Powered by Invision Board
 Willkommen Gast ( Einloggen | Registrieren )

Portal | Board | TV | Kalender | Suche | Mitglieder | Regeln | Impressum | Datenschutzerklärung | Hilfe

Seiten: (2) [1] 2  ( Zum ersten neuen Beitrag ) Antworten | Neues Thema | Neue Umfrage |
Reich der Mitte - Land der Superlative, Auf Entdeckung in China [Zur Themenübersicht]
« Älteres Thema | Neueres Thema » Thema abonnieren | Thema versenden | Thema drucken
Entenfang
  Geschrieben am: 13 Jun 2018, 16:03


Lebende Forenlegende


Status: Mitglied
Mitglied seit: 27 Aug 12
Beiträge: 4466

Alter: 24
Wohnort: München


Vorgeschichte

„Hey, ich mache Auslandssemester in Shanghai. Willst du mich nicht besuchen kommen?“
Da kann es nur eine Antwort geben – und die lautet ja.

Mal Hand aufs Herz – wie viele chinesische Millionenstädte (es gibt über 100) könnt ihr nennen? Shanghai, Peking und Hongkong kennt wohl jeder, aber wer hat schon mal Dalian, Zhengzhou oder Ningbo gehört?
Mir ging es nicht anders, bevor ich mit den Planungen für diese Reise begonnen habe.


Bereits lange bevor ich den ersten Fuß in einen chinesischen Zug setze, sollte ich einiges über die Eisenbahn in China lernen.

30 Tage vorher

30 Tage vor einer geplanten Bahnfahrt in China sind ein enorm wichtiger Zeitpunkt, denn dann wird die Online-Buchung für Fahrkarten freigeschaltet. Das gilt insbesondere, wenn man während des chinesischen Neujahrsfests unterwegs ist. Von der Bedeutung des Festes ist es mit Weihnachten bei uns vergleichbar. Wer schon mal um Mitternacht zwei Monate vor Fahrplanwechsel versucht hat, einen Sparpreis für den Freitag vor Weihnachten zu bekommen, weiß, wovon ich spreche. Doch man stelle sich nun den deutschen Weihnachtsreiseverkehr hochgerechnet auf eine Bevölkerung von 1,3 Mrd. Menschen vor, welche ihre wenigen Urlaubstage dazu nutzen möchten, um ihre Familie zu besuchen oder zu verreisen. Und dann bedenke man, dass viele der konventionellen Langstreckenzüge nur einmal oder wenige Male pro Tag verkehren.

Nun, das Ergebnis dieses Gedankenspiels ist in unserem Fall unschön. Zwei Minuten nach Buchungsfreigabe sind sämtliche Züge zwischen Changsha und Zhangjiajie ausgebucht – als letzte Option wäre uns ein Stehplatz auf einer knapp sechsstündigen Fahrt mit Ankunft am Ziel mitten in der Nacht geblieben. Das wollen wir dann doch nicht und haben die Strecke erstmal fallen gelassen. Für die 400 km wird sich wohl irgendwie kurzfristig ein Bus vor Ort finden müssen.

26 Tage vorher

Zur Freigabe der nächsten Strecke sind wir besser vorbereitet, doch das Resultat fällt nicht viel besser aus. Der gewünschte Zug ist ebenfalls komplett ausgebucht. Also müssen wir notgedrungen eine frühere (vor allem für meinen Geschmack viel zu frühe) Abfahrt wählen.

Bei Hochgeschwindigkeitszügen sieht es meistens nicht ganz so übel aus, ich verfolge die Ausbuchungsgeschwindigkeit der weiteren Strecken im Laufe der Tage mit, um die besonders kritischen Abschnitte zu identifizieren. In der Tat fällt mir dabei eine Strecke ins Auge, welche ebenfalls innerhalb von Minuten komplett ausgebucht ist. Es handelt sich um einen Hochgeschwindigkeitszug, in welchen wir am relativ kleinen Zwischenhalt Yangshuo (sowas wie Montabaur) einsteigen wollen.

Ich nutze also die verbleibenden Tage bis zur Buchungsfreigabe, um ein wenig zu recherchieren.
Es gibt generell einige unterschiedliche Möglichkeiten, Zugfahrkarten für China zu erwerben.

Erste Option: Kauf am Bahnhof vor Ort. Angesichts des schnellen Ausverkaufs, der möglicherweise langen Schlangen und der Verständigungsprobleme nicht unbedingt zu empfehlen. Wir haben allerdings am Bahnhof nie länger als 10 Minuten anstehen müssen.

Zweite Option: Kauf in einem autorisierten Reisebüro vor Ort. Eher kürzere Schlangen, dafür schwer zu finden und ebenfalls Verständigungsschwierigkeiten sind zu erwarten.

Dritte Option: Online-Tickets auf der offiziellen Website: http://www.12306.cn/mormhweb/
Nur mit Chinesischkenntnissen und einer chinesischen Kreditkarte nutzbar.

Vierte Option: Über ein Vermittlungsportal.

Es gibt eine breite Auswahl und alle haben eins gemeinsam: Pro Fahrkarte wird eine Gebühr von etwa 5…10€ fällig.

http://english.ctrip.com/#from=click_en

https://www.chinahighlights.com/china-trains/

https://www.travelchinaguide.com/china-trains/

https://www.china-diy-travel.com/en/

Für eine Fahrplanauskunft mit Entfernungsangaben eignet sich auch folgende Seite:
http://www.chinatrainguide.com/

Ctrip hat sich als verlässlich erwiesen und die genaue Zeit der Buchungsfreigabe (chinesische Ortszeit!) ist ersichtlich. Aber die Buchung muss man selbst vornehmen. Die anderen Portale bieten auch die Möglichkeit, bereits vor Beginn der Vorverkaufsfrist die Buchung in Auftrag zu geben, welche dann von Mitarbeitern so bald wie möglich vorgenommen wird.

Um unsere Wahrscheinlichkeit auf eine Fahrkarte zu erhöhen, habe ich dann vorgeschlagen, die gewünschte kritische Strecke von Yangshuo nach Guangzhou sowohl in Auftrag zu geben, als auch sofort nach Freischaltung selbst über Ctrip zu versuchen. Fahrkarten können problemlos storniert werden; lediglich die Vermittlungsgebühr ist futsch. Die Fahrkarten sind namensgebunden und es ist nicht möglich, eine weitere Fahrkarte für einen in zeitlichem Konflikt liegenden Zug zu buchen.

In einem umfangreichen E-Mail-Austausch mit China-DIY-Travel habe ich dann die Möglichkeiten, die Fahrkarten für die gewünschte Strecke zur gewünschten Zeit zu bekommen, erörtert. Mir wurde erläutert, dass es deswegen so außerordentlich schwierig ist, an die gewünschten Fahrkarten zu kommen, weil wir an einem kleinen Zwischenhalt zusteigen wollen. Jedem Zwischenhalt des Zuges würde ein gewisses Ticketkontingent zugewiesen; für größere Städte ist es natürlich größer als für kleinere. (Ich vermute, dass sich die Umsetzung der Reservierungspflicht in China deutlich von der in Europa angewendeten unterscheidet. Vermutlich ist es problemlos möglich, einen kompletten TGV nur mit Fahrten Karlsruhe – Strasbourg auszubuchen. In China ist das hingegen nicht möglich.)

Also schlage ich vor, eine Fahrkarte für eine längere Strecke mit Start an einem größeren Ort zu buchen. Prallelen zum Alibi-Sparpreis drängen sich auf, mit dem Unterschied, dass es nicht darum geht, den Preis zu drücken, sondern überhaupt eine Fahrkarte (dafür aber zu einem höheren Preis) zu bekommen.
Aber funktioniert diese Variante in China überhaupt? Im Gegensatz zu Deutschland sind die Bahnsteige nicht frei zugänglich und die Fahrkarte wird bereits vor dem Einstieg kontrolliert. Ich bekomme grünes Licht sowohl von China-DIY-Travel als auch aus China.


20 Tage vorher

Wir bekommen eine Fahrkarte für den kompletten Zuglauf Liuzhou – Shenzhen ausgestellt und zahlen mehr als das Doppelte – aber immerhin haben wir die gewünschten Fahrkarten.

10 Tage vorher

Die letzten Tage und Wochen ist mir die fehlgeschlagene Zugverbindung Changsha – Zhangjiajie mit Aussicht auf Busersatz nicht aus dem Kopf gegangen. Ausgerechnet auf eine Bummelzugverbindung soll ich verzichten? Darüber bin ich gar nicht glücklich. Jeden Tag starte ich bei Ctrip eine neue Suche, stets mit demselben Ergebnis. Nur die Stehplätze mit Ankunft mitten in der Nacht bleiben verfügbar. Bei anderen Zügen stelle ich dagegen fest, dass wieder Fahrkarten verfügbar werden – möglicherweise, weil jemand seine Fahrkarten storniert hat oder nicht alle Fahrkarten bereits 30 Tage vor Abfahrt freigeschaltet werden.
Schließlich dann große Freude bei mir – 4 Sitzplätze frei! Schnell klicke ich auf Buchung, gebe die Kreditkartendaten ein uuuuuund… Booking cancelled. Keine Plätze verfügbar.

Zwei Stunden später sind es immer noch 4 freie Plätze und ich starte einen neuen Anlauf. Booking cancelled. Gnapf.

Einige Stunden später sind es immer noch 4 freie Plätze. Ich versuche es ein drittes Mal. Uuuuuuuund…
Booking confirmed!
YAAAAAAAAY! Ich habe meine Bummelzugfahrkarten bekommen! 3€ pro Person für sechs Stunden Fahrt auf 400 km – wenn das mal kein Erlebnis wird…



Und es wurde ein Erlebnis – ein kurzer Überblick über das riesige Land:

Als Vertreter des modernen Chinas bietet sich der Blick über den Bund auf das Stadtviertel Pudong in Shanghai an.
user posted image

Ein Tag, der bleibt. Spaziergang auf der Chinesischen Mauer.
user posted image

Das nachts unglaublich stimmungsvolle muslimische Viertel in Xi’an hat es mir nicht leichtgemacht, die Kamera irgendwann einzupacken und weiterzugehen.
user posted image

Personalwechsel beim ICE äh CRH3A.
user posted image

Nicht zu vernachlässigen ist die Natur mit einem Tick zu frechen Affen…
user posted image

…und (fast) perfekten Spiegelbildern.
user posted image

Und wenn der Platz nicht mehr reicht, baut man einfach nach oben – Aufgeständerte Straßen, Wolkenkratzer und Doppeldeckerstraßenbahnen in Hongkong.
user posted image

Also dann, alle einsteigen und Abfahrt!
user posted image

In Kürze gebe ich den Abfahrauftrag für diese Reise:
user posted image

--------------------
“The best way to describe [driving a train] is a bit like having to drive your car on ice – at 100mph – with only the handbrake to slow you down.” (McLeod et al., 2003, 2005).
    
     Link zum BeitragTop
Entenfang
  Geschrieben am: 18 Jun 2018, 11:55


Lebende Forenlegende


Status: Mitglied
Mitglied seit: 27 Aug 12
Beiträge: 4466

Alter: 24
Wohnort: München


Tag 1 München -> Shanghai

Seit dem Linientausch der S4 und S6-Ost sind die Verbindungen aus dem Münchner Osten zum Flughafen viel besser geworden – statt 62 Minuten brauche ich jetzt nur noch 48 Minuten und kann mir den Umweg über den Ostbahnhof sparen. Von der S6 kann man am Leuchtenbergring wunderbar in die S8 umsteigen.

Der Nacktscanner an der Sicherheitskontrolle ist mir ebenso neu wie die Aufforderung, die Schuhe auszuziehen. Deutschland in Terrorangst.
Pünktlich um 22:00 Uhr startet der Flug, ein wahres Verlustgeschäft für die Lufthansa. Die Auslastung beträgt nicht mal ein Drittel, so ein leeres Flugzeug habe ich noch nie gesehen.
Die Nacht ist kurz und unbequem.
Auf einer Skala von 0 bis 10, wie gut hast du geschlafen?
-1.
Zum Frühstück kann ich zwischen Omelett und chinesischen Nudeln wählen und entscheide mich für letzteres. Wenn diese Flugzeugfraß-Nudeln mit Hackfleisch und Aubergine der Einstieg in die chinesische Küche sind, kann es nur noch besser werden…


Abgesehen von einem endlosen Hochhausgebirge erhalte ich einen ersten Eindruck von China, während das Flugzeug eine Schleife dreht und sich dem Flughafen Shanghai-Pudong nähert. Mit Windrädern, Solarzellen, Gewächshäusern und ziemlich breiten, aber ziemlich leeren aufgeständerten Schnellstraßen fällt der erste Eindruck eher überraschend aus.

Pünktlich um 16 Uhr Ortszeit betrete ich das Flughafengebäude, die Einreise verläuft völlig problemlos und mein Koffer kommt flott. Nicht einmal 30 Minuten später stehe ich im Ankunftsterminal. Als Alex auftaucht, habe ich schon eine Fehlinvestition getätigt und eine völlig überteuerte Sim-Karte gekauft.

Als wir in der U-Bahn Richtung Innenstadt sitzen, neigt sich der Tag in China bereits dem Ende zu. Meine innere Uhr ist leicht durcheinander, weil es schon wieder dunkel wird. Aber nun wieder auf Schienen unterwegs, fühle ich mich gleich viel besser.
Bereits beim Start am Flughafen sind alle Sitzplätze belegt. Die Fahrzeuge sind eher auf hohe Kapazität denn auf viele Sitzplätze ausgelegt.
user posted image
Anmerkung: Das Bild entstand zu einem späteren Zeitpunkt. Die herumfliegenden Werbeflyer waren eine absolute Ausnahme; in den Zügen ist es stets sehr sauber.

Das U-Bahnnetz Shanghai sieht nicht nur gewaltig aus, es ist auch sage und schreibe 637 km lang.
https://de.wikipedia.org/wiki/Metro_Shangha...tro_Linemap.svg
Damit hat Shanghai derzeit die Nase vorn und besitzt Stand März 2018 das längste U-Bahnnetz der Welt – gefolgt von Peking und London. Dabei wurde der Bau erst 1990 begonnen und 1995 zum ersten Mal Fahrgastbetrieb angeboten. Die Linie 2 zum Flughafen ist übrigens Etikettenschwindel – denn an der Guanglan Road muss umgestiegen werden. Der Hintergrund: Im Zentrum werden längere Züge benötigt als außerhalb. In China ist es kaum üblich, den Takt zur Endstation hin auszudünnen.

Nach einer knappen Dreiviertelstunde (und gerade einmal 8 Stationen) ist es so weit. Die Menschen stehen nur so lange brav an den Bahnsteigtüren an, bis sich diese öffnen. Dann rempeln alle unter Ellbogeneinsatz in den Zug, um einen Sitzplatz zu ergattern. Auf der relativ alten Linie 2 vergehen nach dem Schließen der Türen 10…20 Sekunden bis zur Abfahrt.
Hier bekommt man einen guten Eindruck, wie viel Zeit beim Öffnen und Schließen der Türen vertrödelt wird:
https://youtu.be/aTP96yE7cMY?t=59s
Bald wird es ziemlich voll, denn es ist gerade nachmittäglicher Büroschluss. Die Fahrgäste stehen formschlüssig im Zug und einige bleiben sogar zurück. Das ist aber nach unseren Beobachtungen die Ausnahme.

Knapp anderthalb Stunden dauert die Fahrt über 41 km und kostet etwa 90 Cent. Wir suchen ewig nach meiner Unterkunft in einer Seitenstraße. Nach einer Stunde finden wir endlich die Haustüre, auf der nur eine Telefonnummer steht. Man verspricht uns, jemanden vorbeizuschicken. Eine weitere Viertelstunde vergeht. Leider spricht der Mann kein Englisch. Nach mehreren Telefonaten und Übersetzungsapps steht schließlich fest, dass ich hier nicht bleiben will. War wohl doch keine so gute Idee, die äußerst schlechte Bewertung bei Booking zu ignorieren… Mein Zimmer ist nicht gereinigt, obwohl es schon nach 19 Uhr ist. Angeblich würde in zwei Stunden die Putzfrau kommen. Das ist mir alles zu dubios und Alex erkundigt sich flott nach einer geeigneten Alternative, die zwar doppelt so viel kostet, aber in Wohnheimnähe liegt und sauber ist.
Dann machen wir uns schleunigst daran, den Hunger zu stillen, ehe die Restaurants schließen.
user posted image

Meine erste Mahlzeit in China ist zugleich meine erste, die ich mit Stäbchen zu mir nehme. Ich kämpfe ein wenig mit dem ungewohnten „Besteck“. Links eine Suppe mit Pilzen und Tofu, die einen sehr ungewohnten, leicht sauer-scharfen Geschmack hat. In der Mitte Schwein süß-sauer, das könnte man auch so in einem chinesischen Restaurant in Deutschland bekommen. Rechts ein Brokkoli-Wok mit Chili. Das teeartige Getränk hat einen ziemlich penetranten Geschmack und sagt mir ebenso wenig zu, wie das im chinesischen Winter häufig angebotene warme Wasser. Man kann aber auch einfach seine mitgebrachte Mineralwasserflasche auspacken, was ich des Öfteren getan habe.
Üblicherweise bestellt man auch ein Schälchen Reis pro Person dazu. Damit kann man die teils sehr geschmackskräftigen Gerichte und die Schärfe etwas dämpfen. Ein nicht zu unterschätzender Faktor ist aber auch, dass man von Gemüsewok nicht wirklich satt wird. Alex hat sich immer wieder beschwert, dass das chinesische Essen ihn nicht richtig sättigen würde. Das kann ich so aber nur sehr eingeschränkt bestätigen.
Üblicherweise bestellt man ein Gericht mehr, als Personen am Tisch sind, wie in unserem Fall drei. Jeder greift mit seinen Stäbchen in die Gefäße zu. Um etwas auskühlen zu lassen, kann man es im eigenen Reisschälchen ablegen. Dadurch erhält der Reis auch etwas Geschmack. Das Geschirrlayout von Alex ist deutlich aussagekräftiger als meines, da ich ob der ungewohnten Teller, Schälchen und Stäbchen noch etwas durcheinander bin.
Meistens werden die Gerichte nicht zur gleichen Zeit serviert. Man tut daher gut daran, sofort mit dem Essen anzufangen, sobald irgendetwas auf dem Tisch steht. Denn sonst läuft man in Gefahr, dass das zuerst servierte Gericht schon kalt ist, während das zuletzt servierte noch brühend heiß ist.

Nachdem wir gestärkt sind, wollen wir die Aufmerksamkeit eines Wachmanns auf die Probe stellen. Alex wohnt seit fünf Monaten im Studentenwohnheim. Eigentlich muss man sich als Besucher beim Pförtner anmelden, seinen Pass abgeben und diesen bis spätestens 22:00 Uhr wieder abholen. Doch genauso schwer wie es uns fällt, Chinesen zu unterscheiden, fällt es Chinesen schwer, Europäer auseinanderzuhalten.
Wir treten durch die Türe, biegen um die Ecke. Der Wachmann wirft uns einen kurzen Blick zu uuuund…
…wir sind im Aufzug. Ich gehe wohl als durchschnittlicher europäischer Auslandsstudent durch.

Auch wenn ich durch Alex Berichte schon vorgewarnt war – sein Zimmer ist für mich ein Schock.
user posted image

Was auf dem Bild nicht zu erkennen ist: Die Gesamtgröße des Doppelzimmers (der andere Deutsche war zum Zeitpunkt meines Besuchs Ende Januar bereits ausgezogen) inkl. Bad beträgt sicher komfortable 20 m2 und es ist relativ sauber. Doch damit sind alle positiven Aspekte genannt.
Anfang Dezember ist der Winter in Shanghai eingebrochen und die Temperaturen dümpeln seit Wochen knapp über dem Gefrierpunkt. Jetzt wird sich manch einer wundern (mir ging es zunächst genauso), was daran so schlimm sein soll. Nun, der wesentliche Unterschied zum deutschen Winter ist, dass man sich bei uns drinnen aufwärmen kann. Obwohl beide Klimaanlagen auf 30°C ununterbrochen laufen, sind es im Zimmer keine 15°. Die über das Kopfende des Bettes gehängte Decke dient ausschließlich dazu, den kalten Windzug vom undichten Fenster abzuhalten. Es ist so feucht im Zimmer, dass das Wasser von den Fenstern tropft. Und als wäre das nicht genug, wurde Ende Dezember das Dach „repariert“. Seitdem breitet sich großflächig Schimmel aus. Ach, und der Kühlschrank hat auch noch nie funktioniert…
Doch Alex versichert mir, er hätte keinen Grund zu klagen. Das Auslandsstudentenwohnheim wäre immer noch viel komfortabler als das für chinesische Studenten, die strikt nach Geschlechtern getrennt und unter denselben Zugangshürden meistens zu viert, manchmal sogar zu acht (!) in einem Zimmer untergebracht sind.
Deutsche Neiddebatten kommen mir in den Sinn. Flüchtlinge, die im Hotel untergebracht werden, während die von Hartz IV lebende alleinerziehende deutsche Mutter ihre Wohnung räumen muss, weil sie zu groß ist.
Doch Alex meint, dass die Chinesen zwar wüssten, dass die Ausländer besser untergebracht sind, darüber aber nicht weiter nachdenken und es einfach hinnehmen würden.

Es ist schon 23 Uhr, als ich mich alleine auf den Rückweg zum zuvor spontan gebuchten Hotel mache. Der Wachmann wirft mir nur wieder einen desinteressierten Blick zu, als ich das Wohnheim verlasse. Draußen fallen große Schneeflocken vom Himmel. Ich bin darüber gar nicht unglücklich. Nur die Kälte macht mir zu schaffen. Denn obwohl ich die Klimaanlage in meinem Doppelzimmer auf höchste Stufe stelle, wärmt es sich kaum auf. Selbst mit zwei Schlafanzügen und der zweiten Decke vom freien Bett ist mir nicht wirklich warm. Dennoch schlafe ich bald ein.


Ich schlage die Augen auf. Völlige Dunkelheit, die Klimaanlage summt vor sich hin. Es ist kurz nach 3 Uhr morgens. Der Jetlag hat zugeschlagen und meine ersten Eindrücke drängen sich in meine Gedanken.
Die Luft ist besser als erwartet.
Ich bin überrascht, wie modern Shanghai ist.
Der Kulturschock fällt deutlich kleiner aus als erwartet.
Chinesen nutzen ihr Smartphone exzessiv. In der U-Bahn starren alle in den Bildschirm und sind in ihrer eigenen Welt. Es ist noch viel extremer als bei uns.
Die Rolltreppen sprechen ständig mit mir, auch wenn ich es nicht verstehe.


--------------------
“The best way to describe [driving a train] is a bit like having to drive your car on ice – at 100mph – with only the handbrake to slow you down.” (McLeod et al., 2003, 2005).
    
     Link zum BeitragTop
Entenfang
  Geschrieben am: 19 Jun 2018, 11:00


Lebende Forenlegende


Status: Mitglied
Mitglied seit: 27 Aug 12
Beiträge: 4466

Alter: 24
Wohnort: München


Tag 2 Shanghai

Als der Wecker um 10 Uhr klingelt, fühlt es sich an, als wäre es noch mitten in der Nacht. Für meine innere Uhr ist es ja auch so.
Nach einem ausgiebigen Frühstück, welches hauptsächlich aus von mir importiertem deutschen Brot besteht, werfe ich einen kurzen Blick auf den Unicampus bei Tageslicht. Es schneit immer noch und über geparkten Autos hat sich eine weiße Decke ausgebreitet.
Eine Statue des großen Führers Mao prägt den Zugang.
user posted image

Anschließend machen wir uns auf den Weg zum Bahnhof.
Breite Straßen und Hochhäuser prägen den größten Teil von Shanghai.
user posted image

Überraschend viele Elektroautos, auch deutsche Marken, säuseln vorüber. Die Mehrheit der Mofas ist elektrisch angetrieben.
Auch viele Busse fahren mit Strom.
user posted image

Entlang der Hauptstraßen gibt es in der Regel einen Fahrradweg, der auch von Mofas mitbenutzt wird. Dass es allerdings so frei und problemlos befahrbar ist, kann man leider nicht als Regelfall annehmen.
user posted image

user posted image
Wir nehmen zunächst das schnellste Verkehrsmittel in chinesischen Großstädten – die U-Bahn. Vielerorts weisen Schilder den Weg zur nächsten Station.

Chinesische U-Bahnstationen bieten keine architektonischen Highlights, sie sind schlicht, funktional, auf große Fahrgastmengen ausgelegt und sehr sauber. Leider sind die Pflastersteine unglaublich rutschig, ein Feature, das ebenfalls in fast allen U-Bahnbetrieben zu finden ist.
user posted image

Auf den Rolltreppen galt anfangs „Rechts stehen, links gehen“. Davon ist man inzwischen abgekommen und informiert die Fahrgäste nicht nur über zahlreiche Piktogramme, wie man sich zu verhalten hat…
user posted image
…sondern auch durch permanente Durchsagen am jeder Rolltreppe.

Im Zwischengeschoss passiert man zunächst die Fahrkartenautomaten, an denen man sein Ziel auswählt und mit Scheinen oder Münzen bezahlen kann. In einigen Stationen gibt es auch personenbediente Verkaufsstellen, an denen man gegen ein Pfand von etwa 3€ die elektronische Public Transport Card erwerben kann, auf welche Guthaben aufgeladen wird. Sie ist der Oyster Card nachempfunden und wird inzwischen in fast jeder größeren Stadt angeboten.
Anschließend folgt eine völlig sinnlose Sicherheitskontrolle. Rucksack und Koffer sollten dort eigentlich durchleuchtet werden, doch ein Fahrgast ignoriert die Aufforderung des Wachmanns und geht unbehelligt einfach weiter.
Zuletzt muss man die Bahnsteigsperre passieren. Alle Fahrkarten sind elektronisch. Einzelfahrkarten werden am Ausgang einbehalten. Benutzt man die Chipkarte, wird automatisch das entsprechende Guthaben je nach zurückgelegter Entfernung abgebucht.

Der Preis ist für deutsche Verhältnisse unglaublich niedrig, weil staatlich hoch subventioniert. Hier ein Überblick der Preise in Yuan (1€ = 7,5 Yuan) mit Start Shanghai Railway Station.
user posted image

Die längstmögliche Strecke, die man in Shanghai mit der U-Bahn zurücklegen kann, führt von Dishui Lake nach Oriental Land. Das sind 122 km (!), für welche man rund 2h 30 min. braucht. Dafür muss man 1,90€ bezahlen. Eines ist mal klar – um das U-Bahnnetz Shanghai komplett abzufahren, muss man sich einige Tage Zeit nehmen…

Das U-Bahnnetz Shanghai weist einen hohen Anteil Durchmesserlinien auf, die durch ihren geschwungenen Verlauf in Bezug auf Umsteigevorgänge sehr angenehm sind, weil fast jede andere Linie mit nur einem Umstieg erreicht werden kann.

Der überwiegende Teil des innenstadtnahen Netzes verläuft unterirdisch. Erfreulicherweise trifft das nicht auf den westlichen Teil der Ringlinie 4 zu, die aufgeständert verkehrt und einen Blick auf das Stadtbild erlaubt.
Abstellbahnhof
user posted image

user posted image
Hier wird der eintönige Hochhausdschungel durch das Riesenrad einer Shopping Mall aufgelockert. Es ist schier unglaublich, in welcher Dichte riesige Shopping Malls in Shanghai zu finden sind…
    
     Link zum BeitragTop
Entenfang
  Geschrieben am: 19 Jun 2018, 11:00


Lebende Forenlegende


Status: Mitglied
Mitglied seit: 27 Aug 12
Beiträge: 4466

Alter: 24
Wohnort: München


user posted image
Ein Siemens AC05-Zug rollt auf der Linie 4 an den Bahnsteig. Daneben steht ein AC03-Zug von Alstom bereit, um auf der Linie 3 eingesetzt zu werden.

In den meisten Zügen wird auf dem Linienband der Fahrtverlauf sowie die Ausstiegsseite angezeigt.
user posted image

Am Bahnhof sind wir das Objekt der Begierde und einige Chinesen fotografieren uns ganz ungeniert, während wir uns in die Schlange am Fahrkartenschalter stellen.
Wir haben alle unsere Züge bereits online gebucht. Wie man an der verbliebenen Anzahl an Sitzplätzen in den Zügen der nächsten Tage sehen kann, sicher keine schlechte Idee.
user posted image

Nach wenigen Minuten sind wir dran und reichen eine Buchungsnummer nach der anderen an den Mitarbeiter. Die hinter uns Anstehenden werden irgendwann ungeduldig, weil wir einen ganzen Stapel Fahrkarten abholen.
Als wir endlich den Fahrkartenbereich verlassen, ist das Wetter unverändert nasskalt.
user posted image

Zwei Chinesinnen rennen uns hinterher und bitten uns um ein Selfie. Sie kichern herum und man merkt, dass es ihnen superpeinlich ist. Aber Chinesinnen finden Europäer im Allgemeinen toll, also kann man ja mal fragen…
Sie verpassen sich selbst noch alberne digitale Katzenschnurrhaare, dann wird abgedrückt.

Mangels Motivation, draußen herumzulaufen, befragen wir die chinesische Variante von Google Maps (= Dianping Maps) nach einer geeigneten Busverbindung. Ich nehme die geringe Geschwindigkeit gerne in Kauf, wenn ich dafür ein bisschen rausgucken kann.

Zielsicher lotst sie uns zur richtigen Halteposition. Dafür müssen wir zunächst zurück in das Zwischengeschoss.
Der Fahrplan der U-Bahn ist in China üblicherweise sehr übersichtlich. Abfahrtsminuten werden nicht angegeben, nur der erste und letzte Zug.
user posted image
Sofort fällt ins Auge, dass der Betriebsschluss für eine Megastadt wie Shanghai sehr früh ist. Nachtleben ist in China noch nicht sehr weit verbreitet.

Ausnahmsweise gibt es bunte Akzente im Zwischengeschoss
user posted image

Trübe Aussichten
user posted image

Ah, hier hält der 930er.
user posted image
Die Busse stammen von Sunwin, einem Joint-Venture aus der chinesischen Firma SAIC und Volvo – unschwer am Logo zu erkennen.

Innenraum
user posted image
Alle Busse haben Begleitpersonal (Arbeitsplatz rechts im Bild). In Shanghai sind sie für das Kassieren zuständig. Wir benutzen einfach unsere Chipkarte. Auch wenn es in China in der Regel keine Verkehrsverbünde gibt, kann man das aufgeladene Guthaben zumindest in allen Stadtverkehrsmitteln nutzen. Bei einem Fahrpreis von 25 Cent ist die zusätzliche Abbuchung verschmerzbar.
Der Bus füllt sich etwas, doch bei der Abfahrt sind noch immer Sitzplätze frei. In eher gemächlichem Tempo rollen wir durch die breiten Straßen, doch Shanghai hat erstaunlich flüssigen Verkehr und verhältnismäßig geringe Stauprobleme.
Bei der Anfahrt an jede Haltestelle hält die Busbegleiterin eine rote Fahne aus dem Fenster. Es gibt sogar Haltestellenansagen auf Englisch, die allerdings nur wenig besser zu verstehen sind als die Chinesischen. Wir verlassen uns lieber auf das GPS (und ich auf Alex Ortskenntnis).

Die Aushänge an den Haltestellen sind jedoch generell nur auf Chinesisch.
user posted image
Bei der Linie 310 handelt es sich wohl um einen Nachtbus, der sogar exakte Abfahrtszeiten besitzt. Man beachte die Schreibweise 24:13 Uhr.
    
     Link zum BeitragTop
Entenfang
  Geschrieben am: 19 Jun 2018, 11:01


Lebende Forenlegende


Status: Mitglied
Mitglied seit: 27 Aug 12
Beiträge: 4466

Alter: 24
Wohnort: München


Wir steigen in der Nähe des People´s Square aus.
Sehr typisch sind die Absperrungen in der Straßenmitte, um Fußgänger vom Queren abzuhalten. Dafür gibt es häufig Über- oder Unterführungen.
user posted image

Ein sehr seltener Anblick dagegen ist in China eine Kirche. Religiöse Gebäude sind dort längst nicht so präsent wie bei uns.
Es ist nicht ganz einfach, glaubwürdige Zahlen über die Verteilung der Religionen zu bekommen. Offiziell anerkannt werden nur fünf Religionen: Buddhismus, Daoismus, Islam sowie Katholiken und Protestanten.
Bei einem späteren Gespräch mit einem Einheimischen wurde ein Anteil von 60% Buddhisten und 10% Taoisten genannt.
Er war sichtlich überrascht, dass in Deutschland der größte Anteil mit über 1/3 Atheisten sind.

user posted image
Mit knapp 3000 Fahrzeugen stellt Daewoo rund die Hälfte der Stadtbusse in Shanghai.

Das Mittagessen nehmen wir in einer nahen Mall ein. Es gibt Wan Tan, die Maultaschen ähneln, mit Erdnuss-Sesam-Soße.

Anschließend suchen wir das Shanghai Museum auf, welches angesichts des Wetters und des freien Eintritts gut besucht ist. Bei der Sicherheitskontrolle wird zunächst das Buttermesser beanstandet, aber wir werden dann doch durchgewunken. Leider ist den Ausstellungsobjekten nur wenig Text beigegeben. Bald treffen wir eine andere Auslandsstudentin und verquatschen die ganze Zeit bis zur Sperrstunde.
Um 17:00 Uhr schließt das Museum und bereits eine Viertelstunde vorher beginnen die unzähligen Wachmänner, die Besucher zum Verlassen des Gebäudes aufzufordern.

Es schneit kräftig, als wir wieder in die Kälte treten.
user posted image

Eine wahre Armee an Wachmännern verlässt den sozialistischen Museumsbau.
user posted image
Nicht nur in der U-Bahn ist das Pflaster furchtbar rutschig, sondern durch den Schneematsch auch der Fußweg.

In Shanghai schneit es nur selten, daher schießen viele Chinesen begeistert Selfies. Da es keine Schneeschaufeln gibt, werden spontan irgendwelche Schilder umfunktioniert.
user posted image

user posted image

user posted image
Ein sehr typisches Bild, das überall entstanden sein könnte. Der öffentliche Straßenraum ist flächendeckend videoüberwacht. Big Brother lässt grüßen.

Nach kurzer Suche finden wir die Obus-BRT-Linie 71, welche unter einer aufgeständerten Schnellstraße verläuft.
user posted image

user posted image

Auf den normalen Buslinien werden ausschließlich Standardbusse eingesetzt. Nur auf der BRT-Linie kommen viertürige Gelenker zum Einsatz, die mit Türen auf der linken Seite für Mittelbahnsteige ausgelegt sind.
Einsteigen soll man nur an der ersten und vierten Türe.
user posted image

Doch die Fahrt über zwei Haltestellen zieht sich, weil der Bus kurz vor der Endstation keine eigene Trasse hat und ewig an einer Ampel warten muss.
    
     Link zum BeitragTop
Entenfang
  Geschrieben am: 19 Jun 2018, 11:01


Lebende Forenlegende


Status: Mitglied
Mitglied seit: 27 Aug 12
Beiträge: 4466

Alter: 24
Wohnort: München


Eine der bekanntesten Orte in Shanghai ist der Bund mit Blick auf das moderne Viertel Pudong. Doch an diesem trüben Abend beißt der Wind und die Sicht ist auch eher bescheiden…
user posted image

…sodass wir flott in die nächste Shopping Mall flüchten, die es hier an gefühlt jeder dritten Straßenkreuzung gibt. Und die Dimensionen dieser Malls erst…
user posted image
Es gibt die gleichen Marken zu denselben Preisen wie bei uns auch und dementsprechend leer sind die Geschäfte. Da die Löhne aber sehr niedrig sind, lohnt es sich vermutlich für die Modeketten trotzdem.

Das Abendessen fällt sehr üppig aus und mit 25€ pro Nase wird es das teuerste unserer ganzen Reise. Doch dafür gibt es All you can eat und All you can drink. Ganz einig werden wir uns mit den Kommilitonen nicht, ob der Kiwisaft nun nach Knoblauch schmeckt oder nicht. Aber wir sind uns doch sehr sicher, dass da jemand Ingwer mit Knoblauch verwechselt hat.

Für das frisch zubereitete Fleisch wird er jedenfalls exzessiv verwendet.
user posted image
Für 7 Leute wird das Knoblauchfach ganz links dreimal nachgefüllt…

Als ich das Bild aufgenommen habe, sind wir schon beim Nachtisch angelangt. Es gibt flambierte Banane mit Vanilleeis. Also dann, Feuer Marsch!
user posted image

--------------------
“The best way to describe [driving a train] is a bit like having to drive your car on ice – at 100mph – with only the handbrake to slow you down.” (McLeod et al., 2003, 2005).
    
     Link zum BeitragTop
Oliver-BergamLaim
  Geschrieben am: 19 Jun 2018, 13:45


Lebende Forenlegende


Status: Mitglied
Mitglied seit: 26 Nov 04
Beiträge: 6081

Alter: 34
Wohnort: München


QUOTE (Entenfang @ 18 Jun 2018, 12:55)
Der Nacktscanner an der Sicherheitskontrolle ist mir ebenso neu wie die Aufforderung, die Schuhe auszuziehen.

Hattest Du vielleicht besonders schwere oder große Winterschuhe/-stiefel an? Die muss man bisweilen auf Aufforderung ausziehen. Ansonsten musste ich am Münchner Flughafen noch nie, auch nicht in der letzten Zeit, die Schuhe ausziehen (normale Sneakers oder Halbschuhe).

QUOTE (Entenfang @ 18 Jun 2018, 12:55)
Die Auslastung beträgt nicht mal ein Drittel, so ein leeres Flugzeug habe ich noch nie gesehen.

Wenn ich es richtig verstanden habe, bist Du im Januar geflogen. Januar und Februar sind für europäische Airlines schon immer die mit Abstand schwächsten Monate gewesen - es ist einfach keine klassische Reisezeit (weil jeder grade 2 Wochen Weihnachtsurlaub hatte, und es im Januar und Februar ohnehin überall in Europa bzw. nördlich der Tropen/Subtropen überall weltweit zu kalt ist zum Reisen). Flugzeuge, die zu zwei Dritteln leer rumfliegen, sind da keine Seltenheit, denn die laufenden Betriebs- und Instandhaltungskosten müssen natürlich trotzdem irgendwie bestmöglich getragen werden, sprich die Kisten müssen in die Luft. Dafür sind sie dann aber im Regelfall auch den Rest des Jahres gut bis sehr gut gefüllt. Ich kann mich noch an einen Lufthansa-Flug München-Kiew und zurück im Februar erinnern, der war auch zu zwei Dritteln leer, aber man kann halt nicht eben mal den Großteil der Flotte für 2 Monate grounden und die Hälfte der Beschäftigten in 2 Monate Zwangsurlaub schicken.

QUOTE (Entenfang @ 18 Jun 2018, 12:55)
Bereits beim Start am Flughafen sind alle Sitzplätze belegt. Die Fahrzeuge sind eher auf hohe Kapazität denn auf viele Sitzplätze ausgelegt.

So wenig Sitzplätze sind das jetzt auf dem Foto aber gar nicht - ich meine nicht die freien, sondern insgesamt. Zwischen den Türen sind ja auf beiden Seiten überall Längsbänke. Das ist die übliche Bestuhlung in vielen Systemen weltweit, z.B. bei einem Großteil der Flotte in New York und bei vielen Betrieben der ehemaligen Sowjetunion (z.B. Moskau, St. Petersburg und Kiew). Den Luxus von gemütlichen 4er-Sitzgruppen in Querbestuhlung gönnt man sich nur in sehr wenigen Betrieben außerhalb Deutschlands bzw. Europas, München ist in dem Fall nicht repräsentativ.

QUOTE (Entenfang @ 18 Jun 2018, 12:55)
Ich bin überrascht, wie modern Shanghai ist.
Der Kulturschock fällt deutlich kleiner aus als erwartet.

Das überrascht mich jetzt ehrlich gesagt recht wenig wink.gif mir ist bei meinen Reisen gerade in den letzten 3 bis 5 Jahren ganz krass aufgefallen, dass es so etwas wie einen richtigen Kulturschock eigentlich mittlerweile kaum mehr gibt, weil sich der Alltag in fast allen Ländern weltweit immer mehr angleicht. Bedingt durch Smartphones und neue Technologien, aber auch Angleichung weltweiter Standards. Ein Daewoo-Niederflurbus sieht halt dann auch nicht mehr so viel anders aus als einer von einem europäischen Hersteller, die Supermärkte, Minimärkte und Shopping Malls sind auch überall das gleiche, die anderen Schriftzeichen schocken einen irgendwie auch nicht mehr, wie oft hat man die schon irgendwo auf Bildern gesehen. Stäbchen? Liegen in jedem China-Restaurant in Deutschland auch auf dem Tisch. wink.gif Und die Leute? Mei, wie viele Chinesen, Koreaner, Japaner sieht man als Münchner jeden Tag durch die Fußgängerzone laufen oder sitzen mit einem im Bus von Berchtesgaden zum Königseee.

Ich war letztes Jahr z.B. auf den Philippinen. Und war überrascht, wie wenig das eigentlich ein Kulturschock ist. Man findet sich sofort zurecht, so viel anders als in Deutschland, Europa, den USA oder im Rest der Welt funktionieren die Sachen nicht. Im Supermarkt stehen Chips von deutschen und Eistee von österreichischen Herstellern, das Pulver-Päckchen zur Zubereitung des Nationalgerichts Sinigang kommt von der lokalen Dependance eines bekannten deutschen Lebensmittel-Großkonzerns. Das wundert mich aber nicht mehr, schon vor 5 Jahren gab es in den Supermärkten in der tiefsten rumänischen Provinz kaum noch einen anderen Fruchtsaft als den eines deutschen Herstellers.

Das Exotischste am Reisen ist mittlerweile einfach leider oft, dass man einen Adapterstecker für die Steckdose braucht.

QUOTE (Entenfang @ 19 Jun 2018, 12:00)
Hier wird der eintönige Hochhausdschungel durch das Riesenrad einer Shopping Mall aufgelockert. Es ist schier unglaublich, in welcher Dichte riesige Shopping Malls in Shanghai zu finden sind…

Eintöniger Hochhausdschungel - das trifft es sehr gut. Ich bin überrascht, wie gesichtslos und beliebig austauschbar Shanghai tatsächlich in weiten Teilen aussieht - auf Deinen Bildern wird es leider noch durch das graue Regenwetter verstärkt. Im Vergleich dazu sind wir in Europa ja wirklich mit einer schier unendlichen Fülle an historischer Architektur und angenehmen, hübschen Stadtzentren gesegnet - nicht nur in Kleinstädten, aber auch in den meisten Großstädten Europas. Das ist auch der Grund, warum sich die Chinesen z.B. das österreichische Hallstadt als 1:1-Kopie nachgebaut haben.

Ein Wort zur Dichte an Shopping Malls: in vielen Ländern außerhalb der westlichen Welt sind die leider die einzige Möglichkeit, sich als Fußgänger oder mit Freunden oder der Familie geschützt vor Witterung (je nach Land Winterkälte / Sommerhitze / Tropenhitze / Monsunregen) und geschützt vor dem brutalen Straßenverkehr (Fußgängerwege sind z.B. in einem Großteil von Manila unbekannt) zu treffen, einigermaßen entspannt zu spazieren und nebenbei noch etwas essen oder trinken zu gehen. Die Malls übernehmen praktisch die Funktion, die bei uns Fußgängerzonen, Biergärten und Stadtparks innehaben. In manchen 12-Millionen-Metropolen wie Manila sind öffentliche Stadtparks fast völlig unbekannt. Die wenigen, die es gibt, gehören entweder zu Shopping Malls oder sind privat betrieben und eintrittspflichtig und nur zu bestimmten Öffnungszeiten zugänglich, und sind insbesondere abends nach Büroschluss schon zu. Also geht man eben in die Mall.

Darum findet man in vielen asiatischen Großstädten Einkaufszentren an fast jeder größeren Kreuzung oder U-Bahn-Station.

Um es mal auf den Punkt zu bringen: je mehr ich von der Welt außerhalb Europas sehe, desto besser gefällt mir Europa und desto dankbarer bin ich für all die Annehmlichkeiten, die wir hier im Alltag und auf innereuropäischen Reisen gewohnt sind.

QUOTE (Entenfang @ 19 Jun 2018, 12:00)
Der Fahrplan der U-Bahn ist in China üblicherweise sehr übersichtlich. Abfahrtsminuten werden nicht angegeben, nur der erste und letzte Zug.

Das ist z.B. auch in Betrieben der Ex-Sowjetunion so üblich, etwa in Kiew.
Beim frühen Betriebsschluß der U-Bahn muß ich an Paris denken. Bei meinem Besuch dort im Jahr 2005 war an allen Betriebstagen auf allen Metrolinien um kurz vor 0 Uhr Betriebsschluß. Ob sich das mittlerweile geändert hat, weiß ich nicht.

QUOTE (Entenfang @ 19 Jun 2018, 12:01)
Eine der bekanntesten Orte in Shanghai ist der Bund mit Blick auf das moderne Viertel Pudong. Doch an diesem trüben Abend beißt der Wind und die Sicht ist auch eher bescheiden…

Sicher trübt die eingeschränkte Sicht das Bild, aber... sooo toll wie man sich das früher immer ausgemalt hat, sieht der Blick jetzt wirklich nicht aus.

Eigentlich gibt es auch nur zwei Hochhauspanoramas weltweit, die mich wirklich begeistert haben - Platz 1 mit Abstand Hong Kong (wegen des Hafens dazwischen, und der Berge im Hintergrund der Hochhäuser), Platz 2 New York City (wegen der schieren Anzahl an hohen Gebäuden auf einer so schmalen Insel). Alles andere an Hochhäusern reißt einen letztlich nicht vom Hocker, egal ob es Chicago, Frankfurt/M., Manila, Moskau oder San Francisco ist.

Bearbeitet von Oliver-BergamLaim am 19 Jun 2018, 13:54
    
     Link zum BeitragTop
Catracho
  Geschrieben am: 19 Jun 2018, 15:02


Lebende Forenlegende


Status: Mitglied
Mitglied seit: 26 Apr 06
Beiträge: 2821

Alter: 34



QUOTE (Oliver-BergamLaim @ 19 Jun 2018, 14:45)
Ein Wort zur Dichte an Shopping Malls: in vielen Ländern außerhalb der westlichen Welt sind die leider die einzige Möglichkeit, sich als Fußgänger oder mit Freunden oder der Familie geschützt vor Witterung (je nach Land Winterkälte / Sommerhitze / Tropenhitze / Monsunregen) und geschützt vor dem brutalen Straßenverkehr (Fußgängerwege sind z.B. in einem Großteil von Manila unbekannt) zu treffen, einigermaßen entspannt zu spazieren und nebenbei noch etwas essen oder trinken zu gehen. Die Malls übernehmen praktisch die Funktion, die bei uns Fußgängerzonen, Biergärten und Stadtparks innehaben. In manchen 12-Millionen-Metropolen wie Manila sind öffentliche Stadtparks fast völlig unbekannt. Die wenigen, die es gibt, gehören entweder zu Shopping Malls oder sind privat betrieben und eintrittspflichtig und nur zu bestimmten Öffnungszeiten zugänglich, und sind insbesondere abends nach Büroschluss schon zu. Also geht man eben in die Mall.

Es sind nicht nur die Wetterverhältnisse und der Straßenverkehr. In vielen Ländern ist es auch der Schutz vor Kriminalität. Durch viel Wachpersonal, flächendeckende Videoüberwachung und hohe Besucherdichte ist der Aufenthalt in einer Mall erheblich sicherer, als im Freien. Erst Recht nach Einbruch der Dunkelheit.

Mfg
Catracho

--------------------
Theirs not to reason why, theirs but to do and die. - Alfred Tennyson
    
     Link zum BeitragTop
Jojo423
  Geschrieben am: 19 Jun 2018, 15:34


Lebende Forenlegende


Status: Mitglied
Mitglied seit: 21 Nov 06
Beiträge: 3255

Wohnort: München bei Pasing


Super interessanter Beitrag. Da bekommt man gleich Fernweh! smile.gif

--------------------
Viele Grüße

Jojo423
BC 50 + Sixt Gold
    
     Link zum BeitragTop
Entenfang
  Geschrieben am: 20 Jun 2018, 21:04


Lebende Forenlegende


Status: Mitglied
Mitglied seit: 27 Aug 12
Beiträge: 4466

Alter: 24
Wohnort: München


Wie ich sehe, besteht reger Diskussionsbedarf, das freut mich! smile.gif

QUOTE (Oliver-BergamLaim @ 19 Jun 2018, 14:45)
Hattest Du vielleicht besonders schwere oder große Winterschuhe/-stiefel an? Die muss man bisweilen auf Aufforderung ausziehen.

Klar, es war ja mitten im Winter. Eigentlich musste jeder seine Schuhe ausziehen, die aber natürlich auch überwiegend winterlich waren.


QUOTE
Wenn ich es richtig verstanden habe, bist Du im Januar geflogen. Januar und Februar sind für europäische Airlines schon immer die mit Abstand schwächsten Monate gewesen - es ist einfach keine klassische Reisezeit (weil jeder grade 2 Wochen Weihnachtsurlaub hatte, und es im Januar und Februar ohnehin überall in Europa bzw. nördlich der Tropen/Subtropen überall weltweit zu kalt ist zum Reisen).

Richtig und ich habe mir die Erklärung schon so ähnlich gedacht. Kam mir natürlich durch den günstigen Preis (550€ hin mit Lufthansa und zurück mit Air China, jeweils direkt) sehr gelegen.


QUOTE
So wenig Sitzplätze sind das jetzt auf dem Foto aber gar nicht - ich meine nicht die freien, sondern insgesamt. Zwischen den Türen sind ja auf beiden Seiten überall Längsbänke. Das ist die übliche Bestuhlung in vielen Systemen weltweit

Was man nicht sieht, im Bereich der Wagenübergänge (also da, wo in München im C-Zug die drei Längssitze sind) gibt es in China meistens keine Sitze.

QUOTE
QUOTE (Entenfang @ 18 Jun 2018, 12:55)
Ich bin überrascht, wie modern Shanghai ist.
Der Kulturschock fällt deutlich kleiner aus als erwartet.

Das überrascht mich jetzt ehrlich gesagt recht wenig wink.gif mir ist bei meinen Reisen gerade in den letzten 3 bis 5 Jahren ganz krass aufgefallen, dass es so etwas wie einen richtigen Kulturschock eigentlich mittlerweile kaum mehr gibt, weil sich der Alltag in fast allen Ländern weltweit immer mehr angleicht. Bedingt durch Smartphones und neue Technologien, aber auch Angleichung weltweiter Standards. Ein Daewoo-Niederflurbus sieht halt dann auch nicht mehr so viel anders aus als einer von einem europäischen Hersteller, die Supermärkte, Minimärkte und Shopping Malls sind auch überall das gleiche, die anderen Schriftzeichen schocken einen irgendwie auch nicht mehr, wie oft hat man die schon irgendwo auf Bildern gesehen. Stäbchen? Liegen in jedem China-Restaurant in Deutschland auch auf dem Tisch. wink.gif Und die Leute? Mei, wie viele Chinesen, Koreaner, Japaner sieht man als Münchner jeden Tag durch die Fußgängerzone laufen oder sitzen mit einem im Bus von Berchtesgaden zum Königseee.

Einigem kann ich so nicht zustimmen. Indien 2012 war schon ein ordentlicher Kulturschock - gut, war auch meine erste außereuropäische Reise, auch Marokko war nicht ganz ohne und für dich vielleicht überraschend - die Ukraine durchaus auch, vor allem für meinen Mitreisenden.
Es gibt wohl zwei wesentliche Faktoren, die zur Dämpfung des Kulturschocks auf dieser Reise beigetragen haben:
1. Der Startpunkt Shanghai, einer vergleichsweise westlichen Stadt.
2. Wenn man jemanden kennt, der sich schon 5 Monate in China zurechtgefunden hat und bisschen Chinesisch kann, ist das Reisen natürlich viel entspannter.
Auch Smartphone lasse ich so nicht allgemeingültig stehen - während in den chinesischen Metropolen zwar jeder eines hat, sieht das auf dem Land schon wieder anders aus und in Marokko gibt es derer nur sehr wenige. Außerdem reicht das Smartphone alleine nicht. Man braucht auch die richtigen Apps, weil ja in China so manches geblockt ist und auch nicht alle VPN funktionieren. Ich wäre nie im Leben drauf gekommen, mir vor dem Abflug Dianping Maps zu installieren. Google Maps funktioniert natürlich nicht und als mit Alex vor Ort die App empfohlen hat, wollte ich sie im Play Store runterladen. Hat – oh Wunder – natürlich nicht funktioniert. Auch der chinesische App Store ging bei mir nicht. Man muss also
1. Die richtigen Apps kennen
2. Sie auch installieren können.

Und weltweiter Standard, naja. Der Lebensstil in Deutschland ist doch anders als in Tschechien oder Italien und völlig anders als in Marokko oder China. Im Laufe der nächsten Tage werde ich noch weitere Beispiele bringen. Und ja, es gibt in Chinas Metropolen unglaublich viele Burgerking, McDonalds, Subway, Pizza Hut und Starbucks. Ich würde aber sagen, dass sie in China (schon allein aufgrund des Preisniveaus) nahezu ausschließlich von weltgewandten, überdurchschnittlich gut gebildeten und verdienenden Menschen genutzt werden. In Deutschland würde ich es eher umgekehrt beschreiben –überdurchschnittlich gebildete Menschen trinken eher den Fairtrade-Kaffee im alternativen Laden um die Ecke als bei Starbucks.
Mal die Frage in die Runde, ob ihr mir in Bezug auf Deutschland zustimmen würdet oder eher abweichende Beobachtungen gemacht hat?
Das ist meiner Ansicht nach der wesentliche Unterschied zu Deutschland – westliche Ketten sind in China zurzeit vor allem bei jungen Leuten einfach sehr „in“.

In Bezug auf ÖPNV stimme ich dir im Vergleich Deutschland - China zu, da sind die Unterschiede nicht allzu groß. Wohl aber der Unterschied Deutschland - Indien oder - Marokko.
Westliche Supermärkte sind in China vergleichsweise selten und meistens im Keller der Malls zu finden. Aber die Malldichte ist nur in den großen Metropolen so extrem und Shanghai ist definitiv die westlichste Stadt in Festlandchina auf der Reise. Eine Mall in Changsha hat ein deutlich abweichendes Angebot und auch keinen westlichen Supermarkt. Ich stimme dir auch bei der Aussage "Malls sind alle gleich" absolut zu, deswegen meide ich sie auch, wann immer es geht. Aber manchmal sucht man dann eben doch ein westliches Produkt und so landet man halt doch drin...
Minimarkets gibt es tatsächlich zuhauf. In Shanghai heißt die Kette Familiy Mart und man läuft eigentlich nie weiter als 500 m bis zur nächsten Filiale. Teilweise gibt es in größeren Gebäuden sogar mehrere Filialen. Das angebotene Sortiment würde ich eher mit Rewe to go vergleichen als mit einem richtigen Supermarkt. Dennoch gibt es (wie bei uns auch) Einflüsse fremder Kulturen. Die Lindt-Schokolade kostet aber im Familiy Mart fast 3x so viel wie bei uns!

Der Anblick der Schriftzeichen schockt vielleicht nicht auf den ersten Blick. Das siehst du aber anders, wenn du die Speisekarte nur auf Chinesisch und ohne Bildchen vorgesetzt bekommst und niemand weit und breit auch nur ein Wort Englisch spricht.

Zwar liegen in Deutschland Stäbchen aus, aber meiner Beobachtung nach nutzt die erstens kaum jemand und zweitens bleibt immer noch das Besteck als Rückfallebene, wenn man nicht zurechtkommt. Die gibt es in China üblicherweise nicht.

Klar sieht man in Deutschland viele Ausländer und ihr Anblick ist nichts Ungewöhnliches. Umgekehrt ist das aber in China absolut unzutreffend – die Menschenmasse ist selbst im vermeintlich internationalen Shanghai außerordentlich homogen und Ausländer ein sehr seltener Anblick. Aus diesem Grund steht man auch immer unter Beobachtung. Und man darf auch nicht vergessen, dass die weit überwiegende Mehrheit der chinesischen Bevölkerung weder jemals ihr Land verlassen hat noch ein Wort Englisch spricht.

QUOTE
Das Exotischste am Reisen ist mittlerweile einfach leider oft, dass man einen Adapterstecker für die Steckdose braucht.

Sehe ich ganz klar anders und auch für China.

QUOTE
Eintöniger Hochhausdschungel - das trifft es sehr gut.
[…] Im Vergleich dazu sind wir in Europa ja wirklich mit einer schier unendlichen Fülle an historischer Architektur und angenehmen, hübschen Stadtzentren gesegnet - nicht nur in Kleinstädten, aber auch in den meisten Großstädten Europas.

Richtig und ein Grund, weswegen Chinesen so sehr von Europa begeistert sind.

QUOTE
Ein Wort zur Dichte an Shopping Malls: in vielen Ländern außerhalb der westlichen Welt sind die leider die einzige Möglichkeit, sich als Fußgänger oder mit Freunden oder der Familie geschützt vor Witterung (je nach Land Winterkälte / Sommerhitze / Tropenhitze / Monsunregen) und geschützt vor dem brutalen Straßenverkehr (Fußgängerwege sind z.B. in einem Großteil von Manila unbekannt) zu treffen, einigermaßen entspannt zu spazieren und nebenbei noch etwas essen oder trinken zu gehen.

Gegenbeispiel: In Marokko gibt es auch keine Fußwege und sehr heiße Sommer und dennoch ist die Mall-Dichte extrem gering. Muss also noch andere Gründe geben.

QUOTE
Um es mal auf den Punkt zu bringen: je mehr ich von der Welt außerhalb Europas sehe, desto besser gefällt mir Europa und desto dankbarer bin ich für all die Annehmlichkeiten, die wir hier im Alltag und auf innereuropäischen Reisen gewohnt sind.

Und hier möchte ich dir uneingeschränkt zustimmen, auch dazu kommt noch mehr.


QUOTE
Sicher trübt die eingeschränkte Sicht das Bild, aber... sooo toll wie man sich das früher immer ausgemalt hat, sieht der Blick jetzt wirklich nicht aus.

Vielleicht kann dich der heutige Tag vom Gegenteil überzeugen.

Eins würde mich noch interessieren: Warst du schon mal in Festlandchina (nicht Hongkong) und wenn ja, wann und in welchen Städten?



QUOTE (Catracho @ 19 Jun 2018, 16:02)
Es sind nicht nur die Wetterverhältnisse und der Straßenverkehr. In vielen Ländern ist es auch der Schutz vor Kriminalität. Durch viel Wachpersonal, flächendeckende Videoüberwachung und hohe Besucherdichte ist der Aufenthalt in einer Mall erheblich sicherer, als im Freien. Erst Recht nach Einbruch der Dunkelheit.

Aber ganz sicher nicht in China. Ich würde sagen, dass es eines der sichersten Reiseländer überhaupt ist, angesichts der unzähligen Wachmänner und Polizisten überall...


Tag 3 Shanghai

Ich spüre den Jetlag immer noch deutlich. Heute ist es klar, aber sehr kalt. Es ist erstaunlich viel Schnee liegen geblieben und so kann ich Shanghai bei Minusgraden im Schneezauber erleben. Dafür kommt, wie gestern auch, die Skihose zum Einsatz. Das Wasser fülle ich in die Thermoskanne, die ich noch am Tag der Abreise daheim gekauft habe.
user posted image

An der Sicherheitskontrolle der U-Bahn beobachte ich, wie ein Wachmann eine Frau bittet, ihren Rucksack durchleuchten zu lassen. Doch die ignoriert ihn und geht weiter. Er streckt den Arm aus, um ihr den Weg zu versperren. Sie schiebt den Arm beiseite und geht eiskalt weiter. So viel zum Thema Sinnhaftigkeit der Sicherheitskontrolle.

Am Ausgang landen wir unbeabsichtigt in einer weiteren Mall.
user posted image

Nun steht die Französische Konzession auf dem Besichtigungsplan.
user posted image

Sie stellt einen gewaltigen Kontrast zu den modernen Wolkenkratzern und den eintönigen Hochhäusern dar. Die zahlreichen kleinen Garküchen verströmen einen verführerischen Duft.
user posted image

Wir nutzen die Gelegenheit, einen kleinen Snack mitzunehmen. Es handelt sich um ein ziemlich dünnes und scharfes, aber sehr leckeres Fladenbrot.
user posted image
Die Schärfe führt dazu, dass sich meine Halbliter-Thermoskanne viel zu schnell leert. Man kann sich vorstellen, wie angenehm es ist, das draußen gelagerte Wasser zu trinken…

Fassade im Detail
user posted image

Klinkerbauten – wäre da nicht die Ampel, könnte man fast meinen, das Bild wäre in Norddeutschland entstanden.
user posted image

Auch dieser Anblick entspricht so gar nicht meiner Vorstellung von Shanghai
user posted image

Gartenmauer einer Villa in Solln.
user posted image

Nein. Stop!
user posted image
    
     Link zum BeitragTop
Entenfang
  Geschrieben am: 20 Jun 2018, 21:05


Lebende Forenlegende


Status: Mitglied
Mitglied seit: 27 Aug 12
Beiträge: 4466

Alter: 24
Wohnort: München


Braucht man auf die Schnelle ein Fahrrad…
user posted image

…ist die Auswahl beachtlich. Aber ich entdecke Oberleitungen und schlage eine Fahrt mit dem Obus vor.
user posted image

„Ich kann dir schon raussuchen, welche Linien hier abfahren. Aber woher wissen wir, auf welcher Liniennummer Obusse fahren?“
Entenfang hat vorgesorgt und zieht den Zettel heraus, auf dem die Obuslinien stehen. Eine Übersicht gibt es im Wikipedia-Artikel.

„Hmm, ich kann dir nur sagen, dass im Ziel der Linie 15 die Zeichen für Shanghai vorkommen. Aber was der Rest bedeutet, weiß ich nicht.“
Kurzer Abgleich mit meiner Liste, der Eintrag auf Wikipedia scheint zu stimmen und das Ziel heißt Shanghai Stadium.

Wartezeit verknipsen
user posted image
Wow, das Ziel steht sogar auf Englisch drauf. Nur leider ist es unmöglich zu lesen.

Ein Fahrzeug in ungewohnter Farbgebung
user posted image

Die Straße bietet Busfahrern eine besondere Herausforderung. Die auf die Straße ragenden Äste machen den rechten Fahrstreifen für Busse weitgehend unpassierbar. Also müssen sie zwischen dem rechten und dem linken Fahrstreifen Slalom fahren, um die Haltestellen anzufahren und Linksabbieger zu umfahren.

Und da kommt das gewünschte Fahrzeug. Obusse bieten in Shanghai einen für den chinesischen Busverkehr sehr ungewohnten Komfort: Eine Klimaanlage. Beim Betrachten dieser Bilder ist es kaum zu glauben, dass das Thermometer im Hochsommer die 40°-Marke überschreitet…
user posted image

Ein paar Haltestellen weiter bietet sich ein völlig anderer Anblick. Verschneite Blumen…
user posted image

…und festgefrorene Rolltreppen…
user posted image
    
     Link zum BeitragTop
Entenfang
  Geschrieben am: 20 Jun 2018, 21:06


Lebende Forenlegende


Status: Mitglied
Mitglied seit: 27 Aug 12
Beiträge: 4466

Alter: 24
Wohnort: München


…inmitten von Architektur, die von brachial…
user posted image

user posted image

…bis modern beton-glasig reicht.
user posted image

user posted image

Westliche Ketten wie McDonalds, Burgerking, KFC, Pizza Hut, Starbucks und Subway sind in den Metropolen sehr weit verbreitet und bei der jungen Generation ziemlich beliebt.

Umspült von einer endlosen Blechlawine, verrichtet ein Straßenkehrer seinen Dienst.
user posted image


Wir nehmen die U-Bahnlinie 1, auf welcher die ältesten Fahrzeuge, hergestellt von einem Konsortium aus Siemens und AEG, verkehren.

Dass die Züge ein paar Jahre älter sind, merkt man auf den ersten Blick.
user posted image

Ein äußerst ungewohnter Anblick, den es in mehreren chinesischen U-Bahnbetrieben gibt, ist dieser hier:
user posted image

Auch wenn es auf dem Bild nur schwer zu erkennen ist, handelt es sich um Werbung, die auf Bildschirmen während der Fahrt durch den Tunnel abgespielt wird. Die Geschwindigkeit des Werbefilms wird dabei an die Beschleunigungs- und Bremsvorgänge des Zuges angepasst. Meistens gelingt das ziemlich gut. Man mag sich gar nicht vorstellen, wie viele Tausend Bildschirme nebeneinander verbaut sein müssen, um einen Film von einer halben Minute abzuspielen, wenn der Zug mit Höchstgeschwindigkeit durch den Tunnel rauscht…

Außerdem fällt mir auf, wie schnell die Chinesen reagieren, wenn irgendwo ein Sitzplatz frei wird. Da könnte man meinen, die sind so sehr in ihr Handy vertieft, dass sie nichts mehr mitbekommen und man sich ganz entspannt hinsetzen kann. Eine fatale Fehleinschätzung.

user posted image
Die attraktive Deckenverkleidung hat man sich wohl von der Münchner Stammstrecke abgeschaut.


Als nächstes steht ein Bummel durch die „Altstadt“ auf dem Plan.
user posted image

user posted image

Doch gleich eine Anmerkung vorneweg – alt ist daran überhaupt nichts. Durch den Bauboom in China haben nur wenige historische Gebäude überlebt. Und wenn man eine Altstadt haben möchte, dann wird alles plattgewalzt, was dort zuvor stand und die so aufgebaut, wie man sie gerne hätte.
Und das bedeutet eigentlich immer: Bunt, laut und touristisch. Jeder chinesische Inlandstourist würde bei einem Besuch in Shanghai hierher kommen. Es gibt auch einige freundliche Frauen, die ausländische Touristen in Teehäuser „einladen“. Merke: Spricht dich jemand in tadellosem Englisch an, ist höchste Vorsicht geboten.
    
     Link zum BeitragTop
Entenfang
  Geschrieben am: 20 Jun 2018, 21:06


Lebende Forenlegende


Status: Mitglied
Mitglied seit: 27 Aug 12
Beiträge: 4466

Alter: 24
Wohnort: München


In der Regel wirken diese Stadtviertel in unseren Augen maximal kitschig. Chinesen dagegen sind davon begeistert.
user posted image

user posted image

user posted image

user posted image
Die Hunde erinnern an das Jahr des Hundes, welches mit dem Chinesischen Neujahrsfest Mitte Februar begonnen hat.
Ganz typisch im Stadtbild ist auch der Polizeiwagen. Sie stehen überall herum und sollen das Herumsitzen der Polizisten wahrscheinlich angenehmer machen, als es bei den Temperaturen draußen ist.

Wir kaufen uns ein kleines Mittagessen an einem Teigwaren-Stand. Es gibt Xiaolongbao. Die Teigtaschen sind meistens mit Fleisch und Brühe gefüllt und man kann sich leicht die Zunge verbrennen. Die große Version wird mit dem Strohhalm ausgetrunken.
user posted image

Und siehe da, kaum sind Europäer an diesem Stand zu sehen, wollen die Chinesen auch was. Vor uns gab es keine Schlange.
user posted image

Gestärkt besichtigen wir den Yuyuan Garden.
user posted image

Der künstliche Park wurde im 16. Jahrhundert während der Ming-Dynastie angelegt und durch Kriege mehrfach beschädigt. Im Gegensatz zur restlichen Altstadt handelt es sich tatsächlich um einen historischen Ort.
Der Park ist eine wunderbare Oase im Trubel der Stadt und durch den hinzugegebenen Puderzucker eine wahre Augenweide.
user posted image

Es gibt sechs Bereiche, die durch steinerne Drachenmauern voneinander getrennt sind.
user posted image
    
     Link zum BeitragTop
Entenfang
  Geschrieben am: 20 Jun 2018, 21:08


Lebende Forenlegende


Status: Mitglied
Mitglied seit: 27 Aug 12
Beiträge: 4466

Alter: 24
Wohnort: München


Weitere kunstvolle Figuren schmücken die Pavillondächer
user posted image
Nein, nicht diese Figuren.

Sondern diese:
user posted image

Alle Brücken über die Goldfischteiche sind in Zickzackform gebaut. Aber warum? Morgen gibt’s die Auflösung.
user posted image

Hinter dem prächtigen Pavilion of Listening to Billows erhebt sich der Shanghai Tower
user posted image

Wolkenstimmung
user posted image

Ich hätte gerne noch mehr Zeit hier verbracht. Denn obwohl der Park gerade mal eine Fläche von 2 Hektar umfasst, komme ich aus dem Staunen nicht mehr heraus. Aber die Kälte und das Abendprogramm locken uns schließlich zum Ausgang und zurück zur U-Bahn.

Wo wir schon beim Stichwort „Kälte“ sind: Da Mofas ein sehr beliebtes Fortbewegungsmittel sind, haben sich findige Menschen etwas einfallen lassen, um die Fahrt bei diesen Temperaturen erträglicher zu machen. Viele Fahrzeuge haben daher solche Handschuhe am Lenker angebracht.
user posted image

Auf dem Weg zur U-Bahn passieren wir diese Häuser.
user posted image

Würde ich dasselbe Bild in drei Jahren nochmal machen, sähe es wahrscheinlich so aus:
user posted image

Einen Block weiter (rechts des ersten Bildes) werden solche niedrigen Häuser gerade großflächig abgerissen. Angesichts der nicht zimperlichen Politik gehe ich stark davon aus, dass nicht jeder freiwillig ausgezogen ist.

Immer wieder faszinierend ist für uns der Anblick der Baugerüste, die vollständig aus Bambus bestehen.
user posted image

Ortswechsel an die East Nanjing Road, der Einkaufsmeile in Shanghai.
Leider ist nur ein kurzer Abschnitt dieser belebten Straße Fußgängerzone.
user posted image
Der angebissene Apfel rechts im Bild ist keine Sinnestäuschung. Im Gegensatz zu Google, Facebook und Amazon sind die Beziehungen zu Apple exzellent. Die Applestore-Dichte und deren Größe in Shanghai sucht wirklich seinesgleichen. Dazu sollte ich noch ergänzen, dass es in China wohl zwei wesentliche Statussymbole gibt: iPhone und deutsches Auto.
    
     Link zum BeitragTop
Entenfang
  Geschrieben am: 20 Jun 2018, 21:09


Lebende Forenlegende


Status: Mitglied
Mitglied seit: 27 Aug 12
Beiträge: 4466

Alter: 24
Wohnort: München


Während der Fußgängerzonenabschnitt hauptsächlich aus Malls und den üblichen westlichen Ketten besteht, gibt es im weiteren Verlauf viele kleine Läden und Garküchen.
user posted image
Ein autoritätsloser Verkehrspolizist macht sich durch Pfeifen wichtig und bemüht sich erfolglos, die Passanten vom unerlaubten Gehen und Queren der Straße abzuhalten. Es sind einfach zu viele Menschen für die engen Fußwege. Aber man braucht selbstverständlich drei breite Fahrstreifen für die Autos…

Die blaue Stunde verbringen wir am Bund. Es ist zwar eisig kalt, doch Alex meint, die Sicht wäre durch den gestrigen Schneefall so klar wie schon seit langem nicht mehr. Blick entlang des Huangpu stromaufwärts.
user posted image

Die Polizei ist nicht nur an jeder Straßenecke durch einen Wagen oder die unzähligen Streifen präsent, sondern auch auf dem Wasser.
user posted image

Nach und nach erstrahlen die modernen Hochhäuser in Pudong in der abendlichen Beleuchtung und machen die blaue Stunde eher zur bunten Stunde.
user posted image

user posted image

user posted image

Die bunte Beleuchtung fasziniert den Nachtfotografen und ich knipse ununterbrochen. Würde ich doch nur meine Finger noch spüren…
user posted image

Einen völlig anderen Charakter weist die Uferseite auf, von der die Bilder entstanden sind.
user posted image

user posted image

user posted image

Abendessen gibt es in einer Mall beim Thailänder. Im Keller entdecken wir einen westlichen Supermarkt, in dem wir uns für die morgige Reise mit Salami eindecken, für Alex das erste Mal seit fünf Monaten.
Grundsätzlich kann man in Shanghai jedes westliche Produkt kaufen – man muss nur wissen, in welcher der 1000 Shopping Malls es zu finden ist und bereit sein, den dreifachen Preis dafür zu bezahlen.
    
     Link zum BeitragTop
Thema wird von 0 Benutzer gelesen (0 Gäste und 0 Anonyme Benutzer)
0 Mitglieder:
17 Antworten seit 13 Jun 2018, 16:03 Thema abonnieren | Thema versenden | Thema drucken
Seiten: (2) [1] 2 
<< Back to Fotoreportagen und Reiseberichte
Antworten | Neues Thema | Neue Umfrage |