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Reiseerlebnisse mit der Bahn, Eine ganz normale Bahnfahrt [Zur Themenübersicht]
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einen_Benutzernamen
  Geschrieben am: 16 Sep 2019, 22:16


Kaiser


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laugh.gif Ich bin gespannt ob die auch die Schattenseiten erwähnen.

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  Geschrieben am: 4 Oct 2019, 11:46


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Gestern auf dem 1013 - am Feiertag durch die Republik

Mit der Anzahl der Nahverkehrs-Verbindungen mit passendem Anschluss zum Fernverkehr ist das in NRW am Feiertagsmorgen so eine Sache, die gestalten sich da recht übersichtlich, aber das hier hat funktioniert: aufgrund des sehr pünktlichen DVG-Kurses auf der gemeinsam mit der Rheinbahn gefahrenen U79 treffe ich am Gleis 15 des Düsseldorfer Hbf ein, als nebenan der 2013 nach Oberstdorf gerade abfährt. Also 4 Minuten vor Planabfahrt des ICE 1013, doch Gleis 15 ist wider Erwarten noch leer. Während ich noch ein Stück nach vorne gehe, rollt der Zug dann 3 Minuten vor der Abfahrtszeit auch ein, planmäßig ein 407 solo. Interessant ist, dass er von Süden kommt, der Tf also noch den Führerstand wechseln muss - oft sieht man diese Züge ihre Pausen auch auf den nördlich vom Hbf gelegenen Gütergleisen in Derendorf verbringen.

Einsteigen, Platz nehmen. So einfach - oder doch nicht? Was "digitale Infos" angeht, ist der Zug bei seiner Bereitstellung nämlich noch "elektronisch leer" - die Deckengondeln mit Zuglauf und Wagen-Nr. leuchten dann aber Sekunden später auf. Also alles gut? Mitnichten, denn was jetzt beobachtet werden kann, ist das spannende Ballett wie sich durchschnittliche deutsche Fahrgäste in einem Fernverkehrszug verhalten, wenn der reservierte Sitzplatz noch nicht angezeigt wird. Stellenweise wirkt es erschreckend hilflos, an anderer Stelle schon surreal komisch. Das Zugspersonal macht sogar noch extra eine Ansage, dass die Anzeige dann "in Kürze" erfolgen soll. Pünktlich abfahren ("Planstart") scheint dagegen nicht so wichtig zu sein, und so geht es mit +5 ab Düsseldorf Hbf los. Und dann wird es schon fast biblisch, die Erlösung der Suchenden leuchtet - nein, nicht vom Himmel, aber die Reservierungen werden jetzt angezeigt, als wir gerade durch Düsseldorf-Benrath fahren. Komisch, die Kombination aus Wagen- und Platznummer, die ja die ganze Zeit sichtbar war, scheint für manche nicht auszureichen. Über meinem Platz bleibt es dunkel, also keine Wanderung durch den 407. Und da jetzt alle Handtücher erfolgreich ausgeworfen wurden (Symbolbild) entspannt sich die Stimmung im Wagen merklich, beim "rheinischen Damenkränzchen" am anderen Wagenende, die mit einheitlich blauen Shirts ausgestattet dem Cannstatter Wasen in Stuttgart einen Besuch abstatten wollen, kreist schon mal die Sektflasche.

1013 ist ja einer jener praktischen Züge, die im großen Düsseldorfer Vorort den Hbf umfahren, also fällt das übliche Entertainmentprogramm mit Gedenkminute auf der Hohenzollernbrücke - Fahrtrichtungswechsel im Hbf - nochmals Gedenkminute auf der Hohenzollernbrücke aus, stattdessen warten doch recht viele Fahrgäste am Deutzer Tiefgleis 11 auf den Zug. War es ab Düsseldorf Hbf ca. halbvoll, würde ich jetzt die Belegung locker bei 70% aufwärts einsortieren - gut nachgefragt, aber noch nicht kritisch voll. Köln wäre auch nicht Köln, wenn es auf die Verspätung keine Zugabe gäbe, ab Köln Messe/Deutz geht es dann mit +8. Und den unvermeidlichen Running Gag wie im Trickfilm gibt es auch noch: So wie bei "Tom und Jerry" bei der Jagd durch den Garten immer ein Rechen herumliegen muss, wäre eine Fahrt im Fernverkehr nur halb komplett, wenn man nicht auf einem angeblich reservierten Platz sitzen würde. Dieses Mal ist es ein Paar ca. Mitte 50, bei dem "er" mir relativ schroff ansagt, dass ich aufzustehen hätte. Ja, einen schönen Guten Tag auch - meiner freundlichen Bitte, mir die Reservierung doch bitte schriftlich vorzulegen, kommt er aber immerhin nach, hui, sogar nicht nur ein Display eines Mobiltelefons, sondern tatsächlich ein Ausdruck auf Thermopapier vom Fahrkartenautomaten. Mal schauen: Datum, Zug- und Platznummern wären soweit korrekt, aber zum Wagen 21 dann doch bitte in diese Richtung, vielen Dank und gute Reise. Während er mit einem "Ah, ich dachte das wäre hier" abzieht, scheint sie von ihrem Partner dem Gesichtsausdruck nach zu urteilen doch etwas unangenehm berührt und wünscht mir noch einen schönen Feiertag. Danke, gleichfalls! Die Dame zwei Reihen vor mir, die das Schauspiel verfolgt hat, meint nur grinsend: "Hin und wieder tut etwas Demut doch ganz gut."

Bei der Einfahrt Montabaur werden wir aufs Gegengleis geleitet, zurück geht es dann in Limburg Süd, wo wir noch den weiteren Schlenker am Bahnsteig entlang nehmen. 100-120 km/h zu fahren wie bei dieser Weichentour erforderlich, fühlt sich auf der KRM dann doch schon fast wie Stillstand an. Und so kann der Zug die Verspätung bis Frankfurt Flughafen Fernbahnhof auch nicht wesentlich verkürzen, sie liegt zu diesem Zeitpunkt bei +6. Wie üblich findet bei diesem Halt dann doch ein nicht unwesentlicher Fahrgastwechsel statt, und auch wie üblich, demonstrieren durchschnittliche deutsche Fahrgäste, dass man kühlschrankgroße Rollkoffer wunderbar dazu verwenden kann, sie anderen Menschen blockierend mitten in den Weg zu stellen. Vor allem zwei junge Mädels, die ihre Koffer ohne Rollen vermutlich keine 3 m weit bewegt bekämen, glänzen in dieser Disziplin, verziehen sich dann aber nach einigem Hin- und her mit Gekicher nach weiter vorne im Zug. Am Abzweig in Zeppelinheim können wir noch nicht sofort auf die Riedbahn, weil vor uns noch der gleichfalls nicht ganz pünktliche 595 liegt, als der 407 zum Halten kommt, sieht man noch dessen Zugende (401) vorbeiziehen. Einen Block später geht es weiter, es hakelt aber ein bisschen, so dass die nördliche Einfahrt nach Biblis schon der nächste Punkt mit einem kurzen Stillstand ist. Geht aber gleich weiter, dieses Mal bis in die Gütergleise in Mannheim-Waldhof, wo wir auf einem Gleis neben dem besagten 401 zum Halten kommen - aha. Das "?" im Gesicht wird einen Augenblick später durch die Durchsage "Personen im Gleisbereich" beantwortet, schauen wir mal wie lange es dauert. Ein paar Minuten später rollt dann der 595 nebenan wieder los, nochmals 3 Minuten später folgt der 1013 diesem. Wie vermutet, geht es durch den Personenbahnhof auf der linken Seite durch und statt der seit 1985 üblichen "westlichen Einführung" nach Mannheim Hbf via Luzenberg und Neckarstadt nutzen wir die östliche Route via Käfertal und Neuostheim.

Das bedingt natürlich zur Weiterfahrt nach Stuttgart einen außerplanmäßigen Fahrtrichtungswechsel in Mannheim Hbf - den zuerst der 595 am Gleis 5 und dann der 1013 am Gleis 4 vollziehen. Kurz war die Überlegung, ob der zwischenzeitlich auf rund +30 angewachsenen Verspätung doch schon hier auszusteigen und den 19345 nach Hause zu nutzen, aber das wäre erst bei +45 oder mehr lohnend. Also geht es im Tiefflug durch den Kraichgau, bis der übliche Stau auf der B10/B27 in Zuffenhausen ankündigt, dass ich mir gleich den aktuellen Ruinenzustand von Stuttgart Hbf anschauen kann, Ankunft mit +30. Den eigentlich anvisierten 19126 hat es nicht gereicht, aber für den 19066 nach Heilbronn passt das jetzt ganz gut.


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Entenfang
  Geschrieben am: 28 Nov 2019, 22:44


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Heißer Ware auf der Spur

Um ein bisschen Spannung in eine mir bestens bekannte Route reinzubringen, möchte ich mal eine besondere Variante ausprobieren, die schon sehr lange auf meiner To-Do-Liste steht.

München Hbf......ICE 980........ab 9:19

Nürnberg Hbf..........................an 10:29
.........................RE 5285........ab 10:37

Cheb......................................an 12:22
.........................R 611...........ab 12:29

Sokolov ................................an 12:52
........................VBG 20820....ab 13:32

Zwickau Hbf...........................an 15:45
.......................RE 74045.......ab 16:31

Dresden Hbf............................an 18:21

Für den Abschnitt München - Sokolov habe ich vorneweg ein First Minute Europe der CD für 17,30¤ gebucht.

Die Reise startet an einem trüben Morgen am Münchner Hbf und es scheint fast so, als wäre der Plan hinfällig, ehe es überhaupt losgeht. Dodong. "Information zu ICE 980 nach Hamburg-Altona: Die Bereitstellung dieses Zuges verzögert sich noch um etwa 5 bis 10 Minuten." Doch schon bald rollt er an den Bahnsteig und wird gestürmt. Die Reservierungsanzeigen sind noch alle dunkel und ich setze mich einfach ins zweite Abteil. Da leuchtet überall "ggf. reserviert" auf. Ein Rentnerpaar zerrt einen Koffer durch den Gang. "Hier ist ja alles reserviert!!!", ruft der Mann entsetzt. "Das glaub ich nicht", entgegnet seine Frau. Kaum habe ich den Rucksack abgestellt, höre ich irgendwas von reserviert. Ich werfe einen Blick nach draußen und siehe da - alle 6 Plätze im gewählten Abteil sind reserviert. Gut, dann verschwinde ich jetzt wohl ganz schnell wieder... Im nächsten Abteil ist der Fenster- und damit Tischplatz erst ab Nürnberg reserviert und ich schnappe ihn mir sogleich. Neben mir sitzt ein junger Mann, mir gegenüber eine ältere Frau. Letztere setzt sich ziemlich bald zwei Plätze weiter auf den Gangplatz.
Mit +3 verlassen wir auch schon den Münchner Hbf. Puh, nochmal gutgegangen. "Guten Morgen, die Fahrscheine bitte. Soo, bei mir ist die 68 eingecheckt?!" "Ja, ich hab mich umgesetzt, ich habe dort ja gar keinen Platz", erläutert die Frau.

Unspektakulär und pünktlich verläuft die Fahrt durch den nebligen Tag bis Nürnberg. Im RE nach Cheb ist nicht allzu viel los, während wir schaukelnd durch die Oberpfalz rasen. Kurze Knotenpause in Marktredwitz
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Cheb wird sogar vor Plan erreicht. Vom Stumpfgleis ist es ein ewiger Fußmarsch bis zur Unterführung, sodass die Umsteigezeit nicht üppig ist.

Die lange Umsteigezeit in Sokolov nutze ich zum Fahrkartenkauf. Ein echtes Schnäppchen ist die Tageskarte für den Karlovyvarský kraj und grenznahen SPNV in Deutschland, welcher aber auch die Strecke bis nach Dresden abdeckt und nur 259 Kronen kostet. Der kleine Haken - man kann sie nur am Schalter in Tschechien und nur für den jeweiligen Tag kaufen, sodass ein "Missbrauch" für innerdeutsche Strecken deutlich komplizierter als mit den First Minute Europe ist. Die Kuriosität - die Fahrkarte gilt in Tschechien auf allen Strecken außer von Sokolov nach Klingenthal, denn es handelt sich um einen CD-Fahrschein und die werden von GWTrainregio nicht anerkannt, welches aber das EVU für den tschechischen Teil der Strecke ist. Beispielsweise von Plauen via Adorf nach Cheb kann man damit aber fahren, da dort die VBG-Züge in Tschechien von der CD gefahren werden.

Es dauert zwei Anläufe, bis mir die Mitarbeiterin den gewünschten Fahrschein verkauft, denn um diese Variante zu bekommen, muss sie erst Häkchen im System entfernen, die nur Züge nach CD-Tarif anzeigen. Bei GWTR kann man Fahrkarten nur beim Zugpersonal erwerben, dafür aber natürlich ohne Bordzuschlag.

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Die Brotbüchsen werden auf den Kurzläufern nur bis Kraslice eingesetzt.
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Weiter geht';s also im Regiosprinter, für mich eine Premiere. Der Zug erinnert vom Innenraum her stark an eine überbreite Straßenbahn, nur das WC passt nicht dazu.
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Etwa 20 Fahrgäste sind auf tschechischer Seite unterwegs und daran ändert sich auch kaum etwas, immer mal wieder steigt jemand an kleinen Wald-und-Wiesen-Hp aus oder ein. Wir halten am Bedarfshalt Kraslice predmestí, niemand steigt ein oder aus. Nach 15 Sekunden geht die Tür des Führerstands auf und der Tf kommt heraus. "Mädchen, wir sind daheim! Komm, aussteigen!", ruft er der jungen Frau zu, die in der 1. Reihe hinter dem Führerstand eingeschlafen ist und schüttelt sie sanft. Sie schaut ein paar Sekunden verwirrt aus der Wäsche und schnappt sich dann schleunigst ihren Rucksack, um auszusteigen. In Kraslice steigen dann alle anderen aus und ich fahre als einziger Fahrgast weiter. Tankstelle, Vietnamesenmarkt und Supermarkt ziehen vorbei, dann muss ja jetzt... ich korrigiere, zwei Tankstellen ziehen vorbei, also jetzt müssten wir ja wirklich... Korrektur, drei Tankstellen, dann kommt die Grenze. Bereits in Klingenthal steigen aber wieder einige Fahrgäste zu, darunter auch Schüler. Drei alte Frauen sammeln sich um den Fahrkartenautomaten. In den nächsten Minuten höre ich nur leises ratloses Gemurmel. Kann man Ihnen irgendwie helfen?

In Zwotental steigen drei Wanderer ein. Sie interessieren sich scheinbar sehr für mein Gepäck, das hinter meinem Rücken deponiert ist, weil ich dem Tf durch die Glasfront über die Schulter schaue. Als ich mich umdrehe, um nachzusehen, wird mir auch schon eine Zollmarke unter die Nase gehalten. "Guten Tag, Ihren Ausweis bitte. Ist das Ihr Gepäck?" Doch keine Wanderer. "Darf ich Sie fragen, woher Sie kommen und wohin Sie fahren?" Oh nein, denke ich nur. Das nimmt mir doch jetzt niemand ab, dass ich diese Route nur zum Spaß fahre und dabei auch noch einen riesigen Koffer und einen vollgestopften Rucksack dabeihabe. "Aha, von München nach Dresden? Und wie sind Sie da gefahren?" Der Kollege gibt inzwischen die Daten meines Ausweises durch. Ob das so lange dauert, weil ich so verdächtig bin oder weil er keinen Empfang hat, lässt sich wohl nicht überprüfen.
"Haben Sie irgendwelche meldepflichtigen Waren dabei? Alkohol? Zigaretten?" Nein. "Irgendwelche verbotenen Gegenstände? Waffen? Pfefferspray?" Auch nicht. "Illegale Drogen? Hatten Sie da schonmal Kontakt?" Seufz. Wäre ich an Stelle des Zolls, mir würde das alles höchstverdächtig vorkommen. Glücklicherweise fragt er nicht danach, was denn in meinem Koffer drin ist, denn das wäre noch unglaubwürdiger als die ganze Geschichte ohnehin schon ist. "Mhm, wolltest du nochwas machen?", fragt er den Kollegen. Der will das Ergebnis der immer noch nicht abgeschlossenen Ausweisprüfung abwarten. "Darf ich Sie fragen, welchem Zweck Ihre Reise dient? Dienstlich, privat?" Konsultation an der Uni. "Aha, und wieso haben Sie sich für diese Reiseroute entschieden?" Aus Spaß an der Freude sage ich lieber nicht, sondern lasse es bei der allgemeinen Erklärung, dass ich halt Bahnfreak bin. Das entlockt ihm dann doch ein kurzes Schmunzeln. Ich bekomme meinen Ausweis wieder. "Na gut, das soll‘s dann gewesen sein."

Ruhig und ohne nennenswerten Fahrgastwechsel verläuft die weitere Fahrt durch die inzwischen durch den Hochnebel sichtbare, tiefstehende Wintersonne.
Knoten in Falkenstein
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Kurz vor Zwickau zieht dann plötzlich sehr dichter Nebel auf. Innerhalb von einer Minute ist von der Sonne nichts mehr zu sehen und die Sichtweite beträgt keine 200 m mehr.
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Da ich in Zwickau eine ewig lange Umsteigezeit habe, reicht es noch, um bis ins Zentrum mitzufahren und dort einen Fotostop einzulegen. Regiosprinter mit Tram habe ich nämlich noch nicht in meiner Sammlung. Ich bin offenbar nicht der einzige, der die Wartezeit am Bahnhof lieber durch eine Spazierfahrt ersetzt, denn zwei weitere Fahrgäste bleiben an der Endstation einfach sitzen. Ein zugestiegener junger Mann schaut mich skeptisch an, als ich zur Tür gehe, ohne meinen Koffer mitzunehmen. Ich versichere, gleich wieder zurück zu sein und positioniere mich zum Knipsen.
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  Geschrieben am: 28 Nov 2019, 22:44


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Dann geht's auch schon zurück zum Hbf, wo ich erfahre, dass der nächste RE 3 ausfällt und ich stattdessen die 8 Minuten später abfahrende RB 30 nehmen muss. Dann bleibt ja noch Zeit für die Tram am Bahnhofsvorplatz.
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Der Fahrgast eine Reihe vor mir erkundigt sich beim Zub nach dem Grund für den Ausfall. "Kann ich Ihnen auch nicht sagen. Heißt nur aus betrieblichen Gründen." Einmal Wise Guys, bitte…
Die Grinsekatze jault deutlich vernehmbar, denn der Triebwagen schleudert heftig auf den schlüpfrigen Schienen, bringt mich aber pünktlich, d.h. eine halbe Stunde zu spät, ans Ziel.


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  Geschrieben am: 3 Jan 2020, 20:20


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Entenfang, warum fährst du eigentlich so gerne mit der Bahn?

Diese Frage höre ich immer wieder.

Eine mögliche Antwort lautet: Weil es immer Überraschungen gibt und selten langweilig ist. Oftmals sind es die kleinen Szenen und mitgehörte Gespräche, welche aber keinen eigenen Erlebnisbericht füllen, die mir ein Lächeln aufs Gesicht zaubern - oder auch zum Fremdschämen sind. Eine Auswahl der schönsten Erlebnisse des letzten Jahres gibt es hier:

RE nach Thale Hbf, Fr, 18:10 Uhr

Im Schneckentempo verlassen wir Halberstadt. Selbst nach dem Passieren des Asig bleibt es bei Schrittgeschwindigkeit. Nach 100 m hält der Zug mitten im Gleisvorfeld an.
Der Türfreigabeton erklingt.
Dann geht es wieder ein paar Meter im Schritttempo weiter. Wir kommen wieder zum Stehen, erneut erklingt der Türfreigabeton. Dieses Mal dauert die Pause länger. Der Tf verlässt den Führerstand und begutachtet die Türen. Wieder Freigabe, die Zub öffnet die Tür und schaut nach draußen. Die Türen schließen sich wieder. Der Tf versucht erneut, anzufahren. Wir kommen ganze drei Meter weit, dann hält der Zug mit einem Ruck. Zweiter Versuch, gaaaaanz sachte. Das Ergebnis bleibt gleich. Die Zub geht durch: "Wir haben ein kleines Problem mit den Türen... Sie hören es ja. IHHH-ÜÜ IHHH-ÜÜ IHHH-ÜÜ IHHH-ÜÜ IHHH-ÜÜ! Lülülülülülülülülülülülülülü!", ahmt sie das Piepkonzert - sehr zur Erheiterung der Fahrgäste - nach. Irgendein historischer Zug kommt uns entgegen.
Kurze Zeit später ist die Türstörung dann behoben und wir setzen die Fahrt mit üblicher Geschwindigkeit fort. Mit +10 nähern wir uns dem nächsten Halt. Dungdongding! Nä... "Nächster Halt: Quedlinburg", unterbricht die Zub die automatische Ansage, "viel Spaß bei den Sachsen-Anhalt-Tagen und auf Wiedersehen!" Wir rollen an den Bahnsteig. Die um zwei Oktaven tiefere Stimme des Tf erklingt: "Verehrte Reisende, wir sind noch nicht in Quedlinburg. Nächster Halt: Wegeleben." "Also nicht aussteigen. Alle schön sitzen bleiben!", gibt die Zub durch. Lachen geht durch den Zug.

"So, jetzt erreichen wir aber wirklich Quedlinburg", verkündet die Zub später, "wir möchten uns von Ihnen verabschieden und wünschen Ihnen viel Spaß bei den Sachsen-Anhalt-Tagen. Tschüühüüsss!" Applaus brandet auf.


Gliesmaroder Straße, Braunschweig, Fr, 23:57 Uhr

Drei leicht angetrunkene Mädels, etwa 19 Jahre alt, überqueren hinter mir die Straße. "Entschuldigung? Wissen Sie, wo hier die S-Bahn abfährt?" Hmm? S-Bahn??? "Also, die 3?" Ich deute auf die zehn Meter vor uns liegende Haltestelle. Welche Richtung denn überhaupt? "Moorhüttenweg." Die Haltestelle kenne ich leider nicht, aber sie schafft es allein, den Fahrplan zu lesen und festzustellen, dass es die korrekte Richtung ist. "S-Bahn?", meint ihre Freundin kichernd,"ich glaube, wir waren zu oft in Hamburg zum Feiern..." "Ja, Hamburg, Alda. Das ist voll geil, Digga", gibt die dritte ihren Senf dazu. "Boah, meine Mudda hat zu mir gesagt: 'Was du auch machst, mach nicht zu dolle...', erzählt die erste. Sie packt ein Deo aus dem Rucksack und sprüht sich von oben bis unten ein. Die komplette Haltestelle verschwindet in einer blumigen Wolke. "Meine weiß das gar nicht, ich habe ihr nur gesagt, dass ich mich mit meinen Freundinnen treffe." "Ach, meine weiß das schon. Sie hat mir sogar eine Flasche Sekt mitgegeben", meint die dritte grinsend."Voll geil, Digga!"


Tram 5 Richtung Helmstedter Straße, Braunschweig, Sa, 16:00 Uhr

An einer Haltestelle steht ein Rollstuhlfahrer, ca. 70 Jahre alt, bereit und möchte in den GT6S-Wagen einsteigen. Er wird von seiner Frau begleitet. Aufgrund des nicht ebenen Einstiegs bietet der Fahrer seine Hilfe an. Er nimmt den Rollstuhl und kippt ihn leicht nach hinten, um den Höhenunterschied in die Tram zu überwinden. "Ohhhhh, Vorsicht!!!", meint der Mann und fürchtet, umzukippen. Wenige Sekunden später ist er drinnen, der Fahrer verschwindet in seiner Kabine und setzt die Fahrt fort. "Der fährt aber ganz schön schnell", sagt der Mann nach kurzer Zeit. "Tja, sind halt zwei Behinderte unterwegs", meint seine Frau lachend. "Naja, und auch vorher das beim Einsteigen... Das war ganz schön happig!"


U5 Richtung Laimer Platz, München, Sa, 0:34 Uhr

"Grüß Gott, die Fahrscheine bitte!", sagt ein leicht angetrunkener junger Mann in der passenden Tonlage.
Ein anderer Mann dreht sich um und meint daraufhin lachend zu seiner Freundin: "Jetzt habe ich doch tatsächlich schon zum Geldbeutel gegriffen. Ich hatte auch mal meine Zweifel bei einem Kontrolleur, dann habe ich gesagt: 'Jetzt zeigst du mir erst mal deinen Ausweis!'"


Quiddestraße, München, So, 18:39

"Och nee, jetzt müssen wir noch ewig auf den blöden Bus warten", brummt eine Frau mit Kinderwagen. Drinnen sitzt ein dreijähriger Junge, um den Kinderwagen springt sein sechsjähriger Bruder herum und kitzelt ihn.
"SO, JETZT REICHTS! DU HAST DAS MASS FÜR HEUTE AUFGEBRAUCHT!", schreit die Mutter den Älteren an, "HÖR JETZT SOFORT AUF!" "Aber ich will doch nur spielen", quäkt dieser. "Das ist nicht Spielen, das ist Ärgern!"
Doch bald darauf geht das Kitzel-Spiel von vorne los. Dem Kleinen scheint das aber nichts auszumachen. Irgendwann befreit er sich aus dem Kinderwagen und beide tollen auf dem Bürgersteig herum und trommeln gegen das Glas des Wartehäuschens. "Hört jetzt bitte auf!", mischt sich die Mama ein. Sie bringt den Älteren hinter den Kinderwagen. "Probier mal, ob du einfach nur stillstehen kannst. Halte mal den Kinderwagen fest und bleib einfach stehen. Mach mal nichts anderes. Kannst du das, bis der Bus kommt?"
Er kann es genau 10 Sekunden, dann springt er wieder herum. "Siehst du, du schaffst es nicht! Was machst du denn in der Schule? Da musst du doch auch still sitzen." "Ich muss mich halt beschäftigen", rechtfertigt sich der Junge, "außerdem dauert es eh noch tausend Millionen Jahre, bis der Bus kommt." Die Brüder tollen weiter herum. "Ok, sollen wir den anderen Bus nehmen? Dann müssen wir aber noch laufen!" "Jaaa, den anderen Bus!", ruft der Sechsjährige begeistert. "Aber dann musst du laufen", erinnert ihn die Mama. "Das macht nichts." "Ok, dann kommt jetzt mit, der Bus kommt!" Beide laufen in entgegengesetzte Richtungen davon, die Mama steht etwas unschlüssig mit Kinderwagen in der Mitte. Ich muss auf meinen Bus glücklicherweise nicht tausend Millionen Jahre warten und sie verschwinden aus dem Blickfeld.


BOB nach Lenggries, Do, 11:00

Bis Bad Tölz hat uns die BOB mit +4 gebracht. Das geht ja gerade noch, denn zum Bus in Lenggries haben wir 6 Minuten Umsteigezeit. Doch obwohl der Gegenzug schon auf uns wartet, wird die Fahrt nicht fortgesetzt. "Verehrte Fahrgäste, unsere Weiterfahrt wird sich noch um einige Minuten verzögern, weil der vor uns liegende Streckenabschnitt noch belegt ist." Was fährt denn sonst nach Lenggries? Um den Anschluss sieht es duster aus. Ich schaue in den DB Navigator und meine Miene hellt sich auf. Der Bus steht mit +11 drin. Ist das etwa geplante Anschlusssicherung? Etwa 5 Minuten später geht es weiter und mit +14 erreichen wir den Endbahnhof. Die verspätungsverursachende Fahrt muss wohl eine Werkszuführung gewesen sein. Bis zur Bushaltestelle sind es keine 50 Meter. Niemand steht an der Haltestelle, doch der DB Navigator bleibt der Meinung, dass der Bus +11 hat. Und während ich noch am überlegen bin, wie wenig Lust ich auf 2 km Fußweg bis zur Seilbahn habe, rollt der Bus an die Haltestelle. Außer uns steigt noch genau ein weiterer Fahrgast ein - die Wettervorhersage hat Gewitter angekündigt und das hat man schon im trotz Feiertag außerordentlich leeren Zug gemerkt. Wir kommen keinen halben Kilometer weit, dann stellt der Fahrer fest, dass die Straße vor uns durch ein Fest mit Umzug blockiert ist. Flink ist der Rückwärtsgang eingelegt, zur nächsten Straße zurückgesetzt und die Problemstelle umfahren. Merke: Anschlusssicherung in Deutschland bedeutet meistens, darauf zu hoffen, dass der Anschluss mehr Verspätung hat als der Zubringer.


RE nach Tübingen, Fr, 15:04

Der Zug aus Tübingen steht in Plochingen für die Rückleistung bereit. Zwei Frauen um die 40 sitzen sich gegenüber und quatschen. Plötzlich kramt eine wie verrückt in ihrer Handtasche. "Oh Gott, ich hab vergessen zu stemple (sic)!" Sie rennt nach draußen, wirft einen schnellen Blick über den Bahnsteig - kein Entwerter in Sicht. Sie verschwindet in die Unterführung und kehrt keine halbe Minute später zurück. Sie hechtet in den Wagen. Bleiben nur noch 9 Minuten bis zur Abfahrt...


Theater, Ulm, Di, 16:59

"Haben Sie denn die DSGVO unterschrieben?", spricht mich ein junger Mann an. Mir war gar nicht bekannt, dass ich etwas mit der DSGVO zu tun habe, wenn ich Straßenbahnampeln fotografiere. "Na bin ich etwa nicht im Bild? Ich habe doch extra das Peace-Zeichen gemacht." Ich hatte mich so sehr auf die Ampelschaltung konzentriert, dass mir das gar nicht aufgefallen war.


Westbahn nach Salzburg, Mi, 17:19

"Sie sitzen nicht in dem Zug, der auf ihrer Fahrkarte steht", meint die Zub zu einem älteren Herrn. "Nadürliach sitz ich im richtigen Zug", murrt der Mann. "Nein, da steht 18:12 Uhr auf der Fahrkarte. Sie müssen den Aufschlag zum normalen Tarif bezahlen." "Gar nix bezoahl ih. Ist doch 18:12." "Nee, schauen Sie nochmal genau auf die Uhr. Sie haben eine besonders günstige Fahrkarte gekauft, die ist aber zuggebunden." "Wie heißen Sie? Ich werde mich über Sie beschweren." "Sie können sich gerne beschweren, ich mache aber nur, was mein Arbeitgeber fordert." Unergründliches Grummeln. "Na gut, dann kaufe ich jetzt halt eine andere Fahrkarte im Internet." "Das können Sie nicht machen - Sie sitzen jetzt in einem Zug, der fährt und für den Sie keine Fahrkarte haben. Bis Attnang-Puchheim macht das dann 5,90 ¤." Weiter grollend hält er ihr unter größtem Protest einen Zehner hin. Sie sucht das Wechselgeld und gibt ihm die Fahrkarte. "Aber in Attnang-Puchheim steigen Sie dann bitte aus. Sie haben nur bis dorthin bezahlt, sonst sind Sie Schwarzfahrer." "Na ih hob Ihnen doch gesagt, dass ich nach Vöcklabruck will." "Alles klar, dann storniere ich das jetzt. Macht dann 6,70¤."


Bus 139 Richtung Klinikum Harlaching, München, So, 14:02

"Denk dran, ab jetzt ist Rotautospiel!", ruft das achtjährige Mädchen, als es mit seiner Mutter in den Bus einsteigt."Da!" Sie zeigt auf ein rotes Auto, welches uns entgegenkommt. "Rot!" Ein Parkendes. "Da!", meint die Mama. "Ok, 2:1." "Rot!" "Wo?" "Da, ganz hinten." "Aha, ich hab auch eins. Dort." "Rot!" "Das zählt nicht, das habe ich schon an der Ampel vorhin gehabt." Das Mädchen versucht, neben dem Entdecken der ziemlich häufig auftauchenden roten Autos auch noch den Überblick über den Spielstand zu behalten. "5:3." "Da!" "5:4." "Und dort drüben!" "5:5." "Rot! Und noch eins! 7:5!" Wer das Duell gewonnen hat, erfahre ich nicht. Denn nach nur einer Haltestelle muss ich aussteigen.


Obus 2 Richtung Terminál HD, Hradec Králové, So, 10:05

Die Straßen sind leer an diesem Sonntagmorgen und am Zebrastreifen wartet ein Mann mit seinem 3-jährigen Sohn. Vermutlich möchte er ihm das richtige Verhalten beibringen. Der Obusfahrer hält ordnungsgemäß an, gibt ein Zeichen und wartet, bis die beiden nach fast 10 Sekunden endlich losgehen. Der kleine Junge winkt dem Busfahrer freundlich zu, dieser winkt zurück.


Bus 139 Richtung Klinikum Harlaching, München, Mo, 10:04

Mein Bus kommt pünktlich, lediglich die etwa ruppige Fahrweise fällt mir auf. An der Corinthstraße fährt der Fahrer einfach ohne Halt an der Haltestelle vorbei, obwohl dort Leute warten. Glücklicherweise will niemand aussteigen. Der Fahrer ordnet sich auf die Linksabbiegerspur ein, merkt dann wohl, dass er hier geradeaus fahren muss und steht dann irgendwie schräg über alle 3 Spuren. Es wird Grün, doch der Fahrer ist offenbar anderweitig beschäftigt, denn er fährt nicht los. Da wenig Verkehr herrscht, hupt niemand. Erst kurz bevor es wieder Gelb wird, merkt der Fahrer etwas und fährt los. An der Quiddestraße ordnet er sich wieder links ein und ehe jemand eingreifen kann, biegt er dieses Mal wirklich falsch ab. Er bemerkt seinen Fehler noch, doch da ist er schon zu weit. "Hee, Sie müssen dort lang fahren!", ruft jemand. Nun fällt mir auf, dass mein pünktlicher Bus direkt hinter uns, aber auf dem richtigen Linienweg fährt und ich im vorherigen Kurs mit +10 sitze. "Also, der Bus fährt ja heut umanand...", brummt eine Frau, die wie ich an der Haltestelle vom 197er aussteigt.


Tram 20 Richtung Divoká ¦árka, Prag, Fr, 22:13

In Hlubocepy steigt eine Gruppe Italiener, hauptsächlich mittleren Alters, ein. Augenblicklich herrscht ein unglaublicher Lärmpegel in der Tram. Ob das am zuvor konsumierten Wein oder einfach an der italienischen Mentalität liegt, wird wohl nie geklärt werden. "Wir fahren bis Andel. Bis Andel!", ruft der Führer für die ganze Bahn problemlos verständlich und falsch ausgesprochen auf Italienisch. "Wie viele Haltestellen sind das?", fragt jemand - zumindest glaube ich das, denn die Antwort lautet "7 Haltestellen." Nach und nach entwertet jeder eine 30-Minuten-Fahrkarte. Beim dritten angekommen fährt die Tram ab, was beinahe zu einem Dominoeffekt der nicht darauf vorbereiteten und sich nicht festhaltenden Italiener führt. Oder liegt es doch am Wein? Krrrrk. Der Nächste. Krrrrrk. Dann kommt die erste Kurve und wieder liegen sich ein paar Italiener in den Armen. Ob der Fahrer nur zum Spaß so wild - also typisch tschechisch - fährt oder um die durch den langen Fahrgastwechsel verursachte Verspätung reinzuholen, wird wohl ebenfalls nie geklärt werden. Krrrk. Krrrrk. Zwischen Smíchovské nádra¸í gibt es wegen eines Kanalbaus einen etwa 100 m langen eingleisigen Abschnitt mit Kletterweichen, welcher einfach auf Sicht befahren wird und keine Ampel aufweist. Krrrk. Bald weiß ich auch, dass die Italiener an der Haltestelle Andel in die 10 umsteigen wollen. Als einer der jüngeren Italiener auf die grandiose Idee kommt, die Haltestellennamen vorzulesen, kann ich mir ein Grinsen nicht mehr verkneifen - Tschechisch auf Italienisch klingt noch witziger als die italienische Sprache ohnehin schon. Das bemerkt auch die Italienerin neben mir, kommentiert es aber nicht.
Eine Frau stimmt schließlich Bella Ciao an.
https://www.youtube.com/watch?v=4CI3lhyNKfo
Ein Mann mit tiefer Stimme macht mit und gibt einen hervorragenden Bass ab.
Das Ganze klingt wirklich super und verkürzt die Herumfahrerei durch die Nacht auf angenehme Weise, während das Wasser an den Fenstern herabfließt. Dodedong. Plzenka. Prí¨tí zastávka: Na Kní¸ecí.
Als sie mit Bella Ciao durch sind, folgt ein weiteres Lied, welches ich aber nicht kenne. Inzwischen singt fast die ganze Gruppe. Als sie wenig später aussteigen, ist es plötzlich so merkwürdig still im Wagen. Nur das Rattern und die Haltestellenansagen begleiten mich auf dem Weg durch die Kleinseite. Eines lässt sich jedenfalls festhalten - die Italiener sind den deutschen Junggesellenabschieden musikalisch überlegen.

Hradcanská, Prag, Fr, 22:42

Ein Säufer pisst gerade am Fuß der Treppe von der Oberfläche ins Zwischengeschoss in den Abfluss. Daneben will noch einer gerade anfangen, aber als ich unbeeindruckt weitergehend das Schauspiel betrachte, ist es ihm wohl doch zu exponiert und er bricht sein Vorhaben ab, nur um es drei Schritte weiter im Zwischengeschoss in einer Ecke zwischen Wand und Snackautomaten umzusetzen.


Nymburk hl.n., Fr, 11:23

Ein Mann, offensichtlich kein Bahnangestellter, verlässt das Büro des Fahrdienstleiters und verschwindet in der Bahnhofsgaststätte. Wenige Minuten später kehrt er mit einem gefüllten Teller zurück und bringt ihn dem Fahrdienstleiter.
Welche Möglichkeiten sich ergeben, wenn Bahnhöfe noch voller Leben sind und nicht nur Treffpunkt aller Assis der Umgebung...


R Richtung Hradec Králové, So, 19:16

Zusammen mit mir im Abteil sitzen zwei mittelalte Männer, einer der beiden telefoniert ununterbrochen. Selbst wenn ich alles verstehen würde, wäre es schwierig, den Inhalt des Gesprächs wiederzugeben, denn mindestens 80% seines Gesprächsanteils bestehen aus "Hmm, klar", "Hmm, ja", "Ja, klar", "Aha" und Ähnlichem, gepaart mit einigen "Hallo? Halllo???", wenn die Verbindung schlecht ist. Offenbar führt sein Gesprächspartner einen ziemlichen Monolog, denn er gähnt einige Male. Der zweite Mann ist nach fast einer Stunde Dauertelefonieren wohl genervt und verbringt die letzten Minuten bis zur Ankunft lieber stehend im Gang. Als wir in Hradec Králové einfahren, schafft der Mann es endlich, den Monolog zu beenden.


Sp Richtung Chlumec nad Cidlinou, Mo, 18:02

"Dort ist die Oma", meint der Schaffner zu einer jungen Frau und führt sie ein paar Sitzgruppen weiter. "Ohhh, wir haben dich ja gar nicht gesehen!", ruft die Oma erstaunt aus, als sie ihre Enkelin erblickt. "Ich habe euch auch nicht gesehen...", meint die Enkelin. Offenbar haben die Großeltern sie wirklich schon länger nicht mehr gesehen, denn Auszüge des Gesprächs drehen sich darum, was sie denn gerade so mache. Gut informierte Schaffner aus der Region können Familien zusammenführen"


Alex nach München, Mi, 16:44

"Das Alex-Team begrüßt alle Fahrgäste auf der Fahrt nach München. Wir haben Furth im Wald mit etwa 23 Minuten Verspätung verlassen. Grund dafür ist die verspätete Übergabe aus dem Ausland." Im Ausland wurde die übrigens durch eine Signalstörung in Prag sowie mehrere Baustellen zwischen Prag und Pilsen verursacht und die eingleisige Strecke tat dann ihr Übriges. "Bitte beachten Sie folgenden Hinweis: Der erste Wagen wird in Schwandorf abgesperrt. Grund hierfür ist Personalmangel" Der Zub erklärt mir auf Nachfrage, dass pro 6 Wagen ein Zub vorhanden sein muss. Besser ein abgesperrter Wagen als ein ausgefallener Zug, wie der 3h spätere Alex von Regensburg nach München. Grund hierfür: Kurzfristiger Personalmangel.


Tram 2 Richtung Universität, Linz, Mo, 15:34

Einige Schüler, vermutlich 5. Klasse, steigen ein. Zunächst wird erstmal abgeklärt, wer den freien Platz im Zweier bekommt, den ein Junge besetzt hat und wer mit dem Platz neben mir vorliebnehmen muss. "Komm, wir können auch zu dritt hier sitzen!", ruft er einem anderen Jungen zu. Es wird ein bisschen hin- und hergewuselt. Schließlich setzt sich doch nur ein anderer Junge auf den freien Sitz neben ihn. "Nee, du musst alleine sitzen", sagt der Platzbesetzer zu einem anderen Jungen, der sich dazusetzen will. Also muss dieser sich wohl oder übel zu mir setzen.
"Waaaas? Du hast noch nie Wrap gegessen?", meint der Platzbesetzer zu seinem Nebensitzer, "das musst du unbedingt mal machen! Die schmecken echt sehr gut und sind auch sehr billig." "Stimmt, bei uns kosten die 4,90¤", wirft ein anderer Junge ein. "So teuer?!", entgegnet wieder der Platzbesetzer, "bei uns kosten die nur 4,70¤!!!"
"Wie viel Taschengeld bekommt ihr eigentlich so im Monat?", fragt ein anderer Junge in die Runde. "Ach, das ist unterschiedlich", meint ein anderer, "wir bekommen immer was, wenn wir irgendwas helfen. Meistens müssen wir Einkäufe hochtragen, dass sind dann immer 1000 Sachen..." "Wir bekommen keinen Cent", meint ein anderer seufzend. "Wie??? Gar nichts???" "Neee, aber wir dürfen uns manchmal Sachen kaufen. Letztens haben wir uns ein riesiges Lego für über 100¤ davon gekauft!", meint er grinsend, sichtlich immer noch voller Freude bei dem Gedanken an das Lego.
Die Tram hält und zwei Jungs steigen unerwartet aus und zischen davon. "Wo geht ihr denn hin?", schreit ihnen ein anderer durch die offene Tür hinterher. "Wir gehen zu Mäggi!", hört man es von draußen. Inzwischen ist der Fahrgastwechsel abgeschlossen und nur noch die eine Tür offen, weil zwei Jungs die Lichtschranke blockieren. Der Fahrer nimmt die Freigabe zurück und piepend laufen die Türen zu. "Ok, wir sehen uns nachher an der Herz-Jesu-Kirche!", schreit einer nach draußen, ehe die Türen mit einem klonk schließen.


Bus 16 Richtung Roudnicka, Hradec Králové, Mo, 13:28

Zwei Jungs, etwa 10 Jahre alt, und ein etwas jüngeres Mädchen warten auf den Bus. Alle drei sind in ihre Handys vertieft. Die beiden Jungs spielen mit voller Konzentration weiter, nachdem sie eingestiegen sind. Einer der Jungs setzt sich hin, während der andere im weitgehend leeren Bus stehenbleibt. Ein paar Haltestellen weiter muss ein Junge aussteigen, beendet sein Spiel und verabschiedet sich. "Ciao!" "Ciao", brummelt der andere, ohne von seinem Handy aufzublicken. Als der Junge ausgestiegen ist und der Busfahrer bereits die Türen schließt, klopft er nochmal ans Fenster und winkt. Der andere jedoch nickt nur, weiterhin versunken ins Handy.


Bus 18 Richtung Vysoká, Hradec Králové, Di, 5:39

Zusammen mit einem Mann steige ich in den komplett leeren Bus ein. Der Fahrer hört Rockmusik in beachtlicher Lautstärke, um wach zu werden. Der Bus hat die Strecke von der Endstation wohl bis zu meiner Einstiegshaltestelle ohne Fahrgäste und ohne Halt zurückgelegt und der Fahrer muss erstmal die verpassten Haltestellen manuell überspringen, damit die Ansage wieder stimmt.


Os nach Ledecko, Do, 11:13

"Guten Tag, Ihren Fahrschein bitte", spricht mich der Schaffner auf Deutsch an. Das ist schon mal außergewöhnlich, denn in Regionalzügen irgendwo in der Provinz beherrschen die Zugbegleiter nur äußerst selten Fremdsprachen. Er fragt mich, wo ich denn hinfahren würde, denn vom direkten Weg Hradec Králové - München weiche ich geringfügig ab. Ich fahre mal übers Wochenende heim und probiere jedes Mal einen anderen Weg aus... "Sie haben eine sehr schöne Route ausgewählt. Bald kommt wilde Natur und ein Flusstal." Wir plaudern ein wenig, der Schaffner möchte sein Deutsch üben. Er erzählt, dass er früher auf einem Kreuzfahrtschiff gearbeitet hat und dabei nicht nur Japan und China besucht hat, sondern auch Arktis und Antarktis. Und jetzt arbeitet er als Zugbegleiter auf einer tschechischen Nebenbahn. Es stellt sich heraus, dass er nicht nur ganz passabel Deutsch spricht, sondern auch Englisch und Spanisch. Er möchte nun noch Französisch lernen und einen Pilotenschein machen. Selbstverständlich begrüßt er alle Fahrgäste einzeln, denn in den kleinen Dörfern steigen immer mal wieder ein bis zwei Rentner ein oder aus, vermutlich alles Stammfahrgäste.
Schließlich erreichen wir Ledecko. Ich lobe den guten Zustand vieler tschechischen Provinzbahnhöfe und dass es fast überall Toiletten gibt - beides ist Deutschland eher selten. Das überrascht ihn. Außerdem erfahre ich noch, dass er gerne ein kommentiertes Führerstandsvideo der Strecke machen würde, um mehr Touristen in die Region zu locken. Bevor meine Brotbüchse nach Cercany einfährt, bittet er mich noch darum, ein Foto von ihm zu machen.


Praha hl.n., Do, 15:31
";Excuse me, do you speak English?", spricht mich ein Mann in ziemlich leisem Tonfall auf dem Bahnsteig an. Ich erkenne auf den ersten Blick, dass er mich nicht danach fragen wird, ob denn dieser Zug auch nach xy fahren würde. "Hi, I'm Henry and I'm from Ostrava. Please help me, I need some money to get back there..."
Ich verschwinde schleunigst im gerade bereitgestellten Alex. Wie oft ich die Geschichte nun schon gehört habe... Hi, ich muss ganz dringend nach xy, aber mir fehlen noch xy Kronen für die Fahrkarte.
Und kaum habe ich im Zug platzgenommen: "Guten Tag der Herr, können Sie mir nicht helfen? Mir fehlen noch genau 24 Kronen für die Fahrkarte."


Prien am Chiemsee, So, 10:56

"Willst du ein Stück fahren?", bietet der Papa dem zweijährigen Kind an und stellt das Laufrad auf den Bahnsteig, nachdem sie aus dem Meridian ausgestiegen sind. Und schon sitzt das Kind drauf, bereit zur Abfahrt. Da taucht der Tf aus der Führerstandstür auf. "Tun Sie mir bitte einen Gefallen und nehmen Sie das Kind vom Laufrad - das kann hier auf dem Bahnsteig böse enden..." Der Vater nimmt das Kind vom Laufrad. Das sorgt unverzüglich für Protest des Kleinen. "Hier darf man nicht Laufrad fahren," versucht der Papa zu erklären, "das hat der Mann gerade gesagt." Rabähhhhh! Wenig überraschend - das Kind will aber trotzdem Laufrad fahren. "Hör bitte zu, wenn Mama und Papa was Wichtiges sagen." Das Geheule dauert noch ein, zwei Minuten, dann sind sie in den 628 nach Aschau eingestiegen.
Schließlich kommt mit +10 der Meridian aus Salzburg eingefahren, der Anschluss wird aber nicht abgewartet. Dem Blick aus dem rückwärtigen Fenster nach zu urteilen bestand aber auch kein Bedarf. Nahezu völlig ruhig gleiten wir im Beiwagen in gemütlichem Tempo durch die idyllischen Dörfer, unterbrochen wird die Stille nur von gelegentlichen hellen Pfiffen. "Na, bist du schon aufgeregt, dass wir zu Oma und Opa fahren?", höre ich den Papa fragen.
Vom beschaulichen Aschau aus hat man unter der Woche zahlreiche Busse, am Samstag zwei Fahrtenpaare um am Sonntag die Wahl zwischen 2 km zur Seilbahnstation zu laufen oder mit dem Auto bis direkt vor den Eingang zu fahren. Vermutlich wählen 98% der Wanderer Variante 2.


Tram 12 Richtung Striesen, Dresden, Di, 22:43

Zwei Mädels haben sich für die Silvesterparty herausgeputzt und sich vermutlich auch schon ein bisschen Mut angetrunken. Immer schön Duckface-Selfies machen! Eine der beiden nimmt einen Schluck aus der Flasche mit einem unbekannten alkoholischen Getränk und spricht dann ihr Spiegelbild in der Fensterscheibe an. "Hey, guck mal, da ist Ben! Hallo Ben! Ich geh jetzt feiern!"


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gmg
  Geschrieben am: 4 Jan 2020, 13:19


Lebende Forenlegende


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Wohnort: M-Hasenbergl


QUOTE (Entenfang @ 3 Jan 2020, 21:20)
Eine mögliche Antwort lautet: Weil es immer Überraschungen gibt und selten langweilig ist. Oftmals sind es die kleinen Szenen und mitgehörte Gespräche, welche aber keinen eigenen Erlebnisbericht füllen, die mir ein Lächeln aufs Gesicht zaubern - oder auch zum Fremdschämen sind.

Das geht mir auch so!


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einen_Benutzernamen
  Geschrieben am: 4 Jan 2020, 14:14


Kaiser


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QUOTE
"Grüß Gott, die Fahrscheine bitte!", sagt ein leicht angetrunkener junger Mann in der passenden Tonlage.
Ein anderer Mann dreht sich um und meint daraufhin lachend zu seiner Freundin: "Jetzt habe ich doch tatsächlich schon zum Geldbeutel gegriffen. Ich hatte auch mal meine Zweifel bei einem Kontrolleur, dann habe ich gesagt: 'Jetzt zeigst du mir erst mal deinen Ausweis!'"
Bei uns in Wien sind gerne mal so komische Typen unterwegs die nach Rumänischer Bettler Mafia aussehen da gabs schon mal stress weil Ich den Leuten nur einen schönen Tag wünschte und sonst ignorierte.
Jetzt habe Ich ne Bodycam gekauft falls die mal Handgreiflich werden. dry.gif

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