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Incredible India, Wo der offiz. Werbeslogan Programm ist [Zur Themenübersicht]
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Entenfang
  Geschrieben am: 29 Jul 2020, 23:48


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Vor dem Eingang stehen einige Händler bereit, um Hungrige zu verköstigen.
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Essen unterwegs hat sich oft als Schwierigkeit herausgestellt. In den Sehenswürdigkeiten erhält man in der Regel gar nichts, nur Getränke, wenn man Glück hat. Von den Ständen will man aus hygienischen Gründen vielleicht nichts kaufen und man weiß nie, ob man mitgebrachte Snacks reinbringen darf. In einigen Sehenswürdigkeiten ist das streng verboten, wobei die Kontrollen auch völlig unterschiedlich genau sind und damit der Erfolg auf Schmuggeln ebenfalls schwer abschätzbar, in anderen ist das Picknicken offiziell erlaubt. Es zeigt sich schnell, dass Vorausplanen in Indien grundsätzlich schwierig ist.

Normalerweise muss man beim Betreten des Forts Eintritt bezahlen, doch die Kasse hat geschlossen. Ein Wächter behauptet, wir müssten 2,50 ¤ Eintritt für irgendein Restaurant zahlen, in das wir aber eigentlich gar nicht wollen. Ich deute auf die Preistafel, die in Indien überall groß aushängt. Foreign Student: 30 Cent. Jaja, aber die Kasse hätte ja zu. Wir müssten 2,50 ¤ zahlen. Keiner der Einheimischen zahlt jedoch etwas, obwohl auf der Preistafel auch die üblichen 15 Cent für Inder draufstehen. Also ignorieren wir den Wächter und kommen tatsächlich ohne Bestechungsgeld rein.
Die Einheimischen fahren sogar innerhalb des Forts mit dem Auto herum. Nur die Parkplätze werden wohl bald knapp, wenn alle zum Sonnenuntergang hochkommen...

Der Ausblick ist hervorragend.
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Der Smog ist sehr deutlich zu sehen und sorgt durch die Lichtstreuung ganz ohne Wolken für besonders eindrucksvolle Sonnenuntergänge.
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Wir sind nicht die Einzigen, die bis zur blauen Stunde bleiben.
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Nach harten Verhandlungen müssen wir eine überteuerte Rikscha für 5,50 ¤ ins Tal nehmen. Der Fahrer ist natürlich in einer starken Verhandlungsposition, weil Uber hier oben nicht funktioniert und keine weiteren Rikschas mehr rumstehen. In halsbrecherischem Tempo fahren wir die unbeleuchtete und sehr kurvige Straße bergab. Natürlich behauptet der Fahrer beim Preis von 450, kein Wechselgeld zu haben. Als wir schließlich alles zusammenkratzen, gibt er auf und nimmt meinen 500er-Schein. Ich erhalte zwei 20er wieder. Ähm, 450 hatten wir gesagt?! Kann man ja mal versuchen...
Ehe wir in ein Uber wechseln, gibt es noch die Gelegenheit zu einem Blick zum Wasserpalast, der größtenteils unter der Wasseroberfläche ist.
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Es dauert eine Weile, bis der Uber-Fahrer uns endlich findet. Dann müssen wir noch fast eine Stunde durch die ganze Stadt fahren, werden aber dafür mit einem leckeren Abendessen erwartet.
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Idli sind gedämpfte Teiglinge, die mit einer Soße gegessen werden. Sie sind eine typisch südindische Spezialität.

Ein Großteil der Lebensmittel aus meinem Koffer wird jetzt eingesetzt - die Marzipan-Sahne-Torte ist das Highlight des Abends. Während es Schokolade in Indien zu kaufen gibt (wenn auch keine Milka- oder Lindt-Produkte), sucht man Sahne i.d.R. vergeblich. Der Sohn meiner Bekannten isst mehr als ein Viertel der Torte am heutigen Abend auf.

Ich bespreche mit der eisenbahnaffinen Bekannten die weiteren Reiseplanungen und bringe meine Skepsis zum Ausdruck, da ich mir für die nächste Etappe Second Class gebucht habe und nun gesehen habe, dass die wirklich sehr voll werden kann. Allerdings habe ich einen reservierten Sitzplatz.
"Hm, I told you not to book non-AC coach!!!"
Wir schauen nach, doch eine Umbuchung auf AC chair car so kurzfristig ist aussichtslos. Nach längerer Diskussion kommen wir zum Ergebnis, dass ich mit einem reservierten Sitzplatz eigentlich auf der sicheren Seite bin und da sie keine Sicherheitsprobleme sieht, beschließe ich, alles zu lassen, wie ich es geplant habe. "I think you will be fine."


Verehrte Leser, aufgrund einer kurzfristigen Umleitung verzögert sich die Fortsetzung des Reiseberichts um wenige Tage. Wir bitten noch um etwas Geduld.

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Elch
  Geschrieben am: 30 Jul 2020, 08:14


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Toller Bericht in dieser Zeit smile.gif - Danke!

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"Lächle, es könnte schlimmer kommen" Ich lächelte [...] und es kam schlimmer [...]

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  Geschrieben am: 3 Aug 2020, 22:04


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QUOTE (Elch @ 30 Jul 2020, 08:14)
Toller Bericht in dieser Zeit  smile.gif - Danke!

Sehr gerne smile.gif



Tag 4 Jaipur

Auflösung von gestern: Zu sehen sind Kuhfladen, ein sehr wertvoller Rohstoff. Denn getrocknet handelt es sich um einen hervorragenden Brennstoff. Da viel auf offenem Feuer gekocht wird, können damit sicher viele Bäume gerettet werden.

Das heutige Frühstück besteht aus gebuttertem Fladenbrot und Sprossen. Das erfordert doch eine gewisse Umgewöhnung von der Marmeladensemmel.
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Innenhof einer Gated Community, eine typische Wohnanlage des indischen Mittelstands.
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Für Deutsche, die noch nie Indien besucht haben, offenbar eine der am schwersten vorstellbaren Umstände ist das Nichtvorhandensein von Gehwegen oder Trennung von Verkehrswegen jeglicher Art.
So sieht eine kleine Nebenstraße aus.
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Und so eine Hauptstraße.
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Warum der Verkehr in Indien so langsam und kräfteraubend ist, dürfte hier ausreichend erkennbar sein.

Gibt es eine Art Gehweg, ist der meistens rege genutzt...
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...und so müssen doch alle auf der Fahrbahn laufen.

Während die U-Bahn einfach zu begreifen und zu benutzen ist, stellt sich die Situation beim Bus ganz anders dar. Das erste Problem ist, eine passende Verbindung zu suchen. Google Maps hat alle großen Städte hinterlegt. Angeblich gibt es unweit der Wohnung eine Haltestelle, von der alle 16 Minuten die klimatisierte Linie AC-5 zur Innenstadt abfahren sollte. Das zweite Problem- Haltestellen sind oft überhaupt nicht erkennbar und ich laufe an der Markierung auf Google Maps einfach vorbei. Der einzige Hinweis, dass hier eine Haltestelle ist, sind die anderen wartenden Fahrgäste.
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Gelegentlich hält eine völlig überfüllte Sammel-Rikscha. Teilweise stehen die Leute auf der Stoßstange und halten sich am Dach fest, wenn die im Vordergrund sichtbaren Fahrzeuge - eine beträchtliche Rußwolke ausstoßend - weiterfahren.
Ich stehe 20 Minuten hier, kein AC-5 in Sicht. Dann kommt ein grüner, nicht klimatisierter Bus mit funktionierender LED-Anzeige, die Ajmeri Gate verkündet. Genau dort will ich hin. Während ich mich bei der hinteren Türe reinquetsche, fährt der Bus schon wieder an. Ich stehe auf der Treppe direkt in der selbstverständlich während der Fahrt offenen Tür. Ohje, ich will nicht einer der 150.000 Menschen sein, die jedes Jahr ihr Leben in Verkehrsunfällen in Indien verlieren...
https://www.livemint.com/news/india/road-ac...4249715762.html

Etwas später kann ich mich weiter in den Innenraum quetschen und kaufe bei der Schaffnerin eine Fahrkarte für 20 Cent. Bald wird es sehr voll, Fahrgäste schieben sich hierhin und dorthin. Irgendwann wird es wieder etwas leerer und ich bekomme sogar einen Sitzplatz, sodass ich weder fürchten muss, beim nächsten Schlagloch aus der Balance zu kommen noch einen Diebstahl aus meinem Rucksack.

Da die Busse immer nur sehr kurz oder gar nicht halten, ist es ziemlich schwierig, an der richtigen Stelle auszusteigen. Zum Glück fahre ich ohnehin bis zur Endstation. Beim Aussteigen quatscht mich ein Fahrgast an und will wissen, wo ich herkomme. Ausländer im Bus dürften wohl ein äußerst seltenes Phänomen sein.
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Fazit: Man kann den Bus schon benutzen, muss aber sehr viel Zeit mitbringen und darf kein Problem mit völlig überfüllten Fahrzeugen haben. Zur schnellen Stadtbesichtigung ist diese Variante völlig ungeeignet.

Bisschen Umschauen am Ajmeri Gate
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Da uns die Rikschafahrer dreist abzocken wollen, nehmen wir ein Uber zum Wasserpalast.
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  Geschrieben am: 3 Aug 2020, 22:05


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Nur das Wasser ist nicht ganz sauber...
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Auf der Promenade gibt es zahlreiche Verkäufer.
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Eine absolute Unsitte ist das Füttern von Tieren aller Art, entweder einfach aus falsch verstandener Tierliebe oder weil es angeblich Glück bringt.
https://www.spiegel.de/panorama/strassenhun...-a-1023483.html
https://www.rundschau-online.de/ratgeber/re...treten-32511428

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Die Tauben können gar nicht schnell genug picken, so viele Körner sind auf dem Pflaster verstreut. Und auch noch Wasserbehälter, damit sie auch trinken können...
Dieses Verhalten scheint mir generell sehr typisch für Indien zu sein. Was schert es mich, wenn die Tauben eine Plage sind und alles vollkacken? Ich füttere sie trotzdem für ein hübsches Foto oder weil es angeblich Glück bringt. Dass die Ratten auch die Vorräte anderer Menschen befallen und die Hunde und Affen Tollwut übertragen, scheint auch zweitrangig zu sein. Eine sehr einseitige und unreflektierte Denkweise zieht sich bis zu den höchsten Politikern.

Elefantenstatue...
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...und in echt.
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Ich habe mich oft gefragt, wofür diese laut vor sich hin tuckernden Maschinen dienen.
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Des Rätsels Lösung: Sie pressen Zuckerrohr aus und der Saft wird dann verkauft.

Wir fahren weiter zum etwas außerhalb gelegenen Amber Fort, einem Maharaja-Bau aus dem 16. Jahrhundert.
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  Geschrieben am: 3 Aug 2020, 22:05


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Auch hier werden Tauben gefüttert und das Ergebnis:
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Indiens Straßen sind voller Tiere. Kühe, Ratten, Hunde, Schweine, Tauben - am gefährlichsten sind aber die Affen.
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Sie sind außerordentlich schnell und extrem aggressiv, wenn sie Futter sehen. Bevor ich Essen ausgepackt habe, habe ich stets einen Rundumblick gemacht. Waren Affen zu sehen, habe ich es im Rucksack gelassen. Wie auch Hunde übertragen sie Tollwut, weswegen ich äußerst vorsichtig war.

So sind mir die Hunde am liebsten - vielleicht, weil ich mich jetzt am liebsten auch einfach hinlegen und alle Viere von mir strecken würde...
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Wie fast überall in Indien ist auch im Amber Fort einiges los.
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Mal keine Tauben
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Im reich verzierten Amber Fort
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Ausblick
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  Geschrieben am: 3 Aug 2020, 22:05


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Nach etlichen Selfies entdecken wir den Geheimgang zum Jaigar Fort, welches auf dem nächsten Hügel liegt.
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Jaigar Fort, links im Hintergrund ist der Wasserpalast und Jaipur im Smog zu erahnen
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Eine gewisse Ähnlichkeit zur chinesischen Mauer kann man den Mauern über die Hügelketten nicht absprechen
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Blick auf Amber Fort
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Ein Selfie muss sein
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Ein Wachmann schließt sich uns an und beginnt zu erzählen. "No guide." Natürlich nicht. Ich bin mir trotzdem sicher, dass er am Ende Geld verlangen wird.
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Und - oh Wunder - am Ende der aufgezwungenen Tour flüstert er uns "Tip, please!" zu. Wir nehmen uns vor, sämtliche weiteren Versuche entschieden abzulehnen.

Jaigar Fort ist deutlich pinker als die Pink City
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Und da nähert sich die Sonne dem Horizont...
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...und ein Wachmann geht pfeifend über das Gelände. Widerwillig schlendern wir zum Ausgang. Ein holländisches Pärchen bleibt einfach auf dem Aussichtspunkt stehen und tut so, als hätten sie ihn nicht gehört. Der Wachmann steht auf einem Weg unten, wie wahnsinnig pfeifend. Sie ignorieren ihn. Schließlich geht er genervt auf die Mauer hoch, um sie persönlich rauszuschmeißen. Das Schöne in Indien ist, dass man sich einfach so verhalten kann und es akzeptiert wird.

Die Rikschafahrer wollen Mondpreise und behaupten, wir dürften uns nicht zu viert eine teilen. "Only 3 people." Die beiden Holländer beschließen, loszulaufen und zu hoffen, dass die Rikschafahrer dann mit dem Preis runtergehen. Da gelingt es Paul, ein Uber zu bekommen und wir winken ihnen zu. So legen wir die Strecke ins Tal gemeinsam im Uber zurück und die Rikschafahrer gehen absolut verdient leer aus.


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Oliver-BergamLaim
  Geschrieben am: 4 Aug 2020, 10:59


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Wieder gewohnt spannend, interessant und mit lesenswertem Kommentar smile.gif
Könntest Du denn evtl. noch ein paar Essensfotos pro Reisetag mit einstreuen? Gerade an der indischen Küche habe ich einen Narren gefressen wink.gif
    
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  Geschrieben am: 4 Aug 2020, 13:20


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QUOTE (Oliver-BergamLaim @ 4 Aug 2020, 10:59)
Wieder gewohnt spannend, interessant und mit lesenswertem Kommentar  smile.gif
Könntest Du denn evtl. noch ein paar Essensfotos pro Reisetag mit einstreuen? Gerade an der indischen Küche habe ich einen Narren gefressen  wink.gif

Ich werde alle Essensbilder zeigen, die ich gemacht habe. smile.gif
Nur gibt es längst nicht von jeder Mahlzeit ein Bild, weil ich oft entweder zu hungrig oder zu müde war, um erst zu knipsen und dann zu essen oder einfach, weil das Essen mit fortschreitender Zeit so normal wurde, dass ich schlichtweg nicht mehr daran gedacht habe, es zu dokumentieren. Es ist der typische Fluch der Gewohnheit, der auf Reisen immer wieder und erstaunlich schnell zuschlägt, sodass ich mich dann hinterher wundere, wieso ich manch gewohnten Anblick überhaupt nie festgehalten habe.
Aber deine Zuneigung gegenüber indischem Essen kann ich sehr gut nachvollziehen. Das war auch einer der Gründe, warum ich unbedingt nochmal nach Indien wollte. Auch in den Jahren davor (und jetzt nach der Reise) koche ich regelmäßig selbst indisch, weil sonst etwas fehlen würde. wink.gif


Tag 5 Jaipur -> Agra

Ein wenig zu früh für meinen Geschmack bringt mich ein Uber zum Bahnhof. Auf meinen ursprünglichen Plan, nämlich ein Uber zur Metro zu nehmen, habe ich nur verständnislose Blicke bekommen. Das scheint in Indien wohl nicht üblich zu sein.
Morgens um 7 ist der Verkehr noch sehr dünn und alles schläft tief und fest. Nur einige wenige Läden haben geöffnet.
Bereits nach 20 Minuten und damit viel zu früh bin ich am Bahnhof, also bleibt noch viel Zeit zum Umschauen.
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Tagsüber sieht das Empfangsgebäude nicht ganz so spektakulär aus, passt aber hervorragend zum Stadtbild.

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Mit einem großen Werbeplakat sollen die Fahrgäste von den Premiumzügen (Rajdhani Express) ins Flugzeug gelockt werden. Für 25 ¤ 8x wöchentlich nach Delhi fliegen ist jetzt aber wirklich kein spektakuläres Angebot verglichen mit etwa 15 Zügen täglich zu jeder Tages- und Nachtzeit, die für rund 300 km zwischen viereinhalb und sechseinhalb Stunden brauchen.

Die Evolution der Eisenbahn - wobei der letzte Schritt in Indien noch nicht erreicht wurde, denn HGV gibt es noch nicht.
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Kisten stehen zur Verladung bereit
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Ein Güterzug rumpelt durch
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Die WDG-4G-Loks sind Neubeschaffungen von Indian Railways für den Güterzugdienst und basieren auf amerikanischen Dieselloks von GE. Sie bieten mit klimatisiertem Führerstand und WC einen völlig neuen Komfort für den Tf.

Ansagen laufen in Dauerschleife und beschallen das bunte Treiben im Bahnhof. Dringdring. May I have your attention please...
https://www.youtube.com/watch?v=5EA9OcjsN7I
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Mein Zug fährt pünktlich ein. Die nächsten 241 km werden mich weniger als 2 ¤ kosten - also tschechisches Preisniveau. Aber der Komfort ist definitiv nicht so hoch wie im Regiojet in der Relax-Klasse.
Während der Fahrt...
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...und nachdem alle ausgestiegen sind.
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Die 3+3-Bestuhlung ist auf Breitspur ok, zumal ein Großteil der Inder sehr schlank sind. Das führt aber leider dazu, dass der Wagen zur 4+4-Bestuhlung wird, wenn sich stehende Fahrgäste noch dazuquetschen.

Alle Fenster können stufenweise nach oben geschoben werden und nach dem gleichen Prinzip ein Sonnenschutz gesenkt werden. Dass die Fenster nicht gut schließen, muss ich wohl nicht dazusagen. Im Winter ist das sicher sehr unangenehm. Im Sommer muss die Hitze trotz Ventilatoren unerträglich sein, wenn der Zug längere Zeit steht. Ich hatte bewusst eine kurze Fahrt am Beginn der Reise für den nicht klimatisierten Wagen ausgewählt, weil erstens immer mehr Züge mit ausschließlich klimatisierten Wagen verkehren und es hier zeitlich gerade gepasst hat und zweitens mit angenehmen Temperaturen beim offenen Fenster zu rechnen war. Tatsächlich ist es am Morgen noch recht frisch und ich lasse das Fenster erst im späteren Verlauf offen, um scheibenfrei zu fotografieren.

Simples Notbremsenprinzip
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Also wenn ich die Wahl zwischen einer Strafe von 12 ¤ oder 1 Jahr Gefängnis hätte, würde ich wohl ersteres wählen biggrin.gif

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Paul hat sich als Luftverkehrsfreak für einen kurzen Flug entschieden, ich bin also wieder im Chaos auf mich alleingestellt. Mein Sitzplatz ist zwar schon belegt, als ich einsteige, wird aber anstandslos geräumt, als ich meine Fahrkarte vorzeige. Ein paar erstaunte Blicke ernte ich schon von den anderen Fahrgästen, denn auch wenn es sich um eine typische Touristenroute handelt, ist die gewählte Klasse eindeutig nicht touristentypisch.
Pünktlich setzt sich der Zug mit lautem Pfeifen in Bewegung. In Jaipur ist die Elektrifizierung noch in Bau, auf der restlichen Strecke aber schon abgeschlossen. Daher dieseln wir überwiegend unter Fahrleitung.
"Where are you from?", spricht mich ein etwa 12-jähriger Junge an, der mir gegenübersitzt. Viel Smalltalk gibt es aber nicht während der Fahrt.
    
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  Geschrieben am: 4 Aug 2020, 13:21


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Der Zug hält einige Male und wird voller, sodass etliche Fahrgäste stehen müssen. In Deutschland habe ich aber schon deutlich Schlimmeres erlebt und dann wird es wieder allmählich leerer. Als der Zug auf 110 km/h beschleunigt, zieht es ziemlich kalt durch den Wagen und die Fahrgäste schließen dann doch die Türen, welche im Bahnhofsbereich noch offenstanden. Auf der Sitzbank gegenüber schläft ein Kleinkind. Die Eltern haben eine Decke unter das Fenster geklemmt, damit es nicht so stark zieht.
Ein Snackverkäufer geht durch den Wagen. "Samosi! Samosi!" Er verkauft viele. Kaum sind die Teigtaschen verspeist, werfen die Fahrgäste die Pappteller zum Fenster raus.
Wir stehen an einigen Halten ein paar Minuten herum, sind aber trotzdem pünktlich unterwegs.
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Im Vordergrund ist ein Anschluss zur Gleisfreimeldung durch Gleisstromkreis zu sehen. Aber auch Achszähler werden in Indien verwendet.

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Irgendeine Baustelle ist überall zu sehen.

Wasser-, Tee- und Kaffeeverkäufer gehen ebenfalls durch den Zug. Heißgetränke werden in kleinen Tongefäßen ausgeschenkt, die etwa die Größe einer Espressotasse haben. Nach paar Sekunden sind sie leer und landen im Gleisbett.
Da wundert es mich nicht im Geringsten, dass Indien so vermüllt ist.
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Kühe und Schweine wühlen im Müll, Rikschas hupen. Ein Mann zerrt an einer Kuh, die sich aber selbst nach einigen Stockhieben nur sehr widerwillig bewegt.

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Auf dem Land ist alles so ungewohnt sauber...

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Auf den Türstufen zu stehen oder zu sitzen ist auch während der Fahrt völlig normal. Bei heißen Temperaturen bekommt man so zumindest mehr vom Fahrtwind zu spüren.

Auf allen verfallenen Gebäuden der Eisenbahn steht ein Schriftzug, der auf die Aufgabe hinweist.
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  Geschrieben am: 4 Aug 2020, 13:21


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Ein paar weitere Eindrücke der kurzweiligen Fahrt
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Die Gepäckwagen der Personenzüge werden rege genutzt. Offenbar hat hier jemand ein paar Reifen verschickt.

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Einer der zahlreichen fliegenden Händler auf dem Bahnsteig

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Reserveschotter ist eine hervorragende Basis zum Kuhfladentrocknen

Einige vermüllte Slums ziehen vorbei und dann nähern wir uns schon Agra.
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Zu meiner großen Überraschung rollen wir mit -30 über die Ziellinie.
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Die Fahrt war absolut nicht unangenehm und unsicher habe ich mich auch nicht gefühlt. Für kurze Strecken bei angenehmen Außentemperaturen würde ich wieder Holzklasse nehmen.
    
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  Geschrieben am: 4 Aug 2020, 13:22


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Hier laufen ebenfalls Ansagen in Dauerschleife. Bis ich nach vorne laufe, setzt die Lok bereits um.
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Die Kupplungen unterscheiden sich offenbar nicht wesentlich von unseren.
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Von der Fußgängerbrücke gibt es einen guten Blick auf die Jama Masjid, eine Moschee.
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Da spricht mich schon ein Mann an und erzählt mir, was ich gerade fotografiert habe. Zufällig wäre er auch Touristenführer. Ob ich wohl schon ein Hotel hätte? Ja. Er könne mich hinfahren. Soso, und für wie viel? 4 ¤. War ja klar. Uber kostet etwa 1,30 ¤. Ich nehme unbeabsichtigt den Hinterausgang aus dem Bahnhof. Am Fuße der Überführung liegt in der Mittagssonne ein Mensch und eine Kuh auf dem Asphalt. Durch eine Seitenstraße, die wohl als Parkplatz dient, führt mich der Weg weiter und plötzlich stehe ich quasi mitten in einem quirligen Basar. Einerseits mag ich es ja, dass man mit dem Zug immer mitten im Leben ankommt, aber muss es in Indien eigentlich immer gleich so heftig sein? Ein paar Rikschafahrer bedrängen mich, aber keiner von ihnen weiß, wo das Hostel ist. Einer sagt nur, ich solle einsteigen. Den Preis kann ich von 2,50 ¤ auf 1,50 ¤ runterhandeln, wobei mir irgendwie nicht klar ist, wie die Fahrer eigentlich den Preis festlegen wollen, wenn sie gar nicht wissen, wo ich eigentlich hinfahren möchte. Rein mit dem Koffer und los geht's mit viel Gehupe durch das Gedränge im Basar. Ich muss mich nach dem relativ ruhigen Bahnhof erst wieder an den extremen Lärmpegel gewöhnen. Kaum haben wir den Basar verlassen, schaut mich der Rikschafahrer fragend an. Ich gebe die Route auf Google Maps ein und deute nach links. Doch er hat wirklich keine Ahnung und schaut sich an jeder Kreuzung zu mir um. Er bedeutet mir, mich zu ihm auf den Sitz zu quetschen und zu lotsen. Die Straßen werden immer enger und schlechter. Ich fürchte schon, dass sich mein Koffer an der nächsten Bodenwelle aus der Rikscha verabschiedet und werfe jedes Mal einen ängstlichen Blick nach hinten. Der Rikschafahrer fährt relativ vorsichtig. Hunde, Menschen, Kühe und unzählige hupende Rikschas und Mofas kämpfen sich voran. Dann werden die Gassen noch enger und ruhiger. Die Straßenoberfläche ist in katastrophalem Zustand und besteht nur aus löchrigem Beton, losen Steinen und Sand. Wir kommen nur noch in Schrittgeschwindigkeit voran. Hier links. Hier rechts. Zweimal fragt der Rikschafahrer jemanden etwas, vermutlich ob man durchfahren kann. Fakt ist jedenfalls, dass man hier unmöglich mit dem Auto hätte durchfahren können, wie von Google Maps behauptet. Nur die Rikscha passt gerade so durch die verwinkelten Gassen dieses ärmlichen Viertels, nur gut einen Kilometer vom Taj Mahal entfernt.
Und so kann auch eine simple Fahrt vom Bahnhof zur Unterkunft in Indien zu einem riesigen Abenteuer werden. Stop! Da ist ja das Hinweisschild des Hostels. Glücklicherweise ist es hier etwas sauberer und die Häuser sehen deutlich weniger abgeranzt aus. Obwohl ich dem Rikschafahrer ein kleines und nicht übliches Trinkgeld gebe, sieht er nach der abenteuerlichen Fahrt nicht gerade glücklich aus.
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Paul konnte etwa eine Stunde länger schlafen und ist etwa eine halbe Stunde vor mir im Hostel angekommen - zeitlich geht die kurze Strecke also klar ans Flugzeug, obwohl mein Zug deutlich verfrüht war.

Zeit fürs Mittagessen.
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Wir finden ein nettes Roof-Top-Restaurant in der Nähe. Warum mein Special Thali gut 3 ¤ kostet, während Paul für sein Normal Thali nur knapp 2 ¤ bezahlen muss, ist ein ungelöstes Rätsel geblieben. Mein Reis ist gelb und statt rohen Tomaten mit Zwiebel bekomme ich Paneer (indischer Käse, von der Konsistenz ähnlich Feta, aber aus Kuhmilch; rechts im Bild). Links Chapati, ganz unten das crackerartige Papadam, darüber Raita (Joghurt; immer gut, um die Schärfe abzumildern), Dal (Linsen) und in der Mitte einen typischen Gemüsemix.

Von der Dachterrasse schweift der Blick über die Dächer...
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...zum Taj Mahal...
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...über den Krempel der Nachbarn...
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...aber auch mal nach unten auf die Straße.
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  Geschrieben am: 4 Aug 2020, 13:22


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Den Nachmittag wollen wir für einen Besuch im Taj Mahal nutzen. Die Zufahrtsstraßen sind für indische Verhältnisse in extrem gutem Zustand und glücklicherweise für den Durchgangsverkehr gesperrt, um die Schadstoffe vom empfindlichen Marmor fernzuhalten.
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Zwischen den Souvenirbuden wühlen schon mal Schweine im Abwasser - Indien verbirgt seine hässlichen Seiten nicht.
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Wir müssen einige äußerst aufdringliche Guides abwimmeln und eine sehr genaue Sicherheitskontrolle über uns ergehen lassen. Die beiden Bananen sind nicht erlaubt. Wir sollen sie bitte jetzt essen oder wegwerfen. Als wir sie auspacken, kommen auch schon 3 Affen kreischend näher. Die Security-Leute schwingen eine Metallstange, um sie fernzuhalten und ich esse schleunigst auf. Dann dürfen wir endlich die überfüllte Top-Sehenswürdigkeit Indiens sehen.
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Das Taj Mahal ist immer noch genauso schön, wie ich es in Erinnerung habe.

Der in der Mitte des 17. Jahrhunderts fertiggestellte Gebäudekomplex ist ein Grabmal eines Moguls für seine große Liebe, die bei der Geburt eines Kindes starb. Im Hauptgebäude, das aus Ziegelsteinen erbaut und mit weißem Marmor verkleidet wurde, befindet sich ihr Grab.

Einige Vögel nutzen das Wasserbecken zur Abkühlung.
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Das gesamte Areal ist symmetrisch angelegt. Die vier Türme um das Hauptgebäude sind leicht nach außen geneigt, um im Falle eines Erdbebens nicht darauf zu stürzen.
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Der Kampf um gute Bilder ist zunächst wenig erfolgreich. Es ist einfach viel zu voll.
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Als sich die Sonne dem Horizont nähert, wird es langsam leerer. Offiziell schließt das Taj Mahal zum Sonnenuntergang und wir beschließen, einfach so lange zu bleiben, bis wir rausgepfiffen werden.
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Blick zum Taj Viewpoint, der zum Zeitpunkt unseres Besuchs wegen irgendwelcher Sicherheitsvorkehrungen für den anstehenden Besuch von Trump gesperrt war.
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Kunstvolle Verzierung im Grab
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Blick zurück zum Eingangsportal
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  Geschrieben am: 4 Aug 2020, 13:22


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Tiefer und tiefer sinkt die Sonne
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Bevor die Wächter uns langsam zum Ausgang treiben, entstehen doch noch einige ruhigere Bilder - Geduld schafft gute Bilder.
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Und siehe da - was zwei Stunden zuvor noch völlig hoffnungslos aussah, geht jetzt einwandfrei.
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