahnhofsgebäude einen Betonquader ganz im Charme der 1970er hat. Nun, ich muss ja hier nicht verweilen, sondern einfach nur in einen von einer Re 450 gezogenen Doppelstöckerpendel einsteigen, damit ich in Dietikon wieder aus selbigem aussteigen kann.

Spurwechsel war ja heute auch noch nicht, also bitte sehr: rein in den Stadler Diamant der BDWM Transport AG. Auf der Zentralbahn, auf der MOB, bei den Jungfraubahnen, auf der RhB oder der MGB sieht man ja Tag für Tag Touris aus aller Welt, nur echt mit den Selfiesticks wedelnd. Auf der BDWM ist das nicht so, wobei die Strecke durchaus einen Besuch wert ist. Vom Dietikoner Bahnhof geht es links auf die Straße und durch den Ort bergauf. Ein Hügelkamm will erklommen werden, bevor es vor Bremgarten wieder hinab ins Reusstal geht. Nebenbei überqueren wir auch noch die Kantonsgrenze ZH->AG. Der Abstieg bei Zufikon geht auch wieder parallel zur Straße, mit Steigungen, Kehren und Kurven wie diese, so im ersten Moment fühlt man sich fast ein bisschen an die U15 in Stuttgart erinnert. Passt vom Gelände her, die Bebauung ist auch nicht dünn, und die BDWM verkehren auch am Samstagnachmittag alle 15 Minuten. Bremgarten hat im rechten Winkel zur Strecke – mit einem interessanten Weichenfächer – das Depot der Bahn, ich hingegen dränge zur Reussfront in der Altstadt und steige deswegen erst am nächsten Halt, Bremgarten Obertor, den die Bahn wieder auf der Straße erreicht, aus.

user posted image
Die bekannte „Reussfront“ in Bremgarten.

user posted image
Ein Blick Reuss-abwärts.

user posted image
Und mit Zug: ABe 4/8 5009 der BDWM auf der Bremgartener Reussbrücke.

Okay, das – von verschiedenen Seiten – viel fotografierte Motiv der BDWM auf der Reussbrücke in Bremgarten mit der Altstadtkulisse hat der eine oder die andere Leser(in) dieser Zeilen vielleicht schon mal wo gesehen. Gibt bestimmt auch bessere Aufnahmen als diese meine, insgesamt gefällt mir Bremgarten aber sehr gut. Ist „nur“ eine Kleinstadt abseits aller Touristenströme, aber sofort einen Besuch wert. Nach fuzzen, schauen, bummeln, staunen, Sonne genießen, steige ich wieder in den Zug und überfahre die Reuss, auf deren anderer Seite „Bremgarten-West“ nüchterner, moderner daher kommt. Doch die Bahnstrecke geht ja noch weiter, und so geht es durch den Wald nach Wohlen, wo ich auf dem Vorplatz ankomme. Ja, ich weiß, von der Bahnfahrt Wohlen – Dottikon-Dintikon – Lenzburg habt ihr schon mal irgendwo gelesen. Immerhin ist es diesmal ein 523er Flirt, also sagt mir bloß nicht, das sei dasselbe gewesen…

Lasst mal kurz überlegen. Nein, natürlich habe ich auf dieser Schweiz-Reise noch nicht alle Bauarten an SBB-Normalspur-ET hinter mir. Ich war ja nicht im Tessin gewesen, wo ich 524 (das sind die Italien-tauglichen FLIRT) hätte fahren können. Doch jetzt erwartet mich in Lenzburg unerwartet ein 520. Ach, werden die Kundigen unter euch mutmaßen, er ist Seetalbahn gefahren – leider nur teilweise richtig. 520 sind zwar die Stadler-GTW 2/8 die auf der Seetalbahn zu Hause sind, aber die kenne ich schon – also ging es via Suhr, Kölliken und Safenwil nach Zofingen. Diese Strecke führt durch dichte Besiedlung, durch Gewerbe, nahe der Autobahn – hier zeigt sich das dicht bebaute Mittelland, nichts mit Bergen, Almen, Postkartenidylle. Bemerkenswert wäre die Niveaukreuzung mit der WSB-Schmalspur in Suhr. Von Zofingen aus geht es mit einem Flirt (523) nach Olten.

Für diesen Samstag habe ich mir kein so ein „heftiges“ Programm auferlegt als wie für die zwei Tage zuvor, und deswegen ist es jetzt vergleichsweise auch noch „früh am Tag“ – ich habe also noch Zeit, irgendwo, irgendwie eine Runde zu drehen. Und da wird sich doch an einem Knoten wie Olten was finden lassen? Spontan steige ich in den ICN – ich mag die RABDe 500 – in Richtung Lausanne, ich will dann noch – dem schönen Wetter halber – eine Runde durch den Jura drehen, an dessen Ausläufern es wieder über Oensingen nach Solothurn geht, nur schneller als gestern, und weiter via Grenchen Süd nach Biel. Dort dislozierend wird der ICN gewechselt, und es geht – vorbei an den so ziemlich letzten Formsignalen bei den SBB im RB Biel – wieder in fast die gleiche Richtung, nur über die Brücke nach Grenchen Nord. Und hinein in die Jura-Berge, auch hinein in den gleichnamigen jüngsten Kanton der Schweiz, dessen Hauptort Delsberg einen Fahrtrichtungswechsel mit sich bringt. Danach windet sich die Strecke weiter durch Wald und Felsen, bis – übrigens eingleisig – das Baselbieter Laufental erreicht wird, durch das es hinab in wieder dichter besiedelte Ortschaften wie Aesch und Dornach geht, die vom ICN natürlich allesamt ohne Halt durchfahren werden. Immerhin habe ich es durch den kleinen Schlenker über Biel doch glatt auch geschafft, dass ich nicht „schon wieder“ via Hauensteinlinie, sondern über Dreispitz nach Basel SBB einfahre, wo die Fahrt „hinten“ auf den Kopfgleisen endet.


--------------------
Unmündig nennt man uns, und Knechte, duldet die Schmach nun länger nicht!
    
     Link zum BeitragTop
146225
  Geschrieben am: 14 May 2017, 10:01


Lebende Forenlegende


Status: Mitglied
Mitglied seit: 1 Apr 07
Beiträge: 15257

Alter: 42
Wohnort: TH/EDBU


Tag 4: Noch ein bisschen rund um Zürich – mit Überraschung, und ab nach Hause.

Der Sonntag beginnt erstmal mit Logistik, und so fahre ich mit dem Tram mal ausnahmsweise nicht „uff än SBB“ sondern … genau: „Badischer Bahnhof – Gare allemand – German railway station“ heißt mein erstes Ziel, wo ich bis zur abendlichen Rückfahrt nach Hause schon mal das Gepäck deponiere und nebenbei auch die noch fällige DB-Fahrkarte dafür besorge. Dann aber nix wie rein in die S6, und ab über die Verbindungsbahn, um in Basel SBB auf den IR nach St. Gallen – das ist eine Re 460 mit einem Wagen-Mix aus EW IV, EC-Wagen und alten B(pm), jedoch ohne Steuerwagen – umzusteigen. S‘ näggschd isch Lieschdol – für dem SBB-Idiom nicht mächtige Menschen: Der nächste Halt ist Liestal, einziger Schweizer Bahnhof mit 1435 mm/750 mm – Kombi und nebenbei auch Basellandschaftlicher (Baselbieter!) Kantonshauptort. Also wieder Hauensteinlinie, wenn man ab Basel unterwegs ist, ist sie einfach fast unumgänglich. Zürich erreichen wir via Aarau – Heitersbergtunnel. Wegen des Zuges ohne Steuerwagen hätte ich eigentlich erwartet, auf den Durchgangsgleisen „im Keller“ anzukommen, doch der Zug rollt in die Kopfbahnsteighalle. Noch bevor wir am Prellbock zum Stehen kommen, rollt – vom letzten Wagen aus ist das gut sichtbar – bereits die ab Zürich als neue Zuglok eingeteilte Re 420 heran. Versuch so was mal mit dem EBA.

user posted image
Werbepause: Re 460 065 mit der neuesten „Coop“ – Beklebung in Zürich HB.

Für mich geht es jetzt aber wirklich in den Keller. Wie fährt man eigentlich von Zürich nach Zug? Ja, über Thalwil, weiß ich. Oder? Wie, nein – durch das Sihltal geht es heute und jetzt nicht, auch wenn mir die Sihltalbahn der SZU noch fehlen würde. Doch da hat ja irgendein böser kantonaler oder eidgenössischer Beschluss das oberste Stück von Sihlwald bis Sihlbrugg abgeschnitten – und zum Bus fahren habe ich heute keine Lust. Sage ich so leichtfertig. Also verlasse ich Zürich gen Westen, ein Stadler-KISS (RABe 511) bringt mich als S5 durch die Zürcher Agglomeration über Birmensdorf ZH, Affoltern am Albis, Knonau ans Ziel. Nett ist auf dieser – frisch gesammelten! – Strecke übrigens der Haltepunkt Steinhausen Rigiblick: statt Bergen landet man nahe der Autobahn in einem Gewerbegebiet, dessen viele größere Betriebe plus einem Einkaufszentrum halt die Fahrgäste bringen dürften. Bergpanorama aber, das gibt es erst einen Moment später, als der Zug nach der Ausfahrt eine Kurve nimmt – dann aber volle Postkarte, so leuchten die schneebedeckten Alpengipfel nebeneinander in der Sonne.

Von Zug zurück geht es dann tatsächlich auf der Hauptbahn über Thalwil, nonstop im EC, der mit einem RABe 503 gefahren wird, also jene Baureihe Alstom-Pendolini, die ja auch für die (deutsche) Gäubahn nach Stuttgart oder für die EC Zürich-München schon verschiedentlich im Gespräch waren und in Italien als ETR 610 bekannt sind. Nun, ich finde den Zug nicht unbequem, das Fahrverhalten auch angenehm, lediglich etwas eng gebaut – ob ich da schon hätte ab Milano C im Zug sitzen mögen? Käme auf einen Versuch an, möglicherweise würde ich für die Durchquerung vom GBT aber doch einen RABDe 500 – ICN oder ein anderes SBB-Fahrzeug (bis zu den neuen 501 „Giruno“ dauert es ja noch ein paar Tage) vorziehen. So aber kann ich nicht allzu lange über die gefühlte Enge an meinem Platz nachdenken – gentili viaggiatori, prossima fermata: Zurigo!

user posted image
Auch als RE unterwegs: Re 450 015 bei der Einfahrt nach Zürich HB.

Und wieder führt mein Weg aus der Kopfbahnsteighalle in den Keller, von dort aus ist es aber diesmal eine Re 450 mit ihrem doppelstöckigen Pendelzug, die als S3 nach Wetzikon verkehrt, diesmal aber nicht via Uster, sondern über die nordöstlicher gelegene Route via Effretikon – Fehraltdorf – Pfäffikon ZH – Kempten. In Wetzikon treffe ich die S5 wieder, mit der ich diesmal nur bis Rüti ZH reise, um eine weitere Schleife durchs Zürcher Hinterland zu beginnen. Hier ist es diesmal – bin ich soweit östlich? – ein GTW 2/8 der Thurbo, auch als 526 bekannt, der zum Anschluss bereit steht. Die Fahrt geht durch Wälder via Wald und Fischenthal bevor es bei Bauma ins Tösstal geht. Die Gegend scheint ein beliebtes Sonntagsausflugsziel der Zürcher zum sein, der Zug ist wieder ganz gut nachgefragt. Bei Einfahrt Bauma schaue ich gerade zur Remise voller historischer Fahrzeuge hinüber, als mich die Ansage unvorbereitet trifft: „Infolge Bauarbeiten endet dieser Zug in Bauma. Reisende in Richtung Winterthur nutzen bitte den Bahnersatzbus.“

Wie jetzt, was bitte? Verd… - was habe ich da übersehen? Der Kommunikation um mich herum nach zu urteilen, bin ich nicht ganz der einzige, den das unvorbereitet trifft. Nun, was soll es schon, ich beuge mich dem Unvermeidlichen und trotte mit der Menge auf den Vorplatz, wo Postauto Ostschweiz einen Citaro-Gelenker bereitgestellt hat, den die Fahrgäste aber auch gut ausfüllen. Während uns der Poschti-Chauffeur begrüßt, denke ich im Stillen über die 8 Minuten Umsteigezeit in Winterthur nach … - nicht, dass mir das bezogen auf den Schweizer Abschnitt Sorgen macht, die nächste Verbindung Winterthur – Zürich – Basel kann (zeitlich) soo weit weg ja gar nicht sein, aber ab Basel würde das halt gleich „eine Stunde später“ bis zu Hause heißen. Egal, ist jetzt so. Den ersten Eindruck von den Gleisbauarbeiten an der Bahnstrecke bekommen wir gleich im nächsten Ort, in Saland, wo ein BÜ saniert wird, und der Bus deshalb die Strecke auf einem aufgeschütteten Kieshaufen kreuzt. Sah vermutlich abenteuerlich aus, funktioniert aber. Im weiteren Streckenverlauf können nicht nur Gleisbauer bei der Arbeit beobachtet werden, auch der Fahrleitungsbau ist am (sonntäglichen) Werk. Schon klar, warum dann auf der eingleisigen Tösstalbahn nichts an Zügen fährt. Bei diesem Bahnersatzbus fällt auch auf, dass im Gegensatz zu einem deutschen SEV alle Bahnhöfe direkt angefahren werden, mit Ausnahme von Rämismühle-Zell, wo Bahnhof und Ort von der Tösstal-Straße aus arg ungünstig liegen auf der anderen Seite der Bahn: „…bitte bis Rikon im Bus blieba und na mit äm Klybus annifahre!“ – ein Zubringerdienst mit Kleinbus ist also eingerichtet. In Turbenthal stehen jede Menge – zu viele? – Leute am Bahnhof für den Bus nach Winterthur, glücklicherweise steigen hier aber auch nicht nur 2 Leute aus, so dass der Platz für alle neu zugestiegenen Fahrgäste auch noch reicht. Und weiter geht es, stets mit Tempo, auch über recht schmale Innerortsstraßen, selbst als uns mitten in Kollbrunn der talaufwärts fahrende Kurs im selben Tempo entgegenkommt - es reicht aber vom Platz, selbst wenn es noch so schmal aussieht. Winterthur kündigt sich an, nicht nur der wachsenden Zahl an Häusern wegen, auch wegen der Trolley-Fahrleitung über der Straße. Ein Blick auf die Uhr, nun, ich kann die Route durch das mir unbekannte Winterthur nicht abschätzen, aber so schlecht sieht es von der Fahrzeit her gar nicht aus. Am Ende rollen wir 5 Minuten nach der planmäßigen Zugsankunft vor dem Winterthurer Bahnhof aus – große, nein, gelbe Klasse!

Treppe runter, Treppe rauf, rein in den IC-Doppelstöcker aus Romanshorn nach Brig. Für die paar Minuten via Flughafen bis Zürich tut es auch ein Platz im Unterstock, was sich auch insofern als nicht die dümmste Idee erweist, weil am Flughafenbahnhof doch größere Mengen an Reisenden auf diesen Zug warten. Dennoch wird Zürich HB (tief) wie selbstverständlich auf die Minute pünktlich erreicht. Allzu reichlich ist die Umsteigezeit zum Nonstop-IC nach Basel SBB nicht, was mir nochmal Gelegenheit zur „Bewegungstherapie“ gibt, denn der fährt oben in der Kopfbahnhofshalle ab. Ob ich so einen Anschluss z.B. für Berlin Hbf (Keller zur Stadtbahn) bewusst einplanen würde? Wohl eher nicht. In Zürich aber – hoch die Treppe und… wieso ist das Gleis leer? Umdrehen, und nein, es ist nicht leer, der IC ist nur für SBB-Verhältnisse ungewohnt kurz. Gerade einmal 6 „gemischte Flachwagen“ hängen hinter der Re 420, es gibt aber auch noch freie Plätze. Wieder einmal fällt auch auf, dass Schweizer(innen) üblicherweise ihre Koffer nicht mitten im Weg stehen lassen, sondern fast durchgängig wissen, dass man die z.B. auch zwischen die Rückenlehnen der landestypisch ja überall vorhandenen vis-a-vis-Bestuhlung stellen kann. Lernen die das eigentlich in der Primarschule?

Während der Zug die altbekannte Route aus Zürich hinaus durch den Heitersbergtunnel nimmt, irgendwann auch Aarau durchfährt, blicke ich auf 4 Tage Schweiz zurück, nehme die Kurve Olten, denke über schöne Landschaften, erfahrene Strecken, fast durchgängig nette Menschen und nette Eisenbahner(innen) nach. Hoppla – nein, dieser Tunnel ist nicht der Hauenstein, sondern schon der Adlertunnel bei Muttenz, und fast schon zu früh heißt es „Geschätzte Fahrgäste, wir treffen in Basel SBB ein“ - natürlich pünktlich. Somit waren bei 4 Tagen, 8 EVU, einem Trambetrieb, zwei Busbetrieben und gesamt 57 Umstiegen in 12 Kantonen tatsächlich die +3 ab Montreux die einzige Verspätung. Nein, Schweizer Bahnen sind nicht perfekt, kochen auch nur mit Wasser, aber entweder können sie das besser oder sie haben ein anderes Rezept. Eine schwache oder schlechte Leistung sieht für mich doch anders aus.

Für den Heimweg hilft es mir, dass DB FV gerne mal 2 ICE im Abstand hintereinander von Basel aus gen Norden starten lässt – so bereise ich die Verbindungsbahn zum Badischen Bahnhof mit einem 401, bin mal gespannt, wie innerstädtisches Reisen von Großbasel nach Kleinbasel in einer Zukunft mit dem geplanten „Herzstück“ sein wird, es ist ja auch in der Diskussion, dass der DB-FV von/nach Norden ganz oder teilweise den „Badischen“ nicht mehr anfährt. Aber das ist noch Zukunft, wie gesagt. Raus, Koffer aus dem Schließfach holen. Rein, und die erste Reise mit dem mod-403 antreten. Freiburg pünktlich, Karlsruhe +4. Das FIS funktioniert ab irgendwann hinter Offenburg. Willkommen bei der DB. Der Gegen-ICE nach Zürich hat in Karlsruhe übrigens +50, in der Ankündigung, was mir ein leichtes Grinsen entlockt und den Gedanken, dass in Basel SBB der Ersatzzug schon in Arbeit ist. Und während ich in der warmen Karlsruher Abendsonne zum Albtalbahnhof hinübertrotte, um dort schon eine leere S4 zu entern, spuken durch meinen Kopf schon die Ideen für eine nächste Reise … seit also auch irgendwann in der Zukunft wieder dabei, wenn es das nächste Mal an dieser Stelle heißt: Die Schweiz mal wieder… - merci vielmal für eure Aufmerksamkeit!


--------------------
Unmündig nennt man uns, und Knechte, duldet die Schmach nun länger nicht!
    
     Link zum BeitragTop
Entenfang
  Geschrieben am: 14 May 2017, 13:19


Lebende Forenlegende


Status: Mitglied
Mitglied seit: 27 Aug 12
Beiträge: 6284

Alter: 26
Wohnort: München


QUOTE (146225 @ 14 May 2017, 10:01)
Somit waren bei 4 Tagen, 8 EVU, einem Trambetrieb, zwei Busbetrieben und gesamt 57 Umstiegen in 12 Kantonen tatsächlich die +3 ab Montreux die einzige Verspätung.

Nicht schlecht. Benutzt du eigentlich einen Bestwegealgorithmus, um alle interessanten Strecken möglichst effizient abzufahren? biggrin.gif

Nebenbei, welche Fahrkarte hast du in der Schweiz genutzt?

--------------------
Schön, dass Sie da sind. Mit gesundem Menschenverstand kommen Sie auch in schwierigen Zeiten an Ihr Ziel. Schützen Sie sich und Söders Kanzlerkandidatur. Halten Sie den Mindestabstand zu Verschwörungstheoretikern und Moralaposteln ein. Tragen Sie Ihre Mund-Nase-Bedeckung im gesamten Intimbereich. Nutzen Sie die gesamte Breite an Experten zur Information und Desinformation. Werden Sie vernünftig.
    
     Link zum BeitragTop
146225
  Geschrieben am: 14 May 2017, 14:03


Lebende Forenlegende


Status: Mitglied
Mitglied seit: 1 Apr 07
Beiträge: 15257

Alter: 42
Wohnort: TH/EDBU


QUOTE (Entenfang @ 14 May 2017, 13:19)
Nicht schlecht. Benutzt du eigentlich einen Bestwegealgorithmus, um alle interessanten Strecken möglichst effizient abzufahren? biggrin.gif

Nebenbei, welche Fahrkarte hast du in der Schweiz genutzt?

Offensichtlich ja nicht, denn sonst hätte ich nicht schweizweit überall noch solche "Stumpen" wie z.B. Wetzikon-Hinwil, Langenthal-St.Urban oder auch Bulle-Broc "übrig". Nein, das ist rein eine Schweizkarte und meine ganz persönliche Lust am Knobeln und Fahrplan basteln. Fahrplanfelder.ch hilft natürlich, da gibt es auch eine Karte mit den ganzen Buslinien und auch gleich die Fahrpläne dazu - so bin ich z.B. auf die Idee gekommen, Solothurn-Büren an der Aare per Bus zu überbrücken. Ganz ideal ist es auch nicht immer, wenn z.B. am Samstag ein zeitlich passender Bus von Zofingen nach Schöftland gefahren wäre, hätte ich zumindest einen Teil der WSB jetzt auch schon bereist.

Mit zunehmendem "Befahren haben" der Hauptbahnen sind es dann auch immer weniger Strecken, die wirklich noch neu dazu kommen (können), d.h. der Zeitaufwand, um "Neuland" zu erfahren wird auch nicht kleiner. Insgesamt dürfte ich da noch einige Tage vor mir haben, wenn ich allein sehe, was mir westlich der Linie Basel-Biel-Neuenburg-Genf noch fehlt, sind das wahrscheinlich schon 3 Tage oder so...


QUOTE
Nebenbei, welche Fahrkarte hast du in der Schweiz genutzt?


Üblicherweise für so etwas den Swiss Travel Pass, der hat halt gegenüber dem Ein-Land-Interrail den Vorteil, auch in Trams, lokalen Bussen und ähnlichem gültig zu sein. Bis auf die eindeutig touristischen Hochgebirgsbahnen wie z.B. Jungfraujoch, Gornergrat oder Pilatus gilt das Ding ja fast überall.

--------------------
Unmündig nennt man uns, und Knechte, duldet die Schmach nun länger nicht!
    
     Link zum BeitragTop
218217-8
  Geschrieben am: 15 May 2017, 23:20


Kaiser


Status: Mitglied
Mitglied seit: 15 Jan 11
Beiträge: 1453




Vielen Dank für den - wieder einmal - kurzweiligen, gleichsam informativen, schön bebilderten und sprachlich brilliant gewürzten Bericht. Ach ja, die Schweiz ... cool.gif

Zu Davos: In der Tat bedient Davos, obwohl es über 1500 m hoch liegt, nicht gerade das Klischee vom gemütlichen schweizerischen Bergdorf. Im Grunde ist Davos auch kein Dorf, sondern eine ausgewachsene Stadt, auch wenn der Ort diesen Titel formal anscheinend nicht trägt. Zur Einschätzung der Größenordnung: Davos hat etwa doppelt soviele Einwohner (11.000) wie Interlaken (5.500), das immerhin ICE-Endbahnhof ist. Auch das im Bericht weiter hinten erwähnte und abgebildete Bremgarten ist mit 7.700 Einwohnern deutlich kleiner als Davos. Etwa gleich groß ist Brig im Wallis (13.000 Ew.).
    
     Link zum BeitragTop
guru61
  Geschrieben am: 16 May 2017, 08:43


Haudegen


Status: Mitglied
Mitglied seit: 20 Mar 11
Beiträge: 745

Alter: 58
Wohnort: Arolfingen


QUOTE (146225 @ 14 May 2017, 15:03)
QUOTE (Entenfang @ 14 May 2017, 13:19)
Nicht schlecht. Benutzt du eigentlich einen Bestwegealgorithmus, um alle interessanten Strecken möglichst effizient abzufahren?  biggrin.gif

Nebenbei, welche Fahrkarte hast du in der Schweiz genutzt?

Offensichtlich ja nicht, denn sonst hätte ich nicht schweizweit überall noch solche "Stumpen" wie z.B. Wetzikon-Hinwil, Langenthal-St.Urban oder auch Bulle-Broc "übrig". Nein, das ist rein eine Schweizkarte und meine ganz persönliche Lust am Knobeln und Fahrplan basteln. Fahrplanfelder.ch hilft natürlich, da gibt es auch eine Karte mit den ganzen Buslinien und auch gleich die Fahrpläne dazu - so bin ich z.B. auf die Idee gekommen, Solothurn-Büren an der Aare per Bus zu überbrücken. Ganz ideal ist es auch nicht immer, wenn z.B. am Samstag ein zeitlich passender Bus von Zofingen nach Schöftland gefahren wäre, hätte ich zumindest einen Teil der WSB jetzt auch schon bereist.

Mit zunehmendem "Befahren haben" der Hauptbahnen sind es dann auch immer weniger Strecken, die wirklich noch neu dazu kommen (können), d.h. der Zeitaufwand, um "Neuland" zu erfahren wird auch nicht kleiner. Insgesamt dürfte ich da noch einige Tage vor mir haben, wenn ich allein sehe, was mir westlich der Linie Basel-Biel-Neuenburg-Genf noch fehlt, sind das wahrscheinlich schon 3 Tage oder so...




Üblicherweise für so etwas den Swiss Travel Pass, der hat halt gegenüber dem Ein-Land-Interrail den Vorteil, auch in Trams, lokalen Bussen und ähnlichem gültig zu sein. Bis auf die eindeutig touristischen Hochgebirgsbahnen wie z.B. Jungfraujoch, Gornergrat oder Pilatus gilt das Ding ja fast überall.

Hallo
Der Bericht ist super!
Auch wenn Olten im Kanton Solothurn liegt :-)

Gruss Guru
    
     Link zum BeitragTop
146225
  Geschrieben am: 17 May 2017, 05:08


Lebende Forenlegende


Status: Mitglied
Mitglied seit: 1 Apr 07
Beiträge: 15257

Alter: 42
Wohnort: TH/EDBU


QUOTE (guru61 @ 16 May 2017, 08:43)
Auch wenn Olten im Kanton Solothurn liegt :-)

Gruss Guru

Autsch ... wieder was dazu gelernt. Warum auch immer ich im Kopf hatte, dass es zum Aargau gehört. Wahrscheinlich eine "interne Verschiebung" bei mir um ein paar km hin und her. dry.gif

--------------------
Unmündig nennt man uns, und Knechte, duldet die Schmach nun länger nicht!
    
     Link zum BeitragTop
guru61
  Geschrieben am: 18 May 2017, 04:11


Haudegen


Status: Mitglied
Mitglied seit: 20 Mar 11
Beiträge: 745

Alter: 58
Wohnort: Arolfingen


QUOTE (146225 @ 17 May 2017, 06:08)
QUOTE (guru61 @ 16 May 2017, 08:43)
Auch wenn Olten im Kanton Solothurn liegt :-)

Gruss Guru

Autsch ... wieder was dazu gelernt. Warum auch immer ich im Kopf hatte, dass es zum Aargau gehört. Wahrscheinlich eine "interne Verschiebung" bei mir um ein paar km hin und her. dry.gif

Hallo
Nicht tragisch nehmen. biggrin.gif
In der Gegend weiss man manchmal wirklich nicht, in welchem Kanton man ist:
https://map.geo.admin.ch/?lang=de&topic=ech...33597.71&zoom=5
Auch meine Frau musste lernen, dass das Oberaargau im Kanton Bern liegt:
https://de.wikipedia.org/wiki/Oberaargau

Gruss Guru

Bearbeitet von guru61 am 18 May 2017, 04:15
    
     Link zum BeitragTop
Eurorail
  Geschrieben am: 5 Oct 2017, 19:17


Mitglied


Status: Mitglied
Mitglied seit: 5 Jun 17
Beiträge: 30

Alter: 47
Wohnort: Südwestschweiz


Schön reportage !



--------------------
Grüss auss Südwestschweiz
    
      Link zum BeitragTop
146225
  Geschrieben am: 1 May 2018, 09:14


Lebende Forenlegende


Status: Mitglied
Mitglied seit: 1 Apr 07
Beiträge: 15257

Alter: 42
Wohnort: TH/EDBU


Zeit für die Ausgabe 2018 - ihr sollt euch im Rätselforum ja nicht umsonst die Köpfe angestrengt haben, also Vorhang auf:

Die Schweiz mal wieder, Vol. 2018
oder auch: Vom Stumpen jagen und Lücken schliessen – eine Reise an die Endbahnhöfe.


Tag 1, Bwegte Anreise – oder: Festhalten, Ignaz, jetzt kommt die Thurbo!

Die Faszination beginnt noch im heimischen Heilbronn, wo ich um viel zu früh für einen Feiertagsmorgen den 85761 auf dem Weg zum Hauptbahnhof nutze. Eine Fahrt noch vor 6 Uhr an einem Feiertag? Geld-verschwendung! Braucht kein Mensch! – so höre ich da schon wieder die ewigen Nörgler über ihren Stammtisch rufen. Als ich einsteige, sind es ungefähr drei Dutzend Fahrgäste im Flexity, die so was nicht brauchen. Und auch der anschließende 19095, der mich in die Stuttgarter Ruine befördern wird, wird schon ordentlich nachgefragt. Gerechnet hätte ich mit einem 425/435, gefahren wird dann doch mit einer 111 und 4 Doppelstockwagen der ‘95er Bauart.

Dass ich allerdings überhaupt so früh los bin, hat seinen Grund darin, dass irgendein unerfreulicher Beschluss den IC 183 an Sonn- und Feiertagen für überflüssig erklärt hat. Also sitze ich im stattdessen rund eine Stunde früher ab Stuttgart im 3442/3443 und bwege mich als durchgehender RE nach Konstanz mit diesem über die Gäubahn südwärts. Es stehen zwar 2 ET am Bahnsteig, aber „höchst freundliches“ DB Regio-Personal schnauzt alles an, was den abzustellenden vorderen Zugteil benutzen will – geht ja mal gar nicht, dem Fahrgast zu viel Platz anbieten. Dafür, dass der ET noch recht neu ist, macht sich auch schon wieder sichtbar DB Siff&Schmodder überall breit. Ja, ich weiss – Pflege und Instandhaltung von Fahrzeugen kostet Geld, böse, pfui.

Dieser Ruf fällt dann auch auf die DB zurück – ca. 5 Minuten vor der Abfahrt betritt eine Familie – Eltern mit Teenager-Tochter den Zug, und die erste Frage der Dame an den Herrn ist: „Und wie lang fahren wir jetzt damit? (…sie wollen nach Singen…) – Das hättest Du mir sagen müssen, wenn du einen Regio einplanst, da funktionieren doch nie die Toiletten!“ Keifende Stimme, giftiger Blick! Ich überlege gerade, ob ich nicht doch zu Fuss gehen soll, bevor ich mir das für mehr als 2 Minuten antue, da trabt der sichtlich genervte Partner in Richtung sanitärer Anlagen und kann den Damen einen Moment später die erstaunlicherweise gegebene Funktionsbereitschaft vermelden. Noch, das lässt DB Regio Württemberg schon auch noch erfolgreich verlottern…

Die weitere Fahrt ist, abgesehen vom Thema Kapazität, für einen Talent II im Rahmen der Erwartungen. Durch den solo fahrenden ET ist es schon ab Stuttgart gut, ab Böblingen sehr gut besetzt. In Horb kommen glücklicherweise nur eine Handvoll Umsteiger vom 650 aus Tübingen, die reichlichen Zusteiger ab Oberndorf (!) nehmen dann aber die restlichen Sitzplätze in Beschlag, so dass es von Rottweil an bis Singen durchgehend Stehplätze gibt. Angeblich soll laut gewöhnlich gut informierten Quellen „in der Sommersaison“ der Zug mit zwei Fahrzeugen fahren, ob die DB es dann auch aufs Gleis bekommt… man stelle sich noch ein paar Radler dazu vor – na gut, wegen einer verzögerten Kreuzung in Talhausen hatten wir da ja schon +15, also, dann, passt eh…

Für mich erstaunlicherweise ist in Singen am Hohentwiel die Zahl der Aussteiger grösser wie die Zahl derer, die die Durchbindung nach Konstanz tatsächlich nutzen. Und als wir über den Seerhein dort einfahren, ist über den Bodensee hinweg auch der erste Panoramablick auf schneebedeckte Alpengipfel drin. Nun, der Sache werde ich schon noch etwas näher kommen. Die Ankunftsverspätung ist soweit reduziert, dass sich der Anschluss auf den IR75 nach Zürich noch ausgegangen wäre, aber den brauche ich jetzt noch nicht. Der Bäcker neben dem Konstanzer Bahnhof ist übrigens entweder der einzige, der offen hat oder gut – jetzt um 10 Uhr am Feiertagsvormittag stehen die Leute in Zweierreihe Schlange bis auf die Strasse hinaus. Ich stelle mich mal nicht dazu, sondern besteige den ersten Thurbo-GTW des Tages (die gibt es übrigens auch schon mit „bwegt“-Logo auf dem Antriebsmodul), der mich im Bogen über die EU-Aussengrenze nach Kreuzlingen in den Thurgau bringt. Dort im Knoten ein kurzer GTW-Wechsel (vom 2/6 in den 2/8) und weiter geht es am Schweizer Bodenseeufer, ich reise mit bis Romanshorn.
Sinn der Übung war übrigens, dort in den nächsten – na, was schon? – Thurbo-GTW umzusteigen, der als S7 in Richtung Weinfelden unterwegs ist. Einfach deswegen, weil ich von Kreuzlingen direkt nach Weinfelden schon gefahren bin, die Strecke von Romanshorn via Amriswil, Erlen und Sulgen nach Weinfelden auf der persönlichen Streckenkarte noch fehlt. Geplant, getan, und in Erlen stehen bei Stadler funkelnagelneue bi-modale FLIRT für die italienische Region Aostatal auf dem Hof.

An die 3+2-vis-a-vis-Bestuhlung der Thurbo-GTW habe ich mich längst wieder gewöhnt, auch dass die Züge sauber und wie selbstverständlich auf die Minute pünktlich sind, kann man leicht akzeptieren lernen, selbst wenn man es aus dem eigenen Alltag zunehmend seltener kennt. Der quietschbunte Anteil vom Thurbo-Farbkonzept würde eigentlich auch in den Tessin passen…wieso? Na der dortige Verbund heißt doch Arcobaleno – und das heißt auf Italienisch halt auch nix anderes als Regenbogen.

Damit ist dann auch Weinfelden schon erreicht und der erste Haken auf der „noch-fahren-Liste“ kann gesetzt werden. Jetzt ist es Zeit für den IR 75 aus Konstanz, am Feiertag gefahren mit einem RABe 511 in der 6-teiligen Variante. Ich nehme Platz und reise via Frauenfeld bis Winterthur mit, welches mich an diesem Tage später nochmal sehen wird. Jetzt aber, bevor ich Entzugserscheinungen bekomme, schnell wieder rein in den nächsten Thurbo-GTW … die Wahl fiel auf den als S 29 nach Stein am Rhein verkehrenden, denn dessen Strecke fehlt mir auch noch. Es bietet sich mir vor den großen Fenstern ab der Verzweigung in Oberwinterthur eine beschauliche Nebenbahn durchs Zürcher Weinland, und falls jemand als Fotokulisse oder Modellinspiration einen relativ ursprünglichen Schweizer Landbahnhof sucht: ich könnte an dieser Strecke Dinhard, oder, grösser und mit Poschti-Anschluss, Ossingen empfehlen. Beide noch im Kanton Zürich, während ich beim Ausstieg in Etzwilen wieder im Thurgau gelandet bin. Haken an die Strecke.

Etzwilen präsentiert sich friedlich-schläfrig, ein kleiner Bub „rast“ mit dem Tretmobil, verfolgt vom Opa, die Strasse vor dem Bahnhof entlang und eine graue Katze schaut sich das interessiert aus sicherer Entfernung an. Und was ich erst für örtliches Personal im Stellwerksraum des Empfangsgebäudes gehalten habe, stellt sich auf den zweiten Blick als Puppen und Deko heraus. Ob ich nochmals auf diesem Bahnhof verweilen werde? Naja, wenn mal wieder Planzüge auf der brachliegenden Strecke von Singen am Hohentwiel hier vorbeikommen, wäre es sicher möglich. So verlange ich aber erstmal den Halt der nächsten S 8, die mich in den Hauptort des Nachbarkantons – nach Schaffhausen – bringen wird. Natürlich mit dem GTW 2/8, was auch sonst.

user posted image
Wenn ihr schon dauernd von Thurbo-GTW lesen müsst …

In Schaffhausen wohne ich einem seltenen Ereignis bei – DB Regio Württemberg fährt an Sonn- und Feiertagen doch tatsächlich die RB nach Singen mit einem 426 – nach örtlichen Berichten sind Ausfälle da ja gerade am Wochenende keine Seltenheit. Ich dagegen begebe mich weiter auf unbekannte Gleise, der nächste GTW – ja, eisenhart und gnadenlos! – bringt mich als S 33 via Marthalen und Andelfingen zurück nach Winterthur. Nicht nur, dass es die nächste abgehakte Strecke wäre, nein, so wurde auch mal der Rheinfall aus der Perspektive der Brücke am Schloss Laufen betrachtet. Ausserdem war ALARM!! – nein, die Feuerwehr wurde nicht gebraucht, keine Sorge. Unterwegs ist allerdings ein Elternpaar mit zwei kleinen Kindern zugestiegen. Der Bub auf seinem Roller ist vielleicht 5 und grinst zufrieden, die Kleine auf dem Dreirad ist vielleicht 3, und überhaupt nicht zufrieden, was sie durch lautes Brüllen auch unmissverständlich klar macht. Weder gutes Zureden von der Mutter noch eine Ansage vom Vater helfen, nur die Intensität des Gebrülls nimmt weiter zu. Jetzt ist Revolution, das wird jetzt mal grundsätzlich ausdiskutiert!! Ich beginne schon die Ausdauer der Kleinen zu bewundern, also ich fände gute 5 Minuten am Stück in voller Lautstärke durchbrüllen doch irgendwann mal anstrengend, aber die junge Dame, die sich da auf ihr Dreirad stützt macht nicht wirklich den Eindruck als könne sie vor Winterthur nochmal aufhören. Die Revolution wurde dann aber doch beendet – als die Mutter versucht, eine Flasche Saft anzubieten, ist der Frieden im Zug wieder hergestellt, und die Rädelsführerin glücklich nuckelnd bei der Mutter auf dem Arm…

Winterthur, die zweite. Wie meinen? Nein, ich habe noch nicht alle … alle Relationen, die man von dort aus mit einem Thurbo-GTW bereisen kann, abgedeckt, also nix wie rein in die S 41. Noch eine Stunde lang werde ich im Stadler-Produkt mit dem Drehstrom-Container in der Mitte verweilen, zuerst geht es westwärts in Richtung Bülach (nächster Haken auf der Streckenliste), dann auf der Hauptbahn in Richtung Schaffhausen bis Eglisau, wo der Zug aber vor dem Viadukt nach links abzweigt, um den Kanton Aargau zu erreichen. Und so geht es via Kaiserstuhl und Rekingen AG nach Koblenz, wo ich einen Blick auf die alte Stahlkastenbrücke hinüber nach Waldshut werfen kann, die dieser GTW auch im Anschluss befahren würde. Ich fahre aber nicht mit, sondern bleibe auf der Schweizer Rheinseite, also muss ich wohl auf die S 27 nach Baden umsteigen. Da rechne ich jetzt eigentlich mit einem Flirt (521 oder 523), bekomme aber einen NPZ-Domino-RBDe 560. Auch schön! In Turgi muss ich noch für 5 Minuten auf die S29 umsteigen, weil der IR 36 da ohne Halt durchfährt – also steige ich in diesen, der wiederum mit einem 6-teiligen RABe 511 geführt wird, halt erst in Brugg AG zu. Via Bözberg geht es ins Fricktal, und auf die Minute pünktlich treffe ich auf dem heutigen Zielbahnhof Basel SBB ein, wo mich das Tram ins bewährte Quartier bringt.


--------------------
Unmündig nennt man uns, und Knechte, duldet die Schmach nun länger nicht!
    
     Link zum BeitragTop
146225
  Geschrieben am: 1 May 2018, 09:21


Lebende Forenlegende


Status: Mitglied
Mitglied seit: 1 Apr 07
Beiträge: 15257

Alter: 42
Wohnort: TH/EDBU


Tag 2, Schneefall, Pferdezucht, Meterspur – drei Dinge auf einmal, das geht aber wirklich!

Eine Nacht später muss ich dann auch gleich eine weitere meiner Schweizer Lieblingsbaureihen ausprobieren. Welche das ist? Gegenfrage, wer kennt Liesberg? Ja, richtig gelesen, keine Verwechslung mit Liestal, auch wenn das genauso nahe gelegen hätte, da führt der Weg nicht vorbei. Nun? Genau, Liesberg ist eine Dienststation als Ausweiche auf der eingleisigen Strecke von Basel in den jurassischen Hauptort Delémont. Und dort kreuzen sich die Züge der IC-Linie 51, die bekanntlich mit ICN oder schlichter mit dem RABDe 500 geführt wird. Der macht zwischen den engen Jurafelsen durchaus Spaß, auch wenn die Strecke nix neues ist. Richtungswechsel in Delémont, BLS-Infrastruktur zwischen Moutier und Grenchen Nord und ICN-Wechsel in Biel, es geht nämlich dem Bielersee entlang mit dem IC 5 weiter.

Die eisenbahnbezogene Nachricht in der Schweiz ist an diesem Morgen übrigens, dass die neue Baureihe 501 – der „Giruno“ – das ist Stadlers Hochgeschwindigkeitszug, seine Abnahmefahrten mit 275 km/h im Gotthard-Basistunnel problemlos gemeistert hat. Da schwingt schon ein wenig Stolz mit, vor allem weil man die bereits reichlich verspäteten Bombardier-Twindexxe der Baureihe 502 zwar rumstehen, aber kaum fahren sieht…

Ich erspare mir mal die von mir gewohnten Kommentare und Lästereien über das, was dann entlang des Neuenburger- und Genfer Sees scherzhaft Sprache genannt wird, verstehen muss ich das aber nicht. Und wenn man beliebige schräge Anmachen auf Italienisch beantwortet, ist das Nicht-Verständnis in aller Regel gleich zweiseitig – ist erprobt. Nun, ich steige in Morges im Waadtland aus, auch wenn ich da eigentlich erst später hinwollte, aber der IC 5 hält nun mal nicht in Nyon, weshalb für dieses Stück der nachfolgende, mit Re 460 + Einheitswagen IV als Pendelzug geführte IR 15 aus Luzern aushelfen darf.

In Nyon ausgestiegen, halte ich mich erstmal selbst für doof. Ein Hausbahnsteig (da stehe ich), ein Mittelbahnsteig, null Meterspurgleise in Sicht. Keine auf den ersten Blick hilfreiche Beschilderung. Ein Blick auf den Abfahrtsplan: Gleis 22 wird jetzt gesucht. Aha. Vor dem Bahnhof auf der Straße ist es nicht, also mal hinunter in die Unterführung und auf die andere Seite der CFF-Gleise schauen … und Bingo! Hinter dem Normalspurbahnhof führt eine Rolltreppe hinab in die Unterwelt zu den Meterspurgleisen 21 und 22, wo im 90°-Winkel zum Normalspurbahnhof die roten Züge der NStCM abfahren. Es steht ein moderner Doppeltriebwagen ABe 4/8 bereit, der nach Abfahrt noch eine Kurve im Tunnel nimmt, um gleich dahinter dann wieder ans Tageslicht empor zu steigen. Der nächste Halt in Les Plantaz ist dann auch gleich „um die Ecke“ und beherbergt auch das Depot der kleinen Bahn. 422 m Meereshöhe sind es hier, doch die Strecke steigt, begleitet von einem Panoramablick über den Genfer See ständig an. In Schleifen und Kurven geht es beharrlich bergauf, auch über Kunstbauten wie das Asse- und das Colline-Viadukt. Es gibt zwar etliche auch gut angenommene Halte auf Verlangen an der Strecke, der größte Ort ist aber, den wir, hier noch eine Klinge ausfahrend, dort noch eine Schleife höher ziehend, bald erreichen: St. Cergue, wo dann auch die 1000 Höhenmeter überschritten sind, 1044 m.ü.M. sind es genau. Nach Abfahrt geht es dann vom Seeblick weg hinein in den Wald, und immer noch stetig weiter bergan. Den Schlitten habe ich wohl zu Hause vergessen, auf dem Scheitelpunkt der Strecke am Col-de-Givrine bei 1233 m Meereshöhe liegt aber noch genug Schnee, dass vor dem Zugsfenster einige andere diesem Vergnügen nachgehen. Bis zum Endbahnhof La Cure fällt die Strecke dann wieder leicht ab. Nächster Haken auf der Streckenliste.

user posted image
Angekommen in La Cure.

La Cure war von der Entstehung der Strecke her eigentlich nur ein Grenzbahnhof zu Frankreich, aber kein Endbahnhof, denn die Bahnlinie ging weiter bis ins französische Morez (daher das „M“ im Namen der Bahngesellschaft) wo man, man staune, bis heute Anschluss an die SNCF hätte, wenn die Franzosen ihren Streckenabschnitt der Schmalspurbahn aus der Schweiz nicht schon 1958 aufgegeben hätten. Bei der fälligen Talfahrt denke ich – gerade angesichts der Streckenführung – noch einen Moment drüber nach, wie sehr das auch zu Deutschland gepasst hätte. Die NStCM verbindet in schwierigem Gelände vergleichsweise dünn besiedelte Weiler und Kleinstädte, aber sie ist vor Ort für die Bevölkerung verfügbar und der selbstverständliche Anschluss in die „grosse“ Welt, die hier meist mit Genf oder Lausanne beginnt – man sieht an der Trassierung auch, welch schwieriges Gelände mit einer reinen Adhäsionsbahn überwunden werden kann, im Halbstundentakt, versteht sich. Es wäre müssig so zu tun, als hätte es in der Schweiz nie eingestellte Bahnen gegeben, hat es auch. Doch in Deutschland haben wir ja schon mit wesentlich einfacheren konzipierten Strecken wie Nagold-Altensteig oder Zell im Wiesental-Todtnau, um mal bei der Schmalspur in Waldregionen zu bleiben, vor dem automobilen Zeitgeist kapituliert…

Von Nyon aus geht es im Einheitswagen IV des IR 90 nach Brig weiter, wieder bis Morges. Der Bahnhof dieser 16.000 – Einwohner – Gemeinde liegt leider direkt an der Autobahn, was deutlich mehr Lärm mit sich bringt, als der Schienenverkehr je erzeugen könnte. Und auch dieser Bahnhof ist „zweispurig“ – neben der CFF-Normalspur haben wir hier – allerdings im Gegensatz zu Nyon oberirdisch und parallel zur Normalspur – die Meterspurgleise der MBC. Diese ist neben anderen Beispielen wie RhB oder TPF eine weitere Schweizer Schmalspurbahn, die Güterverkehre mit Normalspur-Güterwagen auf modernen Rollböcken betreibt, bei der MBC dürfte das Hauptaufkommen vom Kieswerk oberhalb von Apples und vom Übungsgelände des Schweizer Militärs (mit eigener Anschlussbahn) bei Biere liegen, außerdem zur Kampagne auch Zuckerrüben. Für diese Leistungen stehen neben den üblichen Triebwagen dann auch zwei moderne E-Loks Ge 4/4 mit im Fuhrpark bereit.

user posted image
Militärgerät auf aufgebockten Normalspurwagen, MBC Ge 4/4 21 in Morges.

Auch die MBC führt ab Morges vom Genfer See hinweg, allerdings nicht so steil und direkt in den Hang trassiert wie die benachbarte NStCM. Die Landschaft ist hier auch noch ein Stück weit offener, ein allmählich ansteigendes Plateau, die richtig steilen Jura-Hänge dienen hier nur als Hintergrundkulisse. Morges liegt auf 382 m Meereshöhe, beim bekannten Fotopunkt am Schloss von Vufflens sind die 500 Höhenmeter noch nicht überschritten. Die Fahrt findet übrigens in einem „gemischten“ Zug statt, ein moderner Stadler-ET mit nur einseitigem Führerstand schiebt einen gleichfalls modernen Niederflur-Zwischenwagen und einen alten Steuerwagen von 1982 vor sich her. Betriebsmittelpunkt der Bahn ist wohl der Keilbahnhof Apples, wo die Nebenstrecke nach L’Isle-Mont-la-Ville abzweigt. Dabei sind die von Morges her kommenden Züge stets auf den Ast nach Biere durchgebunden, aus dem einfachen Grund, weil das abzweigende Gleis nicht „von unten“, von Morges her, sondern „von oben“ aus Richtung Biere angebunden ist. Wer also die Stichstrecke bereisen will, muss in Apples stets umsteigen. Das hebe ich mir allerdings noch ein bisschen auf und erreiche im weiteren Streckenverlauf bei Ballens mit 710 m Meereshöhe den höchsten Punkt im MBC-Streckennetz, danach fällt die Strecke bis zum Endbahnhof Biere, wo sich auch Depot und Werkstätte finden, wieder leicht ab.

Rund 1500 Einwohner leben hier auf diesem Plateau an den Jurahängen, die höchsten (bewaldeten) Erhebungen des Gemeindegebietes steigen bis auf über 1600 m an. Traditionell ist Viehzucht im Ort präsent, was sich an den vielen Brunnen im Ortsbild bemerkbar macht. Und der Unterschied zu den dicht bebauten Gebieten unten am Seeufer rund um Lausanne ist bei einem kurzen Rundgang höchst auffallend. Die örtliche Migros hat über den Mittag geschlossen – so ist das eben auf dem Land. Also zurück zum Bahnhof, zurück in den Zug in Richtung Apples, wo auf dem abzweigenden Gleis der Pendel nach L’Isle-Mont-la-Ville – auch er gebildet aus modernem ET plus altbrauchbarem Steuerwagen – schon wartend bereitsteht. Idealerweise kreuzen sich in Apples jeweils die Züge von Morges nach Biere und umgekehrt, so dass dort Anschlüsse in allen Relationen bestehen.

Dieser Nebenast führt durch gefühlt noch spärliche besiedelte Wiesen, neben der in der Schweiz weit verbreiteten Milchviehhaltung kann man hier sehr viel Pferdezucht beobachten, kaum ein Weiler, der keinen großen Reiterhof hat, und viele Wiesen längs der Bahn, wo keine Pferde stehen. Die Strecke ist der welligen Geländeform angepasst und hat nur leichte Steigungen und Gefälle bis zum Endbahnhof im Dorf L’Isle am Fluss Venoge. Die Gemeindeverwaltung residiert hier in einem kleinen Schloss aus dem 17. Jahrhundert, sonst gibt es allerdings nicht allzu viel zu sehen, so dass der nächste Zug nach Apples mit Anschluss nach Morges dann auch wieder meiner sein wird.

user posted image
Bahnhof L’Isle mit Pendelzug der MBC.

Als ich in Morges wieder auf dem Bahnsteig stehe, kann ich auch an das Schmalspurnetz der MBC – das Unternehmen betreibt außerdem noch mehrere regionale Buslinien und in Cossonay eine Standseilbahn – einen Haken machen, mit der NStCM wurden heute also schon 3 davor unbekannte Bahnlinien erfahren. Weiter geht es jetzt nach Lausanne, der unmittelbare Anschluss ist der RE aus Genf, geführt mit einem doppelstöckigen 4-teiler aus der Baureihe 511 (Stadler Kiss). Der Verzweigungsbahnhof Renens VD ist aktuell eine große Baustelle und am Rbf Lausanne-Triage können die sonst nicht so präsenten grossen E-Rangierloks Ee 6/6 II gleich mehrfach bei der Vorbeifahrt bewundert werden. Müsste man mal irgendwann für ein paar Bilder hin… - doch jetzt stehe ich erstmal im Trubel des Lausanner Bahnhofes. Eigentlich war der Plan, von hier aus mit der LEB nach Bercher gleich die nächste Waadtländer Schmalspurbahn abzuarbeiten, aber im Frühling der Schweizer den Bagger auspackt – die Strecke ist bei Echallens wegen Bauarbeiten unterbrochen, also halt ein anderes Mal.

Ich wähle stattdessen die Abreise im IC 1, ein 13-Wagen-Zug aus Re 460 + 9-Wagen-IC-2000-Doppelstock + 4 zusätzliche Einheitswagen IV. Es geht die Hänge des Lavaux hinauf, nochmals beste Seesicht bis sich die Strecke dann „oben“ vor Puidoux-Chexbres vom Genfer See abwendet. Ich hatte mich vorher nicht wirklich mit beschäftigt, weil ich die Strecke ja kenne, wäre aber spontan von möglichen Zwischenhalten in Palezieux und/oder Romont ausgegangen – nichts dergleichen, der IC fährt ohne Halt bis Freiburg im Üechtland durch, wo ich dann auch wieder aussteige. Jetzt geht es für mich in die Unterwelt, in den Tiefgaragen-ähnlichen Regionalbusbahnhof gleich hinter und unterhalb der Bahnsteige, wo um diese Nachmittagsstunde locker 20 Busse nebeneinander auf ihre Abfahrt in alle Himmelsrichtungen warten. Hier dominiert übrigens nicht das Postauto-Gelb, sondern das weiß-rot mit Tüpfeli der tpf, so auch auf meinem gesuchten Bus der Linie 181. Bahnersatz wegen Bauarbeiten muss ja nicht sein, aber als Verbindung zwischen zwei Bahnstrecken passt ein Bus hier und da ganz gut dazwischen. Ich bekomme übrigens einen Citaro LE Ü, der dann im Takt mit anderen Linien den Keller verlässt und mich erstmal mit weiteren Einblicken in die Freiburger Altstadt, die zur Saane hin steil abfällt, neugierig macht. Danach geht es hinaus in einen deutschsprachigen Winkel des zweisprachigen Kantons, was sich mit Ortsnamen wie Tafers und Heitenried auch bemerkbar macht. Hinter diesem Ort geht es hinab ins Schlucht-artige und zum Naturpark Gantrisch gehörende Tal der Sense, bevor es auf der anderen Talseite wieder steil bergauf geht, um schliesslich im bereits im Kanton Bern auf der Höhe liegenden Städtchen Schwarzenburg zu enden.

Als ich in Schwarzenburg direkt am Hausbahnsteig aus dem Bus aussteige, steht nebenan meine S 6 nach Bern selbstverständlich schon bereit, die BLS setzt hier MUTZen – also Stadler KISS ihrer Reihe 515 ein. Was aus dem Oberdeck eine gute Aussicht ergibt, die die folgende Bahnstrecke hinab nach Bern auch verdient hat, von der Höhe in Schwarzenburg geht es recht steil hinab – es erinnert so ein klein wenig an den Abstieg von Freudenstadt ins Murgtal, ein Highlight dabei ist sicherlich die 65 m hohe Schwarzwasserbrücke mit gleichnamigem Haltepunkt. Ansonsten nimmt die Besiedelung zu, je näher man an Bern herankommt, in Köniz ist das Umfeld dann wieder städtisch-dicht. Da die Strecke nach wie vor eingleisig ist, ist hier Kreuzung mit dem stadtauswärts brummenden Gegen-Bären, äh, dem Gegenzug, aber der lässt auf sich warten … na? Und tatsächlich leidet hier die bislang tadellose Pünktlichkeit der Schweizer Bahnen ein bisschen, im Bahnhof Bern erlebe ich ein typisches Knotenproblem, irgendwo hat es angefangen und sich wie eine Kettenreaktion durchübertragen. Fast alle (normalspurigen) Züge sind jetzt am frühen Abend 2 bis 4 Minuten verspätet unterwegs, was die SBB und die BLS auch als Verspätung kommunizieren, so auch beim Anschluss IC 6 von Brig nach Basel, der mich zum Tagesabschluss wieder auf vertraute Gleise führt: Hinter Wankdorf auf die Schnellfahrstrecke, Halt in Olten, Hauensteinlinie, Basel SBB, Feierabend für heute. Und, betreffend Schwarzenburg: nächster Haken auf der Streckenliste.



--------------------
Unmündig nennt man uns, und Knechte, duldet die Schmach nun länger nicht!
    
     Link zum BeitragTop
146225
  Geschrieben am: 1 May 2018, 09:30


Lebende Forenlegende


Status: Mitglied
Mitglied seit: 1 Apr 07
Beiträge: 15257

Alter: 42
Wohnort: TH/EDBU


Tag 3, und noch mehr Schnee im Osten.

Am nächsten Morgen probiere ich dann mal aus, wie das Reisen in einem leeren Zug so ist. Wie, bitte? Ach, wurde nicht schon oft über die (bis/ab Basel SBB verlängerten) EC Zürich <-> München gesagt, das seien leere Züge? Als ich in Basel SBB zusteige, sehe ich das, was ich erwartet habe um diese Zeit: Noch ist die Früh-HVZ nicht ganz durch, und so ist ein Zug auf der Strecke in Richtung Zürich alles, aber bestimmt nicht leer, was durch die SBB auch mit Zusatzwagen an der Spitze unterstrichen wird, die dann mit der Zuglok beim Richtungswechsel in Zürich HB verbleiben. Liestal, Sissach, Aarau und Lenzburg als weitere Zwischenhalte füllen den Zug dann auch eher weiter als dass sie ihn leeren. Interessant wird es ja, wie voll der Zug noch sein wird, wenn er Zürich wieder verlässt. Dort ist bei pünktlicher Ankunft die Standzeit ausreichend für einen Lokwechsel – in diesem Fall von einer Re 460 auf eine 421 – bemessen, und noch etwas fällt im geschäftigen Treiben des Bahnhofes mit seinen vielen ein- und ausfahrenden Zügen auf: ein schmutziger, schäbiger, heruntergekommen wirkender Zug voller Graffiti. Nein, es ist kein Zug der SBB, auch kein ÖBB-Railjet, auch nicht ein SNCF-TGV. Es hat sich auch kein Sonderzug aus serbischen Wagen in Zürich eingefunden und die SBB bringen auch keine ausgemusterten Altfahrzeuge zum Verwerter. Nein, dieses hässliche Etwas ist ein DB-401, wie tief ist man doch bei DB Fernverkehr inzwischen gesunken – Fahrgastrekorde zu publizieren, egal wie kurzfristig und mit welchen Methoden erkauft scheint wohl das einzige zu sein, was man dort noch im Sinn hat. Was passiert wohl, wenn die Erfolge ausbleiben?

Bei Abfahrt in Zürich ist die Besetzung des Grossraumwagens tatsächlich überschaubar, doch schon als wir in den Tunnelbahnhof Zürich Flughafen einfahren, zeigt sich, dass eine gewisse Platzreserve auch erforderlich ist, denn auf dem Bahnsteig wartet ein bunt international gemischtes Publikum auf die Einfahrt des Zuges. Familien, Rentner, asiatische Touristen, alles dabei. Und danach ist die Auslastung auch wieder recht gut, und ich kann mir nicht vorstellen, dass bis Bregenz alle wieder ausgestiegen sind. Kann natürlich doch sein, nachgeprüft habe ich es nicht, ich bin in Wil SG ausgestiegen. Warum? Nun, bevor ich noch Entzugserscheinungen von den Thurbo-GTW bekomme – nein, quatsch, es ist Zufall, dass der Anschlusszug wiederum ein solcher ist. Die Wahrheit ist natürlich, dass mir die Strecke entlang des Thurtals nach Lichtensteig und Wattwil noch fehlt, und die Fortsetzung ins Toggenburg nach Nesslau ebenfalls. Der erste Streckenabschnitt bis Lichtensteig hält sich stets am Hang oberhalb der Thur, bis dann in Lichtensteig die Strecke aus Herisau von links herankommt. Ebenfalls in Fahrtrichtung links wird oberhalb der Thur die mittelalterliche Altstadt von Lichtensteig sichtbar. Ab hier ist es dann Infrastruktur der SOB, die befahren wird – vor der Fusion wäre es die BT, die Bodensee-Toggenburg-Bahn, gewesen.

In Wattwil einmal Bahnsteig- und GTW-Wechsel – es gäbe auch Anschlüsse an den Voralpen-Express in beide Richtungen, Luzern und St. Gallen – doch es ist ja die Strecke in Richtung Nesslau, die noch auf der Streckenkarte fehlt. Die Strecke verläuft jetzt für die nächsten 8 km mehr in der Mitte des Tales und steigt bis zum Endbahnhof noch um ein gutes Stück an.

user posted image
Angekommen im Bahnhof Nesslau-Neu St. Johann.

Und nun? Eine Verlängerung der Strecke ins obere Toggenburg war vor dem 1. Weltkrieg schon mal in Planung, sogar durch den Bund schon konzessioniert – und kam doch nie zustande. Also muss in diesem Fall wieder mal der Bus aushelfen – in diesem Fall erneut ein Citaro LE Ü, dieser jedoch im Gelb von Postauto Ostschweiz. Mit gutem Blick auf die schneebedeckten Gipfel der Churfirsten geht die Fahrt zunächst weiter dem Tal entlang bergauf nach Unterwasser – wo Anschluss an eine Standseilbahn zum Fusse des Chäserrugg bestünde – und Alt-St. Johann, dann stärker ansteigend hinauf nach Wildhaus auf 1095 m Höhe. Das Gespräch der Einheimischen im Bus dreht sich an diesem sonnigen Tag Anfang April darum, dass die Skisaison nun in dieser Woche endgültig zu Ende geht.

Die Straße von Wildhaus unterhalb des Säntis hinab ins St. Galler Rheintal ist zwar offiziell mit einer Limite von 60 km/h ausgeschildert, im Gegensatz zu manch anderen Stellen, wo die „mündigen Autofahrer“ dann gleich von „Gängelei!“ „Abzocke!“ und ähnlichem schreien wie die Kleinkinder, dürften die hier auch durchgängig eingehalten werden, dafür sorgt schon die Topographie. Steil abfallend und Kurve um Kurve um die Felsen geht es hinab, und wer hier zu schnell wird, den kann man von der Felswand kratzen oder aus dem ein Stück weit in Strassennähe verlaufenden Bachbett ziehen – die Landschaft diktiert hier das Tempo. Gleichzeitig wird nach vorne jetzt der Blick über das Rheintal sichtbar, Gams heißt der nächste Ort, der auf einem Geländeabsatz oberhalb des Rheintales liegt. Von hier an über Grabs füllt sich der Bus bis Buchs mit jeder Haltestelle nochmals ordentlich. Ach übrigens, der Bus verkehrt auf dieser Linie tagsüber halbstündlich – nur mal so zum Vergleich mit Regionalbus-Standards in Deutschland, wo man ja glaubt „auf das Auto angewiesen zu sein“ … Mimimimimimi

Am Bahnhof in Buchs SG angekommen, hadere ich für einen Augenblick mit dem ÖBB-Tf, der sein 1144-Tandem derart unfotogen zwischen die Masten gestellt hat, dass kein vernünftiges Bild gelingen will, bevor mein RE nach Chur in Form eines RABe 511 einfährt. Eigentlich war die Idee mal, von hier aus in die Gegenrichtung zu fahren und ab Altstätten SG die Lücken auf dem Netz der Appenzeller Bahnen zu schliessen, die Idee wurde jedoch wegen zahlreicher Baustellen und Ersatzverkehre bei denselben verworfen, also „nächstes Mal“. Wie wir am Rhein entlang fahren, bildet dieser die Staatsgrenze zwischen der Schweiz und Liechtenstein, wohin sowohl ab Buchs als auch ab Sargans ebenfalls Anschlüsse per Bus bestanden hätten. Da es in Sargans ja nicht in Richtung Zürich weitergeht, wie das bei den hier vorbeikommenden internationalen Zügen Schweiz-Österreich der Fall ist, können wir geradeaus in den Keilbahnhof einfahren und auf dessen linker Seite halten, danach geht es via Landquart mit seinen großen RhB-Depots und Werkstätten bis in den Graubündner Kantonshauptort. Die RhB ist auch mein Grund des hierseins, deren Strecke hinauf an der Plessur nach Arosa fehlt mir ebenfalls noch und muss heute als Ersatzprogramm für die ausgefallene Appenzell-Runde herhalten.

user posted image
SBB-IC-Doppelstöcker mit Re 460 in Chur – ansehnliche Eisenbahn.

Als Trambahn geht es vom Churer Bahnhofsvorplatz mit einem solo verkehrenden „Allegra“- Triebzug los, parallel zur Plessur die Strasse entlang. Am Ende der Bebauung verlässt die Bahnstrecke dann die Strasse und über mehrere Galerien und kurze Tunnel geht es im Wald durch das Schanfigg stetig bergauf. Die Strecke ist nicht arm an solchen Kunstbauten, und die Stationsgebäude der Zwischenhalte sind alle im gleichen Stil aus Holz errichtet, werden zwar nicht mehr für den Bahnbetrieb zwingend benötigt, sind aber dennoch gut gepflegt. Bereits auf über 1300 m Meereshöhe angekommen, wechselt die Bahnlinie auf dem großen Langwieser Viadukt die Talseite. Bis zum Endbahnhof Arosa, der nochmals runde 400 m höher liegt, folgen noch ein paar Schleifen und Bögen, um die Höhe zu gewinnen, zwischenzeitlich wird die Strecke auch von einer geschlossenen Schneedecke begleitet.

Beim fälligen Rundgang durch Arosa dürfte ich die 1800 Höhenmeter geknackt haben, höher hinauf werde ich auf dieser Tour nicht mehr kommen. Rechtzeitig nach dem Rundgang durch den eindeutig touristisch geprägten Ort wieder am Bahnhof zu sein, erweist sich als gute Idee: auch talwärts verkehrt der Allegra ABe 8/12 nur solo ohne Anhang, und das reicht nur knapp aus, dementsprechend wird es kurz vor der Abfahrt voll und unruhig im Zug. Ansonsten ist die Talfahrt nicht minder schön als die Bergfahrt, wer noch nicht dort war, kann diese Strecke absolut auf seine to-do-Liste mit eintragen.

user posted image
“Allegra“ Abe 8/12 3512 der RhB steht in Arosa als Regio nach Chur bereit.

Von Chur aus wäre jetzt eigentlich der IC 3 in Richtung Zürich logisch – oder? Im Prinzip ja, aber nachdem die Tour ja eigentlich mal mehr auf die Ostschweiz ausgelegt war und Arosa nur als – wunderschöner – Lückenfüller nachträglich eingebaut wurde, geht es jetzt auf demselben Weg wieder aus Graubünden heraus, im Oberstock eines RABe 511, ab Sargans wieder durch das Rheintal. Buchs, Altstätten, St. Margarethen – das Wetter wird auch mit jeder Station grauer, bäh. Der Hauptbahnhof in St. Gallen ist von reger Bautätigkeit gekennzeichnet, da mein RE jedoch bis Wil SG durchfährt, brauche ich hier praktischerweise nicht umzusteigen, sondern erst in Gossau. Wird mal wieder Zeit für einen Thurbo-GTW – es geht um die Bahnstrecke entlang der Sitter, von hier aus also in den Thurgau über Bischofszell nach Sulgen. Hauptmerkmal der Strecke ist – neben dem Güteraufkommen von Bischofszell Nord – die lange Brücke über die Sitter eben dort. Ansonsten machen einem Ausblicke aus dem Zugsfenster wieder klar, dass der Thurgau eine der wenigen Ecken in der Schweiz ist, die für Getreide- und Obstanbau gut geeignet sind. In Sulgen brauche ich nicht umzusteigen, die S 55 ist bis Weinfelden durchgebunden. Und nächster Haken auf der Streckenliste!

Jetzt unter der Woche verkehrt der IR 75 aus Konstanz nach Zürich dann mit Re 460 als Pendelzug aus Einheitswagen IV, die Nutzung – mit nicht unerheblichem Fahrgastwechsel in Winterthur – rechtfertigt den längeren Zug. Ein gleichartiger solcher Pendel ist es dann auch, der mich nach Umstieg in Zürich als nonstop verkehrender IC 3 ohne Halt via Heitersberg – Aarau – Kurve Olten – Hauensteinlinie wieder nach Basel SBB bringt.

Bearbeitet von 146225 am 1 May 2018, 09:33

--------------------
Unmündig nennt man uns, und Knechte, duldet die Schmach nun länger nicht!
    
     Link zum BeitragTop
Thema wird von 0 Benutzer gelesen (0 Gäste und 0 Anonyme Benutzer)
0 Mitglieder:
57 Antworten seit 14 May 2017, 09:51 Thema abonnieren | Thema versenden | Thema drucken
Seiten: (4) [1] 2 3 ... Letzte »
<< Back to Fotoreportagen und Reiseberichte
Antworten | Neues Thema | Neue Umfrage |