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Induzierter Verkehr, Was ist das und wie ist er bemerkbar? [Zur Themenübersicht]
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Cloakmaster
  Geschrieben am: 13 May 2017, 09:28


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aus: [M] U5 Pasing (-Freiham) und Alternativen:

Ein Straßentunnel wird soweit ich weiß überhaupt nicht auf ein Nutzen-Kostenverhältnis hin geprüft. Das Ziel des Tunnel war ja auch nicht, mehr Fahrzeuge anzulocken, oder gar zusätzlichen Autoverkehr auszulösen. Hart er ja auch nicht, weil (ja, die Jünger werden mir wieder widersprechen) die Mär vom "induzierten Verkehr" nunmal eine sehr hartknäckeige, aber trotzdem noch immer unbewiesene, und deshalb völlig zurecht umstrittene These ist - die aber im U-Bahn Forum eher fehl am Platze ist.

Auch die Relation U-Bahn Kilometer zu Einwohner ist so einfach nicht gegeben. Wenn die 1.6 Mio Einwohner in riesigen Wohntürmen, die allesamt innerhalb des Altstadtring konzentriert wären, leben würden, hätten wir auch keine 95 Kilometer U-Bahn. Zumal man sich dann eher das projektierte Netz des "Ditte Mittelfristprogramm" und die damals diesem zugrunde gelegten Einwohnerzahlen zugrunde legen müsste - und nicht zuletzt den "Glaubenskrieg" Tram vs. U-Bahn berücksichtigen. In den U-Bahn Anfängen war durchaus das Ziel die Tram zu "vernichten", und dazu mussten möglichst schnell die U-Bahnstrecken entstehen, welche die Tram ablösen sollten. Insbesondere die Stadtbahn-Strekcen zB nach Fürstenried West hätten nicht, bzw. nicht so sein sollen bzw. müssen. Vielleicht hätten wir dann noch 10 Kilometer weniger U-Bahn, dafür aber meinetwegen 40 Kilometer mehr Tram? (und die Tram, wie früher auch im wirklich dichten Takt von zB 3 Minuten) Wie lange war damals eigentlich die Fahrzeit der Tram16 von Fürstenried in die Innenstadt - zB Stachus? Oder auch nur zum Harras - weiter drinnen dürften die Autos die Tram gut ausgebremst haben, wogegen es ab Einbiegen in die Boschetsrieder Str. ja praktisch keine "Hindernisse" mehr gab.

Hamburg dürfte noch schlechter da stehen, was "U-Bahn Kilometer pro Einwohner" - oder pro Fläche Stadtgebiet angeht. Und das, obwohl es dort gar keine Tram mehr gibt. Auch einen Vergleich mti Berlin halte ich für gewagt. Paris, New York, London? Ich weiß nicht.

Aber so oder so müsste man endlich erkennen, daß der ÖPNV am eigenen Erfolg zu ersticken droht, wenn man nicht endlich beherzter zur Sache geht - sowohl, was "Bestandspflege", als auch, was Ausbauten angeht.

Bearbeitet von Martin H. am 23 May 2017, 15:08
    
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TravellerMunich
  Geschrieben am: 13 May 2017, 09:52


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QUOTE (Cloakmaster @ 13 May 2017, 10:28)
Das Ziel des Tunnel war ja auch nicht, mehr Fahrzeuge anzulocken, oder gar zusätzlichen Autoverkehr auszulösen. Hart er ja auch nicht, weil (ja, die Jünger werden mir wieder widersprechen) die Mär vom "induzierten Verkehr" nunmal eine sehr hartknäckeige, aber trotzdem noch immer unbewiesene, und deshalb völlig zurecht umstrittene These ist - die aber im U-Bahn Forum eher fehl am Platze ist.

Nach Fertigstellung des Richard-Strauss-Tunnels ist gemäß Verkehrszählungen der Verkehr um rund 40% angewachsen, was dann zu dem berüchtigten Stau auf dem Isarring geführt hat. Ähnliches passiert gerade durch den Tunnel Luise-Kiesselbach-Platz.
    
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Cloakmaster
  Geschrieben am: 13 May 2017, 10:00


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Ja. Die Tunnel erfüllen ihren Zweck.
    
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Jean
  Geschrieben am: 13 May 2017, 10:04


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Mehr Verkehr? Es wird nur für die Anreiner angenehmer.

--------------------
Für die Freiham Tram, für die Westtangente, für die Nordtangente, für den Nordost Tram Netz

Für die U9, für die U5 nach Pasing (aber über das Krankenhaus, Fachhochschule), für die U4
    
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Hot Doc
  Geschrieben am: 21 May 2017, 12:44


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QUOTE (Cloakmaster @ 13 May 2017, 10:28)
Ein Straßentunnel wird soweit ich weiß überhaupt nicht auf ein Nutzen-Kostenverhältnis hin geprüft. Das Ziel des Tunnel war ja auch nicht, mehr Fahrzeuge anzulocken, oder gar zusätzlichen Autoverkehr auszulösen. Hart er ja auch nicht, weil (ja, die Jünger werden mir wieder widersprechen) die Mär vom "induzierten Verkehr" nunmal eine sehr hartknäckeige, aber trotzdem noch immer unbewiesene, und deshalb völlig zurecht umstrittene These ist - die aber im U-Bahn Forum eher fehl am Platze ist.

Ich habe mir lange überlegt, ob ich überhaupt antworten soll und wenn ja, wie....und ob ich dafür so weit vom Thema abschweifen soll.
Ich bitte dafür schon jetzt um Entschuldigung, aber ich denke das Thema "induzierter Verkehr" ist für die Verkehrspolitik das was für die Umweltpolitik der Klimawandel und für die Gesundheitspolitik Rauchen, Feinstaub etc. ist. (Und ist übrigens genau so umstritten.)

Induzierter Verkehr ist bewiesen, real und überall zu sehen (wenn man die Augen aufmacht).
Einfachstes Beispiel ist Tallinn, wo man den ÖPNV für Einwohner kostenlos gemacht hat. Hier stiegen in der Folge erwartungsgemäß die Fahrgastzahlen. Die Fahrten im MIV, mit Rad oder zu Fuß nahmen aber nicht im gleichen Rahmen ab. D.h. die Einwohner Tallinns legen jetzt insgesamt mehr Wege zurück. Das nennt man induzierten Verkehr.
Das ist jetzt vielleicht ein Extrembeispiel, aber immer dann wenn eine Verkehrsverbindung besser, billiger, schneller oder komfortabler wird, treten solche Effekte - mit unterschiedlicher Ausprägung - auf.

Noch ein Beispiel zum Ringtunnel: Ich bin in Dennig aufgewachsen und habe dort Volleyball gespielt. Nach meier Zeit in DD haben mich meine Sportfreunde von damals gefragt, ob ich wieder bei ihnen spiele. Ich wohne aber seitdem im Westen Münchens. Wegen des ständigen Staus auf dem mittleren Ring habe ich mir eine Sportmöglichkeit in meiner Nähe ausgesucht, die ich auf dem Heimweg von der Arbeit gut mit dem Rad erreichen kann. Würde der Ringtunnel ausgebaut und es gäbe weniger Stau, hätte es gut sein können, dass ich mit dem Auto zuerst in die Arbeit fahre um danach weiter nach Osten zum Sport zu fahren. Einmal hätte der Tunnel also eine Umstellung von Rad- auf MIV-Verkehr für meinen Arbeitsweg (zumindest einmal die Woche) verursacht und zweitens neue deutlich weitere Autofahrt von Moosach nach Dennig.
Was man hieran nicht begreifen kann, ist mir ein Rätsel...?!!!!

Ein Jünger

Beitrag gekürzt um den Teil der zur U Pasing gehört, und dort eingefügt.

Bearbeitet von Martin H. am 23 May 2017, 15:13
    
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Bayernlover
  Geschrieben am: 21 May 2017, 13:20


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.....Leider habe ich nicht die nötige Geduld, mich mit der Ignoranz Cloakis auseinanderzusetzen, deshalb freue ich mich, wenn andere dies tun.

Beitrag gekürzt.

Bearbeitet von Martin H. am 23 May 2017, 15:14

--------------------
Für mehr Administration. Gegen Sittenverfall. Für den Ausschluss nerviger Weiber.
    
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Cloakmaster
  Geschrieben am: 21 May 2017, 20:20


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Induizierter Verkehr ist nicht bewiesen, war nicht bewiesen, und wird nie zu beweisen sein. Desses Existenz oder Nichtexistenz war von Anfang an, und ist bis heute umstritten.

So, wie eingie daran glauben, daß Elvis nicht gestorben, sondern nur nahc Hause gegangen ist, glauben eben macnche auch n das unglaubliche Märchen vom "induzierten Verkehr" , ohen es wirklich erklären, beschreiben, und beziffern zu können. Man kann es nur "sehen".

Eine ununterbrochene, schlüssige Kettung von der Ursache bis zur Wirkung ist aber noch keinem je gelungen, und so lange das so bleibt, bleiben eben auch die Zweifel daran, daß das Märchen irgendwann doch wahr werden könnte - trotz all der Widrsprüchlichkeiten, welche selbst die Befürworter dieser Theorie einräumen.

Auch Tallin ist ein deutlicher Beweise GEGEN die Existenz von "Induziertem Verkehr". Nicht der ÖPNV an sich an die Fahrgäste aus ihren Auto in die Busse und Bahnen gebeamt, oder gar gleich neue Fahrgäste aus dem Nichts erschaffen - der Beschluss der Stadtverwaltung, das Angebot zu verbessern hat dazu geführt, daß mehr Leute es annehmen. Und das ist nun weder Hexenwerk noch irgendeiene Form von "Induktion".

Ob nun eine Straße, ein Radweg, oder ÖPNV : Die reine Existenz führt nicht dazu, daß es auch genutzt wird. Und genau darum schafft der Bau von neuen Verkehrswegen auch keinen neuen Verkehr - was gemeinhin als These der sogenannten Induktion her halten soll. Gewisse Ignoranten wollen das natürlich einfach nicht verstehen, weil es zu sehr an ihrem manifestierten Weltbild rüttelt: Ich sehe doch, daß es Zauberei gibt. Also gibst es sie auch...

In Kassel hat man einen wunderschönen tollen Flughafen hingebaut, gaanz schick, das Teil. Da wartete man auch seitdem, daß die zauberhafte Induktion endlich einsetzt, und Flugzeuge, Passagiere, und allles andere her induziert. Ja, wo bleibt sie denn, die himmlische Induktion? Oder funktioniert Induktion etwas gar nicht durch die Luft, sondern benötigt zwingend eine Erdung?

Aber in Rostok klemmt die Induktionsleitung auch irgendwie. Trotz einer tollen vierspurigen Straße sidn von den 30.000 täglich erwarteten Fahrzeugen bisher gerade mal ein Drittel bis die Hälfte angekommen.

Bearbeitet von Cloakmaster am 21 May 2017, 20:27
    
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Entenfang
  Geschrieben am: 21 May 2017, 23:28


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QUOTE (Bayernlover @ 21 May 2017, 13:20)
Mich interessiert es. Weiter so. Leider habe ich nicht die nötige Geduld, mich mit der Ignoranz Cloakis auseinanderzusetzen, deshalb freue ich mich, wenn andere dies tun.

Ich nehme mal dein Interesse zum Anlass, nun tatsächlich einen neuen Thread zu eröffnen, auch wenn ich schon eine böse Vorahnung habe, was hier passiere könnte...

Was steckt also hinter dem Begriff?
Kurz und knapp z.B. hier zu finden.

Ich möchte die Definition noch etwas allgemeinverständlicher ausführen:

QUOTE
Man kann primär und sekundär induzierten Verkehr unterscheiden.

Primär induzierter Verkehr entsteht durch kurzfristige Reaktionen. Dabei wird angenommen, dass die Rahmenbedingungen (abgesehen vom neuen Verkehrsangebot) gleich bleiben. Dazu gehören Veränderungen in verschiedenen Bereichen, die ich nachfolgend ausführe und Beispiele nenne. Dabei habe ich absichtlich unterschiedliche Verkehrsträger gewählt.
-Zeitpunkt der Fahrt (Ermäßigte Monatskarte für Rentner auch in der morgendlichen HVZ gültig -> Arzttermin wird früher gelegt -> stärkere Nutzung des ÖPNV in der Stoßzeit)
-Fahrtroute (Neue Ortsumgehung statt enge Ortsdurchfahrt)
-Zielwahl (Rewe City um die Ecke oder Discounter auf der grünen Wiese)
-Wegeverlängerung (hat Hot Doc hier schon sehr schön beschrieben
-Veränderung im Modal Split (“The post office is only five blocks away and with congestion so bad this time of day, I may as well walk there.” VTPI, S.4)
-neue Fahrt/mehr Fahrten (Landesweites Semesterticket in Sachsen -> kurzer Ausflug aus Dresden in die Sächsische Schweiz trotz des miesen Wetters, vielleicht wirds ja besser und kosten tuts eh nichts - aus der eigenen Erfahrung)


Sekundär induzierter Verkehr sind langfristige Reaktionen, wobei Rückkoppelungseffekte beachtet werden.
-Veränderung der Raumstruktur -> Veränderung der Zielwahl -> zwangsweise Veränderung der Zielwahl (Shopping Mall eröffnet auf der grünen Wiese -> Tante-Emma-Läden in den Dörfern sind weniger konkurrenzfähig, weil die Preise etwas höher sind -> Teilweise Abwanderung der Kunden -> Unrentabel -> Schließen der kleinen Läden -> Alle ehemaligen Kunden müssen zwangsweise bis zur Mall fahren) Dieses Problem gibt es insbesondere auf dem Land mit dem zunehmenden Anteil älterer Menschen, die keinen Führerschein haben oder nicht mehr Auto fahren können/sollten. Eine ähnliche Geschichte wurde mir letztes Jahr in Cursdorf erzählt.
-Angebotsveränderungen -> zwangsweise Veränderung im Modal Split (Neubau Schnellstraße -> Rückgang der Fahrgastzahlen auf der parallelen Nebenbahn -> Einstellung der stündlichen RB und Ersatz durch Bus im Zweistundentakt -> Unpassend zum Schichtbeginn der Arbeit -> Nutzung von Auto oder Fahrrad)


Wer ein bisschen mehr Lesestoff zum Thema haben möchte, dem sei diese (englische) Quelle empfohlen. Bereits der Abstract auf der ersten Seite fasst das Problem sehr schön zusammen.
Auf S.25 wird auch auf die Gegenargumente eingegangen, wobei diese oftmals durch das Nichtbeachten des sekundär induzierten Verkehrs (also ohne langfristige Betrachtung) entstehen.

Außerdem möchte ich auch noch eine ganz entscheidende Bedingung nennen, die erfüllt sein muss, damit induzierter Verkehr überhaupt auftritt. Denn
QUOTE (Cloakmaster @ 21 May 2017, 20:20)
Ob nun eine Straße, ein Radweg, oder ÖPNV : Die reine Existenz führt nicht dazu, daß es auch genutzt wird.

diese Aussage ist völlig richtig. Induzierter Verkehr tritt im Wesentlichen nur dann auf, wenn die Nachfrage das Angebot übersteigt - auf gut deutsch, wenn es Stau gibt - und nicht generell bei jedem Ausbau eines Verkehrsangebots. Insofern läuft auch die Argumentation mit Kassel-Calden ins Leere. Wenn dort keine Nachfrage nach Flugverkehr besteht, wird auch kein induzierter Verkehr zu beobachten sein. Würde man am Frankfurter Flughafen eine 5. Bahn bauen, könnte das ganz anders aussehen.

Nachdem auch Rostock genannt wurde: Würde man die A20 von 4 auf 6 Fahrstreifen ausbauen, könnte man höchstwahrscheinlich keinen induzierten Verkehr beobachten, was einfach daran liegt, dass die Nachfrage so gering ist, weil die Einwohnerdichte so gering ist. Würde man dagegen die A99 auf 8 Fahrstreifen erweitern, sähe das vermutlich ganz anders aus.

Ein weiteres Beispiel aus meiner Beobachtung, wo offensichtlich kein induzierter Verkehr auftritt, ist Minsk. Solche Straßen sind eigentlich bestens geeignet, den MIV attraktiver zu machen. Der ÖPNV ist so lala und ziemlich voll, Radfahren ist eine Katastrophe, Fußgänger werden in Unterführungen verbannt oder ab und zu mal über Ampeln mit kurzen Grünphasen gelassen. Trotzdem habe ich in Minsk selbst in der HVZ keinen Stau beobachtet. Dies ist unter Umständen darauf zurückzuführen, dass sich viele Menschen schlichtweg kein Auto leisten können. Dadurch besteht keine Nachfrage nach MIV und die Menschen quetschen sich trotzdem in den Bus. Würde man die Straßen in München so ausbauen, könnte das Ergebnis ganz anders ausfallen.


Ist Stau also gottgegeben und man sollte bloß nichts neubauen, um keinen induzierten Verkehr zu verursachen?

Natürlich nicht. Doch es muss nicht immer die Betonlösung sein. Wie wäre es mit Verstetigung des Verkehrsflusses und einer Erhöhung der Kapazität durch ein allgemeines Tempolimit auf Autobahnen? Oder durch das Bauen von Radschnellwegen in der Stadt statt einem weiteren Fahrstreifen? Oder mit der Einführung einer 9-Uhr-Jahreskarte für 365€? Oder mit einer Subvention von Dorfläden? Oder mit einem flächendeckenden Busnetz deutschlandweit mit einer sinnvollen Bedienung auch am Wochenende?

--------------------
Maskenwahn und Angst und Lügen für das deutsche Panikland
Dafür lasst uns alle kämpfen völlig ohne Sinn und Verstand
Ausgangssperre und Furcht und Aktionismus sind des Söders größte Freud'
Blüh' im Glanze der Einsamkeit
Blühe deutsches Panikland!
    
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Jojo423
  Geschrieben am: 22 May 2017, 05:21


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QUOTE (Entenfang @ 21 May 2017, 23:28)
Ich nehme mal dein Interesse zum Anlass, nun tatsächlich einen neuen Thread zu eröffnen, auch wenn ich schon eine böse Vorahnung habe, was hier passiere könnte...

Was steckt also hinter dem Begriff?
Kurz und knapp z.B. hier zu finden.

Ich möchte die Definition noch etwas allgemeinverständlicher ausführen:


Primär induzierter Verkehr entsteht durch kurzfristige Reaktionen. Dabei wird angenommen, dass die Rahmenbedingungen (abgesehen vom neuen Verkehrsangebot) gleich bleiben. Dazu gehören Veränderungen in verschiedenen Bereichen, die ich nachfolgend ausführe und Beispiele nenne. Dabei habe ich absichtlich unterschiedliche Verkehrsträger gewählt.
-Zeitpunkt der Fahrt (Ermäßigte Monatskarte für Rentner auch in der morgendlichen HVZ gültig -> Arzttermin wird früher gelegt -> stärkere Nutzung des ÖPNV in der Stoßzeit)
-Fahrtroute (Neue Ortsumgehung statt enge Ortsdurchfahrt)
-Zielwahl (Rewe City um die Ecke oder Discounter auf der grünen Wiese)
-Wegeverlängerung (hat Hot Doc hier schon sehr schön beschrieben
-Veränderung im Modal Split (“The post office is only five blocks away and with congestion so bad this time of day, I may as well walk there.” VTPI, S.4)
-neue Fahrt/mehr Fahrten (Landesweites Semesterticket in Sachsen -> kurzer Ausflug aus Dresden in die Sächsische Schweiz trotz des miesen Wetters, vielleicht wirds ja besser und kosten tuts eh nichts - aus der eigenen Erfahrung)


Sekundär induzierter Verkehr sind langfristige Reaktionen, wobei Rückkoppelungseffekte beachtet werden.
-Veränderung der Raumstruktur -> Veränderung der Zielwahl -> zwangsweise Veränderung der Zielwahl (Shopping Mall eröffnet auf der grünen Wiese -> Tante-Emma-Läden in den Dörfern sind weniger konkurrenzfähig, weil die Preise etwas höher sind -> Teilweise Abwanderung der Kunden -> Unrentabel -> Schließen der kleinen Läden -> Alle ehemaligen Kunden müssen zwangsweise bis zur Mall fahren) Dieses Problem gibt es insbesondere auf dem Land mit dem zunehmenden Anteil älterer Menschen, die keinen Führerschein haben oder nicht mehr Auto fahren können/sollten. Eine ähnliche Geschichte wurde mir letztes Jahr in Cursdorf erzählt.
-Angebotsveränderungen -> zwangsweise Veränderung im Modal Split (Neubau Schnellstraße -> Rückgang der Fahrgastzahlen auf der parallelen Nebenbahn -> Einstellung der stündlichen RB und Ersatz durch Bus im Zweistundentakt -> Unpassend zum Schichtbeginn der Arbeit -> Nutzung von Auto oder Fahrrad)


Wer ein bisschen mehr Lesestoff zum Thema haben möchte, dem sei diese (englische) Quelle empfohlen. Bereits der Abstract auf der ersten Seite fasst das Problem sehr schön zusammen.
Auf S.25 wird auch auf die Gegenargumente eingegangen, wobei diese oftmals durch das Nichtbeachten des sekundär induzierten Verkehrs (also ohne langfristige Betrachtung) entstehen.

Außerdem möchte ich auch noch eine ganz entscheidende Bedingung nennen, die erfüllt sein muss, damit induzierter Verkehr überhaupt auftritt. Denn

diese Aussage ist völlig richtig. Induzierter Verkehr tritt im Wesentlichen nur dann auf, wenn die Nachfrage das Angebot übersteigt - auf gut deutsch, wenn es Stau gibt - und nicht generell bei jedem Ausbau eines Verkehrsangebots. Insofern läuft auch die Argumentation mit Kassel-Calden ins Leere. Wenn dort keine Nachfrage nach Flugverkehr besteht, wird auch kein induzierter Verkehr zu beobachten sein. Würde man am Frankfurter Flughafen eine 5. Bahn bauen, könnte das ganz anders aussehen.

Nachdem auch Rostock genannt wurde: Würde man die A20 von 4 auf 6 Fahrstreifen ausbauen, könnte man höchstwahrscheinlich keinen induzierten Verkehr beobachten, was einfach daran liegt, dass die Nachfrage so gering ist, weil die Einwohnerdichte so gering ist. Würde man dagegen die A99 auf 8 Fahrstreifen erweitern, sähe das vermutlich ganz anders aus.

Ein weiteres Beispiel aus meiner Beobachtung, wo offensichtlich kein induzierter Verkehr auftritt, ist Minsk. Solche Straßen sind eigentlich bestens geeignet, den MIV attraktiver zu machen. Der ÖPNV ist so lala und ziemlich voll, Radfahren ist eine Katastrophe, Fußgänger werden in Unterführungen verbannt oder ab und zu mal über Ampeln mit kurzen Grünphasen gelassen. Trotzdem habe ich in Minsk selbst in der HVZ keinen Stau beobachtet. Dies ist unter Umständen darauf zurückzuführen, dass sich viele Menschen schlichtweg kein Auto leisten können. Dadurch besteht keine Nachfrage nach MIV und die Menschen quetschen sich trotzdem in den Bus. Würde man die Straßen in München so ausbauen, könnte das Ergebnis ganz anders ausfallen.


Ist Stau also gottgegeben und man sollte bloß nichts neubauen, um keinen induzierten Verkehr zu verursachen?

Natürlich nicht. Doch es muss nicht immer die Betonlösung sein. Wie wäre es mit Verstetigung des Verkehrsflusses und einer Erhöhung der Kapazität durch ein allgemeines Tempolimit auf Autobahnen? Oder durch das Bauen von Radschnellwegen in der Stadt statt einem weiteren Fahrstreifen? Oder mit der Einführung einer 9-Uhr-Jahreskarte für 365€? Oder mit einer Subvention von Dorfläden? Oder mit einem flächendeckenden Busnetz deutschlandweit mit einer sinnvollen Bedienung auch am Wochenende?

Damit haben wir jetzt alles gesagt laugh.gif - vielen Dank für den sehr interessanten Beitrag!

--------------------
Viele Grüße

Jojo423
BahnComfort Status (obwohl die letzte Fahrt im Februar 2020 war)
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Bayernlover
  Geschrieben am: 22 May 2017, 06:20


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Jojo, noch ein so ein Vollzitat und dein nächster Mietwagen hat hinterher plötzlich unerklärliche Kratzer biggrin.gif

Ich verneige mich vor dem Beitrag von Entenfang, der für mich sehr klar strukturiert einige Aspekte beleuchtet und dabei auch noch mit wissenschaftlichen Quellen glänzt. Vielen Dank dafür!

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Jojo423
  Geschrieben am: 22 May 2017, 07:28


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QUOTE (Bayernlover @ 22 May 2017, 06:20)
Jojo, noch ein so ein Vollzitat und dein nächster Mietwagen hat hinterher plötzlich unerklärliche Kratzer biggrin.gif

Ich verneige mich vor dem Beitrag von Entenfang, der für mich sehr klar strukturiert einige Aspekte beleuchtet und dabei auch noch mit wissenschaftlichen Quellen glänzt. Vielen Dank dafür!

Ab jetzt gibts nur noch Vollzitate. wub.gif

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Viele Grüße

Jojo423
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NJ Transit
  Geschrieben am: 22 May 2017, 07:48


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QUOTE (Jojo423 @ 22 May 2017, 08:28)
QUOTE (Bayernlover @ 22 May 2017, 06:20)
Jojo, noch ein so ein Vollzitat und dein nächster Mietwagen hat hinterher plötzlich unerklärliche Kratzer biggrin.gif

Ich verneige mich vor dem Beitrag von Entenfang, der für mich sehr klar strukturiert einige Aspekte beleuchtet und dabei auch noch mit wissenschaftlichen Quellen glänzt. Vielen Dank dafür!

Ab jetzt gibts nur noch Vollzitate. wub.gif

Don't be gentle, it's a rental!

@Entenfang, auch von mir, den die Thematik zwar interessiert, der aber fachlich was völlig anderes macht, vielen Dank für die Einblicke.

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SWMdrölf. Jetzt noch nächer, noch hältiger, noch fitter. Bist auch du Glasfaser und P-Wagen?
    
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146225
  Geschrieben am: 22 May 2017, 18:43


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Ja, ist spannend was die Diskussion noch bringen mag - sie stellt auf jeden Fall die innere Überzeugung, dass allein die "Dosis erhöhen" wieder mal nicht das Allheilmittel ist, auf eine festere Grundlage.

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O mia patria, si bella e perduta! (Giuseppe Verdi)
    
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Galaxy
  Geschrieben am: 22 May 2017, 19:39


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QUOTE (146225 @ 22 May 2017, 19:43)
Ja, ist spannend was die Diskussion noch bringen mag - sie stellt auf jeden Fall die innere Überzeugung, dass allein die "Dosis erhöhen" wieder mal nicht das Allheilmittel ist, auf eine festere Grundlage.

Gilt das auch für den ÖPV, oder ist das ein Kriterium das nur für den MIV gilt?
    
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Bayernlover
  Geschrieben am: 22 May 2017, 19:41


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QUOTE (Galaxy @ 22 May 2017, 20:39)
Gilt das auch für den ÖPV, oder ist das ein Kriterium das nur für den MIV gilt?

Da eine Verkehrszunahme im ÖPNV grundsätzlich erstmal nichts schlechtes ist, gilt das natürlich nicht analog.

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