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Eisenbahnforum.de > Fotoreportagen und Reiseberichte > Incredible India


Geschrieben von: Entenfang am 11 Nov 2016, 22:16
Die Bilder entstanden zum Jahreswechsel 2012/13 auf einer knapp dreiwöchigen Reise. Alle Beobachtungen basieren auf dem damaligen Stand. Da Indien ein Land mit starker und schneller Veränderung ist, kann sich seitdem Vieles verändert haben. Damals war ich noch stolzer Besitzer einer Kleinknipse, also entschuldigt bitte die Bildqualität.



Zuerst besuchen wir Bekannte in Ahmedabad. Die 5-Millionenmetropole auf halbem Wege zwischen Delhi und Mumbai ist hierzulande völlig unbekannt. Ausländer sind dort die absolute Ausnahme und ich wurde das Gefühl nicht los, dass wir immer wieder angestarrt wurden. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir die Szene, als wir in einer Rikscha im Stau stehen und ein Mopedfahrer neben uns verwundert seinen Helm abnimmt, um uns die Hand zu schütteln.

Eine typische Straße in einem weiter außerhalb liegenden Stadtteil
https://flic.kr/p/P7qbHi

Die bauliche Trennung in der Mitte sieht man recht häufig. Auf diese Weise lässt sich die chaotische Fahrweise zumindest teilweise eindämmen. Das bedeutet natürlich nicht, dass Mofas, Fahrräder und Rikschas nicht auch in die falsche Richtung fahren. Fußwege gibt es in der Regel nicht. Insbesondere zu Monsunzeiten sicher eine ziemlich matschige Angelegenheit…
Der Linksverkehr macht die Orientierung für uns nicht leichter.

https://flic.kr/p/NYFpZn
Mit einem der rustikalen Busse bin ich leider nie gefahren, ich bereue es noch heute, stattdessen mit der Rikscha durch die halbe Stadt zu einem Museum gefahren zu sein, nur um festzustellen, dass es an diesem Tag geschlossen hatte.
Die zahlreichen Verkaufsstände am Straßenrand gehören dazu. Es werden Eier, frisch gepresste Säfte (es empfiehlt sich, einen eigenen Becher mitzunehmen, da die angebotenen definitiv nicht nach jedem Gast gereinigt werden), Früchte, die man hierzulande noch nie gesehen hat, Fleisch (natürlich bei 30° ungekühlt in der Sonne), diverser Krimskrams sowie alles was man sich vorstellen kann angeboten. Wir wurden eindringlich gewarnt, keine zubereiteten Speisen zu kaufen, weil die miserablen hygienischen Verhältnisse schnell zu einem Reisedurchfall führen können. Eier oder schälbare Früchte stellen jedoch keine Gefahr dar.
Außerdem sei noch angemerkt, dass die Randstreifen nachts zu Schlafstätten werden. Selbst unter den Obdachlosen gibt es deutliche Unterschiede. Manch einer platziert seine Matratze noch auf einem Gestell, andere müssen mit einem Schlafsack in der nächsten Bushaltestelle vorliebnehmen.

Beim Thema Armut ist Indien berühmt-berüchtigt. Wenn ich mich recht erinnere, mussten damals rund 2/3 der Bevölkerung mit weniger als 2$ pro Tag auskommen. Der Monatslohn einer Putzkraft lag bei etwa 100€, Lehrer einer staatlichen Schule verdienten rund 400€.
Bekannt ist Indien für seine Slums. Ich habe mir das immer als abgetrennte Stadtviertel in der Peripherie vorgestellt. Diese Vorstellung ist keineswegs zutreffend. Vielmehr sieht man immer wieder Zelte auf einem freien Grundstück oder eine kleine Ansammlung Hütten.
https://flic.kr/p/P7qbpH
Das Außergewöhnliche sind sicher die extremen Kontraste. Während man bei uns von guten und schlechten Vierteln einer Stadt spricht, stehen in Indien Villen neben Hütten.

Indien und Kühe würde wohl Stoff für ein ganzes Buch bieten.
https://flic.kr/p/P4fC7y
Derartige Bilder könnten in hundertfacher Ausführung entstanden sein. Es ist also keineswegs so, dass ich schnell die Kamera rausziehen musste, um das Klischeebild schlechthin zu machen. Und nicht vergessen, wir befinden uns in einer 5-Millionen-Stadt. Die Lage des Stadtviertels könnte man etwa wie Harthof zur Innenstadt vergleichen.
Meistens handelt es sich um alte Kühe, die keine Milch mehr geben und von den Besitzern freigelassen werden, um sich nicht mehr um sie kümmern zu müssen. Da sie heilig sind, dürfen sie nicht geschlachtet, wohl aber angehupt werden.

Wie man schon erkennen kann, entstand das vorherige Bild aus einer Rikscha. Dabei handelt es sich um ein äußerst beliebtes Verkehrsmittel. Dafür gibt es eine Vielzahl an Gründen. Erstens ist sie immer und überall verfügbar, in einem Land mit damals weniger als 1 PKW pro 100 Einwohner (heute sind es etwa 1,5) ein nicht zu unterschätzender Faktor. So sieht es an jeder größeren Kreuzung aus.
https://flic.kr/p/P4fC1S

Zweitens ist es ein günstiges Verkehrsmittel. Eine Fahrt durch die ganze Stadt über etwa 20 km kostet rund 2€. Drittens ist es einfach viel entspannter, als selbst am Steuer zu sitzen. Aus diesem Grund nutzen auch Einheimische, die sich ein Auto leisten können, gerne Rikschas. Viertens ist der ÖPNV oft von bescheidener Qualität. Damals gab es in Ahmedabad eine BRT-Linie und eine zweite in Bau. Der Bau von Metros schreitet aber im ganzen Land stark voran und sorgt für wirksame Verkehrsentlastung.
Fünftens kommt man mit den kleinen Fahrzeugen viel besser durch den Stau als mit dem Auto oder Taxi. Dies dürfte wohl auch der Grund sein, warum ich keinen einzigen Gelenkbus gesehen habe. Das liegt sicher nicht daran, dass man sie vom Fahrgastaufkommen her nicht brauchen würde.
Noch besser geht es natürlich mit dem Mofa voran. In der Rikscha ist man doch etwas besser geschützt, obgleich es selbstverständlich keine Sicherheitsgurte gibt, fünf oder mehr Personen in einer Rikscha völlig normal sind (Wir waren auch einmal testweise mit 3 Erwachsenen und 2 Kindern zusätzlich zum Fahrer unterwegs) und die Blinker nie, die Scheinwerfer abends eher selten funktionieren. Wenn man wirklich einen Fahrtrichtungswechsel ankündigen möchte, streckt man die Hand aus.

Weiter zum Thema Ampeln.
https://flic.kr/p/P4fCif

Damals waren in Ahmedabad viele Ampeln noch recht neu und erst kürzlich errichtet. Ja, aber warum sind sie dann aus? Sind sie etwa schon wieder kaputt? Nein, sie werden nur in der HVZ eingeschaltet. Sonst würde sich eh keiner dran halten. Recht häufig ist auch die Regelung durch Verkehrspolizisten.
Vorfahrtsregelnde Verkehrszeichen oder -regeln im klassischen Sinne existieren nicht. Im Zweifel fährt zuerst, wer a) lauter gehupt hat oder b) das größere Fahrzeug besitzt. Es sei noch anzumerken, dass der VW im Bild eine absolute Ausnahme im Fahrzeugpark darstellt. Die überwiegende Mehrheit stammt vom indischen Hersteller Tata.
Nach meiner Beobachtung sind Ampeln jedoch unverzichtbar auf dem Weg zu besseren Verkehrsverhältnissen. An Kreuzungen mit eingeschalteter (und beachteter Ampel) läuft der Verkehr um ein Vielfaches flüssiger als an Kreisverkehren oder ungeregelten Kreuzungen.

Wie viele Kilometer dieser Bus wohl schon auf dem Tacho hat?
https://flic.kr/p/P4fBUE

https://flic.kr/p/NDNKC9
Zugang zur BRT-Haltestelle. An jeder Haltestelle kann am Schalter ein Ticket erworben werden. Je nach Entfernung kostet das 5 bis 10 Cent. Es werden Busse mit Hochflureinstieg und ohne Klimaanlage eingesetzt.
Der Vorteil des BRT ist die eigene abgetrennte Trasse in Straßenmitte. Niemand hat sich getraut, dort unerlaubterweise zu fahren. Nur an den Kreuzungen wird der Bus ausgebremst.

https://flic.kr/p/P4fBKw
Eine Nebenstrecke am Stadtrand von Ahmedabad. Angesichts der zahlreichen Lebewesen auf den Gleisen ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass die Züge quasi mit Dauerpfeifen unterwegs sind.


In gut 13 Stunden legt der schnellste Nachtzug die knapp 1000 km zwischen Ahmedabad und Delhi zurück. Die Fahrkarte hatten wir zwei Monate vorher online gebucht, denn indische Züge sind sehr stark nachgefragt. Angesichts der Fahrgastzahlen ist das nicht weiter verwunderlich. Während in Deutschland jährlich etwa 2 Milliarden Fahrgäste mit der Bahn fahren, sind es in Indien 5 Milliarden. Angeblich ist die indische Bahn der größte Arbeitgeber der Welt und, worauf man damals sehr stolz war, der Bahnbetrieb ist kein Zuschussgeschäft. Eine Fahrkarte im 4er-Liegewagen mit Klimaanlage kostet 20€. Wenn man keinen Platz mehr im gewünschten Zug bekommt, gibt es eine Waiting List. Sobald dann jemand seine Fahrkarte storniert, wird die Waiting List nach und nach bestätigt. Je später man storniert, desto mehr muss man bezahlen. Inlandsflüge kosten aber dennoch ein Mehrfaches der Bahnfahrt.
Wenn man wirklich dringend und kurzfristig fahren muss, kann man immer eine Fahrkarte der General Class lösen. Der günstigste Preis für die Strecke Ahmedabad – Delhi lag bei weniger als 2€. Dann sollte man aber gut auf sein Gepäck aufpassen und kein Problem damit haben, die komplette Strecke stehen zu müssen.
Nach der Ankunft am Bahnhof kam dann bald die Durchsage, dass unser Zug anderthalb Stunden Verspätung hat. Aus Deutschland ist man ja bezüglich siffiger Bahnhöfe abgehärtet, doch der Bahnhof Ahmedabad war der erste richtige Schock nach 5 Tagen.
https://flic.kr/p/NDNKxE
Der Geruch, die Überfüllung und das Ambiente lassen sich auf dem Bild nicht einmal erahnen. Man muss es einfach selbst erlebt haben. Zwischen den Fäkalien und Essenresten im Gleisbett wuseln hunderte Ratten umher. Allein schon deswegen würde ich darauf verzichten, quer über die Gleise zu rennen.

Geschrieben von: Entenfang am 11 Nov 2016, 22:17
Im Fahrkartenpreis inbegriffen ist ein Abendessen sowie ein Getränk. Das Personal erkundigt sich, ob man die vegetarische Variante oder ein Fleischgericht haben möchte. Anschließend wird es wie im Flugzeug in einer Aluschachtel serviert. Auch die Qualität ist nicht wesentlich besser.

Bis zur Ankunft in Delhi hat sich die Verspätung auf gut 3 Stunden erhöht und wir bekommen noch ein kostenloses Frühstück im Zug. Dann endet die spannende und äußerst kurzweilige Bahnfahrt in New Delhi.
https://flic.kr/p/P4fBz1

Delhi hat ein großes und modernes Metronetz zu bieten, das in Rekordgeschwindigkeit errichtet wurde. Zum Zeitpunkt meines Besuchs wurde gerade zehnjähriges Jubiläum gefeiert.
https://flic.kr/p/P4fBfo

Wie auch in arabischen Ländern gibt es einen Frauenwagen. Bei den dortigen Verhältnissen ist es leider auch erforderlich. So steht auf einem Schild im Zug: „Harrassing women is a crime.“ Außerdem ist beim Ein- und Aussteigevorgang mit massivem Körpereinsatz zu rechnen. Dabei geht es insbesondere darum, einen Sitzplatz zu ergattern.

New Delhi geht in Richtung autogerechte Stadt. Dementsprechend viele gibt es dort davon, sie liegt bei etwa 20 Pkw pro 100 Einwohner. Autogerecht heißt im Wesentlichen, dass für den Stau mehr Fahrstreifen zur Verfügung stehen, die Straßenzüge etwas breiter sind und es auch befestigte Fußwege gibt. Manchmal gibt es einige größere Verkehrsbehinderungen…
https://flic.kr/p/NDNKvq

Weniger lustig ist es dagegen für Fußgänger. In New Delhi gibt es zwar verhältnismäßig viele Ampeln und sie werden sogar überdurchschnittlich oft beachtet, doch ist es immer wieder eine Herausforderung, die andere Straßenseite zu erreichen. An der Straße im letzten Bild standen wir mal ein paar Minuten, ohne dass die Blechlawine je abgerissen wäre. Also sind wir einfach irgendwann zwischen die Autos losgelaufen. Die haben zwar gehupt, aber überfahren konnten sie uns nicht, also haben sie uns rübergelassen…
Des Weiteren gibt es viele großzügige Kreisverkehre, die die Verkehrssituation besonders unübersichtlich machen (Nicht vergessen, dort benutzt niemand einen Blinker) und besonders herausfordernd für Fußgänger. Mit wartendem Bus sieht das so aus:
https://flic.kr/p/P4fAn1

In Old Delhi dagegen erwarten uns wieder die gewohnten verstopften Gassen. Wir haben sie mit einer Fahrradrikscha erkundet.
https://flic.kr/p/P4fBpS

Ich will lieber nicht wissen, wie man in diesem Kabelsalat das Richtige finden will, wenn man mal eins reparieren muss. Oder man legt dann einfach ein Neues…
Nun mag man sich ob des um den Hals gewickelten dicken Schals wundern. In Nordindien war es einer der kältesten Winter seit vielen Jahren mit Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt für mehrere Wochen. Weder in nicht beheizten Häusern ist das sonderlich lustig noch in den selbstgebauten Hütten. Überall sitzen Menschen um Lagerfeuer, um sich aufzuwärmen.

Eine Hauptstraße in Old Delhi
https://flic.kr/p/NDNKqq


In Delhi sieht man durchaus einige Touristen. Der Nachteil ist ein riesiger Geschäftszweig, der nur von Abzocke von Touris lebt. Während wir am ersten Tag in der Innenstadt spazieren, spricht uns ein Mann an. Ob es uns hier gefallen würde? Ja, alles sehr interessant. Ob wir noch irgendwelche Infos bräuchten? Ein Busnetzplan wäre nicht schlecht. Vermutlich versteht er gar nicht, was ich eigentlich gemeint habe. Jedenfalls landen wir nach wenigen Minuten in einer Touri-Info, die eigentlich keine Information, sondern ein Abzockbüro ist. Nachdem wir ein überteuertes Taxi abgelehnt haben und weiterlaufen, spricht uns bald ein anderer Mann an. Ehe wir es uns versehen, landen wir in der nächsten Touri-Info. Es gibt in der Innenstadt von Delhi wohl an die Hundert Touri-Infos. Auf allen steht darauf, dass es die einzig wahre Official Tourist Information wäre. Und es sind alles die gleichen Abzockbüros, die ahnungslosen Touris überteuerte Taxis aufschwatzen wollen. Es sollten bei weitem nicht die einzigen Fälle bleiben. Nach einigen Versuchen war uns dann aber auch klar, wie der Hase läuft. Es fängt eigentlich immer mit einem netten Gespräch eines „zufällig“ getroffenen Mannes an. Das Schema ist nahezu jedes Mal identisch.
„Do you like it here?“
„How many times have you been in India before?“
„How many days have you already been in India?“
„For how many days will you stay in India?“
„Can I offer you a special service to *hier beliebige Sehenswürdigkeit einsetzen*? Just for you I´ll make a special price of xx$.“

Nach dem zehnten Mal war es mir dann doch zu blöd und ich habe meine Gelassenheit verloren. Als wieder die Frage „How many times have you been in Inida before?“ kam, habe ich einfach „It´s our first time, we´ve been here for one week, we´ll be here for another two weeks and we will use the Metro now.“ geantwortet und damit den etwas verdutzt schauenden Touri-Fänger ruhiggestellt.


Weiter geht es nach Agra. Für die Strecke haben wir auch schon rechtzeitig eine Fahrkarte online gelöst. Da unser Zug wegen des dichten Nebels unbestimmt verspätet ist, disponieren wir spontan auf ein nicht allzu überteuertes Taxi um. Im Nachhinein haben wir dann erfahren, dass der Zug vier Stunden Verspätung hatte. Da die Fahrzeit des Zuges jedoch nur die Hälfte einer Autofahrt beträgt, war der Zeitgewinn nur marginal.
Auf der Fahrt haben wir Schulkinder auf dem Dach eines Busses gesehen, teilweise haben sie sich auch an der Leiter festgehalten, die wohl extra zu diesem Zweck auf das Dach führt. Auf dem Dach von Zügen haben wir allerdings nie Menschen gesehen und die Einheimischen haben uns gesagt, dass das, wenn überhaupt, nur sehr selten auf Nebenstrecken vorkommen würde. Auf den Hauptstrecken ist erstens die Geschwindigkeit zu hoch und zweitens wird die Elektrifizierung der wichtigsten Strecken mit Hochdruck vorangetrieben.

Mein Lieblingsbild der Reise entsteht am Taj Mahal. Mit 10€ Eintritt war es mit Abstand die teuerste Sehenswürdigkeit.
https://flic.kr/p/NDNKmh

Eine Seitengasse in Agra
https://flic.kr/p/P4fB2s

Geschrieben von: Entenfang am 11 Nov 2016, 22:18
Nach wenigen Tagen sind wir dann mit dem Taxi weiter nach Jaipur gefahren. Hier habe ich freiwillig auf eine Zugfahrt verzichtet, um einen Stop im Nationalpark auf halber Strecke einlegen zu können.

Eine der Hauptstraßen sieht in den Randbezirken so aus:
https://flic.kr/p/P4fAXu

Später wird sie dann zur National Highway:
https://flic.kr/p/P4fAUy

Noch weiter draußen ist die Straße vierstreifig mit baulicher Trennung in der Mitte. Auf den ersten Blick könnte man meinen, sie wäre mit der gewohnten Autobahn vergleichbar. Doch angesichts der Kreuzungen, Kühe, Fußgänger, Geisterfahrer und LKW mit fragwürdig gesicherter Ladung könnte die Realität nicht weiter davon entfernt sein.
https://flic.kr/p/P4fANw
Dazu sein noch anzumerken, dass die Fahrzeuge hier durchaus recht zügig mit etwa 70 km/h unterwegs sind.


https://flic.kr/p/P4fAEL
Obwohl abschnittsweise auf der gut ausgebauten Straße weit und breit kein anderes Fahrzeug zu sehen ist, fährt der Taxifahrer nie schneller als 100 km/h. Vermutlich hat uns nur sein umsichtiges Fahrverhalten vor einem schweren Unfall bewahrt, denn plötzlich springt eine Ziegenherde ziemlich knapp vor dem Auto über die Straße und er kann gerade noch rechtzeitig bremsen.
Angesichts der beschriebenen Verhältnisse wird es niemanden wundern, dass Indien den traurigen Weltrekord als Land der weltweit meisten Verkehrstoten hält – es sind etwa 150.000 pro Jahr. Ich würde sogar behaupten, dass es für die vorherrschenden Verhältnisse ziemlich wenig sind. Die meisten Fahrzeugführer verhalten sich wesentlich umsichtiger als bei uns – man muss einfach mit allem rechnen.

Nach dem üblen Smog der Megastädte hat die frische Luft (und frisch war sie im wahrsten Sinne des Wortes, denn in Indien war es zu dem Zeitpunkt kälter als in Deutschland) richtig gutgetan. Am Eingang zum Nationalpark haben wir eine Fahrradrikscha gemietet, ein Führer begleitet uns auf dem Fahrrad. Er kennt viele Vogelnamen auch auf Deutsch und bringt einen der Sätze der Reise, die mich äußerst nachdenklich gestimmt haben. „But you are Germans. Why are you laughing? Germans usually never laugh.“

Nachdem wir in Jaipur noch eine Stunde im Stau gestanden haben, ist die Pink City erreicht.
Die Stadt ist nicht nur für ihre rosafarben gestrichenen Häuser bekannt, sondern auch für Elefanten. Vermutlich ist es keine sonderlich artgerechte Tierhaltung und die bezahlten 10€ ein absolut unverschämter Preis, aber ich wollte doch einmal im Leben einen Ritt auf dem Rücken eines Elefanten gemacht haben.
https://flic.kr/p/P4fAyU

Der Elefantenführer hebt mit einem Stock die überall herumhängenden Kabel beiseite, damit wir nicht hängen bleiben. Im Anschluss an den Ritt durch die engen Gassen dürfen wir das mächtige Tier noch mit Zuckerrohr füttern. Bevor die Delikatesse verspeist wird, muss dringend am Ohr gekratzt werden.
https://flic.kr/p/P4fArQ


Am Morgen der Rückfahrt nach Delhi beschäftigen wir die Rezeption in unserem Hotel damit, auf der Website der Bahn herauszufinden, ob unser Zug nach Delhi pünktlich fährt oder nicht. Inzwischen hat sich der Nebel zwar aufgelöst und es ist sonnig bei angenehmen 15°, aber man weiß ja nie. Zu meiner endlosen Freude fährt er pünktlich.
Wir laden unsere zwei Koffer in die Rikscha. Dann ist es nicht mehr ganz einfach, selbst auch noch einzusteigen, aber irgendwie schaffen wir es doch. Auf einer letzten Fahrt bringt uns der Rikschafahrer zum Bahnhof. Die letzten drei Tage waren wir nur mit ihm unterwegs. In Indien ist es üblich, dass Rikscha- und Taxifahrer während der Besichtigung draußen auf die Rückkehr der Kundschaft warten. Der 23-Jährige erzählt uns, dass er Rikscha fährt, seit er 15 ist. Da man laut Gesetz mindestens 18 Jahre alt sein muss, musste er immer wieder Polizisten bestechen, um nicht bestraft zu werden. Da wir etwas unglücklich über den schlechten Zustand seines Fahrzeugs waren, meint er noch zum Abschied: „Next time you come, I´ll have car.“

Während wir warten, fährt mir ein anderer Zug vor die Linse.
https://flic.kr/p/P4fAfY
Die bis zu 750 Meter langen Personenzüge auf Breitspur sind einfach sehr beeindruckend.

Die siebenstündige Fahrt legen wir mit zwei Einheimischen in einem 1. Klasse-Abteil zurück. Sie erzählen uns, dass sie die Bahn dem Auto vorziehen, weil es erstens viel entspannter ist und trotz der niedrigen Geschwindigkeit schneller ist. In den Ballungsräumen ist in der HVZ mit dem Auto einfach kein Durchkommen.
Als es dunkel wird, kriechen Kakerlaken aus allen Ritzen. Zwischenzeitlich kommt eine Reinigungskraft, wischt einmal fix durch das Abteil und verspüht Raumspray in den Vorhang. Anschließend bekommen wir einen Feedback-Bogen, in welchem wir die Qualität der Reinigung beurteilen sollen. Die Einheimischen sind das schon gewohnt und erklären uns, dass sie meistens trotzdem recht gute Noten vergeben. Der Mann muss schließlich von seinem geringen Lohn eine Familie ernähren.

Sie helfen uns noch dabei, nach der pünktlichen Ankunft in Delhi ein Taxi zu unserem Hotel in Flughafennähe zu finden. Für 15 Kilometer brauchen wir anderthalb Stunden und fahren am Hotel vorbei, weil wir zu spät bemerken, dass der Taxifahrer nicht lesen kann und wir ihm sagen müssen, wenn wir am Ziel sind.

Am nächsten Tag sind wir wieder in München. Keine Kühe auf der Straße, keine brennenden Müllhaufen, keine Dunstglocke. Leise surrt die S-Bahn in die Stadt. Irgendwie wirkt die Heimat ein bisschen komisch nach drei Wochen Indien.


Welche Schwierigkeiten wir erwartet haben:
- Bettler, die Touristen nicht in Ruhe lassen, ehe man ihnen etwas gibt
- Heiße und stickige Luft
- Höllisch scharfes Essen
- Malaria (obwohl im Winter absolut keine Saison der Mücken ist)

Welche Schwierigkeiten wir tatsächlich hatten:
- Nervige „nette“ Menschen, die uns irgendwelche überteuerten Sachen aufschwatzen wollten
- Ziemlich kalte Gebäude
- Mineralwasser kaufen
- Eine fiese Erkältung

Wer Abenteuer liebt und scharfes Essen mag, dem kann ich Indien als Reiseland nur empfehlen.

So, das waren 3 Wochen geballter Erlebnisse in Kurzfassung. Schön sich mal wieder daran zu erinnern...
Anmerkungen, Korrekturen & Updates sind nicht nur erwünscht, sondern ausdrücklich erbeten.

Geschrieben von: NJ Transit am 12 Nov 2016, 00:29
Wo fang ich an...
Am besten beim Danke wink.gif
QUOTE (Entenfang @ 11 Nov 2016, 22:16)
Ausländer sind dort die absolute Ausnahme und ich wurde das Gefühl nicht los, dass wir immer wieder angestarrt wurden.

Dafür reicht sogar Colaba (südliches Mumbai, touristisch interessant)...
QUOTE (Entenfang @ 11 Nov 2016, 22:16)
Insbesondere zu Monsunzeiten sicher eine ziemlich matschige Angelegenheit

Man gewöhnt sich irgendwann ab, darüber nachzudenken, in was genau man da grade reingestiegen ist.
QUOTE (Entenfang @ 11 Nov 2016, 22:16)
Wir wurden eindringlich gewarnt, keine zubereiteten Speisen zu kaufen, weil die miserablen hygienischen Verhältnisse schnell zu einem Reisedurchfall führen können.

Reisedurchfall ist noch harmlos. Ich empfehle auch Leuten, die sich selten oder nie übergeben, eine Packung Vomex in Indien immer griffbereit zu haben. Danach (und das dauert auch gern mal ne Woche) hat man aber einen Stahlmagen und kann etwas unbesorgter (!= unvorsichtiger) durch die kulinarische Landschaft Indiens gehen.
QUOTE (Entenfang @ 11 Nov 2016, 22:16)
Eier oder schälbare Früchte stellen jedoch keine Gefahr dar.

Während der Rainy Season wird selbst Einheimischen geraten, nur Gekochtes, keinesfalls Rohes zu essen - aus Hygiene- und Gesundheitsgründen (schwächeres Immunsystem im Monsun, daher lieber alles kochen).
QUOTE (Entenfang @ 11 Nov 2016, 22:16)
Ich habe mir das immer als abgetrennte Stadtviertel in der Peripherie vorgestellt.

Das kenne ich so nur aus Südafrika, und da hat das bekanntlich historisch-politische Gründe. Zwar gibt es auch in Indien große zusammenhängende Slums (mit am bekanntesten ist Dharavi), doch scheinen mir aus meiner subjektiven Sicht die Verhältnisse dort im Durchschnitt besser als im Wellblechverschlag ums Eck.
QUOTE (Entenfang @ 11 Nov 2016, 22:16)
Meistens handelt es sich um alte Kühe, die keine Milch mehr geben und von den Besitzern freigelassen werden, um sich nicht mehr um sie kümmern zu müssen. Da sie heilig sind, dürfen sie nicht geschlachtet, wohl aber angehupt werden.

2x nicht zwingend. Zum einen: Eine Kuh wird in Indien nie nutzlos, denn selbst wenn sie keine Milch mehr gibt, so produziert sie immer noch Kuhfladen, und die sind ein begehrter Rohstoff und dienen getrocknet als hervorragender Brennstoff. Zum anderen: Das Schlachten von Kühen ist in Indien nicht verboten, sondern unterliegt der bundesstaatlichen Gesetzgebung. Während manche Staaten, besonders die mit stark verwurzeltem Vegetarismus, teils drakonische Strafen auferlegen (Maharashtra als Beispiel), ist das Schlachten von Kühen in anderen Staaten gar nicht oder nur wenig reguliert. Das betrifft vor allem den Süden und den Nordosten Indiens, und grade im Süden, ungefähr ab Goa, wird auch in der regionalen Küche sehr viel oder gar hauptsächlich mit Rind gekocht.
QUOTE (Entenfang @ 11 Nov 2016, 22:16)
Der Bau von Metros schreitet aber im ganzen Land stark voran und sorgt für wirksame Verkehrsentlastung.

Wirksam höchstens in Delhi. In den meisten anderen Städten krebst der Metrobau so vor sich hin, in Mumbai scheint mir die Konzeption der Nord-Süd-Linien auch eher eine Luxus-Alternative zum Vorortzug denn eine wirkliche Ergänzug des Verkehrsnetzes zu sein.
QUOTE (Entenfang @ 11 Nov 2016, 22:16)
Die überwiegende Mehrheit stammt vom indischen Hersteller Tata.

Das ist heute auf jeden Fall nicht mehr so. Die Mehrheit sind Koreaner oder Japaner, in Indien fabriziert (und wenn man genau hinschaut, steht da auch nicht Suzuki, sondern Maruti Suzuki). Tata hat einen äußerst schlechten Ruf was KFZ anbelangt (Lastwagen kommen natürlich von Eicher oder Tata), einzig der Tata Nano - eigentlich aber auch eher eine vollverkleidete Rikscha als ein Auto - kann durch seinen niedrigen Preis locken.
Übrigens ist in Indien zur Luftreinhaltung der CNG-Antrieb massiv auf dem Vormarsch, Nicht-CNG-Rickschas gibts quasi keine.
QUOTE (Entenfang @ 11 Nov 2016, 22:16)
worauf man damals sehr stolz war, der Bahnbetrieb ist kein Zuschussgeschäft.

Heute finden sich auf den Fahrkarten (himmel ist das ein Chaos auf diesem Schreibtisch!) Sprüche wie "IR recovers only 57% of the cost of travel on an average"
QUOTE (Entenfang @ 11 Nov 2016, 22:16)
Eine Fahrkarte im 4er-Liegewagen mit Klimaanlage kostet 20€

Klingt nach 1AC. Diese Klasse führen nur die wichtigsten und schnellsten Züge des Landes der Gattungen Duronto und Rajadhani. Anderswo ist 2AC das höchste der Gefühle, das entspricht von der Aufteilung her grob dem russisch-breitspurigen Platskartny. 1AC hat dagegen auch einige Zweibettabteile, die aber vorrangig an Paare vergeben werden. Ich hatte neulich ein 4-Bett-Abteil die ganze Fahrt für mich - sehr komfortabel.
QUOTE (Entenfang @ 11 Nov 2016, 22:16)
Wenn man keinen Platz mehr im gewünschten Zug bekommt, gibt es eine Waiting List.

Dazwischen gibt es übrigens noch Reservation Against Cancellation (RAC). Nicht zu vergessen auch die drölfzigtausend verschiedenen Kontingente (oder Quota), angefangen beim General Quota GQ, über besondere Quota für Invaliden, Behinderte, Senioren, Armeeangehörige, dem Taktal-Quota, das es seit kurzem gibt, bis hin zum Touristen-Quota. Taktal-Fahrkarten sind quasi eine Art Last-Minute-Kontingent, die Plätze aus diesem Kontingent werden einige Stunden vor Abfahrt freigegeben und können gegen Taktal-Zuschlag erworben werden (ich meine auch von WL- und RAC-Leuten). Fahrkarten aus dem Touristenquota - das müssten 4 Plätze pro Zug sein - gibts in den Touristenbüros von IR. Es ist eine sehr, sehr, sehr schlechte Idee, auf dem Bahnhof zu Fragen, wo es zum Touristenbüro geht, denn die Antwort führt eigentlich garantiert nicht da hin, wo es sich tatsächlich befindet. In New Delhi ist es inzwischen recht gut, sogar mit einem Versuch von Mehrsprachigkeit, ausgeschildert. In Mumbai weiß man es oder hat Pech.

QUOTE (Entenfang @ 11 Nov 2016, 22:17)
Anschließend wird es wie im Flugzeug in einer Aluschachtel serviert. Auch die Qualität ist nicht wesentlich besser.

Es geht. Eine genaue Auflistung der Menübestandteile, aufgeschlüsselt bis hin zum einzelnen Päckchen Salz, das gereicht wird, findet sich übrigens im gesamtindischen Übersichtskursbuch Trains At Glance, nach Region geordnet.
QUOTE (Entenfang @ 11 Nov 2016, 22:17)
Delhi hat ein großes und modernes Metronetz zu bieten

Schäm dich! Wurde dir nicht oft genug an jeder Ecke darauf hingewiesen, dass Fotografieren strengstens untersagt ist? tongue.gif
QUOTE (Entenfang @ 11 Nov 2016, 22:17)
New Delhi geht in Richtung autogerechte Stadt.

Das würde ich nicht sagen. Ja, die Straßen sind dort wesentlich breiter als anderswo (wobei es durchaus moderne Planstädte wie Navi Mumbai oder Pimpri-Chinchwad gibt, die wirklich autogerecht gebaut sind), aber oberste Gestaltungsmaxime ist nicht das Auto, sondern das zugrundeliegende geometrische Raster sowie der Kreisverkehrsfetisch der Briten. Eine klassische Planstadt, kontrastiert durch das Chaos von Old Delhi.
QUOTE (Entenfang @ 11 Nov 2016, 22:17)
An der Straße im letzten Bild standen wir mal ein paar Minuten, ohne dass die Blechlawine je abgerissen wäre.

So kommt man nirgends in Indien wirklich weiter. Aktives Straßeüberqueren ist gefragt - die Autos aus dem Augenwinkel betrachten, nicht direkt hinschauen (denn dann denkt der Autofahrer, ah, er hat mich gesehen und ich muss nicht bremsen), gegebenenfalls die Hand zum heranfahrenden Auto hin ausstrecken und so "Wart mal" symbolisieren - hat sich bewährt™. Delhi ist da aber wirklich ok.
QUOTE (Entenfang @ 11 Nov 2016, 22:17)
Mit wartendem Bus sieht das so aus

Die Hochflurer von DTC sind übrigens meiner Beobachtung nach Geschichte. Es gibt quasi nur noch die Niederflurbusse (siehe Busbilder), und orangene hochflurige HVZ-Verstärker, die aber durch eine andere Firma gestellt werden.
QUOTE (Entenfang @ 11 Nov 2016, 22:17)
Der Nachteil ist ein riesiger Geschäftszweig, der nur von Abzocke von Touris lebt.

Die übelste Ecke diesbezüglich ist nach meinen Erfahrungen die Jamma Masjid in Old Delhi. Da gehts dann los mit "Sie dürfen hier nur mit offiziellem Führer rein, ich bin offizieller Führer" über "Zeigen Sie mir mal ihr Ticket *aus der Hand reiß* Folgen Sie mir, ich zeig Ihnen den Weg!" über "Sie müssen Ihre Schuhe hier lassen und dürfen Sie auch nicht in Ihre Tasche tun. Ich werde darauf aufpassen." Sowas gibts aber überall.
QUOTE (Entenfang @ 11 Nov 2016, 22:17)
Ein Busnetzplan wäre nicht schlecht.

Verjiss et. Den muss ich vermutlich selber malen ph34r.gif
Google Transit ist aber inzwischen recht gut versorgt in den meisten Städten.
QUOTE (Entenfang @ 11 Nov 2016, 22:17)
Es gibt in der Innenstadt von Delhi wohl an die Hundert Touri-Infos.

Lieblingecke dafür ist die westliche Paharganj-Seite des Bahnhofs New Delhi (siehe auch oben das Problem mit dem IR-Touristenbüro).
QUOTE (Entenfang @ 11 Nov 2016, 22:17)
Nach dem zehnten Mal war es mir dann doch zu blöd und ich habe meine Gelassenheit verloren.

Das nennst du Gelassenheit verlieren? huh.gif Ich muss zugeben, meine Gelassenheit hab ich ab dem Zeitpunkt wiedergewonnen, ab dem ich meine Ellbogen einzusetzen gelernt habe. Führt insbesondere in Schlangen zu einem erstaunlichen Mehr an Intimsphäre, ein Wort, das in Indien eher als guter Witz anmutet. Gegen solche nervigen Schwätzer hilft es, in den entsprechenden Ecken Kopfhörer zu tragen. Ich habe mir, weil meine mal kaputt gegangen sind, auffällige blaue Stöpsel zugelegt. Die stecken natürlich nur lose in den Ohren und am anderen Ende nirgends, denn sonst hört man all die spannenden Dinge nicht mehr, führen aber bei vielen zumindest zu etwas mehr Resentiment beim Anlabern. Die ganz nervigen, besonders die Taxifahrer und Kofferträger an Bahnhöfen, wird man recht schnell mit bayrischen Flüchen los.
QUOTE (Entenfang @ 11 Nov 2016, 22:17)
Da die Fahrzeit des Zuges jedoch nur die Hälfte einer Autofahrt beträgt, war der Zeitgewinn nur marginal.

Seit März gibts auf dieser Strecke den Gatimaan Express, den schnellsten Zug Indiens, der mit bis zu 160 km/h die Strecke Delhi-Agra in 90 Minuten zurücklegt. Landschaftlich sonderlich spannend ist die Strecke nicht. Das Gatimaan-Zugpar ist eindeutig auf westliche Tagestouristen nach Agra ausgelegt, es verlässt Delhi in der Früh und retourniert abends, mit Frühstück und Abendessen im Zug. IRCTC bietet auch kombinierte Pakete, die man auch im Zug buchen kann, für den Besuch von Taj und Lal Qila an.
QUOTE (Entenfang @ 11 Nov 2016, 22:17)
Auf dem Dach von Zügen haben wir allerdings nie Menschen gesehen

Das kann ich so bestätigen. Zwar hängen die Leute zu den Seitentüren raus, aber nicht auf dem Dach. In Mumbai hängen an vielen Stationen sogar große Warnschilder, dass die Fahrspannung kürzlich erhöht wurde, und es jetzt also eine doppelt dumme Idee ist aufs Dach zu klettern.
QUOTE (Entenfang @ 11 Nov 2016, 22:17)
Mit 10€ Eintritt war es mit Abstand die teuerste Sehenswürdigkeit.

Dafür wird man dort mit den wie üblich nach Touristen und Indern gestaffelten Preisen (erstere meistens 10 mal Teurer) nicht so ganz abgezockt wie anderswo: Für Touristen gibt es eine Gratisflasche Bisleri, Verhüterli zum über die Schuhe streifen und Gratiseintritt auf die Toilette.
QUOTE (Entenfang @ 11 Nov 2016, 22:18)
Dazu sein noch anzumerken, dass die Fahrzeuge hier durchaus recht zügig mit etwa 70 km/h unterwegs sind.

Das Tempolimit auf solchen Straßen liegt wenn ich mich richtig erinnere bei 80. Schneller fahren ist vor allem mit Sportwägen durchaus möglich, denn die Polizei kommt angeblich eh nicht hinterher (mit Europäer im Auto haben sich aber alle zusammengerissen^^). Das Problem ist da dann eher der Straßenzustand, und es ist ja durchaus nett, wenn die Straße höhenfrei ausgebaut werden soll, allerdings ist es weniger nett, wenn deshalb alle anderthalb Kilometer die Straße mit dem Schild TAKE DIVERSION abrupt auf eine Schotterpiste neben der Straße umgeleitet wird, während die zu bauende Brücke im Rohbau-Dornröschenschlaf liegt.
QUOTE (Entenfang @ 11 Nov 2016, 22:17)
Sie helfen uns noch dabei, nach der pünktlichen Ankunft in Delhi ein Taxi zu unserem Hotel in Flughafennähe zu finden.

Ganz ehrlich, die Express-Metro zum Flughafen Delhi ist eines der angenehmsten Features dieser Stadt. Grade in Delhi, wo man den meisten Taxifahrern eher nicht trauen kann.
QUOTE (Entenfang @ 11 Nov 2016, 22:17)
Welche Schwierigkeiten wir erwartet haben:
- Bettler, die Touristen nicht in Ruhe lassen, ehe man ihnen etwas gibt

Glück gehabt - die sind sehr regelmäßig. Vor allem kleine Kinder, die an einem hochspringen, oder Frauen, die einem vorwurfsvoll ein unterernährtes Baby vor die Nase halten.
QUOTE (Entenfang @ 11 Nov 2016, 22:17)
- Heiße und stickige Luft

Komm im Sommer wieder tongue.gif
QUOTE (Entenfang @ 11 Nov 2016, 22:17)
- Höllisch scharfes Essen

Dafür rate ich zu südindischer Küche. Oder einfach warten bis Vindaloo ist wink.gif
QUOTE (Entenfang @ 11 Nov 2016, 22:17)
- Malaria (obwohl im Winter absolut keine Saison der Mücken ist)

Sie ist wohl so ganz langsam auf dem Rückzug. In Maharashtra ist geplant, die Krankheit bald meldepflichtig zu machen, weil sie so selten geworden ist.
QUOTE (Entenfang @ 11 Nov 2016, 22:17)
Welche Schwierigkeiten wir tatsächlich hatten:
- Nervige „nette“ Menschen, die uns irgendwelche überteuerten Sachen aufschwatzen wollten

"Hello my frieeeeeeeeeeend!"
QUOTE (Entenfang @ 11 Nov 2016, 22:17)
- Mineralwasser kaufen

Das führt eigentlich jedes Kiosk. Zwar kann mit Water niemand was anfangen, aber ek Bisleri führt meistens zum Ziel, denn Bisleri ist der Gattungsname für abgepacktes Wasser.
Es sei denn, du meinst Sprudelwasser - da hab ich ehrlichgesagt keine Ahnung, denn sowas trinke ich nicht biggrin.gif
QUOTE (Entenfang @ 11 Nov 2016, 22:17)
- Eine fiese Erkältung

Keine Sorge, die gibts auch im Sommer, Klimaanlagen sei Dank tongue.gif

So, das wäre mal meine Tube - oder eher mein Bottich Senf fürs Erste - Danke nochmal! smile.gif

Geschrieben von: Luas am 12 Nov 2016, 01:03
QUOTE (NJ Transit @ 12 Nov 2016, 01:29)
Das ist heute auf jeden Fall nicht mehr so. Die Mehrheit sind Koreaner oder Japaner, in Indien fabriziert


In Indien gibt's auch einen bekannten Nutzfahrzeugbauer namens Bharat Benz, einer Tochtergesellschaft von der Daimler AG.

Geschrieben von: chris232 am 12 Nov 2016, 15:30
QUOTE (NJ Transit @ 12 Nov 2016, 01:29)
Tata hat einen äußerst schlechten Ruf was KFZ anbelangt (Lastwagen kommen natürlich von Eicher oder Tata), einzig der Tata Nano - eigentlich aber auch eher eine vollverkleidete Rikscha als ein Auto - kann durch seinen niedrigen Preis locken.

Wobei Tata durchaus auch hierzulande recht geschätzte Autos unter den Marken Jaguar und Land Rover baut.

Geschrieben von: Rathgeber am 12 Nov 2016, 15:57
Vielen Dank für den Bilderbogen!
Das kriegt man ja nicht so häufig zu sehen.

Geschrieben von: Bayernlover am 12 Nov 2016, 16:02
Ja, wirklich schön! Allerdings auch ein Land, das mich im Gegensatz zu so vielen anderen Ländern auf dieser Welt nicht reizt...

Geschrieben von: NJ Transit am 12 Nov 2016, 16:15
QUOTE (chris232 @ 12 Nov 2016, 16:30)
Wobei Tata durchaus auch hierzulande recht geschätzte Autos unter den Marken Jaguar und Land Rover baut.

Es hängt einfach am Markennamen. "Indische" Autos werden in der Qualität niedriger wahrgenommen als das vermeintliche Importprodukt, auch wenn es vor Ort gefertigt wird (wie beispielsweise die Wägen von Maruti Suzuki).

Geschrieben von: Entenfang am 12 Nov 2016, 21:28
QUOTE (NJ Transit @ 12 Nov 2016, 00:29)
Reisedurchfall ist noch harmlos. Ich empfehle auch Leuten, die sich selten oder nie übergeben, eine Packung Vomex in Indien immer griffbereit zu haben. Danach (und das dauert auch gern mal ne Woche) hat man aber einen Stahlmagen und kann etwas unbesorgter (!= unvorsichtiger) durch die kulinarische Landschaft Indiens gehen.

Du meinst, man soll das Vomex bereithalten, wenn man etwas schlechtes gegessen hat? unsure.gif

QUOTE
Übrigens ist in Indien zur Luftreinhaltung der CNG-Antrieb massiv auf dem Vormarsch, Nicht-CNG-Rickschas gibts quasi keine.

Stimmt, jetzt wo du es sagst. Auch damals hatten fast alle einen CNG-Aufkleber.

QUOTE
Anderswo ist 2AC das höchste der Gefühle, das entspricht von der Aufteilung her grob dem russisch-breitspurigen Platskartny.

Genau so sah es aus. Viererabteile quer zur Fahrtrichtung und zwei Betten übereinander längs zur Fahrtrichtung auf der anderen Gangseite, jeweils mit Vorhängen abgetrennt. Gut möglich, dass der Zug Rajadhani Express oder sowas hieß.

QUOTE
Schäm dich! Wurde dir nicht oft genug an jeder Ecke darauf hingewiesen, dass Fotografieren strengstens untersagt ist? tongue.gif

Fotoverbot? Wo??? *Pfeif*

QUOTE
Ganz ehrlich, die Express-Metro zum Flughafen Delhi ist eines der angenehmsten Features dieser Stadt. Grade in Delhi, wo man den meisten Taxifahrern eher nicht trauen kann.

Die war damals leider wegen technischen Problem außer Betrieb.

QUOTE
Komm im Sommer wieder tongue.gif

Bei 45°? Bloß nicht.

QUOTE
Dafür rate ich zu südindischer Küche. Oder einfach warten bis Vindaloo ist wink.gif

Südindische Küche haben wir leider nie probiert. Ich habe mir auch fest vorgenommen, nächstes Mal auch den Süden zu erkunden. Der Schärfegrad reichte von ordentlich bis gerade noch essbar, aber zusammen mit Plain Naan oder Reis ging eigentlich alles. Wobei ich eigentlich ganz gerne scharf esse.

QUOTE
"Hello my frieeeeeeeeeeend!"

Oh Gott, erinner mich bitte nicht daran...

QUOTE
Das führt eigentlich jedes Kiosk. Zwar kann mit Water niemand was anfangen, aber ek Bisleri führt meistens zum Ziel, denn Bisleri ist der Gattungsname für abgepacktes Wasser.

Sooo häufig sind die Kiosks aber auch nicht...

QUOTE
So, das wäre mal meine Tube - oder eher mein Bottich Senf fürs Erste - Danke nochmal! smile.gif

Mein Dank geht zurück für den Bottich Senf. Wir haben eh bloß 5 Becher Senf im WG-Kühlschrank von 3 Leuten. Keine Ahnung, wo die alle herkommen. rolleyes.gif

Geschrieben von: Galaxy am 13 Nov 2016, 00:40
Was das indische Essen angeht ist, für mich, weniger die Schärfe das Problem, sondern eher die süße von Nachspeisen. Wenn man eingeladen ist muss man sich schon zwingen es zu essen. Wobei, die haben eine leckere Süßigkeit die ähnlich wie Marzipan ist (Name fällt mir momentan nicht ein) nur mit anderen Nüssen. Ist etwas herber als Marzipan, und häufig mit Silber-, oder Goldfolie überzogen.

Geschrieben von: Muffo1234 am 13 Nov 2016, 10:43
QUOTE
Mein Dank geht zurück für den Bottich Senf. Wir haben eh bloß 5 Becher Senf im WG-Kühlschrank von 3 Leuten. Keine Ahnung, wo die alle herkommen.

Wir haben überhaupt keine fünf Becher Senf im Kühlschrank! tongue.gif

Geschrieben von: Entenfang am 14 Nov 2016, 22:32
QUOTE (Muffo1234 @ 13 Nov 2016, 10:43)
Wir haben überhaupt keine fünf Becher Senf im Kühlschrank!  tongue.gif

Verzeihung, es sind 6. ph34r.gif
https://flic.kr/p/NKBU7j

Geschrieben von: NJ Transit am 14 Nov 2016, 23:03
QUOTE (Entenfang @ 14 Nov 2016, 23:32)
Verzeihung, es sind 6.

Na, dann mach ich mal 7 draus ph34r.gif

QUOTE (Entenfang @ 12 Nov 2016, 21:28)
Du meinst, man soll das Vomex bereithalten, wenn man etwas schlechtes gegessen hat?  unsure.gif

Ja. Immer am Mann haben, das kann von jetzt auf gleich kommen. Bei mir war es ein gemütlicher fauler Sonntagmorgen ohne größere Vorzeichen.
QUOTE (Entenfang @ 12 Nov 2016, 21:28)
Genau so sah es aus. Viererabteile quer zur Fahrtrichtung und zwei Betten übereinander längs zur Fahrtrichtung auf der anderen Gangseite, jeweils mit Vorhängen abgetrennt. Gut möglich, dass der Zug Rajadhani Express oder sowas hieß.

Das ist 2AC, die gehobene Standardklasse.
QUOTE (Entenfang @ 12 Nov 2016, 21:28)
Fotoverbot? Wo??? *Pfeif*

Na, zum Beispiel hier

user posted image

(Station Indraprashta, Blue Line, Hyundai-Fahrzeug der ersten Generation, gibts so auch auf Red und Yellow Line). Oder hier

user posted image

(Station Jhandewalan, Blue Line, Bombardier-Zug der zweiten Generation, gibts so auch auf der Yellow Line). Oder auch hier

user posted image

(Station Kalkaji Mandir, Purple Line, BEML-Wagen der dritten Generation, gibts so auch auf der Green Line - und wie alle neuen und in Bau befindlichen Linien Normalspur).

QUOTE (Entenfang @ 12 Nov 2016, 21:28)
Die war damals leider wegen technischen Problem außer Betrieb.


Inzwischen scheint sie recht zuverlässig zu laufen. Im gesamten Metronetz wird durch Ansagen und Plakate geworben für die bis zu 50% reduzierten Fahrpreise auf der Linie, und die Züge sind vor allem vormittags erstaunlich voll. Und im gesamten Metronetz heißt natürlich auch im Zug zum Flughafen zwischen Dhaula Kuan und Delhi Aerocity rolleyes.gif

QUOTE (Entenfang @ 12 Nov 2016, 21:28)
Ich habe mir auch fest vorgenommen, nächstes Mal auch den Süden zu erkunden. Der Schärfegrad reichte von ordentlich bis gerade noch essbar, aber zusammen mit Plain Naan oder Reis ging eigentlich alles. Wobei ich eigentlich ganz gerne scharf esse.


Mich ziehts ja mehr in den Nordosten smile.gif Zum Thema Essen kann ich auch empfehlen, dass die Kellner ihre Karten meistens ganz gut kennen, und man mit "Medium Spicy" oder dem gewünschten Schärfegrad ganz gut zum Ziel kommt, denn eine indische Speisekarte ist oft so umfangreich, dass es wirklich schwierig ist, die ganzen Gerichte auseinanderzuhalten. Da ich von Fisch und Meeresfrüchten abseits der Küste die Finger sehr weit weglassen würde (wer sich fragt, warum, kauft mal ein Eis im teuren Luxus-Supermarkt, schaut sich den Zustand davon an und gibt dann eine gute Schätzung, wie oft die Kühlkette da wohl unterbrochen oder schlicht nicht vorhanden war), bleiben im nördlichen Indien eine unendliche Vielzahl vegetarischer Gerichte, Huhn und Hammel, und da habe ich es in der langen Zeit, die ich dort verbracht habe, nicht geschafft, mich durch alles durchzuprobieren.

QUOTE (Entenfang @ 12 Nov 2016, 21:28)
Sooo häufig sind die Kiosks aber auch nicht...


Vermutlich übersieht der durchschnittliche Europäer die verranzten Buden einfach nur ph34r.gif Zumindest in New Delhi kann ich das Problem aber verstehen, da machen sie sich stellenweise tatsächlich rar. Übrigens ist da die indische Steuerpolitik ausgesprochen angenehm, denn es gibt auf Produkte wie eben Getränke einen Maximum Retail Price (MRP), der auf allen Produkten aufgedruckt sein muss. Heißt, dass die Flasche Bisleri nicht wie hier rund um Sehenswürdigkeiten, Bahnhöfe und Flughäfen Wucherpreise kostet, sondern immer und überall 30 Rupien. Ausgesprochen angenehm.

Geschrieben von: Oliver-BergamLaim am 16 Nov 2016, 20:32
Mit einem Wort: wow.

Danke für den unglaublich starken und bildintensiven Reisebericht.
Da kann ich wirklich mal etwas über meinen Tellerrand abseits von Europa, USA und reicherer asiatischer Länder blicken.

Ich muß aber auch ganz klar dazu sagen: für mich wäre Indien definitiv nichts. Es darf gerne etwas chaotischer und spannender zugehen als in Europa, aber ich glaube Indien liegt mir wirklich zu krass am anderen Ende des Spektrums. Immerhin: es gibt wohl im Land eine durchaus relativ entwickelte und gut ausgebaute Eisenbahn, was bei weitem nicht jedes Drittweltland und auch nicht alle Länder der 2. und 1. Welt von sich behaupten können.

Ich lasse den Bericht gerade noch auf mich einwirken. Hat echt Spaß gemacht, mein Gehirn mit etwas völlig ungewöhnlichem zu füttern smile.gif

Geschrieben von: DSG Speisewagen am 17 Nov 2016, 01:05
Danke für diesen Reisebericht, so sehe ich auch etwas von diesem Land, denn abgesehen von Europa und Nordamerika reizt mich so der Rest der Welt überhaupt nicht, ist halt nicht westlich genug und es gibt nichts was mich groß interessiert, daher finde ich solche Berichte immer Klasse.

Bautzner Senf ist doch von Develey, schmeckt der dann so anders als der Develey? Ich kann mit beiden nichts anfangen, dann lieber Händlmeier-Senf, gibt es auch mit normalen Senf, aber am besten ist immer noch skandinavischer Senf. smile.gif

Geschrieben von: Baureihe 401 am 17 Nov 2016, 11:17
Wow ! Hat Spaß gemacht zu lesen !

Aber sag mal: In welchen Hotels habt ihr geschlafen? Wie sahen diese und die Zimmer aus? Hast du davon auch Bilder?

Geschrieben von: Entenfang am 20 Nov 2016, 21:13
QUOTE (DSG Speisewagen @ 17 Nov 2016, 01:05)
Bautzner Senf ist doch von Develey, schmeckt der dann so anders als der Develey?

Uffz, keine Ahnung. Spendier uns doch noch ein 7. Glas Senf zum Pobieren... laugh.gif

@BR 401: Davon gibts leider keine Bilder. Grundsätzlich kann man sagen, dass man für Hotels auf westlichem Standard auch westliche Preise zahlen muss. In günstigeren Hotels muss man erhebliche Abschläge an Komfort in Kauf nehmen, also z.B. keine Klimaanlage und keine der gewohnten Toiletten. In Indien sind keine Toilettenschüsseln üblich, sondern nur eine Blechwanne mit Wasseranschluss. Auch auf westliches Frühstück und Essen muss man möglicherweise ebenso verzichten wie auf Sauberkeit. Ansonsten ziehe ich mal den Zusatzjoker und gebe die Frage an NJ Transit weiter. wink.gif

Geschrieben von: NJ Transit am 20 Nov 2016, 21:26
Uff, da muss ich kramen. Ganz tief kramen. Ein paar Handyfotos könnte ich bieten...

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Dieses Zimmer wollte man mir in dem Hotel, in dem ich mit Abstand am längsten gewohnt habe, am Anfang geben. Ich habe mich an der Rezeption beschwert und ein Zimmer mit Fenster gefordert, denn das da rechts ist zwar ein Fenster, das aber wunderbare Aussicht auf die Hauswand 30 Zentimeter weiter bietet (und damit exakt gar kein Tageslicht).

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Danach wurde ich dann hier einquartiert. Sauber wars, gut, die Badtüre war unten fast komplett weggefault, und mit umgerechnet etwa 20€ pro Tag hat sich das durch mein Gehalt fast von alleine getragen.

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Das war das zugehörige Bad. Insgesamt ging meistens alles, klar, die üblichen Strom- und Wasserausfälle gabs auch im Hotel, das Zimmer hatte eine Klimaanlage, die mir keine Erkältung beschert hat (wow!)

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Da war ich dann zum Schluss, ein typisches Business-Hotel, lag glaub ich bei 30 oder 40 Euro am Tag.
Ich persönlich würde mit meiner Erfahrung Hotels in der Preiskategorie 30 bis 60€ pro Tag wählen, mit ein wenig Suche über die einschlägigen Portale und Cleartrip (das ist die in Indien definitiv am weitesten verbreitete Buchungswebseite, bietet auch einiges, was die normale westliche Webseite nicht kann, zum Beispiel Flugbuchung für Nepal Airlines) findet man auch oft gute Schnäppchen. Oft schreckt das Äußere des Hotels auch ein wenig ab, grade in Delhi sah mein Hotel von außen eher wie ein Bordell oder eine Automatenhölle aus, aber das sagt wenig aus über die Zimmer.

Geschrieben von: Entenfang am 27 Jul 2020, 18:38
Der Preis fürs richtige Erraten geht an https://www.eisenbahnforum.de/index.php?s=353ae2cfdd63e778ec1cd2997c53eafd&act=ST&f=9&t=5294&st=3705&#entry726277 - los geht's:



Vorbemerkung

Im folgenden Reisebericht möchte ich ein möglichst umfassendes Bild von Indien zeichnen - dazu gehören die schönen wie auch die weniger schönen Seiten. Bitte zu allen Bildern den Smog, das Gedränge, den Lärm und im fortschreitenden Verlauf der Reise auch die Hitze dazudenken! Die Wirklichkeit ist noch viel krasser, als man es auf den Bildern erahnen kann. Sind einzelne Personen das Hauptmotiv, habe ich, sofern möglich, um Erlaubnis gefragt oder - und das kam häufig vor - die Menschen haben mich selbst darum gebeten, sie abzulichten. Der Name meines Mitreisenden wurde auf seinen Wunsch hin geändert. Ich gebe Preise zum einfacheren Verständnis in ¤ an. Die Umrechnung beträgt 1:80.
Und bevor jemand fragt - die Reise fand von Anfang Februar bis Mitte März statt, kurz bevor Corona zur weltweiten Krise wurde. Umso glücklicher bin ich, dass ich heute davon berichten kann.


Indien ist...

...ein Land mit extremen Kontrasten.
https://flic.kr/p/2jqt5qu

...voller Paläste.
https://flic.kr/p/2jqp2yw

...ein bunter Basar.
https://flic.kr/p/2jqp3By

...Museumswagen im Regelbetrieb.
https://flic.kr/p/2jqt8fh

...ein Märchenschloss.
https://flic.kr/p/2jqt91L

...schlechte Bausubstanz voller Improvisation.
https://flic.kr/p/2jqt9wq

...Gewusel.
https://flic.kr/p/2jqtaTi

...Ruhe.
https://flic.kr/p/2jqtc6t

...voller kontaktfreudiger Menschen.
https://flic.kr/p/2jqp8Md

...religiöse Zeremonie.
https://flic.kr/p/2jqp9BV

Geschrieben von: Entenfang am 27 Jul 2020, 18:38
...leckeres Essen.
https://flic.kr/p/2jqrZqW

...Freilandhaltung.
https://flic.kr/p/2jqtfAz

...solide befestigt.
https://flic.kr/p/2jqpcjd

...die fahrgastreichste Eisenbahn der Welt.
https://flic.kr/p/2jqpdaX

...einfach incredible.
https://flic.kr/p/2jqs4mG

Zur geografischen Unterstützung eine Übersichtskarte des Reiseverlaufs:
https://flic.kr/p/2jqt3BQ

Im Nachhinein bin ich doch sehr froh, dass ich mich über sämtliche Empfehlungen, Besserwisser und gut gemeinte Ratschläge, dass Fliegen ja wahlweise so viel schneller, billiger, komfortabler, einfacher, doller ist, hinweg gesetzt habe und ausschließlich Eisenbahn gefahren bin. So wurden es nicht nur 6 Wochen, sondern auch 5580 km voller Erlebnisse...

Geschrieben von: Luchs am 27 Jul 2020, 20:14
Du weisst schon, dass der Taj Mahal kein Schloss sondern ein Mausuleum ist?

ansonsten kann ich die extremen Gegensätze aus eingener Erfahrung nur bestätigen. Eine Reise lohnt sich, man muss aber viel Zeit und Gelassenheit mitbringen.

Luchs.

Geschrieben von: Entenfang am 28 Jul 2020, 12:43
QUOTE (Luchs @ 27 Jul 2020, 20:14)
Du weisst schon, dass der Taj Mahal kein Schloss sondern ein Mausuleum ist?

ansonsten kann ich die extremen Gegensätze aus eingener Erfahrung nur bestätigen. Eine Reise lohnt sich, man muss aber viel Zeit und Gelassenheit mitbringen.

Luchs.

Klar, das war nicht wörtlich gemeint. Die gesamte Anlage hat meiner Ansicht nach etwas Märchenhaftes, die perfekte Symmetrie im dunstigen Abendlicht und so ganz anders als die Welt vor den Toren der Sehenswürdigkeit...


17 Tage vorher

Nach ausgiebiger Recherche zum indischen Eisenbahnsystem habe ich auf dieser Seite umfassende Informationen gefunden.
https://www.seat61.com/India.htm
Dort ist außerdem vermerkt, dass die offizielle Buchungsseite inzwischen auch ausländische Kreditkarten akzeptiert.
https://www.irctc.co.in/nget/train-search
Ich mache mich also an den etwas umständlichen Registrierungsprozess, der jedoch dank der guten Beschreibung auf der zuerst verlinkten Seite einwandfrei funktioniert.
Und kaum habe ich meinen Account freigeschaltet, geht's auch schon los. Beim ersten Versuch lande ich im Nirwana - Booking failed, pending from bank end. Gut, ich hatte mich schon gewundert, wie die Bezahlung funktionieren soll, ehe ich überhaupt eine Kreditkartennummer eingegeben habe. Neuer Versuch. Doch weder die Nummer meiner Mastercard noch die meiner Visacard werden akzeptiert. Ich lese nochmal nach und siehe da - von den gefühlt 100 verschiedenen Zahlungsmethoden muss man genau die Richtige auswählen, dann klappt es auch. Ein Jubelschrei.
Manchmal brauche ich zwei Anläufe, doch 5 Buchungen funktionieren schließlich. Nur bei der 6. geht gar nichts - pro Account darf man pro Kalendermonat nicht mehr als 5 Buchungen machen. Damit sollen vermutlich Luftbuchungen verhindert werden. Ich übergebe die Aufgabe für die letzte noch fehlende Etappe an meine Kontaktperson in Indien und so habe ich erstmal alle Strecken abgesichert. Auf einer Strecke ist der von uns favorisierte Zug schon ausverkauft. Im Gegensatz zu China muss ich aber nicht jeden Tag dreimal schauen, ob vielleicht zufällig gerade jemand storniert hat. Man kann sich einfach auf die Warteliste setzen lassen. Sogar die Wahrscheinlichkeit einer Bestätigung bis zum Abfahrtstag wird auf der Website angezeigt - in meinem Fall sind es akzeptable 98%. Trotzdem buche ich zur Sicherheit noch einen anderen Zug, der ein paar Stunden später fährt und für den es noch Fahrkarten gibt. Sollte unser Favorit noch bestätigt werden, werde ich diesen wieder stornieren. Dafür fallen Kosten etwa in Höhe von 2,50¤ an.
Auf einer Strecke gibt es in der von mir präferierten Klasse 2nd AC (Klimatisierte Vierbettabteile mit Vorhang) nur noch einen freien Platz. Da es meine erste Strecke sein wird und die Fahrt nur tagsüber ist, möchte ich natürlich unbedingt rausschauen. Daher wäre mir eine obere Liege nicht so recht. Man kann im Buchungsprozess nicht nur Präferenzen zur Platzwahl setzen, sondern auch Ausschlusskriterien. Ich wähle "Book only, if lower berth is allocated." Vermutlich ist mein Hintergedanke nicht unbedingt der, wofür diese Option eingeführt wurde...(sondern weniger bewegliche Menschen, die nicht nach oben kommen)

Booking failed. Requirement not met.

Ich gönne mir 1st AC.


16 Tage vorher

Mein Handy klingelt. Nanu, eine mir unbekannte indische Nummer?!
"Sir, I am calling on behalf of Indian railways. We would like to confirm that you have booked train tickets for 11.000 Rupees."
Ich brauche einen zweiten Anlauf, ehe ich mit dem indischen Akzent klarkomme.
Oh ja, die habe ich gebucht...


8 Tage vorher

Ich überprüfe unseren Status - von den Wartelistenplätzen 7 und 8 sind wir auf 1 und 2 vorgerückt.


Tag 1 München -> Frankfurt -> Delhi

Die deutlich besseren Flugzeiten sprechen stark für einen Airindia-Flug ab Frankfurt um 21:30 Uhr statt mit Lufthansa ab München, denn so komme ich morgens um 9:30 Uhr statt mitten in der Nacht in Indien an. So startet auch diese Reise stilecht unter dem Grundig-Schriftzug, der ja glücklicherweise doch nicht verschwunden ist und weiterhin Beginn und Ende so mancher Reise sein darf.
https://flic.kr/p/2jqCmxC

Um noch die von Muffo schuldig gebliebene Lasagne in Frankfurt einnehmen zu können, aber auch das Mittagessen daheim, scheint der ICE 622 (MH ab 14:51, FF an 18:04) die Verbindung der Wahl zu sein. Für quasi alle anderen Züge an diesem Tag bewegt sich der Preis zwischen 25 und 40¤, nur für den 622 gibt es schon 3 Wochen vor der Abfahrt keinen Sparpreis mehr. Grmpf. Dann opfere ich eben eine Bahnbonus-Freifahrt. Doch Pustekuchen - nicht mal mehr Freifahrten sind für diesen Zug verfügbar.
Also muss ich schon tricksen, ehe ich Deutschland überhaupt verlassen kann.

MH.....ICE 786.....ab 14:21

NN......................an 15:31
..........ICE 26......ab 15:31

FF........................an 17:36

Das ganze gestückelt in Sparpreis 17,90¤ bis Nürnberg und tschechische Fahrkarte Cheb - Frankfurt ohne Zugbindung im ICE für 14¤ gibt nicht nur einen erträglichen Preis, sondern auch mit etwas Glück eine halbe Stunde mehr Zeit für das Abendessen.
Erfahrungsgemäß sorgt der Puffer vor Nürnberg für eine leicht verfrühte Ankunft, sodass ich voller Hoffnung auf einen erfolgreichen bahnsteiggleichen 0-Minuten-Anschluss bin. Pünktlich schließen die Türen, die Hackerbrücke zieht vorbei, die Donnersbergerbrücke, bald nur noch Lärmschutzwände. Noch ist auch mein Anschluss absolut pünktlich unterwegs. Bis Ingolstadt habe ich trotz angeblich hoher Auslastung ein Abteil für mich allein und pünktlich geht es auf die SFS.
Was macht mein Anschluss? +10 wegen technischer Störung an einem anderen Zug. Im entscheidenden Moment scheint Verlass auf das Nicht-Funktionieren des deutschen Eisenbahnsystems zu sein.
Mit -1 erreiche ich Nürnberg, sodass für den Umstieg sogar ein paar Minuten bleiben. "Sorry, hast du vielleicht ein bisschen Kleingeld für mich?" Nein. "Kann ich vielleicht mal kurz jemanden anrufen?" NEIN. "Was bist du denn für ein Vogel, Alter?!" Mit +11 fährt mein Anschluss ein und tadaa... Die tatsächliche Wagenreihung stimmt nicht mit der auf dem ZZA und im DB Navigator angezeigten überein. Gehetze auf dem Bahnsteig setzt ein. Ich nehme taktisch günstig die vorderste Tür an der Zugspitze und hoffe auf einen Lounge-Platz. Den finde ich auch. Schade, die Scheibe ist milchig. Andere Fahrgäste rätseln, wo denn ihr Wagen ist. Trotz einiger roter Signale sinkt die Verspätung, während wir durch die Abendsonne rollen.
https://flic.kr/p/2jqGoRX

Mit nur noch +3 erreiche ich Frankfurt, sodass ich meine lange erwartete Lasagne in Ruhe verspeisen kann. Gestärkt kehre ich zum S-Bahnhof zurück. Im DB Navigator steht die nächste S2 zum Hbf auf Gleis 1 drin, doch eine offenbar kurzgewendete S2 steht bereits auf Gleis 3 am Inselbahnsteig. Es bleiben anderthalb Minuten bis zur Abfahrt, da sagt der Tf durch: "S2 Abfahrt 19:19 Uhr von Gleis 3." Ächz, mit 31 kg Gepäck hetze ich in die Unterführung. Blechelse hat die Gleisänderung inzwischen auch kapiert und verkündet. Kurz nach Plan fährt die Bahn los und ich steige am Hbf um. "Sorry, are you going to the airport?" Ja. Noch 2 Haltestellen. Warum man dem FIS nicht auch Airport oder wenigstens ein Flugzeug-Piktogramm an Deutschlands größtem Flughafen spendiert, bleibt unklar.

Auf der Mülltonne an der Sicherheitskontrolle im Flughafen klebt ein Zettel mit der Aufschrift: Besitzaufgabe nach §959 BGB. Ein Wunder, dass man das noch nicht auf jede Mülltonne im ganzen Land draufschreibt...
Natürlich wird mein sorgsam gepackter Rucksack komplett ausgeräumt. Sind ja auch viele verdächtige Sachen drin. 1 kg Schokolade, 1 Lebkuchenherz, Powerbank und - oh Gott - sogar ein Handdesinfektionsgel mit Feuer-Symbol!!!
"Wo fliegen Sie denn hin???" Indien.
"Hm, ich dachte, solche Herzen gibt es nur zum Oktoberfest und zu Weihnachten?", wirft eine Kollegin ein. Nicht, wenn man es aus Pardubice mitbringt... (Anm.: Lebkuchen sind eine typische Spezialität aus Pardubice) "Ok, passt." Grmblmpf. Ich versuche, alles wieder irgendwie beschädigungsfrei in den Rucksack zu stopfen.

Das Flugzeug ist gut gefüllt, also leider nicht halbleer wie bei meinem letzten Flug nach China vor 2 Jahren. Beim Verladen von Gepäck in die Überkopf-Ablage fällt ein Koffer raus und streift eine alte Frau am Kopf. "Mon dieu!", ruft sie und hält übertrieben ihren Kopf, obwohl gar nichts passiert ist. "Oh god, are you all right?", fragt der unfallverursachende Inder und schon strecken 10 Leute ihren Kopf dazu. "You can't put it there just over my head", meint die alte Dame mit Oxford-Akzent und gespieltem Wehleiden.
Ein paar wenige Europäer mischen sich unter die vielen Inder im Flugzeug. Zwei deutsche Frauen mittleren Alters sitzen in meiner Nähe. "Kannst du mir das weiterleiten?" "Nee, momentan nicht, hab mein Handy im Flugmodus." Offensichtlich funktioniert das Entertainmentsystem bei einer der beiden nicht richtig und der Bildschirm ist bei der Sicherheitsbelehrung hängengeblieben. "Oh Gott, jetzt muss ich mir über den ganzen Flug ansehen, wie die Klospülung funktioniert..."

Vor dem Flug habe ich mir schon kluge Ratschläge durchschnittlich informierter Personen anhören müssen, dass Airindia ja furchtbare Klapperkisten hätte. Muffo, der mehr vom Luftverkehr versteht als ich, hat mir beim Abendessen erklärt, dass ich mit einem Dreamliner fliegen würde. Und jetzt bitte einmal für Anfänger - ist das jetzt gut oder schlecht für mich?! "Naja, es heißt, dass das Flugzeug ganz neu ist."

Klappern tut das Flugzeug jedenfalls nicht und der Sitzabstand ist ganz passabel, so viel kann ich zumindest sagen.

Geschrieben von: JeDi am 28 Jul 2020, 12:59
QUOTE (Entenfang @ 28 Jul 2020, 13:43)
nur für den 622 gibt es schon 3 Wochen vor der Abfahrt keinen Sparpreis mehr. Grmpf. Dann opfere ich eben eine Bahnbonus-Freifahrt. Doch Pustekuchen - nicht mal mehr Freifahrten sind für diesen Zug verfügbar.

Moin,

das ist immer so: Kein Sparpreis (und sei er 10 Cent unter dem Flexpreis - dann gehts), keine Freifahrt ;-).

Gespannter Gruß, JeDi

Geschrieben von: Oliver-BergamLaim am 28 Jul 2020, 15:03
Ui, jetzt ist mein Interesse geweckt und ich freue mich wieder einmal auf den Genuß eines tollen Reiseberichtes von Dir! smile.gif

Was mich vorab schon interessieren würde: es war ja Dein 2. Besuch in Indien, mit einem Zeitabstand von ca. 7 Jahren. Auch wenn ich vermute, dass Du es ohnehin noch ansprechen wirst und ich nichts vorwegnehmen will: hat sich denn in den 7 Jahren dort viel verändert im Sinne von Modernisierung/Verwestlichung/spürbarem Verlust von Flair oder althergebrachten Dingen? Oder trotzt Indien mit seinen Traditionen etwas mehr der Globalisierung? Haben die Touristenmassen zugenommen, begegnen die Inder den Touristen heute anders als vor 7 Jahren (z.B. genervter durch eine evtl. Zunahme an Massentourismus an bestimmten Orten)?

Geschrieben von: Entenfang am 29 Jul 2020, 12:11
QUOTE (JeDi @ 28 Jul 2020, 12:59)
Moin,

das ist immer so: Kein Sparpreis (und sei er 10 Cent unter dem Flexpreis - dann gehts), keine Freifahrt ;-).

Ah, danke für die Aufklärung. smile.gif

QUOTE
Was mich vorab schon interessieren würde: es war ja Dein 2. Besuch in Indien, mit einem Zeitabstand von ca. 7 Jahren. Auch wenn ich vermute, dass Du es ohnehin noch ansprechen wirst und ich nichts vorwegnehmen will: hat sich denn in den 7 Jahren dort viel verändert im Sinne von Modernisierung/Verwestlichung/spürbarem Verlust von Flair oder althergebrachten Dingen? Oder trotzt Indien mit seinen Traditionen etwas mehr der Globalisierung? Haben die Touristenmassen zugenommen, begegnen die Inder den Touristen heute anders als vor 7 Jahren (z.B. genervter durch eine evtl. Zunahme an Massentourismus an bestimmten Orten)?

Auf den ersten Blick war Indien genau so, wie ich es in Erinnerung hatte: Laut, voll, dreckig, chaotisch, arm. Auf den zweiten Blick hat sich aber doch einiges getan. Der Wohlstand ist durchaus gewachsen, was sich nicht zuletzt in den überall in den Himmel schießenden Wohntürmen sowie der Vielzahl neuer Autos bemerkbar macht. Die Zahl an Autos hat definitiv immens zugenommen in den letzten 7 Jahren - angeblich werden in Indien jeden Tag 40 km neue Straßen eröffnet. Auch beim ÖV hat sich etwas getan. Immer mehr Städte eröffnen Metros oder erweitern sie, wenn auch nur langsam. Auch bei der Eisenbahn passiert einiges. Die Reisegeschwindigkeiten steigen und es vergeht kaum ein Monat, in dem nicht irgendein neuer Premiumzug den Betrieb aufnimmt. "Our railway has improved since your last visit", war die Aussage meiner (bahnaffinen) Bekannten. Die Digitalisierung hat mit Riesenschritten Einzug erhalten, allein schon, dass es Online-Tickets für die Bahn gibt, ist eine (zwar schon über 7 Jahre alte) Neuerung. Damals konnte man allerdings keine Fahrkarten mit ausländischen Kreditkarten buchen, was inzwischen geht. McDonalds, Burger King, Pizza Hut und KFC findet man in jeder größeren Stadt.

Einen Verlust von Flair würde ich es aber auf keinen Fall nennen. Und wenn das Land ein bisschen weniger chaotisch werden würde, wäre sicher auch für die Einheimischen etwas gewonnen. Puh, ob althergebrachte Dinge verloren gegangen sind, kann ich aus meiner Perspektive nicht beantworten. Um etwaige Unterschiede bemerken zu können, war mein Besuch zu kurz (oder mein Gedächtnis zu schlecht). Die Globalisierung betrifft sicher auch Indien - ich würde aber sagen, dass es diesbezüglich extreme Kontraste zwischen Stadt und Land gibt. Während in der aufstrebenden Mittelschicht in den Großstädten bspw. auch immer mehr Frauen arbeiten gehen, statt nur hinter dem Herd zu stehen, ist das sicher auf dem Land ganz anders. Da ich aber kaum auf dem Land unterwegs war, ist mein Indien-Bild auch stark großstadtbeeinflusst.

Dass die Zahl ausländischer Touristen deutlich gestiegen ist, behauptet zumindest die https://www.statista.com/statistics/206872/number-of-foreign-tourist-arrivals-in-india-since-2000/ Aber die 11 Mio. Touristen muss man auch ins Verhältnis setzen - in Deutschland waren es im Jahr 2018 rund https://de.statista.com/statistik/daten/studie/940654/umfrage/ankuenfte-von-gaesten-aus-dem-ausland-in-deutschland/ und das bei einem Bruchteil der Landesgröße. Noch deutlicher wird der Umstand beim Vergleich mit den Einwohnerzahlen - in Deutschland war pro 2 Einwohner ein Ausländer im Land, in Indien einer pro 118! Und genau das macht sich eben auch bemerkbar - ausländische Touristen stellen stets die Minderheit verglichen mit den inländischen Touristen. Im Zweifel stellen die Inder immer die Mehrheit. Am Umgang mit Touristen kann ich eigentlich keinen Unterschied feststellen - in den vergleichsweise touristischen Orten (Delhi, Rajasthan etc.) wird ständig versucht, irgendwas völlig überteuert aufzudrehen, auf der anderen Seite auf Schritt und Tritt um ein gemeinsames Selfie gebeten. Dass das anders als vor 7 Jahren ist, liegt auf der Hand - heute hat halt fast jeder ein Smartphone. Ist man dagegen in untouristischen Regionen unterwegs (z.B. Gujarat), kann es leicht passieren, dass man 1 Woche keinen einzigen Ausländer sieht. Dann steht man selbst aber ständig im Mittelpunkt und wird um noch mehr Selfies gebeten. Genervt begegnet nach meinem Eindruck kein Inder dem Ausländer - entweder er wittert die Chance, Geld zu verdienen oder er will ein Selfie. biggrin.gif


Tag 2 Delhi -> Jaipur

Lächerlich kurz ist die Nacht, wenn man bei viereinhalb Stunden Zeitverschiebung schon um 7:30 Uhr Frühstück bekommt.
"Die hat mich allen Ernstes gefragt, ob ich Continental will", erzählt eine Frau der anderen, "ich hab die etwas entsetzt angeschaut."

Etwas verfrüht landen wir und ich bin nach maximal zwei Stunden Schlaf ordentlich zerknirscht. Bei der Passkontrolle steht ein Schild, dass man ab hier 10 bis 15 Minuten warten müsse. Es dauert fast eine Stunde, bis ich dran bin. Und der Code für das WLAN kommt auch nie an. Die Flughafenmitarbeiter haben nach dem inzwischen üblen Ausmaß der Corona-Epidemie in China fast alle Masken auf und auch einige der Passagiere. Ein Mädchen muss bestimmt wegen ihrer übervorsichtigen (und maskenlosen) Mutter eine tragen, nimmt sie allerdings eh ständig runter, sodass der Effekt garantiert 0 ist.

Glücklicherweise findet entgegen meiner Erwartung überhaupt keine Gepäckkontrolle nach der Ankunft statt, sodass ich meine verdächtigen Sachen nicht nochmal auspacken muss. Und wenn die erst in den Koffer geschaut hätten... Nein, das will ich mir lieber nicht ausmalen, oder wie hätte ich erklären sollen, was ich mit 1l H-Sahne, Marzipan, noch mehr Schokolade, 2 Päckchen Haselnuss-Krokant, einem Wiener Boden hell, einer Pik-Salami und einer Packung Mon Cheri in Indien machen will?
Eine Sim-Karte kann ich am Flughafen nicht kaufen, denn zur Aktivierung müsste ich bis 22 Uhr in Delhi bleiben. Also gebe ich halt für 2,55 ¤ pro Minute bekannt, dass ich Indien erreicht habe. Dann verlasse ich den Flugha... "Sir, do you need taxi?" "Where are you going?" "Good price, which hotel?" Danke auch, aber ich nehme die Metro.
Die Schlange am Fahrkartenschalter ist ganz schön lange, aber nach etwa 10 Minuten bin ich glücklicherweise dran. Ob wohl meine 7 Jahre alte Smartcard nochmal aufgeladen werden kann? Leider nicht. Ich kaufe eine Neue und vergesse vor Müdigkeit fast mein Wechselgeld.

Die Airport Express Linie ist zwar in das Liniennetz der Metro Delhi integriert, unterscheidet sich aber in der Gestaltung und dem Rollmaterial deutlich von den anderen Linien.
https://flic.kr/p/2jr1vg4

Alle Stationen sind mit deckenhohen Bahnsteigtüren ausgestattet und die Züge von CAF verkehren je nach Quelle mit 100 bis 130 km/h und damit deutlich schneller als die üblichen 80 km/h. Aufgrund des großen Haltestellenabstands legen die Züge die 19 km vom Flughafen zum Bahnhof New Delhi in konkurrenzlosen 19 Minuten zurück.
Die Züge sind mit komfortabler 2+2-Bestuhlung sowie Gepäckregalen ausgestattet.
https://flic.kr/p/2jr1vc1

Da noch etwas Zeit fürs Mittagessen und bis zur späteren Zugabfahrt bleibt, mache ich eine kleine Rundfahrt mit der Metro.
https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/2/21/Rapid_Transit_Map_of_Delhi.jpg
Auf dem Plan sieht es so aus, als könnte man an der Haltestelle Dhaula Khan gut zur Pink Line umsteigen. So komme ich in den Genuss dieser recht neuen Linie.
https://flic.kr/p/2jqWr5C
"Erreichbar über Laufbänder", steht auf dem Schild, welches zur Pink Line deutet.

https://flic.kr/p/2jr1v8i
Tja, und laufen muss ich dann erstmal. Was auf dem Plan so nahe aussieht, zieht sich ewig hin. Laufband folgt Laufband und ich schleppe 31 kg Gepäck mit. Die Bank im Verbindungsgang steht da nicht ohne Grund, doch ich widerstehe dem Drang, mich unterwegs hinzusetzen.

Die Beschattung hält das Chaos noch gnädig von mir fern. Nur durch die Schlitze kann ich kreuz und quer fahrende Mofas, Rikschas, Autos und Busse erahnen und das Hupen dringt gedämpft zu mir hoch. Ich brauche über 15 Minuten, bis ich endlich den Bahnhof der Pink Line erreiche.
https://flic.kr/p/2jqZbyF

https://flic.kr/p/2jqWqYL

Die neueren Linien sind alle mit halbhohen Bahnsteigtüren ausgestattet. Aus Sicherheitsgründen ist das auf jeden Fall sinnvoll.

https://flic.kr/p/2jqWuHj
Auf der Pink Line werden Fahrzeuge von Hyundai Rotem eingesetzt. Die Linie folgt überwiegend aufgeständert einer Ringstraße. Die Metro Delhi ist interessanterweise mit Oberleitung und 25 kV elektrifiziert - für eine U-Bahn doch sehr ungewöhnlich.

Einen schönen Ausblick hat man von der hoch über den Häusern verkehrenden Linie jedenfalls - Blick zur Blue Line.
https://flic.kr/p/2jqWqUx
Während man bei uns üblicherweise mit jeder neuen Linie tiefer in den Untergrund geht, ist es in Indien genau umgekehrt. Aufgrund der niedrigeren Bau- und Betriebskosten werden aufgeständerte Linien bevorzugt.


Ich wechsle zur Blue Line.
https://flic.kr/p/2jqZbp7
Sie ist die dritte und letzte Linie, die auf indischer Breitspur verkehrt. In der Anfangszeit des Netzes wollte man auf Kompatibilität zur Eisenbahn setzen und daher Breitspurfahrzeuge beschaffen. Bald erwies sich das als schlechte Entscheidung, denn zu diesem Zeitpunkt gab es weltweit nur eine einzige weitere Metro mit dieser Spurweite, nämlich Kalkutta. Die Hersteller mussten daher spezielle Fahrzeuge entwerfen, welche die Preise in die Höhe trieben. Ab der vierten Linie wurde daher auf Regelspur gesetzt.

Blick auf den Akshardam-Tempel
https://flic.kr/p/2jr1uVe

Hmm, warum starren mich eigentlich alle so an?
"Excuse me, this ist he womens' coach." Ohje. Von innen ist das nicht erkennbar und ich bin einfach bei der ersten Tür reingesprungen und habe in meinem etwas übermüdeten Zustand den Hinweis auf dem Bahnsteig übersehen...

Geschrieben von: Entenfang am 29 Jul 2020, 12:12
Dass das Metronetz in den letzten Jahren stark erweitert wurde, ist nicht zuletzt auf der Haltestellenanzeige zu erkennen.
https://flic.kr/p/2jqZbku

Ich fahre zum Connaught Place, der als guter Ort für das Mittagessen identifiziert wurde. Ich habe das obere Ende der Treppe vom Zwischengeschoss erreicht, da spricht mich schon ein Mann an. Ich müsse den Koffer doch nicht schleppen, ein anderer Ausgang hätte doch einen Aufzug! Ach, woher ich denn wohl kommen würde? Germany. Wie lange ich denn schon hier sei? Seit 2 Stunden. Wie lange ich noch bleiben würde? Noch 1 Stunde. Hint: Du brauchst es gar nicht zu versuchen. Aber natürlich empfiehlt er mir 3 Sätze später, doch länger in Delhi zu bleiben, weil es ja sooooo eine interessante Stadt wäre und außerdem würde es ja direkt in der Nähe eine Governmental approved tourist information geben und blablabla.
Von einer indischen Bekannten habe ich eine Restaurantempfehlung bekommen, doch als ich den Laden gefunden habe, klebt auf der geschlossenen Tür nur ein Zettel - Closed. Grmpf. Aber glücklicherweise bin ich gerade zuvor an einem Restaurant vorbeigelaufen, das ich von vor 7 Jahren in sehr guter Erinnerung behalten habe. Das Mittagessen ist gerettet.


Ehe ich die Metro zum Bahnhof nehme, muss ich noch Wasser beschaffen. Ich entdecke einen Stand im Zwischengeschoss und schlage zu, nachdem sich endlich einer der drei Verkäufer (oder der Rumsitzenden) bequemt hat, von seinem Handy aufzublicken und mir eins zu verkaufen.
Die Yellow Line ist eine knapp 50 km lange Nord-Süd-Durchmesserlinie und am frühen Nachmittag gut gefüllt. Seit meinem ersten Besuch wurden halbhohe Bahnsteigtüren nachgerüstet. Personal hilft beim Abfertigen und signalisiert durch Pfeifen, dass die Türen frei sind. Einige Fahrgäste kommen noch angerannt, bleiben aber vor den noch offenen Türen stehen, während der Oberabfertiger pfeifend und winkend bekanntgibt, dass abgefahren werden kann. Piepend schließen die Türen. Eine Frau stürmt herbei, streckt die Hand rein und wird eingeklemmt. Unter wildem Pfeifen des Oberabfertigers stürmen zwei Wachmänner herbei und zerren sie aus der Tür.

Nachdem ich dreimal gefragt wurde, wohin ich denn gehen würde (Wohin wohl, mit Koffer im Ausgang zum Bahnhof???), komme ich auf dem Bahnhofsvorplatz an. Bäääm! Das Chaos trifft mich mit voller Wucht. Leute zerren Gepäck in alle Richtungen, rempeln sich gegenseitig und mich an. Rikschas hupen und zwei Fahrer wollen mich schon irgendwo hinfahren. Man kann die Situation auf dem Bild nicht annähernd erkennen, wenn man nicht mittendrin steht...
https://flic.kr/p/2jr1uNa

An großen Bahnhöfen gibt es in Indien eine Sicherheitskontrolle, da es in der Vergangenheit diverse Anschläge auf Züge gegeben hat.
https://flic.kr/p/2jqWqEu

Und das funktioniert so: Alle drängeln, schubsen und schmeißen tonnenweise Rucksäcke, Taschen und Koffer auf das Band in den Scanner, laufen durch einen piependen Metalldetektor und sammeln das Gepäck hinter dem Scanner schleunigst wieder ein, ehe die Menschenmasse Gepäck und Eigentümer für immer trennt. Wie bei diesem Chaos überhaupt irgendwelche Gefährdungen erkannt werden sollen, ist mir absolut schleierhaft. Es sollte bei Weitem nicht das einzige Mal bleiben, dass ich mich in diesem Land über den Sinn irgendeiner Maßnahme wundere. Meine größte Gefährdung sehe ich jedenfalls im Abhandenkommen meines Gepäcks und ich versuche auch irgendwie, so schnell wie möglich meine 31 kg Habseligkeiten wiederzuerlangen.

Ich lasse mich von der Masse eine Rolltreppe hochtreiben. Jetzt bin ich also im Bahnhof drin, aber was nun? Gleis 1-3: Treppe nach links unten; Gleis 4-16: Geradeaus über die Fußgängerbrücke. Ich habe nur leider keine Ahnung, von welchem Gleis mein Zug abfährt, denn entweder es gibt keine Abfahrtstafel am Eingang oder ich habe sie im Chaos übersehen. Online nachschauen geht ohne Sim-Karte auch nicht. Ich wähle Treppe nach links unten.
https://flic.kr/p/2jqZb9T

Das Dröhnen von Dieselloks mischt sich mit hundertfachem Geplapper. Die beachtlichen Abgaswolken der Loks können den Gestank am Bahnhof nicht vollständig übertünchen. Aber auch der Duft nach indischem Essen wabert durch das Chaos. Es bleiben noch 20 Minuten und ich habe immer noch nicht den blassesten Schimmer einer Ahnung, wie ich jetzt den richtigen Bahnsteig finde, denn eine Abfahrtstafel sehe ich immer noch nicht - dafür aber eine Wartelounge mit einer Angestellten, die bestimmt Englisch spricht und mir hoffentlich keine Märchen erzählt, dass mein Ticket nicht gültig wäre, mein Zug von Aliens entführt und ich leider im nächsten Reisebüro ein Taxi... blabla. "Ashram Express? Just here, to the left." Das war ja einfacher als erwartet.
https://flic.kr/p/2jqZb7d
Das Zugschild ist dreisprachig - Hindi, Gujarati und Englisch. In Indien gibt es einfach zu viele Sprachen...

So, jetzt noch den passenden Wagen suchen.
https://flic.kr/p/2jr1uCf

Einen halben Kilometer später bin ich endlich so weit, fast ganz an der Zugspitze. Dann kann ich mal entspannt noch ein Bild von der Lok machen.
https://flic.kr/p/2jr1uze

Personenzüge führen in der Regel einen oder zwei Gepäckwagen mit, die offenbar rege genutzt werden. Ich sehe gewisse Schwierigkeiten, zur Lok durchzukommen und verschiebe das Knipsen erstmal. Rechts ein Second Class-Wagen, der nicht klimatisiert und ohne Reservierung genutzt werden kann. Mit Annäherung an die Abfahrtszeit werden diese vier Wagen ziemlich voll. Und mit ziemlich voll meine ich richtig, richtig voll. Hier vorne geht es ja noch, aber sinnigerweise sind zwei dieser Wagen am Zugschluss am Prellbock, während die beiden anderen mit 500 m Fußweg verbunden sind. Der Anblick der vergitterten Fenster mit den reingequetschten Menschen lässt mich sofort an Käfighaltung bei Hühnern denken. Dass ich auf meiner nächsten Etappe Second Class gebucht habe, verdränge ich erstmal und suche stattdessen meinen 1st AC-Wagen auf, die teuerste Klasse. Tja, nur welches Abteil habe ich? Auf meiner Fahrkarte steht keine Platznummer drauf, weil diese in 1st AC erst wenige Stunden vor Abfahrt festgelegt werden. Nur seitdem habe ich kein Internet mehr gehabt und daher auch keine Möglichkeit nachzuschauen, welcher Platz mir zugeteilt wurde.
Ich frage einen Fahrgast, der meine Buchungsnummer in einer App eingibt. "Fehler bei Kommunikation mit dem Server", ist das Ergebnis. Wenig später taucht ein junger Mann in Flipflops, Indian-Railways-Logo und No tips-Schriftzug auf seinem T-Shirt auf. Er schaut sich meinen ausgedruckten Fahrschein an und rätselt eine Weile herum. "1st class, 1st class...", murmelt er. Schließlich teilt er mir dieses 2er-Abteil zu.
https://flic.kr/p/2jqWquz

Pünktlich auf die Sekunde pfeift die Lok und der Zug setzt sich in Bewegung. Im Schritttempo rollen wir aus dem Bahnhof.
https://flic.kr/p/2jr1uvr

Die nächste halbe Stunde rumpeln wir mit langsam steigender Geschwindigkeit durch Slums.
https://flic.kr/p/2jqWq9z

Geschrieben von: Entenfang am 29 Jul 2020, 12:12
https://flic.kr/p/2jr1ubD

https://flic.kr/p/2jr1u8h
Sehr schön ist hier die Grundstücksabgrenzung mit senkrechten Schwellen im schicken rot-weißen Design - aber offensichtlich wirkungslos.

Überall sitzen Menschen auf den Gleisen oder verrichten ihre Notdurft. Es liegt unglaublich viel Müll herum. Wäsche wird zum Trocknen aufgehängt. Ein Kind fotografiert ein anderes Kind mit einem Smartphone. Es gibt kleine Supermärkte und Handyläden. Eine Ziege steckt mit dem Kopf in einem Plastikbehälter fest und versucht verzweifelt, diesen abzustreifen. Ein Mann treibt ein paar Kühe vor sich her. Jungs hacken Holz. An einem BÜ haben sich über 100 Mofas über die gesamte Straßenbreite gestaut. Fußgänger klettern über eine nahegelegene Mauer, um dann mitten auf dem BÜ auf einem Gleis zum Stehen zu kommen. Vor ihnen rauscht mein Zug durch, ein Gleis dahinter rumpelt langsam ein Güterzug dahin. Und was, wenn auf ihrem Gleis auch einer kommt?

Schließlich bleibt Delhi zurück, neue Wohntürme als letzter Abschied von der Megacity.
https://flic.kr/p/2jr1u5b
Fast eine Stunde bin ich schon unterwegs.
Jetzt fahren wir zügig, auf der freien Strecke vermutlich überwiegend 110 km/h. Der Schaffner in Uniform kommt vorbei, um meine Fahrkarte kontrollieren. Ich muss in ein 4er-Abteil umziehen. Dort komme ich mit einem indischen Paar ins Gespräch. Langsam nähert sich der Tag dem Ende. Senffelder ziehen vorbei.
https://flic.kr/p/2jqZavy

Alle Haltezeiten werden eingehalten und wir rauschen pünktlich in den Abend. Zwischenzeitlich döse ich immer wieder weg. Kurz vor Plan erreiche ich endlich Jaipur. Wieder empfängt mich geschäftiges Treiben.
https://flic.kr/p/2jqWqqS

Die Müdigkeit macht sich stark bemerkbar und ich versuche, das ganze Gewusel auszublenden.
https://flic.kr/p/2jqWqoh

Ein Taxifahrer hat schon an der passenden Stelle auf dem Bahnsteig (= vor dem 1st AC-Wagen) Ausschau nach Touristen gehalten. Ich bin heute aber der einzige, der die eher ungewöhnliche Route von Old Delhi mit einem normalen, Nicht-Premium-Zug nimmt. Ich lehne ab, will die Fahrt wie geplant mit der 2014 eröffneten Metro komplettieren. "Aber die Metro fährt doch nicht direkt zum Hotel." Woher willst du das eigentlich wissen, denke ich mir nur. Ich wimmle auch die ab, die behaupten, sie würden denselben Preis wie die Metro bieten, was ich sehr stark bezweifle.

Der passend zum Beinamen "Pink City" beleuchtete Bahnhof
https://flic.kr/p/2jr1unR

Ein paar 100 Meter weiter steht ein monströses Bauwerk - das muss wohl die Metro sein.
https://flic.kr/p/2jr1uju

Nachdem sich zwei Inder am Fahrkartenschalter vorgedrängelt haben, um den gerade einfahrenden Zug noch zu erwischen, bekomme ich auch mein Token und passiere die Bahnsteigsperre mit der gegebenen Vorsicht, ohne jedoch der Empfehlung des Wachmanns zu folgen, meinen Koffer auf dem Kopf zu tragen.
Bald schwebe ich 30 m über dem Straßenniveau und über allen Häusern auf dem Bahnsteig - eine sehr ungewöhnliche Konstruktion, die allerdings einen guten Ausblick bietet.
https://flic.kr/p/2jr1uhA
Sehr nett finde ich ja, dass man das britische Erbe beim Design der Haltestellenschilder erahnen kann.

Ich investiere nochmal 2,55¤, um zu verkünden, dass ich in rund einer Viertelstunde abholbereit am Bahnsteig des nächstgelegenen U-Bahnhofs wäre und dort warten würde.
Als ich aussteige, fällt mir ein, dass meine Bekannte ja ohne Fahrkarte gar nicht durch die Sperre kommt und gehe nach unten. Wird Zeit, dass ich ins Bett komme. Ohje, vier Ausgänge in unterschiedliche Richtungen. Ich bleibe innerhalb der Sperre, weil ich so alle im Auge behalten kann. Es dauert eine Minute, bis ein Aufseher wissen will, was ich hier mache. Merke - Ausländer tauchen selten um halb 10 in einer Metrostation eines Außenbezirks von Jaipur auf, um dann rumzustehen. Ich diskutiere ein wenig herum, dann will er mein Token haben. Dieses wird beim Stationsaufseher einer Kontrolle unterzogen und für gut befunden. Ich solle doch jetzt bitte mal rausgehen. Während ich so tue, als würde ich nochmal anrufen wollen - was ich aufgrund der Kosten vermeiden will - taucht erwartungsgemäß die Bekannte auf.
Nun treffe ich auch Paul, der schon einen Monat in Indien hinter sich hat, ein Auslandssemester in Chandigarh macht und sich auf das gemeinsame Abenteuer eingelassen hat.

Ein schnelles Foto, dann stürzen wir uns alle hungrig auf das köstliche Abendessen.
https://flic.kr/p/2jr1ug3
Es gibt Reis, im geschlossenen Gefäß befinden sich Chapati (dünne Fladenbrote), gefolgt von Black Dal (Linsen), gegrillter Aubergine und Koriander-Chutney.

Ein wahrlich beeindruckender, wenn auch nervenaufreibender Start in die Indienreise.
Auch wenn ich von meinem ersten Besuch im Jahr 2012 ungefähr wusste, was mich erwartet, hat mich der erste Tag wie ein Faustschlag getroffen. Wie schnell man doch vergisst, wie krass Indien ist…

Geschrieben von: Entenfang am 29 Jul 2020, 23:47
Tag 3 Jaipur

Ich schlafe erstmal meinen Jetlag aus und starte am Nachmittag. Um mich nicht jedes Mal an der Kasse für ein Token herumdrängeln zu müssen (und ein Souvenir zu haben), kaufe ich eine Smartcard. "Here you are. Enjoy your ride", meint die Verkäuferin etwas überrascht. Scheint wohl nicht oft vorzukommen, dass Ausländer Smartcards für die Metro kaufen. Das Zwischengeschoss ist wie das gesamte Metrosystem mit reichlich Kapazitätsreserven gesegnet.
https://flic.kr/p/2jraKhG

Insbesondere Jaipur gilt als Beispiel für enorme Kosten und geringen Nutzen - eine Lehre aus Jaipur ist sicher, dass ein gewisser Mindestumfang des Netzes vorhanden sein muss, um für Fahrgäste attraktiv zu sein. Ein Linienteil, der zudem am Rand des Stadtzentrums endet, wird wohl niemals ein nennenswertes Verkehrsaufkommen erfahren und weniger als 20.000 Fahrgäste täglich ist wahrlich enttäuschend. Die Eröffnung des Tunnelabschnitts unter dem Zentrum lässt weiter auf sich warten.
https://timesofindia.indiatimes.com/city/jaipur/jaipur-metro-witnesses-steep-fall-in-ridership/articleshow/56900576.cms

Die oberirdischen Bahnhöfe haben jedenfalls einen entscheidenden Nachteil - nämlich ein Taubenproblem. Die Metallkonstruktion bietet hervorragende Brut- und Sitzmöglichkeiten und die Folge ist absehbar. Obwohl ständig jemand den Bahnsteig wischt und fegt, ist alles voll Taubenkacke und man muss beim Warten ständig Angst haben, dass man selbst auch von oben beglückt wird.
https://flic.kr/p/2jrc5X7

Auch wenn der Ausblick hervorragend ist, verschandeln die massiven Konstruktionen das Stadtbild - sofern man davon in Indien sprechen kann. Soweit ich das mitbekommen habe, scheint dieser Aspekt in Indien allerdings keine Rolle zu spielen, sondern ausschlaggebend sind die geringeren Kosten.
https://flic.kr/p/2jraMvz

https://flic.kr/p/2jraMtA

Da die Trasse den Straßenverläufen folgt, gibt es ziemlich viele Kurven und diese werden auch nur sehr langsam befahren, sodass die U-Bahn die Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h nur sehr selten ausfährt.
https://flic.kr/p/2jr83Pt

Der derzeitige Endbahnhof am Rande der Innenstadt ist bereits unterirdisch. Man beachte die Deckenstromschiene.
https://flic.kr/p/2jr83Jy

https://flic.kr/p/2jr83Gj

Das totale Chaos empfängt mich, als ich die Metrostation verlasse.
https://flic.kr/p/2jraMmS

https://flic.kr/p/2jrc7QR

Außerdem bin ich sofort von drei Rikschafahrern umringt, die mich irgendwohin fahren wollen. Bis Paul es lebend über die Straße geschafft hat, vergeht noch eine Weile, in der ich mich gegen die Rikschafahrer verteidigen muss.
Ein Stadtbus der großen Sorte, ein eher seltener Anblick. Mit Midibussen kommt man einfach besser durch den Verkehr. Gelenkbusse habe ich in Indien nicht ein einziges Mal gesehen.
https://flic.kr/p/2jr83B9

Geschrieben von: Entenfang am 29 Jul 2020, 23:48
Wir nehmen ein Uber und steigen in dieser Seitengasse aus. Was wir denn hier wollen, wundert sich der Fahrer.
https://flic.kr/p/2jr83vN

Hoch zum Nahargarh Fort. Wir ernten zwar ein paar komische Blicke...
https://flic.kr/p/2jrc7Kf

...doch allmählich verlassen wir die Gasse und steigen über das Häusermeer.
https://flic.kr/p/2jrc7Gp

Aus einem kleinen Hotel dröhnt unfassbar laute Musik bis weit den Wanderweg hoch.
https://flic.kr/p/2jraM3F

Und immer und überall Kühe - ohne sie würde dem Land etwas fehlen.
https://flic.kr/p/2jraM1m

Immer wieder wollen junge Inder mit uns Selfies machen.
Zwei Kinder um die 10 fragen uns ganz begeistert: "What´s your name?" Kleine Kinder fragen immer nach dem Namen, Große wollen immer Selfies machen.
Ich fürchte schon, dass sie uns hinterherlaufen und Geld haben wollen, doch das passiert glücklicherweise nicht.
Einige kleinere Kinder rennen den Weg herunter und blockieren ihn. "10 Rupees, please!!!" Mit Mühe kommen wir weiter, immer höher über die Stadt.
https://flic.kr/p/2jraLUj

https://flic.kr/p/2jr834L

https://flic.kr/p/2jraLCH
Auf diesem Weg begegnen uns einige Mofas - Inder sind äußerst lauffaul.

Aber was ist denn das und warum liegt es hier? Morgen gibt's die Auflösung.
https://flic.kr/p/2jraLR3


Ein paar Selfies später haben wir es nach oben geschafft.
https://flic.kr/p/2jraLxT

Geschrieben von: Entenfang am 29 Jul 2020, 23:48
Vor dem Eingang stehen einige Händler bereit, um Hungrige zu verköstigen.
https://flic.kr/p/2jr82TF

Essen unterwegs hat sich oft als Schwierigkeit herausgestellt. In den Sehenswürdigkeiten erhält man in der Regel gar nichts, nur Getränke, wenn man Glück hat. Von den Ständen will man aus hygienischen Gründen vielleicht nichts kaufen und man weiß nie, ob man mitgebrachte Snacks reinbringen darf. In einigen Sehenswürdigkeiten ist das streng verboten, wobei die Kontrollen auch völlig unterschiedlich genau sind und damit der Erfolg auf Schmuggeln ebenfalls schwer abschätzbar, in anderen ist das Picknicken offiziell erlaubt. Es zeigt sich schnell, dass Vorausplanen in Indien grundsätzlich schwierig ist.

Normalerweise muss man beim Betreten des Forts Eintritt bezahlen, doch die Kasse hat geschlossen. Ein Wächter behauptet, wir müssten 2,50 ¤ Eintritt für irgendein Restaurant zahlen, in das wir aber eigentlich gar nicht wollen. Ich deute auf die Preistafel, die in Indien überall groß aushängt. Foreign Student: 30 Cent. Jaja, aber die Kasse hätte ja zu. Wir müssten 2,50 ¤ zahlen. Keiner der Einheimischen zahlt jedoch etwas, obwohl auf der Preistafel auch die üblichen 15 Cent für Inder draufstehen. Also ignorieren wir den Wächter und kommen tatsächlich ohne Bestechungsgeld rein.
Die Einheimischen fahren sogar innerhalb des Forts mit dem Auto herum. Nur die Parkplätze werden wohl bald knapp, wenn alle zum Sonnenuntergang hochkommen...

Der Ausblick ist hervorragend.
https://flic.kr/p/2jraLsT

https://flic.kr/p/2jrc76u

https://flic.kr/p/2jraLoQ

Der Smog ist sehr deutlich zu sehen und sorgt durch die Lichtstreuung ganz ohne Wolken für besonders eindrucksvolle Sonnenuntergänge.
https://flic.kr/p/2jraLmf

Wir sind nicht die Einzigen, die bis zur blauen Stunde bleiben.
https://flic.kr/p/2jr82GP

https://flic.kr/p/2jrc6Xi

Nach harten Verhandlungen müssen wir eine überteuerte Rikscha für 5,50 ¤ ins Tal nehmen. Der Fahrer ist natürlich in einer starken Verhandlungsposition, weil Uber hier oben nicht funktioniert und keine weiteren Rikschas mehr rumstehen. In halsbrecherischem Tempo fahren wir die unbeleuchtete und sehr kurvige Straße bergab. Natürlich behauptet der Fahrer beim Preis von 450, kein Wechselgeld zu haben. Als wir schließlich alles zusammenkratzen, gibt er auf und nimmt meinen 500er-Schein. Ich erhalte zwei 20er wieder. Ähm, 450 hatten wir gesagt?! Kann man ja mal versuchen...
Ehe wir in ein Uber wechseln, gibt es noch die Gelegenheit zu einem Blick zum Wasserpalast, der größtenteils unter der Wasseroberfläche ist.
https://flic.kr/p/2jraLfU

Es dauert eine Weile, bis der Uber-Fahrer uns endlich findet. Dann müssen wir noch fast eine Stunde durch die ganze Stadt fahren, werden aber dafür mit einem leckeren Abendessen erwartet.
https://flic.kr/p/2jrc6U7
Idli sind gedämpfte Teiglinge, die mit einer Soße gegessen werden. Sie sind eine typisch südindische Spezialität.

Ein Großteil der Lebensmittel aus meinem Koffer wird jetzt eingesetzt - die Marzipan-Sahne-Torte ist das Highlight des Abends. Während es Schokolade in Indien zu kaufen gibt (wenn auch keine Milka- oder Lindt-Produkte), sucht man Sahne i.d.R. vergeblich. Der Sohn meiner Bekannten isst mehr als ein Viertel der Torte am heutigen Abend auf.

Ich bespreche mit der eisenbahnaffinen Bekannten die weiteren Reiseplanungen und bringe meine Skepsis zum Ausdruck, da ich mir für die nächste Etappe Second Class gebucht habe und nun gesehen habe, dass die wirklich sehr voll werden kann. Allerdings habe ich einen reservierten Sitzplatz.
"Hm, I told you not to book non-AC coach!!!"
Wir schauen nach, doch eine Umbuchung auf AC chair car so kurzfristig ist aussichtslos. Nach längerer Diskussion kommen wir zum Ergebnis, dass ich mit einem reservierten Sitzplatz eigentlich auf der sicheren Seite bin und da sie keine Sicherheitsprobleme sieht, beschließe ich, alles zu lassen, wie ich es geplant habe. "I think you will be fine."


Verehrte Leser, aufgrund einer kurzfristigen Umleitung verzögert sich die Fortsetzung des Reiseberichts um wenige Tage. Wir bitten noch um etwas Geduld.

Geschrieben von: Elch am 30 Jul 2020, 08:14
Toller Bericht in dieser Zeit smile.gif - Danke!

Geschrieben von: Entenfang am 3 Aug 2020, 22:04
QUOTE (Elch @ 30 Jul 2020, 08:14)
Toller Bericht in dieser Zeit  smile.gif - Danke!

Sehr gerne smile.gif



Tag 4 Jaipur

Auflösung von gestern: Zu sehen sind Kuhfladen, ein sehr wertvoller Rohstoff. Denn getrocknet handelt es sich um einen hervorragenden Brennstoff. Da viel auf offenem Feuer gekocht wird, können damit sicher viele Bäume gerettet werden.

Das heutige Frühstück besteht aus gebuttertem Fladenbrot und Sprossen. Das erfordert doch eine gewisse Umgewöhnung von der Marmeladensemmel.
https://flic.kr/p/2jsHGxW

Innenhof einer Gated Community, eine typische Wohnanlage des indischen Mittelstands.
https://flic.kr/p/2jsLuez

Für Deutsche, die noch nie Indien besucht haben, offenbar eine der am schwersten vorstellbaren Umstände ist das Nichtvorhandensein von Gehwegen oder Trennung von Verkehrswegen jeglicher Art.
So sieht eine kleine Nebenstraße aus.
https://flic.kr/p/2jsLu99

Und so eine Hauptstraße.
https://flic.kr/p/2jsHG4K
Warum der Verkehr in Indien so langsam und kräfteraubend ist, dürfte hier ausreichend erkennbar sein.

Gibt es eine Art Gehweg, ist der meistens rege genutzt...
https://flic.kr/p/2jsHGcW
...und so müssen doch alle auf der Fahrbahn laufen.

Während die U-Bahn einfach zu begreifen und zu benutzen ist, stellt sich die Situation beim Bus ganz anders dar. Das erste Problem ist, eine passende Verbindung zu suchen. Google Maps hat alle großen Städte hinterlegt. Angeblich gibt es unweit der Wohnung eine Haltestelle, von der alle 16 Minuten die klimatisierte Linie AC-5 zur Innenstadt abfahren sollte. Das zweite Problem- Haltestellen sind oft überhaupt nicht erkennbar und ich laufe an der Markierung auf Google Maps einfach vorbei. Der einzige Hinweis, dass hier eine Haltestelle ist, sind die anderen wartenden Fahrgäste.
https://flic.kr/p/2jsMLaS

Gelegentlich hält eine völlig überfüllte Sammel-Rikscha. Teilweise stehen die Leute auf der Stoßstange und halten sich am Dach fest, wenn die im Vordergrund sichtbaren Fahrzeuge - eine beträchtliche Rußwolke ausstoßend - weiterfahren.
Ich stehe 20 Minuten hier, kein AC-5 in Sicht. Dann kommt ein grüner, nicht klimatisierter Bus mit funktionierender LED-Anzeige, die Ajmeri Gate verkündet. Genau dort will ich hin. Während ich mich bei der hinteren Türe reinquetsche, fährt der Bus schon wieder an. Ich stehe auf der Treppe direkt in der selbstverständlich während der Fahrt offenen Tür. Ohje, ich will nicht einer der 150.000 Menschen sein, die jedes Jahr ihr Leben in Verkehrsunfällen in Indien verlieren...
https://www.livemint.com/news/india/road-accident-data-more-than-97-000-people-killed-due-to-over-speeding-in-2018-11574249715762.html

Etwas später kann ich mich weiter in den Innenraum quetschen und kaufe bei der Schaffnerin eine Fahrkarte für 20 Cent. Bald wird es sehr voll, Fahrgäste schieben sich hierhin und dorthin. Irgendwann wird es wieder etwas leerer und ich bekomme sogar einen Sitzplatz, sodass ich weder fürchten muss, beim nächsten Schlagloch aus der Balance zu kommen noch einen Diebstahl aus meinem Rucksack.

Da die Busse immer nur sehr kurz oder gar nicht halten, ist es ziemlich schwierig, an der richtigen Stelle auszusteigen. Zum Glück fahre ich ohnehin bis zur Endstation. Beim Aussteigen quatscht mich ein Fahrgast an und will wissen, wo ich herkomme. Ausländer im Bus dürften wohl ein äußerst seltenes Phänomen sein.
https://flic.kr/p/2jsMKUG
Fazit: Man kann den Bus schon benutzen, muss aber sehr viel Zeit mitbringen und darf kein Problem mit völlig überfüllten Fahrzeugen haben. Zur schnellen Stadtbesichtigung ist diese Variante völlig ungeeignet.

Bisschen Umschauen am Ajmeri Gate
https://flic.kr/p/2jsHFsu

https://flic.kr/p/2jsHFkA

Da uns die Rikschafahrer dreist abzocken wollen, nehmen wir ein Uber zum Wasserpalast.
https://flic.kr/p/2jsLsSG

Geschrieben von: Entenfang am 3 Aug 2020, 22:05
Nur das Wasser ist nicht ganz sauber...
https://flic.kr/p/2jsHEXm

Auf der Promenade gibt es zahlreiche Verkäufer.
https://flic.kr/p/2jsMKBY

https://flic.kr/p/2jsLsX1

https://flic.kr/p/2jsLsE7

https://flic.kr/p/2jsHEGB

Eine absolute Unsitte ist das Füttern von Tieren aller Art, entweder einfach aus falsch verstandener Tierliebe oder weil es angeblich Glück bringt.
https://www.spiegel.de/panorama/strassenhunde-in-indien-tierfreunde-und-kritiker-streiten-a-1023483.html
https://www.rundschau-online.de/ratgeber/reise/heilige-tiere-diesen-tempel-voller-ratten-duerfen-besucher-nur-barfuss-betreten-32511428

https://flic.kr/p/2jsMJYZ
Die Tauben können gar nicht schnell genug picken, so viele Körner sind auf dem Pflaster verstreut. Und auch noch Wasserbehälter, damit sie auch trinken können...
Dieses Verhalten scheint mir generell sehr typisch für Indien zu sein. Was schert es mich, wenn die Tauben eine Plage sind und alles vollkacken? Ich füttere sie trotzdem für ein hübsches Foto oder weil es angeblich Glück bringt. Dass die Ratten auch die Vorräte anderer Menschen befallen und die Hunde und Affen Tollwut übertragen, scheint auch zweitrangig zu sein. Eine sehr einseitige und unreflektierte Denkweise zieht sich bis zu den höchsten Politikern.

Elefantenstatue...
https://flic.kr/p/2jsLsik

...und in echt.
https://flic.kr/p/2jsMJGr

Ich habe mich oft gefragt, wofür diese laut vor sich hin tuckernden Maschinen dienen.
https://flic.kr/p/2jsMJQC
Des Rätsels Lösung: Sie pressen Zuckerrohr aus und der Saft wird dann verkauft.

Wir fahren weiter zum etwas außerhalb gelegenen Amber Fort, einem Maharaja-Bau aus dem 16. Jahrhundert.
https://flic.kr/p/2jsMJAK

Geschrieben von: Entenfang am 3 Aug 2020, 22:05
Auch hier werden Tauben gefüttert und das Ergebnis:
https://flic.kr/p/2jsMJvE

Indiens Straßen sind voller Tiere. Kühe, Ratten, Hunde, Schweine, Tauben - am gefährlichsten sind aber die Affen.
https://flic.kr/p/2jsMJpY

Sie sind außerordentlich schnell und extrem aggressiv, wenn sie Futter sehen. Bevor ich Essen ausgepackt habe, habe ich stets einen Rundumblick gemacht. Waren Affen zu sehen, habe ich es im Rucksack gelassen. Wie auch Hunde übertragen sie Tollwut, weswegen ich äußerst vorsichtig war.

So sind mir die Hunde am liebsten - vielleicht, weil ich mich jetzt am liebsten auch einfach hinlegen und alle Viere von mir strecken würde...
https://flic.kr/p/2jsHDWt


Wie fast überall in Indien ist auch im Amber Fort einiges los.
https://flic.kr/p/2jsLrAD

Mal keine Tauben
https://flic.kr/p/2jsHDSv

Im reich verzierten Amber Fort
https://flic.kr/p/2jsLru6

https://flic.kr/p/2jsMHYT

https://flic.kr/p/2jsLr1A

Ausblick
https://flic.kr/p/2jsLrch

https://flic.kr/p/2jsMHNY

Geschrieben von: Entenfang am 3 Aug 2020, 22:05
Nach etlichen Selfies entdecken wir den Geheimgang zum Jaigar Fort, welches auf dem nächsten Hügel liegt.
https://flic.kr/p/2jsLqXz

Jaigar Fort, links im Hintergrund ist der Wasserpalast und Jaipur im Smog zu erahnen
https://flic.kr/p/2jsHCUy

Eine gewisse Ähnlichkeit zur chinesischen Mauer kann man den Mauern über die Hügelketten nicht absprechen
https://flic.kr/p/2jsLqRx

Blick auf Amber Fort
https://flic.kr/p/2jsLqLT

Ein Selfie muss sein
https://flic.kr/p/2jsLqEf

Ein Wachmann schließt sich uns an und beginnt zu erzählen. "No guide." Natürlich nicht. Ich bin mir trotzdem sicher, dass er am Ende Geld verlangen wird.
https://flic.kr/p/2jsLqxX

Und - oh Wunder - am Ende der aufgezwungenen Tour flüstert er uns "Tip, please!" zu. Wir nehmen uns vor, sämtliche weiteren Versuche entschieden abzulehnen.

Jaigar Fort ist deutlich pinker als die Pink City
https://flic.kr/p/2jsLqsS

Und da nähert sich die Sonne dem Horizont...
https://flic.kr/p/2jsMH77

...und ein Wachmann geht pfeifend über das Gelände. Widerwillig schlendern wir zum Ausgang. Ein holländisches Pärchen bleibt einfach auf dem Aussichtspunkt stehen und tut so, als hätten sie ihn nicht gehört. Der Wachmann steht auf einem Weg unten, wie wahnsinnig pfeifend. Sie ignorieren ihn. Schließlich geht er genervt auf die Mauer hoch, um sie persönlich rauszuschmeißen. Das Schöne in Indien ist, dass man sich einfach so verhalten kann und es akzeptiert wird.

Die Rikschafahrer wollen Mondpreise und behaupten, wir dürften uns nicht zu viert eine teilen. "Only 3 people." Die beiden Holländer beschließen, loszulaufen und zu hoffen, dass die Rikschafahrer dann mit dem Preis runtergehen. Da gelingt es Paul, ein Uber zu bekommen und wir winken ihnen zu. So legen wir die Strecke ins Tal gemeinsam im Uber zurück und die Rikschafahrer gehen absolut verdient leer aus.

Geschrieben von: Oliver-BergamLaim am 4 Aug 2020, 10:59
Wieder gewohnt spannend, interessant und mit lesenswertem Kommentar smile.gif
Könntest Du denn evtl. noch ein paar Essensfotos pro Reisetag mit einstreuen? Gerade an der indischen Küche habe ich einen Narren gefressen wink.gif

Geschrieben von: Entenfang am 4 Aug 2020, 13:20
QUOTE (Oliver-BergamLaim @ 4 Aug 2020, 10:59)
Wieder gewohnt spannend, interessant und mit lesenswertem Kommentar  smile.gif
Könntest Du denn evtl. noch ein paar Essensfotos pro Reisetag mit einstreuen? Gerade an der indischen Küche habe ich einen Narren gefressen  wink.gif

Ich werde alle Essensbilder zeigen, die ich gemacht habe. smile.gif
Nur gibt es längst nicht von jeder Mahlzeit ein Bild, weil ich oft entweder zu hungrig oder zu müde war, um erst zu knipsen und dann zu essen oder einfach, weil das Essen mit fortschreitender Zeit so normal wurde, dass ich schlichtweg nicht mehr daran gedacht habe, es zu dokumentieren. Es ist der typische Fluch der Gewohnheit, der auf Reisen immer wieder und erstaunlich schnell zuschlägt, sodass ich mich dann hinterher wundere, wieso ich manch gewohnten Anblick überhaupt nie festgehalten habe.
Aber deine Zuneigung gegenüber indischem Essen kann ich sehr gut nachvollziehen. Das war auch einer der Gründe, warum ich unbedingt nochmal nach Indien wollte. Auch in den Jahren davor (und jetzt nach der Reise) koche ich regelmäßig selbst indisch, weil sonst etwas fehlen würde. wink.gif


Tag 5 Jaipur -> Agra

Ein wenig zu früh für meinen Geschmack bringt mich ein Uber zum Bahnhof. Auf meinen ursprünglichen Plan, nämlich ein Uber zur Metro zu nehmen, habe ich nur verständnislose Blicke bekommen. Das scheint in Indien wohl nicht üblich zu sein.
Morgens um 7 ist der Verkehr noch sehr dünn und alles schläft tief und fest. Nur einige wenige Läden haben geöffnet.
Bereits nach 20 Minuten und damit viel zu früh bin ich am Bahnhof, also bleibt noch viel Zeit zum Umschauen.
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Tagsüber sieht das Empfangsgebäude nicht ganz so spektakulär aus, passt aber hervorragend zum Stadtbild.

https://flic.kr/p/2jsUb6G
Mit einem großen Werbeplakat sollen die Fahrgäste von den Premiumzügen (Rajdhani Express) ins Flugzeug gelockt werden. Für 25 ¤ 8x wöchentlich nach Delhi fliegen ist jetzt aber wirklich kein spektakuläres Angebot verglichen mit etwa 15 Zügen täglich zu jeder Tages- und Nachtzeit, die für rund 300 km zwischen viereinhalb und sechseinhalb Stunden brauchen.

Die Evolution der Eisenbahn - wobei der letzte Schritt in Indien noch nicht erreicht wurde, denn HGV gibt es noch nicht.
https://flic.kr/p/2jsWXCc

Kisten stehen zur Verladung bereit
https://flic.kr/p/2jsWXxs

Ein Güterzug rumpelt durch
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Die WDG-4G-Loks sind Neubeschaffungen von Indian Railways für den Güterzugdienst und basieren auf amerikanischen Dieselloks von GE. Sie bieten mit klimatisiertem Führerstand und WC einen völlig neuen Komfort für den Tf.

Ansagen laufen in Dauerschleife und beschallen das bunte Treiben im Bahnhof. Dringdring. May I have your attention please...
https://www.youtube.com/watch?v=5EA9OcjsN7I
https://flic.kr/p/2jsUaLJ

Mein Zug fährt pünktlich ein. Die nächsten 241 km werden mich weniger als 2 ¤ kosten - also tschechisches Preisniveau. Aber der Komfort ist definitiv nicht so hoch wie im Regiojet in der Relax-Klasse.
Während der Fahrt...
https://flic.kr/p/2jsYdYr

...und nachdem alle ausgestiegen sind.
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Die 3+3-Bestuhlung ist auf Breitspur ok, zumal ein Großteil der Inder sehr schlank sind. Das führt aber leider dazu, dass der Wagen zur 4+4-Bestuhlung wird, wenn sich stehende Fahrgäste noch dazuquetschen.

Alle Fenster können stufenweise nach oben geschoben werden und nach dem gleichen Prinzip ein Sonnenschutz gesenkt werden. Dass die Fenster nicht gut schließen, muss ich wohl nicht dazusagen. Im Winter ist das sicher sehr unangenehm. Im Sommer muss die Hitze trotz Ventilatoren unerträglich sein, wenn der Zug längere Zeit steht. Ich hatte bewusst eine kurze Fahrt am Beginn der Reise für den nicht klimatisierten Wagen ausgewählt, weil erstens immer mehr Züge mit ausschließlich klimatisierten Wagen verkehren und es hier zeitlich gerade gepasst hat und zweitens mit angenehmen Temperaturen beim offenen Fenster zu rechnen war. Tatsächlich ist es am Morgen noch recht frisch und ich lasse das Fenster erst im späteren Verlauf offen, um scheibenfrei zu fotografieren.

Simples Notbremsenprinzip
https://flic.kr/p/2jsWWR7
Also wenn ich die Wahl zwischen einer Strafe von 12 ¤ oder 1 Jahr Gefängnis hätte, würde ich wohl ersteres wählen biggrin.gif

https://flic.kr/p/2jsU9xm

Paul hat sich als Luftverkehrsfreak für einen kurzen Flug entschieden, ich bin also wieder im Chaos auf mich alleingestellt. Mein Sitzplatz ist zwar schon belegt, als ich einsteige, wird aber anstandslos geräumt, als ich meine Fahrkarte vorzeige. Ein paar erstaunte Blicke ernte ich schon von den anderen Fahrgästen, denn auch wenn es sich um eine typische Touristenroute handelt, ist die gewählte Klasse eindeutig nicht touristentypisch.
Pünktlich setzt sich der Zug mit lautem Pfeifen in Bewegung. In Jaipur ist die Elektrifizierung noch in Bau, auf der restlichen Strecke aber schon abgeschlossen. Daher dieseln wir überwiegend unter Fahrleitung.
"Where are you from?", spricht mich ein etwa 12-jähriger Junge an, der mir gegenübersitzt. Viel Smalltalk gibt es aber nicht während der Fahrt.

Geschrieben von: Entenfang am 4 Aug 2020, 13:21
Der Zug hält einige Male und wird voller, sodass etliche Fahrgäste stehen müssen. In Deutschland habe ich aber schon deutlich Schlimmeres erlebt und dann wird es wieder allmählich leerer. Als der Zug auf 110 km/h beschleunigt, zieht es ziemlich kalt durch den Wagen und die Fahrgäste schließen dann doch die Türen, welche im Bahnhofsbereich noch offenstanden. Auf der Sitzbank gegenüber schläft ein Kleinkind. Die Eltern haben eine Decke unter das Fenster geklemmt, damit es nicht so stark zieht.
Ein Snackverkäufer geht durch den Wagen. "Samosi! Samosi!" Er verkauft viele. Kaum sind die Teigtaschen verspeist, werfen die Fahrgäste die Pappteller zum Fenster raus.
Wir stehen an einigen Halten ein paar Minuten herum, sind aber trotzdem pünktlich unterwegs.
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https://flic.kr/p/2jsUasT

https://flic.kr/p/2jsYfCt

https://flic.kr/p/2jsYdUy
Im Vordergrund ist ein Anschluss zur Gleisfreimeldung durch Gleisstromkreis zu sehen. Aber auch Achszähler werden in Indien verwendet.

https://flic.kr/p/2jsU8Ca
Irgendeine Baustelle ist überall zu sehen.

Wasser-, Tee- und Kaffeeverkäufer gehen ebenfalls durch den Zug. Heißgetränke werden in kleinen Tongefäßen ausgeschenkt, die etwa die Größe einer Espressotasse haben. Nach paar Sekunden sind sie leer und landen im Gleisbett.
Da wundert es mich nicht im Geringsten, dass Indien so vermüllt ist.
https://flic.kr/p/2jsU8zK
Kühe und Schweine wühlen im Müll, Rikschas hupen. Ein Mann zerrt an einer Kuh, die sich aber selbst nach einigen Stockhieben nur sehr widerwillig bewegt.

https://flic.kr/p/2jsYdFN
Auf dem Land ist alles so ungewohnt sauber...

https://flic.kr/p/2jsU8sq
Auf den Türstufen zu stehen oder zu sitzen ist auch während der Fahrt völlig normal. Bei heißen Temperaturen bekommt man so zumindest mehr vom Fahrtwind zu spüren.

Auf allen verfallenen Gebäuden der Eisenbahn steht ein Schriftzug, der auf die Aufgabe hinweist.
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Geschrieben von: Entenfang am 4 Aug 2020, 13:21
Ein paar weitere Eindrücke der kurzweiligen Fahrt
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https://flic.kr/p/2jsYdvn

https://flic.kr/p/2jsWUQy

https://flic.kr/p/2jsU8aS

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Die Gepäckwagen der Personenzüge werden rege genutzt. Offenbar hat hier jemand ein paar Reifen verschickt.

https://flic.kr/p/2jsYdio
Einer der zahlreichen fliegenden Händler auf dem Bahnsteig

https://flic.kr/p/2jsU81Z
Reserveschotter ist eine hervorragende Basis zum Kuhfladentrocknen

Einige vermüllte Slums ziehen vorbei und dann nähern wir uns schon Agra.
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Zu meiner großen Überraschung rollen wir mit -30 über die Ziellinie.
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Die Fahrt war absolut nicht unangenehm und unsicher habe ich mich auch nicht gefühlt. Für kurze Strecken bei angenehmen Außentemperaturen würde ich wieder Holzklasse nehmen.

Geschrieben von: Entenfang am 4 Aug 2020, 13:22
Hier laufen ebenfalls Ansagen in Dauerschleife. Bis ich nach vorne laufe, setzt die Lok bereits um.
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Die Kupplungen unterscheiden sich offenbar nicht wesentlich von unseren.
https://flic.kr/p/2jsWVYR

Von der Fußgängerbrücke gibt es einen guten Blick auf die Jama Masjid, eine Moschee.
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Da spricht mich schon ein Mann an und erzählt mir, was ich gerade fotografiert habe. Zufällig wäre er auch Touristenführer. Ob ich wohl schon ein Hotel hätte? Ja. Er könne mich hinfahren. Soso, und für wie viel? 4 ¤. War ja klar. Uber kostet etwa 1,30 ¤. Ich nehme unbeabsichtigt den Hinterausgang aus dem Bahnhof. Am Fuße der Überführung liegt in der Mittagssonne ein Mensch und eine Kuh auf dem Asphalt. Durch eine Seitenstraße, die wohl als Parkplatz dient, führt mich der Weg weiter und plötzlich stehe ich quasi mitten in einem quirligen Basar. Einerseits mag ich es ja, dass man mit dem Zug immer mitten im Leben ankommt, aber muss es in Indien eigentlich immer gleich so heftig sein? Ein paar Rikschafahrer bedrängen mich, aber keiner von ihnen weiß, wo das Hostel ist. Einer sagt nur, ich solle einsteigen. Den Preis kann ich von 2,50 ¤ auf 1,50 ¤ runterhandeln, wobei mir irgendwie nicht klar ist, wie die Fahrer eigentlich den Preis festlegen wollen, wenn sie gar nicht wissen, wo ich eigentlich hinfahren möchte. Rein mit dem Koffer und los geht's mit viel Gehupe durch das Gedränge im Basar. Ich muss mich nach dem relativ ruhigen Bahnhof erst wieder an den extremen Lärmpegel gewöhnen. Kaum haben wir den Basar verlassen, schaut mich der Rikschafahrer fragend an. Ich gebe die Route auf Google Maps ein und deute nach links. Doch er hat wirklich keine Ahnung und schaut sich an jeder Kreuzung zu mir um. Er bedeutet mir, mich zu ihm auf den Sitz zu quetschen und zu lotsen. Die Straßen werden immer enger und schlechter. Ich fürchte schon, dass sich mein Koffer an der nächsten Bodenwelle aus der Rikscha verabschiedet und werfe jedes Mal einen ängstlichen Blick nach hinten. Der Rikschafahrer fährt relativ vorsichtig. Hunde, Menschen, Kühe und unzählige hupende Rikschas und Mofas kämpfen sich voran. Dann werden die Gassen noch enger und ruhiger. Die Straßenoberfläche ist in katastrophalem Zustand und besteht nur aus löchrigem Beton, losen Steinen und Sand. Wir kommen nur noch in Schrittgeschwindigkeit voran. Hier links. Hier rechts. Zweimal fragt der Rikschafahrer jemanden etwas, vermutlich ob man durchfahren kann. Fakt ist jedenfalls, dass man hier unmöglich mit dem Auto hätte durchfahren können, wie von Google Maps behauptet. Nur die Rikscha passt gerade so durch die verwinkelten Gassen dieses ärmlichen Viertels, nur gut einen Kilometer vom Taj Mahal entfernt.
Und so kann auch eine simple Fahrt vom Bahnhof zur Unterkunft in Indien zu einem riesigen Abenteuer werden. Stop! Da ist ja das Hinweisschild des Hostels. Glücklicherweise ist es hier etwas sauberer und die Häuser sehen deutlich weniger abgeranzt aus. Obwohl ich dem Rikschafahrer ein kleines und nicht übliches Trinkgeld gebe, sieht er nach der abenteuerlichen Fahrt nicht gerade glücklich aus.
https://flic.kr/p/2jsU9ef

Paul konnte etwa eine Stunde länger schlafen und ist etwa eine halbe Stunde vor mir im Hostel angekommen - zeitlich geht die kurze Strecke also klar ans Flugzeug, obwohl mein Zug deutlich verfrüht war.

Zeit fürs Mittagessen.
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Wir finden ein nettes Roof-Top-Restaurant in der Nähe. Warum mein Special Thali gut 3 ¤ kostet, während Paul für sein Normal Thali nur knapp 2 ¤ bezahlen muss, ist ein ungelöstes Rätsel geblieben. Mein Reis ist gelb und statt rohen Tomaten mit Zwiebel bekomme ich Paneer (indischer Käse, von der Konsistenz ähnlich Feta, aber aus Kuhmilch; rechts im Bild). Links Chapati, ganz unten das crackerartige Papadam, darüber Raita (Joghurt; immer gut, um die Schärfe abzumildern), Dal (Linsen) und in der Mitte einen typischen Gemüsemix.

Von der Dachterrasse schweift der Blick über die Dächer...
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...zum Taj Mahal...
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...über den Krempel der Nachbarn...
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...aber auch mal nach unten auf die Straße.
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Geschrieben von: Entenfang am 4 Aug 2020, 13:22
Den Nachmittag wollen wir für einen Besuch im Taj Mahal nutzen. Die Zufahrtsstraßen sind für indische Verhältnisse in extrem gutem Zustand und glücklicherweise für den Durchgangsverkehr gesperrt, um die Schadstoffe vom empfindlichen Marmor fernzuhalten.
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Zwischen den Souvenirbuden wühlen schon mal Schweine im Abwasser - Indien verbirgt seine hässlichen Seiten nicht.
https://flic.kr/p/2jsWVLG

Wir müssen einige äußerst aufdringliche Guides abwimmeln und eine sehr genaue Sicherheitskontrolle über uns ergehen lassen. Die beiden Bananen sind nicht erlaubt. Wir sollen sie bitte jetzt essen oder wegwerfen. Als wir sie auspacken, kommen auch schon 3 Affen kreischend näher. Die Security-Leute schwingen eine Metallstange, um sie fernzuhalten und ich esse schleunigst auf. Dann dürfen wir endlich die überfüllte Top-Sehenswürdigkeit Indiens sehen.
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Das Taj Mahal ist immer noch genauso schön, wie ich es in Erinnerung habe.

Der in der Mitte des 17. Jahrhunderts fertiggestellte Gebäudekomplex ist ein Grabmal eines Moguls für seine große Liebe, die bei der Geburt eines Kindes starb. Im Hauptgebäude, das aus Ziegelsteinen erbaut und mit weißem Marmor verkleidet wurde, befindet sich ihr Grab.

Einige Vögel nutzen das Wasserbecken zur Abkühlung.
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Das gesamte Areal ist symmetrisch angelegt. Die vier Türme um das Hauptgebäude sind leicht nach außen geneigt, um im Falle eines Erdbebens nicht darauf zu stürzen.
https://flic.kr/p/2jsYfcJ

Der Kampf um gute Bilder ist zunächst wenig erfolgreich. Es ist einfach viel zu voll.
https://flic.kr/p/2jsU9VF

Als sich die Sonne dem Horizont nähert, wird es langsam leerer. Offiziell schließt das Taj Mahal zum Sonnenuntergang und wir beschließen, einfach so lange zu bleiben, bis wir rausgepfiffen werden.
https://flic.kr/p/2jsU9Tb

Blick zum Taj Viewpoint, der zum Zeitpunkt unseres Besuchs wegen irgendwelcher Sicherheitsvorkehrungen für den anstehenden Besuch von Trump gesperrt war.
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Kunstvolle Verzierung im Grab
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Blick zurück zum Eingangsportal
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Geschrieben von: Entenfang am 4 Aug 2020, 13:22
Tiefer und tiefer sinkt die Sonne
https://flic.kr/p/2jsU9GE

Bevor die Wächter uns langsam zum Ausgang treiben, entstehen doch noch einige ruhigere Bilder - Geduld schafft gute Bilder.
https://flic.kr/p/2jsYeSq

Und siehe da - was zwei Stunden zuvor noch völlig hoffnungslos aussah, geht jetzt einwandfrei.
https://flic.kr/p/2jsU9zA

Geschrieben von: Entenfang am 5 Aug 2020, 20:04
Tag 6 Agra

Dank Ohrstöpsel habe ich gut geschlafen, obwohl der Lüftungsschacht schon am frühen Morgen Hämmern und Kindergeschrei in unser Zimmer geleitet hat. Bei der Café-Kette am Taj Mahal kostet das Frühstück fast so viel, wie unsere zwei Hauptgerichte gestern zusammen. Aber die heiße Schokolade - grmpf, natürlich im Pappbecher - und der Brownie sind den Preis wert. Gestärkt kann ich sämtliche "Excuse me, Tuktuk?"-Angebote ablehnen und suche händeringend nach einem Geldautomaten. Ein Geldautomat ist eigentlich nicht korrekt ausgedrückt, denn gestern Abend sind wir an vier vorbeigekommen. Drei haben nicht funktioniert, weil ich mindestens 50 ¤ abheben muss, was deren Limit überschritten hat und der Vierte wollte 4 ¤ Gebühren, was mir zu teuer war.
Ich nähere mich der Stelle, wo ein weiterer in Google Maps eingetragen ist. Nur wo ist er? Der nächste Rikschafahrer will mich irgendwohin fahren. Jaja, aber erst brauche ich einen Geldautomaten! "ATM there!" Gut versteckt in einem Haus mit Gerüst ist der kleine Raum nur über eine mehr als 50 cm hohe Stufe zugänglich. Ich gebe etwa 100 ¤ ein. Keine Gebühren, das ist schon mal gut. Ratterratter. Hurra, endlich. Merke: Nur weil auf Google Maps diverse Geldautomaten eingetragen sind, heißt das noch lange nicht, dass die nützlich sind.
Agra Fort, bitte. "100." 50. "90." 60. "Very less!!! Ok, 80 - not me, not you." 70. Er schlägt ein. Sieh an, wenn man hartnäckig bleibt, kann man sogar den Hard-bargaining-Preis aus dem Lonely Planet unterbieten.
https://flic.kr/p/2jtjQY3

Der rote Sandstein gibt der massiven ehemaligen Mogulresidenz seinen Namen - das Red Fort:
https://flic.kr/p/2jtoZQY

Ich kann zwei Bananen erfolgreich durch die Sicherheitskontrolle schleusen. Wir wimmeln alle Guides ab, um einfach in Ruhe den Gebäudekomplex erkunden zu können.

Kunstvoll dekorierte Säulen
https://flic.kr/p/2jtnF7r

Blick zur Eisenbahnbrücke über den Yamuna. Offensichtlich waschen hier viele Menschen ihre Kleidung
https://flic.kr/p/2jtoZyF

Nachdem der Erbauer des Taj Mahals von seinem Sohn gestürzt wurde, war er bis zu seinem Tod im Agra Fort eingesperrt und hatte als besondere Strafe stets Blick auf das Taj Mahal, welches vermutlich vor einigen Jahrhunderten klarer als im heutigen Smog zu sehen war.
https://flic.kr/p/2jtjNeW

Wo man auch in Indien herumläuft, man sollte stets sehr gut auf die Umgebung achten. Denn sonst stürzt man über das 50 cm hohe Geländer in die Tiefe.
https://flic.kr/p/2jtoZuT

Ein paar Eindrücke
https://flic.kr/p/2jtjQpN

https://flic.kr/p/2jtnEHW

https://flic.kr/p/2jtoZhU

https://flic.kr/p/2jtoZ7D

Geschrieben von: Entenfang am 5 Aug 2020, 20:05
https://flic.kr/p/2jtnEs5

Und bevor jemand fragt - da waren ganz schön viele Leute unterwegs und jedes menschenfreie Bild in diesem Reisebericht ist hart erkämpft.
https://flic.kr/p/2jtjQbb

Siesta
https://flic.kr/p/2jtnEBD

Zum Mittagessen landen wir in einem etwas überteuerten Laden, in dem wir die einzigen Gäste sind und fast eine Stunde warten müssen. Die Wartezeit im Restaurant ist völlig unkalkulierbar, mal sind es nur wenige Minuten, mal dauert es ewig.
Im OG gibt es eine Disco - natürlich komplett leer - und die Musik dröhnt so laut aus den Lautsprechern, dass das ganze Haus vibriert. Es ist uns wirklich schleierhaft, wie die Einheimischen diesen ganzen Lärm ertragen.
Der Chef des Ladens labert uns gelegentlich voll, bis wir endlich das Essen bekommen. Zumindest stellen sie wenigstens die Musik leiser, nachdem wir zweimal darum gebeten haben.
Kreditkartenzahlung würde 8% weniger kosten, weil darauf irgendwelche Steuern nicht anfallen, klärt uns der Chef auf. "Digital India!" Etwas widerwillig stimme ich zu. "Ok, card please." Er streckt die Hand aus. Ähm, nein?! Ich gehe mit ihm nach oben in die leere Disco, wo noch eine Bedienung herumsitzt und ein weiterer hinter dem Tresen, der meine Karte in ein Lesegerät steckt und eine Weile daran herumhantiert. Dann hält er mir das Gerät hin und auf dem Bildschirm steht "Enter password" - sonst nichts. Joa, und was soll das jetzt heißen? Soll ich die PIN eingeben? "Ja, die PIN", meint der Chef. Gut, aber den Betrag, welcher in Kürze von meiner Karte abgebucht wird, würde ich jetzt schon gerne wissen... Das könne man leider nicht sehen, aber wenn ich darauf bestehen würde, starten wir den Vorgang neu und sie würden den Betrag unter meinen Augen eingeben. Und ob ich drauf bestehe... Ob der Chef und der Kollege die ganze Zeit auf mich einreden, um mich abzulenken oder es einfach nur auf das allgemeine Gesprächsbedürfnis der Inder zurückzuführen ist, wird nie geklärt werden.
Ein anderes Gerät kommt zum Einsatz, ich lasse sie plappern und brumme nur etwas Undefiniertes, während der Kollege hinter dem Tresen die richtige Summe eingibt. Ich gebe die PIN ein und der Kollege wählt ganz einfach ohne Nachfrage Bezahlung in ¤ statt Rupien aus, sodass die Gebühren die 8% Rabatt vermutlich weit übersteigen. Ich zahle nie wieder in Indien mit Karte, nie, nie, nie wieder. Egal wie viel Rabatt es angeblich gibt.

Die Evolution des Verkehrs
https://flic.kr/p/2jtnEnk

Eine Garküche
https://flic.kr/p/2jtjPWy

Anschließend wollen wir zur Jama Masjid, die ich bereits bei der Ankunft gesehen habe. Das Uber bringt uns zum Rande des Basars, dann müssen wir zu Fuß weiter.
https://flic.kr/p/2jtoYP9

Ich warne Paul vor, welch heftigen Empfang mir dieser Ort gegeben hat.
Und es wird richtig, richtig voll. Wir kommen kaum noch voran in den Menschenmassen, in denen etliche Rikschas und Mofas - natürlich permanent hupend - hoffnungslos feststecken. Bald sehen wir den Grund für den völligen Stillstand: Diese Unterführung.
https://flic.kr/p/2jtoYHT

Ein Traktor und ein Auto stecken irgendwie im Chaos fest und können weder vor noch zurück. Die Breite der Unterführung wird durch eine rechts im Vordergrund sichtbare Baustelle noch weiter eingeschränkt. Die Abgase sammeln sich im Tunnel und das Atmen fällt schwer. Über den unerträglich widerhallenden Lärm unzähliger Hupen versucht ein Mann, die Fußgänger vom Passieren der Baustelle abzuhalten, die aus einem gefluteten Loch unbekannter Tiefe und einigen Erdhügeln außenrum besteht. Es ist absolut grauenvoll. Aber umdrehen macht jetzt auch keinen Spaß mehr und so kämpfen wir uns Meter für Meter voran.
Irgendwie schaffen wir es durch die Unterführung und können gerade noch den uns entgegengetriebenen Kühen ausweichen. 100 m weiter ist die Straße schon wieder blockiert. Eine hoffnungslos überladene Rikscha steckt im Gewusel fest. Wir quetschen uns irgendwie durch den Krempel eines Ladens und gelangen endlich in die Nähe der Moschee - nach fast 15 Minuten für weniger als 200 m.
https://flic.kr/p/2jtnE4j

https://flic.kr/p/2jtoYAP

Jedes kleine Fleckchen muss genutzt werden
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Geschrieben von: Entenfang am 5 Aug 2020, 20:05
Am Eingang zur Moschee hockt ein alter und fast zahnloser Mann und bedeutet uns, die Schuhe hierzulassen. Das ist mir nicht geheuer, denn am Ende will er bestimmt Geld. Angeblich dürfen wir die Schuhe aber nicht in den Händen mittragen. Also stopfen wir sie kurzerhand in den Rucksack, was von anderen Passanten sehr zum Missfallen des alten Manns als akzeptabel angesehen wird. Zahlreiche Einheimische tragen ihre Schuhe ohnehin in der Hand mit.

Endlich kein Gewusel und nicht mehr so viel Lärm, dafür latschen wir auf Socken durch die Taubenkacke.
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Als Entschädigung gibt es Bahnhofsblick
https://flic.kr/p/2jtjPhs

Der ganz normale Alltag in der Umgebung:

Händler und ein Baugerüst aus Bambus
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Garküche
https://flic.kr/p/2jtjPeB

Eine Kreuzung mit einer nicht funktionsfähigen Ampel
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Eine der unzähligen Kühe
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Um nicht wieder durch die Unterführung zu müssen, nehmen wir den Weg durch den Bahnhof. Plötzlich stößt Paul einen spitzen Schrei aus. Die Plastiktüte mit den Mandarinen hat einen langen Riss, doch der Affe ist leer ausgegangen. Er fletscht mit den Zähnen, als ein Einheimischer ihm mit einem großen Stock droht. Wir packen unseren Proviant schleunigst in den Rucksack, während sich einige Einheimische über unseren Schreck lustig machen.

Hier gibt es am Bahnhof keinerlei Gepäckkontrolle wie in Delhi oder Jaipur.
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In einem Nebenraum sitzt der Manager on Duty an einem Schreibtisch mit indischen Flaggen, hinter ihm an der Wand hängt ein Gleisplan.

Wartezeit
https://flic.kr/p/2jtnD2u

Mit Uber fahren wir im Schritttempo Meter für Meter unter endlosem und völlig sinnlosen Gehupe auf die andere Uferseite zum Taj-Mahal-Ausblick.
https://flic.kr/p/2jtoXzF

Eigentlich ist auch hier kein Proviant erlaubt, doch die zuvor gekauften Schokoriegel und Mandarinen dürfen dann doch mit rein. Endlich Ruhe und Vogelgezwitscher statt dem ständigen Gehupe. Indiens Großstädte können so anstrengend sein...
https://flic.kr/p/2jtoXuL
Hier kann man es aushalten...

Geschrieben von: Entenfang am 5 Aug 2020, 20:06
https://flic.kr/p/2jtnCGM
Pfeif! Pfeeeeeeeeif! Allzu lange sitzen wir nach Sonnenuntergang nicht auf der Mauer, ehe ein Wachmann kommt und alle langsam zum Ausgang treibt. "One picture ok. Two picture ok. Pfeeeif!" Oh Mann, kann man in diesem Land einmal seine Ruhe haben?!
"Closing time!" Pfeif! Pfeif! "10 minutes overtime", erklärt er uns und pfeift noch ein wenig herum - was auch immer das heißen soll. Dass er so großzügig war und uns länger sitzengelassen hat? Dass er ein Trinkgeld will, um noch 10 minutes extra overtime zu gewähren? Wir wissen es nicht und bewegen uns wie alle anderen Einheimischen und Touristen in Zeitlupe zum Ausgang.

Gerüchteweise wollte der Erbauer des Taj Mahal auf dieser Uferseite noch ein zweites Gebäude im selben Stil haben, welches sein Grab werden und aus schwarzem Marmor sein sollte und die perfekte Symmetrie schaffen würde.

Mit Uber fahren wir zurück zum Hostel und ziehen später zum Abendessen los. Es gibt Tomatencurry, Malai Kofta (Gemüsebällchen mit Paneer-Käse in einer Soße) und Naan (frittiertes Brot).
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Eine Kuh sucht ebenfalls ihr Abendessen zusammen.
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Anschließend bereiten wir uns auf eine ganz besondere Besichtigung vor - nachts im Taj Mahal. Das geht nur zu Vollmond sowie zwei Nächte davor und danach und man muss die Eintrittskarten an einem speziellen Büro in 2 km Entfernung am Vortag beschaffen, was wir zum Glück gestern getan haben.
Der Treffpunkt ist nicht etwa am Eingang, sondern in einem speziellen Gebäude, das entsetzlich viele Eingänge hat. Zum Glück stehen überall Wächter herum und wir fragen uns durch. Eine Wächterin sitzt hinter einem Tisch, entlang der Wand gibt es Sitzbänke wie beim KVR. Irgendwelche Kabinen sind gerade in Bau, auf den Aluplatten steht: "Bitte alle in Pfeilrichtung einbauen." Selbstverständlich deuten die Pfeile jeder Platte in eine andere Richtung. Und die sich langsam ablösende Schutzfolie ist mit dem Schriftzug "Bitte spätestens 45 Tage nach Einbau abziehen" versehen, woran sich offenbar aber auch niemand stört. Nachdem wir mit etwa 10 weiteren Indern wie Europäern eine Viertelstunde gewartet haben, ruft die Wächterin alle Wartenden einzeln auf. Die Eintrittskarten werden abgestempelt und die Frauen zu Seite geführt und abgetastet, die Männer aber nicht. Anschließend müssen alle in den nächsten Raum, handschriftlich Name, Hotel und Passnummer in einem Buch eintragen und erhalten daraufhin einen Schlüssel für ein Schließfach. Dort müssen alle Mitbringsel eingeschlossen werden. Nur eine Kamera ist erlaubt.
Schließlich werden nochmal die Eintrittskarten kontrolliert und auch die Männer abgetastet. "Passport, please." Uff, den habe ich doch gerade im Rucksack im Schließfach eingeschlossen. Also nochmal zurück und raussuchen. "Mobile not allowed, only camera." Also noch ein zweites Mal zurück. Jeder erhält einen Zettel mit Schnur, der an der Kamera befestigt werden muss. Dann werden wir nochmal abgetastet. So eine Bürokratie...

Endlich dürfen wir zum Elektro-Golfkart, mit dem die Gruppe unter den wachsamen Augen zahlreicher Aufpasser zum Eingang gefahren wird. Dort werden nochmal die Eintrittskarten kontrolliert, nochmal alle abgetastet - ich sogar unter der Mütze, die ich im inzwischen frischen Abend aufgesetzt habe.
Dann werden nochmal die Eintrittskarten kontrolliert, ehe wir von mit Maschinengewehren bewaffneten Soldaten auf das Gelände eskortiert werden.
Man darf nicht herumlaufen, doch der Blick über den Park hat etwas Magisches. Die rund 15 Teilnehmer unterhalten sich überwiegend im Flüsterton. Nur ein heller Blitz aus der Kamera durchzuckt gelegentlich die Nacht.
https://flic.kr/p/2jtnCuc

Kaum 20 Minuten später werden wir schon wieder hinausgeworfen - zu schade. Doch die nächste Gruppe wartet bestimmt schon sehnlichst auf den Anblick. Die rund 9 ¤ Eintritt und die umständliche Sicherheitskontrolle sind der kurze Anblick aber trotzdem auf jeden Fall wert gewesen!

Geschrieben von: Entenfang am 6 Aug 2020, 13:15
Tag 7 Agra -> Allahabad

*Schnief schnief* Noch keine Woche vorbei und schon wieder erkältet. Ich hatte es schon befürchtet, ist doch in den Gebäuden noch die Kälte des Winters spürbar.

Nach dem Frühstück wollen wir nach Fatehpur Sikri fahren, rund 35 km westlich von Agra. Der Rikschafahrer will zuerst 12,50 ¤ + 2,50 ¤ fürs Parken, wir handeln auf 12,50 ¤ ohne angebliche Parkgebühren herunter. Dann geht es auch schon los, zuerst durch dichten Stadtverkehr, dann mit Vollgas über eine Landstraße.
https://flic.kr/p/2jtz7WA

Da der Tacho nicht funktioniert, lässt sich die Geschwindigkeit nicht zweifelsfrei bestimmen, doch wenn man relativ neue Rikschas nicht mit 8 Fahrgästen überlädt, können die ganz schön schnell fahren. Ich vermute, dass wir 50 bis 60 km/h fahren, die einen frischen Fahrtwind verursachen.
https://flic.kr/p/2jtz7US

Schließlich staut es sich - ein BÜ.
https://flic.kr/p/2jtwiDk

Wie gut erkennbar ist, stauen sich die Fahrzeuge auf der gesamten Fahrbahnbreite, was das Wiederanrollen nach dem Öffnen der Schranken umso zäher macht.

https://flic.kr/p/2jtz7Hz
Überall sind Maßnahmen zu Beseitigung von BÜ zu sehen, die entweder durch Brücken oder Unterführungen ersetzt werden.

Dann stecken wir nochmal an einer Kreuzung fest. Der Fahrer erklärt uns, dass er "zufällig" einen guten Guide kennen würde und ruft ihn trotz unseres Protests sofort an.
https://flic.kr/p/2jtz7DX

Auf einer besser ausgebauten Straße geht es dann zügig weiter.
https://flic.kr/p/2jtwiqK

https://flic.kr/p/2jtwioq

Nach anderthalb Stunden Fahrt mit kühlem Fahrtwind ist uns nicht mehr warm. Auch wenn die Fahrt mit einem offenem Vehikel Spaß macht, könnten die Bremsen besser funktionieren...
Die Rikscha wird irgendwo abseits des offiziellen Parkplatzes abgestellt und da stürmt auch schon der aufdringliche Guide herbei. Nein, wir wollen nicht. "Only 6 ¤!" Nein. "5 ¤!" Neinneinnein. "Hello, come and have a look in my shop. Only look, don't buy!" Warum versteht denn keiner, dass wir einfach mal unsere Ruhe haben wollen?

Mit diesen Shuttlebussen wird man zum Eingang gefahren.
https://flic.kr/p/2jtAsvj

Wir lehnen noch zahlreiche andere Guides ab, ehe wir endlich die ehemalige Hauptstadt des Mogulreichs im 16. Jahrhundert betreten können.
https://flic.kr/p/2jtAsq9

Es herrschen angenehme 25° und ich genieße die Ruhe sehr, denn erfreulicherweise ist diese bekannte Sehenswürdigkeit nicht so überlaufen.
https://flic.kr/p/2jtz7sp

Geschrieben von: Entenfang am 6 Aug 2020, 13:16
https://flic.kr/p/2jtAsnt
Eine geländerlose Treppe, keine Seltenheit in Indien.

Blick über die umliegenden Felder
https://flic.kr/p/2jtwi8q

Guides plappern auf Englisch, Spanisch und Deutsch vor sich hin.

Kaum verlassen wir den ersten Teil, kommen schon wieder aufdringlich freundliche junge Männer auf uns zu. "Hello, this way, please. Where are you from? I'm no guide, just student." Der Grat zwischen guten Ratschlägen und Besserwisserei ist äußerst schmal. Keine Ahnung, warum die unbedingt wollen, dass wir links gehen, obwohl der Eingang zur Moschee rechts zu sehen ist.
Kaum sind wir an der Moschee, wollen wieder irgendwelche Männer auf unsere Schuhe aufpassen. Wir nehmen sie stattdessen in die Hand, wie viele Einheimische auch. Am WC will auch jemand Geld, obwohl kein entsprechender Aushang zu sehen ist und die Einheimischen nichts bezahlen.

In der riesigen Jama Masjid, das weiße Gebäude ist das sehr hübsche Mausoleum des Salim Chishti
https://flic.kr/p/2jtz7d1

Drei Herren musizieren.
https://flic.kr/p/2jtAsdL

Sie bedeuten mir, näherzukommen und mich dazuzusetzen. Allahu akbar. Ob es mir gefallen würde? Ja, durchaus. Ich könne gerne was spenden, vielleicht so 6 ¤? Nach 2 Minuten ist ein Musikstück vorbei und ich gebe 1,20¤. "But we are 3 men...", beginnt einer zu protestieren, ein anderer meint jedoch: "Are you happy? Then we are happy, too." Danke der Nachfrage...
"Hello, I'm not a guide, I'm an artist. Come, I'll show you around." Er läuft einfach ungefragt mit, während ich das Mausoleum betrete. "Look here, very nice window!"
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"Good view!"
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"I'm artist, not guide. My familiy artists." Als die Besichtigung abgeschlossen ist, will er uns erwartungsgemäß direkt zum Laden der Familie führen. Neeeeein. Wir wollen doch einfach mal in Ruhe irgendwas anschauen, ohne sofort irgendwohin geführt zu werden.

"Hello, excuse me, I'm not a guide, I'm a holy man..."

Wir machen uns schleunigst aus dem Staub und eine steile Gasse...
https://flic.kr/p/2jtwhXF

...führt uns zu einem quirligen Basar, wo die Mofas mal wieder ununterbrochen hupen.
https://flic.kr/p/2jtz79D

Wir halten genauestens Ausschau nach dem im Reiseführer empfohlenen Restaurant, denn wenn eins gute Bewertungen erhält, gibt es bald zwei weitere mit ähnlichem oder gar identischem Namen direkt daneben.
Ausblick von der Dachterrasse
https://flic.kr/p/2jtz77V

https://flic.kr/p/2jtz72E
Wir wundern uns, warum zwei Männer mit einem Stock auf uns aufpassen. Als wir das Essen bekommen, wissen wir warum - von allen Seiten nähern sich vorsichtig Affen. Bei einer Frau, die auf einer Terrasse im Nachbarhaus gekocht hat, waren sie schon erfolgreich und haben Chapati geklaut. Doch sie wissen offenbar, dass mit dem Stock des Aufpassers nicht gut Kirschen zu essen ist und bleiben auf Abstand.

Geschrieben von: Entenfang am 6 Aug 2020, 13:16
An diesem Stand versorgen wir uns mit etwas Süßem. Das Gebäck schmeckt ähnlich wie Streusel.
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Das ganz alltägliche Straßenbild
https://flic.kr/p/2jtArTn

Bereits mehrfach sind mir solche Fahrzeuge aufgefallen.
https://flic.kr/p/2jtz6Uq
Aber wozu dienen sie? Morgen gibt's die Auflösung.

Zum 150. Geburtstag von Gandhi gibt es diverse Kampagnen für ein sauberes Indien - noch ein sehr, sehr weiter Weg...
https://flic.kr/p/2jtArNn

Leider müssen wir durch die Souvenirbudenmeile, um zurück zum Parkplatz zu gelangen und können die aufdringlichen Verkäufer nur mit der allergrößten Mühe abwehren. Nein, ich will kein Magnet. Nein, auch kein Seidentuch. Nein, auch kein Plastik-Taj-Mahal.

Bald sausen wir zurück nach Agra. Uhoh, der Hund mitten auf der Straße...
Er quert die Fahrbahn ziemlich nah vor uns. Der Rikschafahrer bremst einen Tick zu spät für meinen Geschmack und die zu schwachen Bremsen deuten auf einen Crash in 3...2...1 hin. Es geht so schnell, dass ich nicht erkennen kann, ob wir den Hund getroffen haben oder nicht, er rennt zumindest weiter. Der Fahrer hält an, stößt ein Gebet gen Himmel, ehe er weiterfährt.

Wir fahren in eine Tankstelle. Wir müssten bitte 2,50 ¤ schon jetzt bezahlen. Vermutlich hat er nicht mehr genügend Geld, um aufzutanken. Der Fahrer empfiehlt uns, das kühle Wasser aus dem Wasserhahn hier zu trinken. Oh Gott, bloß nicht...
Dann rauschen wir weiter durch das Chaos stadteinwärts. Wir bitten den Fahrer, einen kleinen Umweg zur TDI Mall zu fahren, da wir hoffen, dort etwas Brauchbares für das anstehende Frühstück im Zug zu finden. Bei planmäßiger Ankunft 8:00 Uhr und einer Durchschnittsverspätung von 121 Minuten könnte es sich sonst unerfreulich lange hinauszögern.
Das würde extra kosten, sagt er, 1,20 ¤. Für den minimalen Umweg? Wir einigen uns auf 20 Cent.

Lost place trifft es eher als Mall.
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https://flic.kr/p/2jtz6JW

https://flic.kr/p/2jtArAi

Sicherheitskontrolle am Eingang eines fast komplett leerstehenden Gebäudes
https://flic.kr/p/2jtwhyV

Außer McDonalds gibt es hier nicht viel.
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Nebendran steht noch ein großes, nie fertiggestelltes Gebäude. Der Markt für Shopping Malls ist in Indien äußerst klein.

Wir haben bereits am Morgen angemeldet, dass wir gerne Abendessen auf der Dachterrasse des Hostels hätten und unser Zug um 21:00 Uhr abfährt.

18:30 Uhr: "I think, your dinner is ready."
Wir setzen uns hin.
19:10 Uhr: Wir bekommen das Essen.
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Es gibt wieder Dal und Paneer. Neu ist für mich die braune Kugel. Es handelt sich um das indische Dessert Gulab Jamun, welches ganz entfernt an Marzipan in einer süßen Soße erinnert. Zu Chapati gesellt sich auch das darüberliegende, etwas hellere Papadam, welches sehr dünn und knusprig wie Chips ist.

Geschrieben von: Entenfang am 6 Aug 2020, 13:17
Ausblick von der Dachterrasse
Richtung 1: Viehhof
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Richtung 2: Der sich noch in Bau befindliche, höchste Teil der Dachterrasse "We'll make this place awesome, but it's still gonna take a while"
https://flic.kr/p/2jtz6rm

Richtung 3: Hotel Oberoi, in dem zwei Übernachtungen so viel kosten wie meine gesamte Reise über 6 Wochen, im Hintergrund lugt das Taj Mahal hervor
https://flic.kr/p/2jtwhdu

Richtung 4: Häusermeer
https://flic.kr/p/2jtz6jc

Wir nehmen ein Uber zum Bahnhof Agra Cantt. "You have confirmed ticket?", erkundigt sich der Fahrer.
Unseren Zug suche ich vergeblich auf der Abfahrtstafel und auch in der App wird der Abfahrtsbahnsteig nicht angezeigt. Ich frage am Enquiry-Fenster nach, nachdem sich mal wieder jemand vorgedrängelt hat. Gleis 1.
Auf dem Gepäckscanner klebt ein Zettel mit einem Hinweis auf Hindi - ohne ein Wort zu verstehen, vermute ich mal, dass das defekt heißt. So viel Staub, wie sich inzwischen auf dem Band angesammelt hat, ist das Gerät wohl nicht erst seit gestern defekt.
https://flic.kr/p/2jtz6co

Überpünktlich fährt unser Zug ein. Er besteht ausschließlich aus 3rd AC-Wagen und unreservierten 2nd Class-Wagen.
https://flic.kr/p/2jtAr2s
Vermutlich um Analphabeten die Orientierung zu erleichtern, wird der Zuglauf auch bildlich dargestellt.

Waschbecken im Eingangsbereich
https://flic.kr/p/2jtAqUP

Zunächst ist es furchtbar stickig im Wagen und die Klimaanlage offenbar außer Betrieb, dafür brummen die Ventilatoren vor sich hin. Hier der leere Wagen am nächsten Morgen.
https://flic.kr/p/2jtz647
Quer zur Fahrtrichtung sind sechs Liegen angebracht, längs zur Fahrtrichtung zwei. Letztere habe ich für uns gebucht, um nicht inmitten von gesprächsfreudigen Indern zu landen. Es gibt keinerlei räumliche Trennung wie z.B. Vorhänge, ist also vergleichbar mit dem russischen Platzkartny-Wagen. Hier sind die mittleren Liegen bereits nach unten geklappt, um in Tagstellung aufrecht sitzen zu können. Auch die untere Liege an der Seite kann zu zwei Sitzen umgebaut werden.

Als die Klimaanlage schließlich funktioniert, zieht es furchtbar auf den oberen Liegen. Klimaanlagen so zu bauen, dass sie die Fahrgäste nicht mit einem Schwall kalter Luft anblasen, scheint wohl ein Buch mit sieben Siegeln für die Hersteller zu sein, egal ob im indischen Wagen oder im LINT. Als nach und nach die Lichter gelöscht werden, kriecht eine Kakerlake aus einem Spalt. Beim dritten Versuch kann ich sie erlegen. Nach fünf weiteren Jagdtrophäen höre ich auf, so genau hinzuschauen.

Der Vollmond steigt langsam in den Himmel. Frischluftpause am Zwischenhalt
https://flic.kr/p/2jtAr3Q

Irgendwann zu später Stunde steigen nochmal Fahrgäste zu, schalten das Licht ein und verursachen einen riesigen Krach. Trotz triefender Nase dämmere ich schließlich weg.

Geschrieben von: Entenfang am 7 Aug 2020, 12:33
Tag 8 Allahabad

Auflösung von gestern: Das gestern gezeigte Fahrzeug ist ein Anhänger, der von einem Zugfahrzeug vor einer Hochzeitsprozession durch die Straßen gezogen wird. Aus den Trompeten dröhnt Musik in einer derartigen Höllenlautstärke, dass auch der letzte Teilnehmer einer 500 Personen großen Hochzeitsgesellschaft sie über den Straßenlärm hören kann.


Gegen 7 Uhr weckt mich der Singsang eines Zeitungsverkäufers, der während eines Zwischenhalts zugestiegen ist. Dann schlafe ich nochmal ein.
Inzwischen müssen wir ordentlich Verspätung haben, denn es ist schon eine Stunde nach der planmäßigen Ankunftszeit und wir halten und fahren mehrmals wieder an. Es fühlt sich an, als würden wir hinter einem langsameren Zug fahren. Also bleibe ich erstmal liegen.

Schließlich bringe ich die Liege in Tagstellung und werfe einen Blick aus der offenstehenden Tür. Endlose Senffelder ziehen vorbei.
https://flic.kr/p/2jtPqAx

Immer wieder halten wir an oder rollen mit Schrittgeschwindigkeit und überholen schließlich einen Güterzug.
Auf Google Maps sieht es so aus, als wären wir fast am Ziel. Aber nur fast. Wir überqueren den Ganges
https://flic.kr/p/2jtSefU

Hier, an der Mündung des Yamuna in den Ganges, findet alle 12 Jahre das Kumbh Mela-Fest statt, mit etwa 30 Millionen Besuchern (!) vermutlich die größte Menschenansammlung der Welt. Wenn Jupiter, Sonne und Mond in einer bestimmten Konstellation zueinanderstehen, kann man sich durch ein Bad im Ganges besonders gut von seinen Sünden reinigen. Ein Eindruck gibt es hier:
https://www.ndtv.com/allahabad-news/basant-panchami-2019-kumbh-shahi-snan-allahabad-2-crore-expected-to-take-holy-dip-on-sunday-1991015

In Schrittgeschwindigkeit geht es weiter und es bleibt viel Zeit, die Armut entlang der Strecke zu sehen.
https://flic.kr/p/2jtSebL

https://flic.kr/p/2jtSe6a

Als ich schon denke, nach fast einer Stunde für die letzten 7 km sind wir jetzt endlich am Ziel, halten wir am Esig an. Teeverkäufer schleppen Blechkannen durch den Zug und preisen ihr Getränk an. Ein älterer Mann läuft den Bahndamm entlang und versucht, Bananen durch die offenen Fenster zu verkaufen. Irgendein Fahrgast kommentiert irgendwas mit "Superfast Express". Na klar, wir sind Superfast Stehexpress...

Eine Viertelstunde später geht ein Ruck durch den Zug und wir können endlich an den Bahnsteig fahren. Mit +129 liegen wir nahezu perfekt in der Durchschnittsverspätung dieses Zuges. Schließlich drängeln sich alle an uns vorbei und zwei telefonierende Männer suchen irgendwas in den leeren Abteilen.

Ein Blick in die Sleeper Class - die (bei Indern) vermutlich beliebteste Reiseklasse (zumindest mache ich das am Anteil dieser Wagen in der Zugbildung fest) unterscheidet sich von der Raumaufteilung nicht von 3rd AC, hat aber keine Klimaanlage. Es wird empfohlen, gut auf das Gepäck zu achten oder es ggf. mit einem Schloss an der Liege zu befestigen.
https://flic.kr/p/2jtPC7i

Reger Betrieb auf dem Bahnhof
https://flic.kr/p/2jtPCbg

https://flic.kr/p/2jtSqRK

Fast alle Ansagen beginnen mit einem oder mehreren Windows-Fehlermeldungstönen, ehe der etwas nervige Gong und die Ansage beginnt.
https://www.dropbox.com/s/0horrklnyva5iw4/Indian%20Railways%20Allahabad_b.mp3?dl=0
Während wir die Fußgängerbrücke überqueren, spricht uns ein Mann an. Woher wir denn kommen würden? Germany. "Oh, Germany! Country of Hitler, good man! He was a very good man!"

https://flic.kr/p/2jtSqJF
Gute Empfehlung - ich habe nie Fahrgäste auf dem Zugdach gesehen. Aufgrund der Reisegeschwindigkeiten und der fortschreitenden Elektrifizierung wäre das wohl ein ziemliches Selbstmordkommando.

Ein historisches Fahrzeug gehört auf dem Bahnhofsvorplatz quasi zum Standard.
https://flic.kr/p/2jtPBW8

Mosaik im Bahnhofsgebäude
https://flic.kr/p/2jtPBTN

Geschrieben von: Entenfang am 7 Aug 2020, 12:34
Ausstellung zum in den letzten Jahren in fast allen Wagen nachgerüsteten, geschlossenen WC-System.
https://flic.kr/p/2jtTPox

Hier eine kurze Erklärung zum Funktionsprinzip:
https://economictimes.indiatimes.com/industry/transportation/railways/no-more-stinking-bio-toilets-railways-implements-award-winning-new-system/articleshow/65303123.cms?from=mdr
Aus eigener Erfahrung kann ich jedoch nicht bestätigen, dass die Frischluftzufuhr ausreichend ist...

Wir haben ein Hotel direkt am Bahnhof und ich hatte extra um ein Zimmer zur Bahnhofsseite gebeten. Dabei habe ich die Rechnung ohne die Inder gemacht - Fenster werden überbewertet, schließlich lassen sie ja nur die Hitze rein und man müsste sie regelmäßig putzen.
https://flic.kr/p/2jtPC2Z

Das Fenster geht zwar zur Bahnhofsseite, ist aber derart stark getönt, dass im Zimmer bei hellstem Sonnenschein schwaches Dämmerlicht herrscht. Mit über 40 ¤ für das Doppelzimmer ist es mit Abstand unsere teuerste Unterkunft. Aber mangels ausländischer Touristen in Allahabad ist die Auswahl an (brauchbaren) Hotels für Ausländer sehr begrenzt. Ist man abseits der üblichen Touristenrouten unterwegs, kann es schnell zum Problem werden, dass Unterkünfte in Indien eine besondere Berechtigung brauchen, um Ausländer aufnehmen zu dürfen.
Für den Preis gibt es ja auch richtig guten Service. Nachdem wir eine Stunde in der Lobby gewartet haben, bis unser Zimmer bereit ist, werden wir von einem Kofferträger zu unserem Zimmer geführt. Ausführlich erläutert er, wie man den Wasserkocher und den Fernseher bedi... Kreisch! Plärrr! Kabbbbuuuuum! Um Gottes Willen, schalt das Ding bloß wieder aus!
Aber eine zweite Decke hätten wir ganz gern, denn im Zimmer ist es etwas kühl.
Er kommt nach drei Minuten wieder und legt sie aufs Bett. Danke, aber könnte ich vielleicht auch einen Deckenüberzug haben?!

Wir beschließen, ein westliches Mittagessen einzunehmen und suchen Domino's Pizza im Bahnhof auf. Westliche Ketten wie Pizza Hut, KFC oder McDonalds gibt es in fast jedem größeren Bahnhof.
Interessant finde ich, dass am Haupteingang das Gepäck gescannt wird, man den Bahnhof aber auch von der anderen Gleisseite über die Fußgängerbrücke betreten kann und das Gepäck auf diesem Weg nicht gescannt wird. Es gibt außerdem zwei Eingänge zum Bahnhofsgebäude und - oh Wunder - am zweiten Eingang wird das Gepäck auch nicht gescannt. Willkommen in Indien!

In Bahnhofsnähe gibt es einen Park. Wir nehmen die verpackte Pizza und hoffen, dass wir dort nicht abgewiesen werden. Wo soll man in diesem stinkigen Chaos sonst sein Mittagessen einnehmen?
https://flic.kr/p/2jtTNMx

Auf dem kurzen Fußweg werden wir permanent angestarrt. Es ist offensichtlich, dass wir jetzt einen Ort erreicht haben, in dem man den Anblick von Ausländern nicht gewohnt ist.

Glücklicherweise hält uns niemand auf, als wir die Pizzakartons in den Park tragen und uns mangels Bänken auf irgendeinem Betonschacht niederlassen, aus dem irgendwelche Kabel herausstehen.
https://flic.kr/p/2jtPBMa

Man beachte die extra Päckchen Oregano und - natürlich - Chili. Ich habe nur Oregano drauf und die Finger schön vom Chili gelassen. Es war die richtige Entscheidung, denn selbstverständlich ist eine Pizza Margherita auf den indischen Geschmack angepasst, d.h. sie ist schon mit Chili gewürzt.

Muslime sind hier deutlich präsenter und man sieht zahlreiche verschleierte Frauen. Ein Pärchen knutscht am Wegesrand, ein anderes läuft den Weg entlang. Plötzlich reißt die Frau dem neben ihr gehenden Mann das Handy aus der Hand und pfeffert es auf den Steinboden. Ein paar Teile fliegen in alle Richtungen, während sie erhobenen Hauptes und zügigen Schrittes vorauseilt und der Mann, leicht peinlich berührt, die Teile einsammelt und den Akku wieder einsetzt.

Ein stark hinkender Hund hat unsere Pizza gerochen und versucht, ein paar heruntergefallene Krümel aufzulecken. Es ist deutlich erkennbar, dass die Armut hier wesentlich größer ist als in den bisher besuchten Orten. Auf den Straßen sind viel weniger Autos unterwegs, dafür mehr Fahrräder und Fahrradrikschas, beide inzwischen in Jaipur und Agra ein relativ seltener Anblick. Außerdem haben hier viele Rikschas einen Elektromotor. Der menschliche Umgang ist rauer und das Verhalten "unzivilisierter". Überall pinkeln und kacken die Menschen ungeniert an den Straßenrand - den Gestank kann man sich vorstellen.
Dass wir hier etwas Besonderes sind, merkt man nicht nur daran, dass wir ständig angestarrt werden, sondern auch daran, dass wir auf Schritt und Tritt um Selfies gebeten werden.
https://flic.kr/p/2jtTPhR

Auch die Englischkenntnisse werden schlechter - ich nehme mal an, dass hier Cloak Room gemeint ist.
https://flic.kr/p/2jtSpTh

Im Park gibt es diese hübschen Grabdenkmäler
https://flic.kr/p/2jtPBEX

Improvisation gehört in Indien dazu - ich glaube, in Indien gibt es nichts, das nicht irgendwie hingepfuscht oder -improvisiert ist.
https://flic.kr/p/2jtPBub

Mülltrennung in Indien - wet garbage scheint Biomüll ähnlich zu sein
https://flic.kr/p/2jtTNVP

Ich entscheide mich dagegen, noch den Zusammenfluss von Yamuna und Ganges aufzusuchen und bleibe einfach in der angenehmen Wärme des Nachmittags sitzen.
https://flic.kr/p/2jtPBiK

Ein kleines Mädchen bettelt um Essen und erhält von einem fetten Mann einen Hieb auf den Kopf, als es ihm nachläuft.

Geschrieben von: Entenfang am 7 Aug 2020, 12:34
Rückweg durch den Bahnhof
https://flic.kr/p/2jtSpZ4

https://flic.kr/p/2jtPBbq

Ich nehme eine Fahrradrikscha zum Big Bazaar.
https://flic.kr/p/2jtPB96

Nein, das ist nur der Vorplatz. Hinter Big Bazaar verbirgt sich tatsächlich kein Basar, sondern ein Supermarkt, der unserer Vorstellung am ähnlichsten kommt. Mit Rucksack darf man allerdings nicht rein, vermutlich, damit man nichts klauen kann. Sämtliche Gepäckstücke müssen in der Garderobe am Eingang deponiert werden. Da man ausdrücklich keine Wertsachen drinlassen soll, hänge ich mir die Kamera notgedrungen um den Hals. Muss furchtbar bescheuert aussehen und stört auch irgendwie beim Einkaufen, aber welche Wahl habe ich?
Schließlich finde ich das am dringendsten benötigte Produkt - Papiertaschentücher für meine triefende Nase, ein in Indien ähnlich schwer erhältliches Produkt wie Klopapier. Drei stehen vor mir an der Kasse. Was in Deutschland vielleicht fünf Minuten dauern würde, dauert hier ewig. Erst werden die ganzen Artikel in gemächlichem Tempo gescannt, dann dauert das Zahlen mit Karte ewig und drei Bons werden ausgedruckt, alle Artikel nochmal überprüft, um dann den Zettel dem Wachmann am Ausgang hinzuhalten, welcher die Artikel ein drittes Mal überprüft. Eine halbe Stunde später kann ich endlich den Rückweg antreten. Wie auch auf der Hinfahrt will der Rikschafahrer erst 1,20 ¤ und ich handle den Preis auf die Hälfte herunter. 100 Rupien scheint der Kann-man-ja-mal-versuchen-Preis bei Ausländern für Kurzstrecken zu sein.

Da ich keine Motivation habe, das Hotel nochmal zu verlassen, entscheiden wir uns für das Abendessen im Hotel. Es gibt Buffet - keine gute Wahl, wie sich bald herausstellt. Denn das ist auf den indischen Geschmack ausgelegt und nicht medium spicy. Ich kriege es nach einer Weile selbst mit viel Wasser und Reis nicht mehr herunter, es sollte das einzige Mal auf der Reise bleiben und ist vielleicht auch dem sich anbahnenden Halsweh geschuldet.
Die zahlreichen einheimischen Gäste - übrigens ausschließlich Männer - rülpsen laut, schaufeln sich das Essen im Stehen direkt am Buffet rein und einer stellt einfach seinen benutzten Teller auf unserem Tisch ab, als er das Restaurant verlässt.

Wir beschweren uns an der Rezeption - am späten Abend besetzt von denselben zwei Personen wie am Morgen bei unserer Ankunft - dass die Klimaanlage nicht funktioniert, um unser Zimmer etwas aufzuheizen. Sie schaltet sich nach paar Sekunden immer wieder aus.
Ich bin mir ziemlich sicher, dass uns der Rezeptionist direkt ins Gesicht lügt, als er behauptet, das Problem wäre bekannt, ein Techniker würde sich bereits darum kümmern und in wenigen Stunden müsste es eigentlich wieder funktionieren.

Geschrieben von: Oliver-BergamLaim am 7 Aug 2020, 15:33
Ganz großes Kino! smile.gif Finde ich Wahnsinn, so eine Reise zu planen und durchzuziehen. Vor allem den Teil, wo Ihr wirklich durch absolut untouristische Gegenden streift. Wie war denn eigentlich Euer Sicherheitsgefühl während der Reise? Mal abgesehen von hungrigen Affen, den üblichen Guides (die Du ja schon aus Marokko kennst) und dem angestarrt werden - wahrscheinlich ist das mit Abstand gefährlichste der Straßenverkehr, oder?

Und vielleicht willst Du Dir die Antwort eher bis zum Ende des Reiseberichts aufsparen, aber: würdest Du wieder hin? Oder reicht es dann nach 6 Wochen Chaos auch, und man ist froh, wieder im ruhig-geordneten Europa zu sein?

Geschrieben von: Entenfang am 8 Aug 2020, 13:05
QUOTE (Oliver-BergamLaim @ 7 Aug 2020, 15:33)
Finde ich Wahnsinn, so eine Reise zu planen und durchzuziehen.

Wars auch. biggrin.gif

Im Ernst - die Planungen waren außerordentlich schwierig. Obwohl ich zeitlich quasi völlig flexibel war, gab es zahlreiche planerische Hürden. Der erste Haken war, dass ich so früh wie möglich im Jahr losfahren wollte, weil es im März schon wesentlich heißer und im April mit verbreitet Temperaturen an der 40°-Marke (für mich) absolut unerträglich wird. Die nächste Schwierigkeit war, die Interessen eines Eisenbahnfans mit denen eines Luftverkehrsfans unter einen Hut zu bekommen. Da ich davon ausgegangen war, nach Kalkutta wieder zurück nach Jaipur zu fahren, wollte ich eigentlich lieber Jaipur - Varanasi - Kalkutta - Agra - Jaipur fahren. Dadurch wären alle Etappen ähnlich lang geworden, während mit der "Perlenschnur" der geografischen Abarbeitung die Etappe Kalkutta - Jaipur mit über 36h Bahnfahrzeit abartig lang geworden wäre. Doch das konnte ich nicht durchsetzen, weil zwischen Jaipur und Agra irgendein besonderes Flugzeug fliegt (Freakproblematik halt biggrin.gif) und Paul 20h Bahnfahrt von Kalkutta nach Agra zu lange empfand, während ich wiederum Inlandsflüge unter allen Umständen vermeiden wollte. Allahabad kam dann noch auf seinen Wunsch dazu und so sind wir bei der tatsächlich umgesetzten Variante gelandet. Mich hätte auch Chandigarh interessiert, wo er Auslandssemester gemacht hat, nur wollte er verständlicherweise die 3 freien Wochen nutzen, um weitere Ecken Indiens zu erkunden. Von Chandigarh ist es auch nur noch ein Katzensprung bis Kalka, wo die Schmalspurbahn nach Shimla im Himalaya startet. Das war noch eine weitere Idee, die ich anfangs hatte, aber später rausgeflogen ist.
Als wir uns dann auf eine Route geeinigt hatten, habe ich zwei ganze Tage mit der Fahrplanauskunft herumgespielt. Welche Züge fahren wo, welche sind noch nicht ausgebucht, wo fahren besonders interessante Zugleistungen, welche Züge haben keine derben Durchschnittsverspätungen von mehreren Stunden? Dabei gilt bei mir immer das Ausschlusskriterium von Nachtfahrten im Sitzwagen sowie Abfahrt/Ankunft/Umstieg mitten in der Nacht, was sich in Indien durchaus auch als Problem herausgestellt hat.

Diese "heiße" Phase der Reiseplanung ist zwar immer anstrengend, aber irgendwie hat es für mich auch seinen besonderen Reiz. Ganz klar, Reisen, wie ich sie mache, bietet kein Reisebüro an, aber es würde was fehlen, wenn ich nicht selbst planen würde. wink.gif

QUOTE
Vor allem den Teil, wo Ihr wirklich durch absolut untouristische Gegenden streift.

Und da ist tatsächlich das Gegenteil der Erwartung der Fall. Je untouristischer, desto besser. Denn je touristischer eine Gegend, desto schlimmer die Belästigung, Abzockversuche etc. Damit meine ich jetzt weniger Rikschas, denn die zocken selbst Einheimische ab, wie mir meine Bekannte immer wieder erzählt hat. Das ist mit ein Grund, warum Uber in Indien so wahnsinnig beliebt ist.
Dieselbe Erfahrung habe ich übrigens auch in Marokko gemacht. Marrakesch war eine absolute Katastrophe, während Casablanca ganz ok war.

QUOTE
Wie war denn eigentlich Euer Sicherheitsgefühl während der Reise?  Mal abgesehen von hungrigen Affen, den üblichen Guides (die Du ja schon aus Marokko kennst) und dem angestarrt werden - wahrscheinlich ist das mit Abstand gefährlichste der Straßenverkehr, oder?

Ein Sicherungstechniker würde jetzt vielleicht nachhaken, ob du mit Sicherheit Safety oder Security meinst. wink.gif Frei übertragen auf die Reise würde ich Gefahren im Straßenverkehr und durch offene Kanalschächte unter die Kategorie Safety, die Gefahr von Übergriffen unter Security verbuchen. Dabei würde ich klar sagen, Safety ist eine Katastrophe, Security kaum ein Problem. Es gab nur eine einzige Situation, in der ich mich wirklich unwohl gefühlt habe, dazu kommt dann zu gegebener Zeit noch was und einen (kleinen) körperlichen Übergriff gab es auch, aber den hätte ich eigentlich vorhersehen und vermeiden können, auch dazu kommt noch was.

Guides und Händler sind ja eigentlich nur nervig, aber kein Problem der Sicherheit. Angestarrt werden ist vielleicht unangenehm, aber auch nicht gefährlich. Ein Unterschied zu Marokko ist mir doch recht deutlich geworden (und Paul, der auch schon in Marokko war, hat das ähnlich gesehen): Die Inder sind einfach schamlos dreist-frech und lügen dir freundlich lächelnd ins Gesicht, um Geld zu verdienen. Die Marokkaner sind dagegen deutlich körperlich aggressiver und sehr beleidigend, was ich als wesentlich "gefährlicher" und unangenehmer empfunden habe. Aber vielleicht ist das einfach eine Typsache, und so habe ich dann in Indien irgendwann auch einfach freundlich-lächelnd gelogen, um zum Ziel zu kommen, während ich in Marokko ganz sicher keine Schlägerei angezettelt hätte. wink.gif Dass der Straßenverkehr die größte Gefahr in Indien darstellt, würde ich sofort unterschreiben.

QUOTE
Und vielleicht willst Du Dir die Antwort eher bis zum Ende des Reiseberichts aufsparen, aber: würdest Du wieder hin?

Kurze Frage, kurze Antwort: JA!!! biggrin.gif
Bei allem Chaos gibt es auf der Reise auch sehr viele schöne Momente und als so knapp 5 Wochen vergangen waren und ich noch ein paar Tipps bekommen hatte, welche interessanten Eisenbahnstrecken ich alle nicht gesehen habe, war für mich klar, dass es einen 3. Besuch in Indien geben muss. Und ich habe ja immer noch nicht den Süden gesehen, der kulturell und kulinarisch durchaus anders als der Norden ist (z.B. wird dort Rindfleisch gegessen) und Indien hat auch herrliche Natur zu bieten und das ist dann auch nicht so anstrengend wie die Metropolen. Das Land fasziniert mich einfach - die Kultur, das Essen, die Eisenbahn und alles ist so anders als bei uns. Gelegentlich muss mal ein großes Abenteuer her. tongue.gif

QUOTE
Oder reicht es dann nach 6 Wochen Chaos auch, und man ist froh, wieder im ruhig-geordneten Europa zu sein?

Ich würde es anders formulieren - 6 Wochen waren deutlich zu lang. Gar ein Auslandssemester dort zu verbringen, wäre absolut nichts für mich. Ich denke, 4 bis 5 Wochen wären das Optimum gewesen und ein guter Kompromiss aus langer Anreise, großem Land und was man noch ertragen kann. Um hier keine Illusion zu erzeugen - die Reise war unfassbar anstrengend. Ich habe 2 Wochen eine verschleppte Erkältung gehabt, anschließend Durchfall, am schlimmsten aber war die psychische Belastung. Die ganzen Anekdoten lesen sich jetzt vielleicht hinterher (auch für mich) ganz lustig, aber wenn du selbst drinstehst, von allen Seiten angehupt wirst, die Affen auf dem Baum rumspringen und dich der 27. Typ anquatscht und du einschätzen musst, ob er dir wirklich nur helfen will oder doch eher ins Geschäft seines Cousins führen will, dann bist du einfach nur ständig maximal angespannt. Ich war jeden Abend nicht nur körperlich müde von der Hitze und vom Rumlaufen, sondern habe mich gefühlt wie nach einer mehrstündigen Klausur an der Uni. Man muss ständig 120% geistesgegenwärtig sein, wenn man auf der Straße unterwegs ist. Die Mofas kommen von allen Seiten, man sollte die Augen also am besten vorne, hinten, links und rechts gleichzeitig haben. Ach, und unten nicht vergessen, sonst tappst du in irgendeine Pfütze undefinierbarer Flüssigkeit, in einen ekligen Müllhaufen, stolperst über irgendeinen Stein oder fällst in einen offenen Kanalschacht. Dazu kommt, immer vor Abzocken auf der Hut zu sein, ständig mit unfassbarer Armut, Menschen ohne Beinen, hungernden Kindern etc. konfrontiert zu sein und permanent in Gespräche verwickelt zu werden, bei denen ich natürlich nicht unhöflich-abweisend sein wollte, wenn wirklich nur ein Einheimischer neugierig war und Smalltalk machen wollte, während man bestimmt-abweisend sein muss, wenn es sich um einen Guide handelt.

Es gab durchaus Momente nach rund 3 Wochen, wo es mir wirklich gereicht hat, ich am liebsten einfach nur 2 Tage in meinem Bett daheim in einem sauberen, ruhigen und wohltemperierten Zimmer gelegen hätte, um den Husten endlich loszuwerden. Denn wann immer ich gedacht habe, mal einen Ort zum Entspannen gefunden zu haben, kam ein pfeifender Wachmann zum Rauswurf, ein Bettler, der nicht mehr verschwinden wollte... Gegen Ende der Reise kam dann noch ein weiterer Faktor dazu - Corona. Lange habe ich davon gar nichts mitbekommen, weil ich einfach gar keine Zeit hatte, deutsche Nachrichten zu verfolgen. Während in Deutschland schon die Supermärkte leergekauft wurden, lief in Indien alles ganz normal. Und ganz zum Schluss stand dann ganz akut das Risiko im Raum, nicht mehr heimfliegen zu können.

Also ja, ich war heilfroh, als ich nach 6 Wochen wieder in der Heimat war, es war nicht alles angenehm, aber trotzdem eine tolle Reise und die wirklich bösen Überraschungen sind ganz ausgeblieben. Keiner musste ins Krankenhaus, uns wurde nichts geklaut, wir wurden nicht übel abgezockt oder betrogen wie in Marrakesch, es gab keine Streiks, großen politischen Proteste (noch im Dezember war das durchaus ein Faktor, der zum Problem hätte werden können), keinen Nebel und keine derbe verspäteten oder ausgefallenen Züge. Nichts musste spontan umdisponiert werden (habe ich dann aber ohne Not aus freiwilliger Entscheidung trotzdem gemacht, auch dazu später mehr) und alles in allem ist es wirklich ein mittelgroßes Wunder, dass die Reise so gut gelaufen ist, wie sie gelaufen ist und ich bin sehr froh, dass ich sie geplant und dann auch bis zum Ende durchziehen konnte. smile.gif


Tag 9 Allahabad -> Varanasi

Wie groß Service in unserem Hotel geschrieben wird, erfahren wir um halb 7, als einfach an allen Türen geklopft wird, obwohl wir gar keinen Weckdienst beantragt haben. Hier erkennt man die Wünsche der Gäste, bevor diese sich selbst darüber bewusstwerden. Grmpf.
Und weil das noch nicht reicht, klingelt um halb 10 dann auch noch das Telefon. Frühstück wäre fertig. Aha, gibt doch Buffet...
Die Klimaanlage dagegen hat - oh Wunder - natürlich nicht funktioniert und tut es immer noch nicht.

Wir nutzen die verbleibende Stunde, um der nahegelegenen All Saints' Cathedral einen Besuch abzustatten. Natürlich wollen uns wieder alle Rikschafahrer irgendwohin fahren und wir müssen sie abwehren. Oh, kommt man da überhaupt durch?
https://flic.kr/p/2jucbbA

Die Antwort lautet ja.
https://flic.kr/p/2jucaZd

Fragt nicht nach dem Sinn...

Die hübsche Deko auf vielen Fahrzeugen finde ich immer wieder beeindruckend. So eine Mühe würde sich in Deutschland wohl niemand machen.
https://flic.kr/p/2jucaRc

Die Kirche ist von einem geschlossenen Zaun umgeben und der Zugangsweg zugewuchert. Lost Place trifft es ganz gut.
https://flic.kr/p/2juaPzm

https://flic.kr/p/2ju82sT
Auch dieser klapprige Bus wirbt wie viele deutsche Verkehrsbetriebe großflächig für die Konkurrenz - an die Idee eines Mofa-Taxis muss ich mich erst gewöhnen und den Fahrstil der Fahrer will ich mir lieber nicht vorstellen.

https://flic.kr/p/2juaPra
Schulbusse sind in Indien grundsätzlich nicht klimatisiert.

Ein verwunschener Garten am Straßenrand
https://flic.kr/p/2jucaxS

Als wir unser Gepäck im Hotel abholen, bitten uns die Rezeptionisten, selbstverständlich dieselben wie gestern Morgen, gestern Abend und heute Morgen, um ein Selfie.

Wo geht's hier lang?
https://flic.kr/p/2jucajA
Und was genau darf ich mir unter einer Deluxe Toilet vorstellen?

Oftmals heißt es doch, dass indisches Essen in Deutschland an den deutschen Geschmack angepasst wäre. Umgekehrt geht das jedenfalls auch - wie wäre es mal mit einer Pizza Paneer mit extra Chili?
https://flic.kr/p/2ju825d

Das hübsche Asig mit Richtungssignalisierung und Rangiersignal
https://flic.kr/p/2ju81Zd

Geschrieben von: Entenfang am 8 Aug 2020, 13:07
Bald historisch dürfte dieses Bild sein - im Zuge der Ausmerzung des kolonialen Erbes wurden zahlreiche Städte umbenannt (Bombay -> Mumbai, Calcutta -> Kolkata etc.). Auch Allahabad heißt seit 2018 offiziell Prayagraj. Der Bahnhof hat die Umbenennung aber noch vor sich.
https://flic.kr/p/2juca5n

Pausenräume für das Lokpersonal
https://flic.kr/p/2ju81Rn

https://flic.kr/p/2juca19

Auf uns wartet eine Fahrt mit dem Vande Bharat Express, ein neuer Premiumzug seit Februar 2019. Er ist Indiens erster Triebwagen für den FV (für den Vorortverkehr gibt es sowohl ET als auch VT bereits länger). Ich bin nicht der einzige, der die Einfahrt festhalten will und so kann ich nur durch kurzen Sprint das Zulatschen meines Bildes verhindern.
https://flic.kr/p/2juaNLs

Auch wenn der Tw nach HGV aussieht und Testfahrten bis 180 km/h absolviert hat, fährt er im Regelbetrieb nicht schneller als 130 km/h. Indiens einzige Strecke für 160 km/h führt von Delhi nach Agra, welche der Vande Bharat Express auf seinem Weg von Delhi nach Varanasi über Kanpur und Allahabad aber nicht befährt.

Ich habe mich für Executive Chair Car entschieden - ein bisschen Luxus muss auch mal sein. Für 15 ¤ auf 170 km bekommt man bequeme 2+2-Bestuhlung mit riesigem Sitzabstand und Mittagessen.

Die Suppe zu Beginn lässt noch Luft nach oben
https://flic.kr/p/2juc9TR

Fast eine halbe Stunde zuckeln wir mit 15 km/h dahin.
https://flic.kr/p/2ju81Bu

https://flic.kr/p/2juc9L1
Der Fahrgastraum hat europäischen Standard und es gibt Vakuum-WC. Nur die Bildschirmprogrammierung ist mal wieder indischer Standard - der englische Text passt nicht ins Feld und ob 2,4 Minuten Verspätung wirklich aussagekräftig sind?

Das üppige Mittagessen bestehend aus 2 Chapattis, Reis, Dal, Bohnencurry, Paneer und Joghurt
https://flic.kr/p/2ju81wE

Schließlich beschleunigt der Zug zügig auf 110 km/h. Eine Kuh rennt erschrocken davon. Warum sind eigentlich die meisten Tiere so entsetzlich knapp angebunden, dass sie sich kaum um die eigene Achse drehen können?
https://flic.kr/p/2ju81oZ

Unser Wagen ist ziemlich leer, vermutlich hat der Fahrpreis doch eine abschreckende Wirkung. Außer uns sind noch einige Touristen, indische Geschäftsleute mit Macbook und Inder in Flipflops im Wagen. Die meisten Einheimischen telefonieren ununterbrochen.
Alle Sitze sind drehbar und werden zur Fahrtrichtung ausgerichtet.
https://flic.kr/p/2juaNh1

Leider gibt es auch Wandfensterplätze.

Geschrieben von: Entenfang am 8 Aug 2020, 13:08
Die AC Chair Car haben 3+2-Bestuhlung und deutlich geringeren Sitzabstand.
https://flic.kr/p/2juc9gP

Einige Male kann ich Menschen sehen, die am Gleiskörper stehen und die Vorbeifahrt des Zuges mit ihrem Handy filmen. Überpünktlich und viel zu schnell endet die Fahrt nach knapp zwei Stunden schon in Varanasi - in den gemütlichen Sitzen wäre ich gern noch ein paar Stunden weitergefahren.

Der Vande Bharat Express hat ein außergewöhnliches Feature - eine seitenselektive Türfreigabe. Kaum öffnen sich die Türen, stehen auch schon etliche bettelnde Kinder davor, die auf das übriggebliebene Essen hoffen. Das Zugpersonal verscheucht sie. Und Bäääm - wieder in der Realität angekommen. Während ich noch zur Zugspitze laufe, ziehen kleine Kinder an meinem T-Shirt und betteln.

Ein Grund, stolz zu sein?
https://flic.kr/p/2juc9dH

Mit Sicherheit. Vom Komfort her braucht sich der Zug nicht zu verstecken. Mit 8h Reisezeit für die 759 km von Delhi bis Varanasi setzt der Zug auf jeden Fall neue Maßstäbe in puncto Geschwindigkeit auf längeren Strecken.

Und so sieht die Zugspitze eines Premiumzuges aus, der seit 1 Jahr (!) im Einsatz ist:
https://flic.kr/p/2jucf5H

Ein paar Kühe hat der sicher schon mitgenommen...
...und so ganz intakt sind die Fenster auch nicht mehr.
https://flic.kr/p/2juc9vX

Es ist wirklich erschreckend, in welchem Zustand sich der Tw befindet und ich frage mich, ob es an der in Indien üblichen mangelhaften Wartung oder an den extrem harten Bedingungen im Allgemeinen oder an beidem in Kombination liegt. In Indien wirkt einfach alles, aber wirklich alles innerhalb kürzester Zeit abgewirtschaftet und kaputt.

Nach 1h Wendezeit tritt der Zug die Rückfahrt nach Delhi an. Damit gelingt der Tagesumlauf perfekt (New Delhi ab 6:00 - Varanasi an 14:00/ab 15:00 - New Delhi an 23:00). Da der Zug nur an 5 Tagen pro Woche verkehrt, nehme ich an, dass es nur diese eine Garnitur gibt und man auch noch 2 Tage für die Wartung braucht.

Die Tür zum Führerstand steht offen, aber rein darf ich leider nicht. Von einem schnellen Foto kann mich immerhin niemand abhalten.
https://flic.kr/p/2jucf8i
Bemerkenswert finde ich das Speedometer unter dem Tacho (vielleicht wie AFB?) und die Kameras zur Abfertigung.

Immer wieder herrlich finde ich es, wenn direkt unter einem Verbotsschild das entsprechende Verbot missachtet wird.
https://flic.kr/p/2ju872T

Das Gewusel im Empfangsgebäude
https://flic.kr/p/2ju86Ui

Als wir den Bahnhof verlassen, werden wir sofort von Rikschafahrern belagert. Sie wollen knapp 2 ¤ für die Fahrt haben und damit genauso viel wie Uber, das aber auf die Schnelle nicht zu bekommen ist. Als wir Anstalten machen, weiterzugehen, lässt sich der Preis doch noch auf 1,70 ¤ drücken.

Hier scheint es nochmal deutlich chaotischer zuzugehen als bisher.
https://flic.kr/p/2ju86QF


Wir landen auf einer Kreuzung, ab der angeblich keine Autorikschas weiterfahren dürften, nur Fahrradrikschas. Natürlich wird uns sofort eine vermittelt. Gewusel und Gehupe kommt aus allen Richtungen.
https://flic.kr/p/2juaQMg

Mir fällt auf, wie viele Menschen entsetzlich schlechte Zähne haben. Höchstwahrscheinlich ist das eine Folge des in Indien sehr beliebten Kautabaks.

Eine Fahrradrikscha zu zweit mit Gepäck ist verdammt eng und viel zu schwer, sodass der Fahrer ständig absteigen und schieben muss. Das Hauptproblem ist, dass er keine Ahnung hat, wo genau unser Gästehaus eigentlich ist. Nach über einer Viertelstunde herumfragen und großer Ratlosigkeit zahle ich ihn aus und versuche es lieber mithilfe von GPS selbst.

Auch wenn wir vorgewarnt waren, dass die engen Gassen nicht sehr sauber und ein furchtbares Labyrinth sind, gelingt mir der Weg zum Gästehaus.
https://flic.kr/p/2jucefg

Geschrieben von: Entenfang am 8 Aug 2020, 13:08
Ich war nie begeistert von der gewählten Unterkunft und wie sich herausstellt, sieht die nähere Umgebung so aus:
https://flic.kr/p/2ju86Lx

Ich schleppe meinen Koffer durch Schutt und Müll und lande schließlich im einzigen Haus inmitten einer riesigen Baustelle.
Und wenn man glaubt, allzu sparsam sein zu müssen, bekommt man für 9 ¤ pro Nacht dieses Zimmer mit 10 cm breitem Spalt unter den Türen (zur alleinigen Nutzung, weil das eigentlich gebuchte Doppelzimmer nicht zur Verfügung steht)...
https://flic.kr/p/2juaTHw

...und eine Dachterrasse, die eine rein betonierte Fläche ohne Sitzgelegenheit oder Sonnenschutz, dafür aber komplett zugemüllt ist und offenbar regelmäßig dazu dient, den zurückgelassenen Müll der Gäste einfach zu verbrennen, denn Mülleimer gibt es in unserem Zimmer keinen.
https://flic.kr/p/2jubpiU

Da die Orientierung in den engen Gassen so schwierig ist, versucht man die Kunden mit gemalten Hinweisen zu lotsen. Man beachte die falsche Schreibweise von "breakfast".
https://flic.kr/p/2juaTB4

In den Gassen gibt es zahlreiche Hingucker und so dauert ein Fußweg meistens deutlich länger als voranschlagt und das nicht nur, weil man alle 20 m überprüfen muss, ob man noch auf dem richtigen Weg ist.
https://flic.kr/p/2ju86sM

https://flic.kr/p/2jucetx

https://flic.kr/p/2juaThm

https://flic.kr/p/2jucenq

https://flic.kr/p/2juaSTq

https://flic.kr/p/2ju85Lr

Geschrieben von: Entenfang am 8 Aug 2020, 13:09
https://flic.kr/p/2jucdt6

Am anstrengendsten sind nicht nur die Menschenmassen, ...
https://flic.kr/p/2ju862S

...die sich durch die Gassen drängen, sondern die Mofas, deren Fahrer den Fußgängern gerne direkt ins Ohr hupen. Hier eine Parkgarage:
https://flic.kr/p/2juaTaH


Es gibt zahlreiche Reisebüros, die bildlich für ihre Dienste werben, Zugfahrkarten zu buchen. Interessant finde ich dabei so manch verwendetes Bild...
https://flic.kr/p/2juaSrD

Vande Bharat Express scheint besonders beliebt zu sein.
https://flic.kr/p/2ju856U

Und manchmal lohnt auch ein Blick auf die Schreibweise deutscher Fluggesellschaften.
https://flic.kr/p/2juaSdc


Schmuckwaren
https://flic.kr/p/2juaSBJ

https://flic.kr/p/2juaSzp

Ein Schrein an der Hauswand
https://flic.kr/p/2juaS2a

Wie auf allen Bildern unschwer zu erkennen ist die Altstadt von Varanasi zurecht berühmt-berüchtigt für ihre besonders schlechte Bausubstanz.

Geschrieben von: Entenfang am 8 Aug 2020, 13:09
Wir laufen zur Germany Bakery, die auch Bootstouren anbietet. Dass der Laden offensichtlich sehr beliebt ist, erkennt man daran, dass es dreimal German Bakery direkt nebeneinander gibt, der Klassiker insbesondere in Varanasi. Doch die Auslage spricht für sich:
Original...
https://flic.kr/p/2ju83Vc

...und Fake
https://flic.kr/p/2jucbZ4

Der Apfelstreusel entschädigt für den anstrengenden Fußweg
https://flic.kr/p/2ju84Yu

Eine ständige Gefahr auf Dachterrassen sind Affen, welche es auf Essen jeglicher Art abgesehen haben. Aus diesem Grund sind zahlreiche Dachterrassen vergittert.
https://flic.kr/p/2jucd5k

https://flic.kr/p/2jucJgT


Zur blauen Stunde begeben wir uns zum Ganges-Ufer - ein herrlicher Ausblick.
https://flic.kr/p/2ju84Ss

https://flic.kr/p/2juaRPG

https://flic.kr/p/2juccVT

https://flic.kr/p/2ju84JB

Jeden Abend findet am Ufer die Aarti-Zeremonie statt.
https://flic.kr/p/2juaREt

Geschrieben von: Entenfang am 8 Aug 2020, 13:10
https://flic.kr/p/2juaRvW

https://flic.kr/p/2juaRpi

https://flic.kr/p/2ju84ob

Ganz schön was los hier...
https://flic.kr/p/2juaRzZ

https://flic.kr/p/2jucctk

Es ist ein wahrhaft beeindruckendes Schauspiel und die Musik und das Glockenläuten unfassbar laut.
Ein Video gibt die Stimmung vermutlich besser wieder als Bilder:
https://youtu.be/fm-Z8Ii41AU?t=232

Boote warten auf ihren nächsten Einsatz
https://flic.kr/p/2juccno

https://flic.kr/p/2ju848M

Im Hinduismus gilt das Swastika als Glückssymbol und ist ständig präsent. An den Anblick musste ich mich erst gewöhnen, denn aus Gewohnheit verbindet man mit dem Hakenkreuz automatisch das Böse.


Die Ufertreppen sind ziemlich steil
https://flic.kr/p/2juaR3M

Das Abendessen nehmen wir in einem winzigen Laden ein, der nur drei Tische hat, dafür aber hervorragende Dosa (südindische, gefüllte Pfannkuchen) und - sowas gibt es in Indien wirklich - eine saubere Toilette.
https://flic.kr/p/2jucc7o

Blick über den Ganges - aber was sind das für komische Leuchtstreifen auf dem Wasser, die ich mit der Langzeitbelichtung eingefangen habe?
https://flic.kr/p/2ju83PL

Morgen gibt's die Auflösung.

Als wir am Ufer zurücklaufen, drängt sich jemand auf, der angeblich kein Guide wäre - natürlich nicht, nie und nimmer... Wir sollten doch auch der Totenverbrennung zuschauen, dürften aber keine Fotos machen. Alles schön und gut, aber wir wollen jetzt gar nicht der Totenverbrennung zuschauen.
Aber da dürften wir nicht durchgehen!!!
Dürfen wir wohl, sonst könnten wir gar nicht zu unserem Gästehaus zurück.
Keine 50 m weiter quatscht uns schon der nächste an. "Which country?" Germany. "Which education?" Hä? "Are you a student?" Yes. "Do you want Hashish?" OMG. Eigentlich hat mich die Zeremonie schon ausreichend in Trance versetzt, da muss ich gar nicht nachhelfen...

"Hello, where are you going?" Zum Gästehaus.

"Hello my friend! Where are you going?" Immer noch zum Gästehaus.


Vom Besitzer erfahren wir, dass auch sein Haus in wenigen Monaten abgerissen werden soll und er sich momentan noch gerichtlich dagegen wehrt. Einerseits habe ich Mitleid, andererseits erklärt es natürlich auch zum Teil den Zustand des gesamten Hauses und die offensichtlich fehlende Motivation, daran etwas zu ändern.

Geschrieben von: Entenfang am 9 Aug 2020, 10:49
Tag 10 Varanasi

Auflösung von gestern:
Es handelt sich um Kerzen, die auf dem Wasser treiben gelassen werden und einen Wunsch erfüllen sollen.

Kuhweide in der Baustelle
https://flic.kr/p/2juvoUF

Ich beschließe, die Unterkunft für die nächsten zwei Nächte zu wechseln. Eine Straße weiter gibt es ein anderes Gästehaus, in dem das Zimmer 11 ¤ kostet. Die Sauberkeit ist zwar auch hier nicht perfekt, aber dafür schließen Türen und Fenster ordentlich, sodass es nachts nicht so kalt hereinzieht.
https://flic.kr/p/2juvoRz[

Ich suche gleich die Wolldecken, die natürlich keinen Deckenüberzug haben. Also suche ich im Eingangsbereich nach dem Chef des Gästehauses.

Der Chef ist gerade in einem Nebenzimmer des Eingangsbereichs, aus dem dichter Rauch qualmt. Er lässt sich am Kopf massieren. Ein weißer Tourist beschwert sich über den Qualm, doch der Chef meint nur, er wäre ja gleich fertig und dann würde es keinen Rauch mehr geben. "I have problems with my body, you know..." Er geht zurück ins Nebenzimmer und lässt sich weiter massieren. Sowohl er als auch der Masseur husten heftig. Bei dem Qualm werden wohl beide bald noch viele weitere Probleme bekommen...

Nachdem ich mich in einem riesigen Gästebuch eingetragen habe, soll ich auch gleich beide Nächte bezahlen. Wegen des Deckenüberzugs würde er mal schauen, ich solle mal am Nachmittag nochmal fragen. In Indien ist es selten eine gute Idee, Leistungen im Voraus zu bezahlen, weil dann die Motivation, diese angemessen zu erbringen, noch weiter schrumpft. Also bezahle ich vorerst nur die erste Nacht und behaupte ganz auf indische (= gelogene) Art, gerade nicht mehr Bargeld zu haben und erst zum Geldautomaten zu müssen.

Ganz gelogen ist die Behauptung allerdings nicht, denn ich brauche tatsächlich bald Bares. Google Maps verzeichnet diverse Geldautomaten in der nahegelegenen Hauptstraße und an sage und schreibe 6 Automaten sind wir erfolglos, weil sie entweder komplett defekt sind oder nicht die geforderte Mindestsumme von 50 ¤ ausgeben können.

Durch die Gassen suchen wir eine gute Gelegenheit zum Mittagessen.
https://flic.kr/p/2jurgkr

https://flic.kr/p/2jutYgZ

https://flic.kr/p/2juvoz7

https://flic.kr/p/2jutY4p

https://flic.kr/p/2juvono

https://flic.kr/p/2juvohZ

https://flic.kr/p/2jutWbX

In Indien sehr beliebt sind mouth freshener (irgendwie fällt mir kein passendes deutsches Wort dafür ein).
https://flic.kr/p/2jurfNV
Sie bestehen meist aus einem Granulat und Kräutern und schmecken nach Zahnpasta. Sehr zur Verwunderung der Inder habe ich mich ihrer Einnahme nach dem Essen stets verweigert, weil sie meiner Meinung nach den leckeren Geschmack des indischen Essens zerstören. Im Bild sind sie hinten rechts zu sehen, die vielen bunten Kugeln dürften wohl Süßigkeiten sein.

Geschrieben von: Entenfang am 9 Aug 2020, 10:49
Ein Baum aus dem Nichts
https://flic.kr/p/2juvo7d

Wohin des Wegs?
https://flic.kr/p/2jutXCK

Wohin wohl diese ganzen Kabel führen und welchem Zweck sie dienen...?
https://flic.kr/p/2jurg4Q

Wir finden eine hübsche Dachterrasse, die auch ohne Gitter affensicher scheint.
https://flic.kr/p/2jutWXM

Das Gewusel ist ganz weit weg
https://flic.kr/p/2juvnRJ

Ein Biryani (gebratener Reis) zur Stärkung
https://flic.kr/p/2juvnH7

Wer ungern auf Alkohol verzichtet, hat es in Indien schwer. Eine Dose Bier kostet mehr als ein Hauptgericht und ist nur an wenigen Orten erhältlich. Vermutlich benötigen die Restaurants entsprechende Lizenzen. Besonders kurios finde ich das Einwickeln in eine Serviette...
https://flic.kr/p/2jurfcu

Waschsalon auf der anderen Uferseite
https://flic.kr/p/2juvntQ

Auf den Dächern kann man sich gut austoben
https://flic.kr/p/2jutX2u

Die bunten, zusammengewürfelten Häuser geben ein sehr abwechslungsreiches Bild ab
https://flic.kr/p/2jureMg

Geschrieben von: Entenfang am 9 Aug 2020, 10:49
https://flic.kr/p/2juvn6k

Hier wird eine Hochzeitsparty vorbereitet
https://flic.kr/p/2jureyq

Mittagsschläfchen
https://flic.kr/p/2jurev9
Es beeindruckt mich einfach immer wieder, wie gleichgültig Inder ihren Bedürfnissen nachgehen. Haben sie Hunger, setzen sie sich auf den Boden und essen. Müssen sie pinkeln, tun sie es einfach am Straßenrand. Sind sie müde, legen sie sich hin und schlafen.

Pause am Ufer
https://flic.kr/p/2juvmNr

Bootstour
https://flic.kr/p/2jutWk4

Auch wir wollen uns heute Nachmittag aufs Wasser begeben und haben in der German bakery eine Bootstour gebucht. Auf dem Weg passieren wir den Obst- und Gemüsemarkt...
https://flic.kr/p/2juvmyP

...und eine Garküche.
https://flic.kr/p/2jutW4N
Leider ist Varanasi auch für die besonders niedrigen Hygienestandards bekannt.

Ein Schrein in einem kleinen Laden - fast jeder hat einen
https://flic.kr/p/2jutVZQ

Ufer im Abendlicht
https://flic.kr/p/2juvmo3

https://flic.kr/p/2jutVTH

Geschrieben von: Entenfang am 9 Aug 2020, 10:51
Auf dem Wasser
https://flic.kr/p/2jutVRt

https://flic.kr/p/2juvkNW

https://flic.kr/p/2jurdft

Hier wird abends die Zeremonie abgehalten
https://flic.kr/p/2juvkJs

Varanasi ist wahrscheinlich die Pilgerstätte für Hindus. Aber warum eigentlich?
Unser Führer erzählt einige Geschichten zur Stadt, beginnend mit der Namensherkunft. Vermutlich entstand der Name aus den Flüssen Varuna und Assi, welche in den Ganges münden. Der Fluss ist deshalb heilig, weil der Ganges dem Himalaya entspringt, wo auch der Gott Shiva den Sitz haben soll. Jetzt wäre geklärt, weshalb der Ganges so wichtig ist. Und weshalb ist jetzt Varanasi von so großer Bedeutung? Es gibt doch schließlich so viele Orte, die am Ganges liegen. Doch eine Besonderheit gibt es nur hier - nämlich die Fließrichtung nach Norden.

Blick zurück, das kleine Ruderboot links hat uns sicher über den Fluss gebracht
https://flic.kr/p/2jutVxc

Überall lassen Kinder Drachen steigen und die Überreste sind allgegenwärtig. Auf wenigen Metern verheddern wir und dreimal in irgendwelchen Schnüren.

Die Stadt ist bekannt für ihr Krematorium, in dem die Toten verbrannt werden, denn in Varanasi zu sterben ist für Hindus offenbar besonders erstrebenswert. Von der Dachterrasse gibt es einen guten Blick darauf:
https://flic.kr/p/2jurgxk
Man beachte die Holzvorräte!

Und hier von der gegenüberliegenden Uferseite
https://flic.kr/p/2juvkSD

Das Fotografieren in größerer Nähe ist verständlicherweise nicht erwünscht und angeblich nur nach vorheriger Sondergenehmigung von einer Terrasse möglich
https://flic.kr/p/2juvkC5

Nach dem Tod wird der Körper zuerst gewaschen, dann mit Ghee (flüssiger Butter) eingefettet und anschließend in bunte Tücher gehüllt. Der Leichnam wird dann auf eine Bambusleiter aufgebahrt und von den Angehörigen mit einem Sprechchor durch die Straßen zum Krematorium gebracht.
https://www.youtube.com/watch?v=VPG7pRlJ4VM
Frauen dürfen der Verbrennung nicht teilhaben. Anschließend wird die Asche im Ganges verstreut. Wie unser Führer mehr oder weniger in einem Nebensatz anmerkt, werden auch nicht alle Leichen verbrannt. Selbstmörder, Schwangere, Babys und Kleinkinder sowie durch Schlangenbisse Getötete dürfen nicht verbrannt werden. Ihre sterblichen Überreste werden offenbar direkt in den Fluss geworfen.

Schließlich bringt uns der Bootsführer zur Zeremonie.
https://flic.kr/p/2juvmdd

Der dichte Verkehr auf dem Wasser ist mindestens genauso fragwürdig wie auf dem Land - ständig rammen sich Boote gegenseitig und müssen mit einem beherzten Schubser wieder auseinandergebracht werden und die Motorboote pusten ihre übelriechenden schwarzen Rußwolken direkt ins Gesicht der Insassen im nächsten Boot.
Nach und nach werden alle Boote aneinander festgebunden und es entsteht eine riesige Fläche voller Menschen.
https://flic.kr/p/2jurdJj

Geschrieben von: Entenfang am 9 Aug 2020, 10:51
Dann geht es los.
https://flic.kr/p/2jutVFy

https://flic.kr/p/2juvm5c

Verkäufer springen von Boot zu Boot und bieten Blumen und Kerzen an. Letztere werden mit einem Wunsch im Wasser ausgesetzt und treiben unkontrolliert stromabwärts - oder auch nicht und bleiben an den Holzbooten hängen. Wen interessiert das schon?

Nach der Rückkehr in die Unterkunft frage ich ein zweites Mal nach dem Deckenüberzug. Später würde ich einen bekommen, verspricht der Chef. Ohje, denke ich schon, später heißt in Indien oft nie.

Zeit für das Abendessen auf der Dachterrasse. Um die zahlreichen Affen in der Nähe fernzuhalten, werden irgendwelche Kerzen auf der Brüstung angezündet. Der Effekt ist gleich 0. Also werden noch ein paar mehr Kerzen angezündet - die Affen turnen auf der Brüstung herum und bestaunen die Kerzen. Erst als ein Angestellter mit einem riesigen Stock kommt, nehmen sie Reißaus.
Ich riskiere ein Bild von der Dachterrasse
https://flic.kr/p/2jurdx2

Nach dem Essen frage ich nochmal nach einem Deckenüberzug. Der Chef geht in eine Abstellkammer nebenan und reicht mir einen. Ich bin total verdattert - warum zur Hölle hat er das nicht gleich gemacht? Der Überzug ist zwar fleckig, aber bestimmt sauberer und angenehmer als die kratzigen Wolldecken.

Geschrieben von: Entenfang am 10 Aug 2020, 12:01
Tag 11 Varanasi

Ich schlafe lang, bin aber trotzdem schon müde, noch ehe ich richtig aufgestanden bin. Ob das an der nach wie vor präsenten Erkältung liegt oder daran, dass in Indien alles kraftraubend ist (sogar der Schlaf), lässt sich nicht klären. Jedenfalls stellt sich heraus, dass die dichter schließenden Fenster und Türen zwar die Kälte der Nacht draußen gehalten haben, aber dank der schlechten Bausubstanz einen anderen entscheidenden Nachteil haben - die Luft im Zimmer ist furchtbar muffig.

Ich mache einen Spaziergang durch die Basare, in denen die Geschäfte allmählich geöffnet werden.
https://flic.kr/p/2juTTcJ

https://flic.kr/p/2juSt8Y

https://flic.kr/p/2juSt4e

"Photo! Photo!"
https://flic.kr/p/2juTSYY.

Leider geht die Öffnung auch mit Abstauben einher. Infolgedessen wird der Staub schön in der Luft verteilt und erschwert das Atmen. An einigen Stellen wird auch gekehrt. Viele Kehrende scheren sich wenig bis gar nicht um Passanten (was bei so vielen aber auch schwierig ist). Also sollte man besser selbst darauf achten, nicht den ganzen Dreck und Staub plötzlich direkt auf den eigenen Füßen wiederzufinden.
https://flic.kr/p/2juSsUB

Umspannwerke sind immer ein Hingucker
https://flic.kr/p/2juSsL5

Eine Ladenzeile
https://flic.kr/p/2juSsCK

Ziel des Spaziergangs ist laut Google Maps ein Stadtpark. In Realität handelt es sich um einen Busparkplatz...
https://flic.kr/p/2juPLFG

...mit Kloake...
https://flic.kr/p/2juSsvW

...und Eichhörnchen.
https://flic.kr/p/2juSsrc

Während ich im Schatten eines mächtigen Baumes sitze, bieten mir ein paar junge Männer eine Zigarette an. Die fehlt mir gerade noch, nach so viel Staub und Smog...

Geschrieben von: Entenfang am 10 Aug 2020, 12:01
Wir fahren mit einer Rikscha nach Sarnath und sollen ausnahmsweise mal keinen völlig überhöhten Preis bezahlen.
https://flic.kr/p/2juTSqJ

https://flic.kr/p/2juSskk

Der kleine Ort ein paar Kilometer nördlich von Varanasi ist eine weitere wichtige Pilgerstätte, weil hier angeblich Buddha seine Erleuchtung gefunden hat und der Buddhismus seinen Ursprung hat.
https://flic.kr/p/2juSsi6

Der buddhistische Tempel hat gerade Mittagspause, sodass wir zuerst in den ihn umgebenden Park gehen. Oh, wie verlockend doch die schattigen Parkbänke sind...

Schulausflug
https://flic.kr/p/2juTRZP

Doch mir wird keine lange Ruhepause gegönnt. Nach wenigen Minuten sprechen mich zwei Inder an und bitten mich, mit meiner "richtigen" Kamera ein paar Bilder von ihnen zu machen. Sie sind zwar etwas enttäuscht, als ich ihnen mitteile, dass sie diese frühestens in einem Monat erhalten, wenn ich wieder daheim sein werde, aber wir tauschen E-Mailadressen aus und ich verspreche, die Bilder so bald wie möglich bereitzustellen.

Kleiner Rundgang auf Socken durch den Außenbereich des Tempels
https://flic.kr/p/2juPLfr

Die bekannten bunten Wimpel sind besonders im Himalaya verbreitet.
https://flic.kr/p/2juSs9Z

Es handelt sich um Gebetsfahnen in fünf verschiedenen Farben, welche für die Elemente Himmel, Luft, Erde, Wasser und Feuer stehen. Durch das Aufhängen im Wind sollen die darauf abgedruckten Gebete in den Himmel getragen werden.

https://flic.kr/p/2juSs3M
Das Drehen der Gebetsmühlen soll den Erwerb von positivem Karma ermöglichen.

Zeit für eine Mittagspause. Im tibetischen Imbiss...
https://flic.kr/p/2juPKY4

...gibt es einfach mal gebratene Nudeln. Ein bisschen Abwechslung schadet auch nicht.
https://flic.kr/p/2juTRSQ

Das Ergebnis des Bestrebens von Daimler, am aufstrebenden Nutzfahrzeugsegment Indiens teilzuhaben:
https://flic.kr/p/2juPKTz
Der Export von Fahrzeugen aus Deutschland erwies sich als absolut nicht konkurrenzfähig. Daher wurde der Ableger BharatBenz (=indischer Benz) gegründet, welcher direkt in Indien produziert. Außerdem sind europäische Fahrzeuge für den indischen Markt schlichtweg nicht geeignet - eine recht amüsante Aufstellung der Besonderheiten, welche ich nur bestätigen kann, findet sich auf Wikipedia.
https://de.wikipedia.org/wiki/BharatBenz#Lokale_Anforderungen_an_die_Fahrzeuge

Geschrieben von: Entenfang am 10 Aug 2020, 12:02
Für den Kauf einer Eintrittskarte müssen wir zum Schalter. Überraschenderweise geht der Kauf an den Kassen für Einheimischen trotz der üblichen chaotischen Verhältnisse und der größeren Zahl Wartender...
https://flic.kr/p/2juPKHe
...deutlich schneller vonstatten als an der Kasse für Ausländer. Denn schließlich müssen ja insbesondere Amerikaner unbedingt mit Karte zahlen und natürlich kann nicht einer für die mitreisenden Freunde/ Partner mitbezahlen, sondern jeder legt größten Wert darauf, die eigenen Kreditkartendaten auch in Sarnath zu hinterlassen. Ob das den (angeblich) 60 Cent günstigeren Eintrittspreis wert ist? Eine Deutsche regt sich auf, als sich ein Inder schamlos vordrängelt, um Geld zu wechseln und der schaut etwas verwirrt, weil ihm offenbar gar nicht klar ist, warum die Ausländerin ihn überhaupt anmotzt. 5 Kartenzahlungen und 27360 Quittungen später sind wir endlich dran und nach 10 Sekunden fertig, weil wir ganz altmodisch mit Bargeld gezahlt haben.

https://flic.kr/p/2juQ2P7
Das massive Ziegelgebäude links heißt Dhamek Stupa, ein buddhistisches Gebäude, rechts der Shri Digambar Jain Temple. Im Vordergrund die Ruinen eines Klosters, die mich stark an einen Skatepark erinnern und in denen selbstverständlich jeder herumlaufen und -klettern kann, wie es passt.

Ein paar Vitamine zur Stärkung
https://flic.kr/p/2juTRyP


Um die Ecke gibt es noch einen "Giant Buddha" zu bestaunen...
https://flic.kr/p/2juTRh1

...der in einem zwar hübschen, aber leider banklosen Park steht.
https://flic.kr/p/2juPKtm

Einen Vergoldeten kann man auch sehen.
https://flic.kr/p/2juTRto

Wir nehmen schließlich eine Elektrorikscha zurück.
https://flic.kr/p/2juPKh4

https://flic.kr/p/2juSr9n
Sie ist zwar viel leiser, schafft aber nur 25 km/h.
Der Fahrer fährt nach dem Prinzip "Wer am lautesten hupt, hat Vorfahrt" und vollführt einige waghalsige Manöver. Abgesehen von den Bodenwellen sorgen aber auch üble Schlaglöcher für Geschwindigkeitsdämpfer.

Kurze Pause auf der Brücke über den Varuna - ohne weiteren Kommentar
https://flic.kr/p/2juPKcj

https://flic.kr/p/2juPK9o

Es ist sehr auffällig, wie wenig Autos es in Varanasi verglichen mit Jaipur oder Agra gibt. Die ganze Stadt scheint nur aus abgeranzten Häusern und Hütten zu bestehen.

Geschrieben von: Entenfang am 10 Aug 2020, 12:02
Das nächste Umspannwerk
https://flic.kr/p/2juTQZc

Sehr beliebt scheint in Indien die tschechische Schuhmarke Bat'a zu sein.
https://flic.kr/p/2juTQVp

Jeder Spaziergang ist voller Überraschungen...
https://flic.kr/p/2juSqRo

https://flic.kr/p/2juTQNv

Tempel in der Baustelle
https://flic.kr/p/2juPJLQ
Ich vermute, dass man die zahlreichen Tempel nicht abreißen darf. Irgendwie ist das für mich ein klares Zeichen von Ignoranz gegenüber den Menschen, die ihr Zuhause verlieren. Im Tempel wohnt schließlich niemand.

Mahlzeit!
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Man beachte den Ventilator. Sehr oft sieht man sie auf höchster Stufe laufen, um die Glut der Kohleofens anzufachen.

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Für uns gibt es eine Thali-Platte mit Dal, Gemüse, Joghurt, Papadam und Chapati. Was die Kuh bekommen hat, kann ich leider nicht sagen.

Geschrieben von: Entenfang am 11 Aug 2020, 10:34
Tag 12 Varanasi -> Kalkutta

Wir starten mit einem südindischen Frühstück, Dosa.
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Ausnahmsweise sind wir in einem Laden gelandet, in dem nicht nur Touristen sind, sondern ausschließlich Einheimische. Anschließend wollen wir den berühmtesten Tempel der Stadt besichtigen, den Kashi-Vishwanath-Tempel. Doch die Sicherheitskontrolle ist außerordentlich streng und man darf nur seinen Pass mitnehmen. Menschen stehen in einer Schlange. Einer sehr langen Schlange. Einer über 1 km langen Schlange... Angeblich müssten wir nicht anstehen, dafür aber 7,50 ¤ Eintritt bezahlen. Wir kämpfen uns durch die überfüllten Gassen, um den richtigen Eingang zu finden, was uns aber nicht gelingt. Schließlich wird uns das zu anstrengend und wir laufen lieber zum Flussufer.
https://flic.kr/p/2jvcrCF

https://flic.kr/p/2jv9Khb
Menschen baden und waschen im Ganges. Manche nehmen bereits bei Sonnenaufgang zum Start in den Tag ein Bad. Ein Glück, dass sich das Krematorium stromabwärts befindet...

Wir setzen uns auf die Stufen und beobachten das Treiben
https://flic.kr/p/2jvcrp9

https://flic.kr/p/2jvdPpf

https://flic.kr/p/2jvdPmK

Ein kleiner Junge kommt zu uns und bettelt. Leider lässt sich Paul erweichen, gibt ihm 60 Cent (das war sicher der Deal des Tages für den Kleinen) und erwartungsgemäß führt die Großzügigkeit keineswegs dazu, dass er zufrieden abzieht, sondern dass wir ihn nicht mehr loswerden. Nachdem er uns nach den Namen gefragt und irgendwas Unverständliches geplappert hat, will er natürlich noch mehr Geld. Wir sehen keine Alternative und gehen weiter. An anderer Stelle setzen wir uns nochmal hin.
https://flic.kr/p/2jvcrnf

https://flic.kr/p/2jvcrjQ

Ein paar Minuten später taucht der Junge wieder auf und das Theater geht von vorne los. Als er beginnt, an meiner Armbanduhr zu zerren, ist auch die nächste Pause leider frühzeitig beendet.
https://flic.kr/p/2jvcreE

https://flic.kr/p/2jvdP8P

Geschrieben von: Entenfang am 11 Aug 2020, 10:34
https://flic.kr/p/2jv9JQE

Kleinere Rechtschreibfehler tauchen bei englischen Texten immer mal wieder auf, denn auf Hindi wird fast alles so geschrieben wie man es spricht und das macht sich bemerkbar.
https://flic.kr/p/2jv9JNF

Oh, es gibt ja noch ein zweites Krematorium.
https://flic.kr/p/2jvdNYa

Wo die Menschen baden und ihre Wäsche waschen, könnten also doch Leichen vorbeischwimmen...
Der Geruch der Leichenverbrennung scheint aus irgendeinem Grund Tiere anzuziehen - an beiden Krematorien stehen ganze Kuhherden und unzählige Hunde streifen umher.
https://flic.kr/p/2jv9JFb

Weiter geht's.
https://flic.kr/p/2jvdNPn

https://flic.kr/p/2jvcqUS

Immer wieder strecken mir irgendwelche Männer aufdringlich-aggressiv ihre Hand entgegen. "Namaste! Namaste!" (indische Begrüßung)
Heute bin ich leider blöd genug, meine Hand zu geben. Der Typ hält sie sofort fest wie in einem Schraubstock und beginnt, rumzudrücken und zu zerren. Ich werde laut und kann mich glücklicherweise seinem Griff entwinden - eine gebrochene Hand fehlt mir gerade noch.

Hochzeitsboot
https://flic.kr/p/2jvdNGd

Eine Menschenmenge bestaunt ein Motorboot, das auf Vollgas im Kreis fährt
https://flic.kr/p/2jv9JsL

Für einen späten Mittagssnack landen wir etwas außerhalb in einem Wohnviertel, in dem die Essensreste und Küchenabfälle auf der Straße verteilt werden und die deswegen noch schmutziger und übelriechender als in Zentrumsnähe sind.
https://flic.kr/p/2jvdNDN

In dem Viertel gibt es zahlreiche Hippie-Läden und wir probieren einen aus. Wir bestellen einen Kaffee, einen frisch gepressten Orangensaft, einen indischen Nachtisch und ein French Toast. Nach einer halben Stunde bringt uns die vermutlich gerade volljährige Tochter den Kaffee, nach einer Dreiviertelstunde den Orangensaft und Nachtisch und nach einer Stunde den Toast. Es ist mir wirklich schleierhaft, was die Frau so lange in der Küche gemacht hat - denn dass sie etwas gemacht haben muss, ist aufgrund des Klapperns aus der Küche eindeutig bewiesen. Mama und Papa sitzen währenddessen auf der Terrasse vor dem Haus und tun nichts.

Wir nehmen eine Elektrorikscha, um den Rückweg etwas zu verkürzen. Ruhepause am Ufer
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Geschrieben von: Entenfang am 11 Aug 2020, 10:35
Schließlich gibt es Pasta zum Abendessen.
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Wir laufen am Fluss entlang zurück zum Gästehaus, nicht ohne wieder aggressive Hände entgegengestreckt zu bekommen. "Namaste! Namaste!!!!" Ich falte meine Hände vor der Brust (Händeschütteln ist in Indien traditionell nicht üblich) und erwidere mit einem äußerst freundlichen Lächeln: Namaste!
Mehrere Drogenangebote bekommen wir auch und passieren schließlich ein Hippie-Pärchen, das mit einigen älteren Indern um ein Lagerfeuer sitzt. Der weiße Mann scheint sich aber mehr für sein Handy als für das dargebotene spirituelle Gespräch zu interessieren.

Ein letztes Mal passieren wir das Krematorium. Der melancholische Singsang der vorbeiziehenden Trauerzüge wird mir noch eine Weile im Kopf bleiben.
Das sinnlose Gehupe in den engen Gassen bin ich satt und stopfe mir Ohrstöpsel rein, als wir uns samt Gepäck zur Hauptstraße durchkämpfen. Mir wird es nie einleuchten, warum man hier mit dem Mofa herumgurken muss - ein paar Hundert Meter laufen ist aber wohl zu viel verlangt.

Wir bekommen eine Elektrorikscha angeboten. Zum Bahnhof, bitte. "3,10 ¤." Sicher nicht. "But it's no-entry area here!" Soso, aber du bist ja offensichtlich drin und auch nicht der einzige..., denke ich nur. Als wir Anstalten machen, die no-entry area zu Fuß zu verlassen, lässt sich der Preis auf 1,90¤ senken. Die Straßen sind rappelvoll und es herrscht ein Höllenlärm aus Gesprächsfetzen, Fahrradklingeln und Tausend Hupen. Egal ob zu Fuß, auf der Fahrradrikscha oder im Auto - niemand kommt schneller als in Schrittgeschwindigkeit voran. Wir sind etwas spät dran - wenn das bis zum Bahnhof so ist, schaffen wir es nie rechtzeitig.

Doch glücklicherweise löst sich das Chaos nach einer Weile auf. Das nutzt der Fahrer aus und fährt wie ein Wahnsinniger. Im Laufe der nächsten Viertelstunde kommt es zu mehreren Beinaheunfällen und er fährt so schnell durch tiefe Schlaglöcher, dass wir Angst haben, bald mit gebrochener Achse dazustehen.

https://flic.kr/p/2jv9J51
Würde ich über eine Viertelstunde vor Abfahrt an einem deutschen Bahnhof ankommen, wäre das wohl sehr früh. Doch in Indien muss man gewisse Unwägbarkeiten miteinkalkulieren - z.B. eine Warteschlange vor der Rolltreppe, weil jemand mit ihrer Benutzung überfordert ist. Vermutlich ist es auch die einzige in der Stadt...

Buntes Treiben im Empfangsgebäude
https://flic.kr/p/2jv9J25

In der App und auf der Abfahrtstafel im Bahnhof wird unser Zug auf Gleis 9 angekündigt. Dort steht aber ein anderer Zug und uns bleiben nur noch 7 Minuten bis zur Abfahrt. Ein Fahrgast meint, unser Zug würde einfahren, nachdem dieser ausgefahren ist. Laut App ist unser Zug bereits auf Gleis 9 eingefahren, was aber nicht sein kann, weil dort ja der andere Zug steht, also mache ich mich auf die Suche nach einem Eisenbahner. Da ertönt schon die Ansage, dass unser Zug am Gleis 8 direkt gegenüber einfährt, was er wenige Augenblicke später auch tatsächlich tut.

Unser Wagen ist der erste hinter der Lok, also sind ein paar Hundert Meter Fußweg zurückzulegen. Wir haben 2nd AC im offenen Viererabteil und eigentlich die beiden unteren Liegen, doch die sind beide belegt.
Hier der Gang...
https://flic.kr/p/2jvdNw3

...und das Abteil vor dem Ausstieg in Schlafstellung.
https://flic.kr/p/2jv9Ja1

Wir einigen uns schließlich darauf, 1 oben und 1 unten zu nehmen. Glücklicherweise gehen von der Klimaanlage hier keine Blizzards aus. Die Erkältung hat mich immer noch im Griff und ich schlafe schon bald ein, nachdem wir den ersten Zwischenhalt mit +15 verlassen haben.

Geschrieben von: Entenfang am 12 Aug 2020, 11:21
Tag 13 Kalkutta

Als ich aufwache, ist der Zug schon viel leerer und die Landschaft hat sich deutlich gewandelt. Palmen und Reisfelder prägen jetzt das Bild.
https://flic.kr/p/2jvAmJC

Wir sind pünktlich unterwegs. Da wir für 52 km noch etwa anderthalb Stunden haben, bin ich guten Mutes, dass wir auch pünktlich ankommen werden. Zügig sausen wir durchs Land. Im Zulauf auf Kalkutta ist die Strecke viergleisig, außen fahren die Vorortzüge, aus deren Türen die Fahrgäste wie Trauben hängen.
https://flic.kr/p/2jvvR82

Und ehe man sich es versieht, werden die Gleise mehr und der Howrah Engine Shed zieht schon vorbei. Ich rechne mit -30 bei der Ankunft.
Überraschenderweise hat sich Kalkutta zumindest auf dieser Strecke nicht wie Delhi durch ausufernde Slums angekündigt, obwohl die Stadt eher für die Armut als für Sehenswürdigkeiten berühmt ist. Wir kommen bald zum Halten, sind aber noch nicht im Bahnhof. Überfüllte Vorortzüge rollen langsam vorbei Richtung Bahnhof, leere stadtauswärts.
https://flic.kr/p/2jvvR4j

https://flic.kr/p/2jvAmBD

Es wird gepfiffen und Züge rollen rein und raus, nur wir bleiben wie versteinert stehen. Manch einer nutzt die Gelegenheit, seinen Fußweg im Gleisvorfeld zu verkürzen.
https://flic.kr/p/2jvvQYu

Ein Müllsammler in Flipflops ist im Gleisbett unterwegs und geht schlürfend seiner hoffnungslosen Tätigkeit nach.
https://flic.kr/p/2jvAmxk

Es dauert eine geschlagene Stunde, bis wir endlich Einfahrt erhalten und mit +34 wieder nahezu perfekt mit der Durchschnittsverspätung dieses Zuges ankommen. Sofort nach dem Ausstieg empfängt uns die Hitze - nun haben wir endgültig den heißen Abschnitt der Reise erreicht.
https://flic.kr/p/2jvvQSn

Über 2000 km hat der Himgiri Express zurückgelegt.
https://flic.kr/p/2jvvQUM

https://flic.kr/p/2jvAmqS

https://flic.kr/p/2jvzd2D

Geschrieben von: Entenfang am 12 Aug 2020, 11:22
https://flic.kr/p/2jvzd1B

Durch eine Unterführung...
https://flic.kr/p/2jvAmiC

...kommen wir zum Fähranleger.
https://flic.kr/p/2jvzcM5

Neues Bild für die Reisebüro-Serie - ich kann das Modell aber überhaupt nicht zuordnen. Es sieht irgendwie breitspurig aus...
https://flic.kr/p/2jvvQDg

Blick zurück zum mit 23 Gleisen größten und über 1 Mio. Fahrgästen täglich am stärksten genutzten Personenbahnhof Indiens
https://flic.kr/p/2jvAmfB

https://flic.kr/p/2jvvQrC

Vom Fähranleger fahren Schiffe in zwei verschiedene Richtungen ab. Diese haben jedoch keine separaten Anleger, sondern man muss durch ein Schiff auf das andere laufen.
https://flic.kr/p/2jvvQBc
Keine Ahnung, warum eine Lebensversicherung mit auf den Strand gephotoshoppten Fahrrädern wirbt...

Fähranleger auf der anderen Uferseite des Hugli-Flusses
https://flic.kr/p/2jvvQoM
Die Fahrkarten werden eingesammelt und über das Geländer in den Fluss geworfen - manche hat der Wind aber offenbar auf dem Pflaster verteilt.

https://flic.kr/p/2jvAkTe
Wir überqueren diesen BÜ, welcher von einigen Vorortzügen täglich befahren wird. Sehr schön finde ich, dass im gesamten Land offenbar die Daten aller Gleisbogen direkt auf einer Steintafel vermerkt sind. Vermutlich ist es im indischen Chaos andernfalls unmöglich, sie jemals wiederzufinden...

Weil das mit den Bussen so eine Sache ist, ...
https://flic.kr/p/2jvAkRv

Geschrieben von: Entenfang am 12 Aug 2020, 11:22
...denn sie halten nie richtig an, weil es in Kalkutta generell keine Haltestellen gibt...
https://flic.kr/p/2jvAkJ1

...und man weiß auch nicht so recht, wohin sie fahren.
https://flic.kr/p/2jvAkMY

Also nehmen wir ein Uber, stehen aber ewig im Stau. Würde es in Indien richtige Bürgersteige geben, wären wir zu Fuß schneller gewesen, nicht zuletzt, weil man in Kalkutta oft Umwege wegen der zahlreichen Einbahnstraßen fahren muss.

Unser Zimmer einer typischen Mittelklassen-Kette für 25 ¤ pro Nacht
https://flic.kr/p/2jvzcnC

Hurra, die Klimaanlage funktioniert und das warme Wasser auch! Und sogar das Bad ist sauber...

Da ich von der Sauberkeit begeistert bin, traue ich mich im Hotelrestaurant auch gleich an eines der wenigen Fleischgerichte, das ich in Indien unbedingt mal probieren will - Chicken Tandoori.
https://flic.kr/p/2jvzci9
Das Hähnchen wird in Joghurt und Gewürzen mariniert, ehe es (traditionell in einem Lehmofen) gegrillt wird. Lecker ist es auf jeden Fall!

Den Nachmittag nutze ich für eine Ruhepause, in der Hoffnung, meine Erkältung und den dadurch verursachten Husten endlich loszuwerden.

Abendspaziergang
https://flic.kr/p/2jvAkz8

https://flic.kr/p/2jvzccH

Oder doch schon wieder Bergwanderung?
https://flic.kr/p/2jvzc7s

Zum Abendessen suchen wir eine Kette, bekannt für ihren Fokus auf bengalische Spezialitäten, auf. Wir bekommen eine Speisekarte voller Gerichte, deren Namen wir noch nie zuvor gehört haben. Unsere Bitte um Empfehlung führt zu diesem Ergebnis:
https://flic.kr/p/2jvvPPL

Es gibt Gemüse, Dal und Paul nimmt auch noch Fisch dazu - das würde ich mich in Indien nie trauen, selbst wenn ich Fisch mögen würde.

Markt in einer Tramwendeschleife. Eigentlich müsste hier laut meiner Recherchen vor der Reise noch Betrieb stattfinden. Zumindest ein Gleis von vielen ist definitiv abgeschliffen.
https://flic.kr/p/2jvzbZ8

Ich warte ab und tatsächlich rumpelt nach einiger Zeit eine Tram heran. Doch ehe mir ein Nachtfoto gelingt, verschwindet sie schon wieder im Verkehrsgewühl. Zwei junge Männer sprechen mich an. Woher ich kommen würde? Ob mir Indien gefallen würde?
Währenddessen ruft ständig ein Mann "Hallo! Hallo!", doch ich ignoriere ihn einfach. Als ich mich schließlich zum Metroeingang begebe, raunzt er mich an, dass das Fotografieren in der Metro verboten wäre. Aha, hier befinden wir uns also in der Metro???
https://flic.kr/p/2jvzbXK

"Easy, easy," meinen die beiden Jungen nur, "many weird people here in India." Außerdem würde es ihrer Meinung nach zu viele Menschen geben, die nur herumsitzen und nicht arbeiten. Ob ich vielleicht gute Tipps hätte, wie man an ein Visum für Deutschland kommt?

Geschrieben von: Entenfang am 13 Aug 2020, 12:19
Tag 14 Kalkutta

https://flic.kr/p/2jvW4JW
So leer wie auf diesem Bild sind die Straßen seltenst - üblicherweise quält sich der Verkehr in Schrittgeschwindigkeit voran.
Ich versuche, den Tag gemütlich anzugehen und nehme die Metro zur Wendeschleife der Tram, an der ich gestern Abend erfolglos war.

Für deutsche Verhältnisse ist der Betriebsbeginn der U-Bahn sehr spät (sonntags erst ab 10:00 Uhr (!)) und der Betriebsschluss recht früh.
https://flic.kr/p/2jvRBqN

Die Nord-Süd-Linie ist Indiens erste U-Bahnstrecke. Das 1. Teilstück wurde 1984 eröffnet und in äußerst langsamem Tempo ausgebaut. Kurz vor unserem Besuch wurde ein kurzer Abschnitt der lange erwarteten Ost-West-Linie eröffnet, der jedoch noch keine Umsteigemöglichkeit zur Linie 1 bietet und recht weit außerhalb ist, sodass ich ihn nicht besucht habe. Ungewöhnlich ist, dass die Metro Kalkutta zu Indian Railways gehört. Daher ist es wenig verwunderlich, dass die Linie 1 auf indischer Breitspur verkehrt. Um die Beschaffung von Rollmaterial zu vereinfachen, werden alle neuen Linien inklusive der Linie 2 regelspurig sein.

18 Fahrzeuge der 1. und 2. Generation sind nicht klimatisiert, ab der 3. Generation kommt der Fahrgast in den Genuss dieses Luxus. Ein klimatisierter Zug der 3. Generation verlässt die Haltestelle Central, welche als einzige in der Innenstadt mit spanischen Bahnsteigen ausgestattet ist. Die Außenbahnsteige werden allerdings nicht genutzt und sind von einer dicken Staubschicht bedeckt.
https://flic.kr/p/2jvRBgz

Welkes Laub auf abgefahrenen Schienen
https://flic.kr/p/2jvW5xp

Wer mit der Tram fahren will, braucht viel Geduld, denn sie fährt äußerst selten... Da schaue ich mir noch das inmitten der Wendeschleife abgestellte und in ein Museum umgewandelte Fahrzeug an.
https://flic.kr/p/2jvUWVS

Obsthändler
https://flic.kr/p/2jvRB6j

Das Erbe der einstigen britischen Kolonialhauptstadt ist unübersehbar
https://flic.kr/p/2jvUWMA

Eine große Baustelle für die zweite Metrolinie hat zu weiteren "vorübergehenden" Streckenreduzierungen bei der Tram geführt.
https://flic.kr/p/2jvUWJQ

Vom Busbahnhof nach Süden müsste es eigentlich auch noch ein Tramstrecke geben. Also laufe ich durch diese Stände...
https://flic.kr/p/2jvRB3P

...zu diesem riesigen Platz, auf dem hunderte Busse und Taxis stehen.
https://flic.kr/p/2jvW59J

Gleis und Oberleitung sind zumindest da. Jetzt fehlt nur noch ein Schienenfahrzeug...

Ständig bieten Taxifahrer ihre Dienste an. Jemand fragt mich, ob ich wohl den Bus nach Darjeeling suchen würde. Nein, eigentlich die Tram.

Geschrieben von: Entenfang am 13 Aug 2020, 12:19
Blinder Passagier
https://flic.kr/p/2jvRAPs

Als die Tram klingelnd in Schrittgeschwindigkeit nach mehr als einer Viertelstunde Wartezeit endlich kommt, müssen erst mal diverse Fahrzeuge umgeparkt werden, um sie passieren zu lassen.
https://flic.kr/p/2jvRAMi

Die Lücken verschwinden ganz schnell wieder.
https://flic.kr/p/2jvRAJn

Nach nur kurzer Wendezeit kämpft sich die Tram wieder durch das Chaos.
https://flic.kr/p/2jvUWiz

Mit der Metro fahre ich zurück zum Marmorpalast, für dessen Besichtigung man erst bei einer Touristeninformation eine besondere Erlaubnis abholen muss. Da diese aber nicht passgebunden ist, könnte man es auch gleich sein lassen.
Einer von uns muss sich mit Geburtsdatum und Adresse in ein Gästebuch eintragen und der Wachmann erklärt uns gleich, dass man drinnen auf keinen Fall fotografieren dürfe, weil es sich um eine private Ausstellung handelt. Wir setzen uns zuerst in den Park und lauschen dem Vogelzwitschern. Wie sehr wir uns doch nach Ruhe sehnen...
https://flic.kr/p/2jvRAqr

Vor dem Eingang in den Palast müssen wir unsere Schuhe ausziehen, während irgendwelche Einheimische einfach mit Schuhen reinlatschen. Und unsere Rucksäcke dürfen wir auch nicht mitnehmen. Schweren Herzens muss ich meine Kamera wohl unbeaufsichtigt lassen - leider lassen sich gewisse Risiken in Indien einfach nicht vermeiden.
Wir müssen erstmal auf einer Bank im Eingangsbereich platznehmen, bis nach wenigen Minuten ein Guide kommt, der uns durch die Räume führt. In kaum verständlichem Englisch nuschelt er das, was ohnehin schon auf den Schildern vor den Kunstwerken steht. "Black dog. Jupiter. Italian marble." Ein Mann wedelt mit einem Besen herum. Auch wenn es sich um ein sehr prächtiges Gebäude handelt, nagt der Zahn Indiens deutlich erkennbar daran. Und warum stellt man irgendwelche Vitrinen und Skulpturen direkt vor Gemälde...?

Seitenstraße
https://flic.kr/p/2jvUWad

https://flic.kr/p/2jvW4B1

Ebenfalls unzweifelhaft ein koloniales Erbe, das ich nur in Kalkutta gesehen habe, sind diese Handkarren.
https://flic.kr/p/2jvRAje

Dass darauf mal vor etlichen Jahrzehnten Kolonialherren durch die Hitze gezogen wurden, kann ich mir gut vorstellen. Im Zeitalter der Autos wirken sie dagegen hoffnungslos aus der Zeit gefallen. Ihre Benutzung durch Einheimische konnte ich einige Male beobachten, um schwere Lasten wie Säcke oder Bauteile zu bewegen.

Mittagssnack gibt's in einem Café, welches mit Pizza und Maggi wirbt und rappelvoll mit indischen Studenten ist. Dass die Zielgruppe eindeutig Einheimische sind, merkt man nicht zuletzt am Plumpsklo, welches sich in einem Anbau außerhalb des Gebäudes befindet.

Mit einem Uber kämpfen wir uns durch den endlosen Stau Richtung Howrah Bridge. Unter einer Schnellstraßenbrücke wendet dort eine modernisierte Tram in einem Wendehammer inmitten des dichten Autoverkehrs.
https://flic.kr/p/2jvUW27

In der Nähe gibt es einen Blumenmarkt, den wir uns ansehen wollen.
https://flic.kr/p/2jvW4oa

Geschrieben von: Entenfang am 13 Aug 2020, 12:20
Allerdings ist er derart überlaufen, dass die Besichtigung überhaupt keinen Spaß macht und ich ständig Angst habe, dass mir im Gedränge jemand etwas aus dem Rucksack klaut.
https://flic.kr/p/2jvUVHX

https://flic.kr/p/2jvW4j2

https://flic.kr/p/2jvRzUb

Als sich auch noch Fahrradrikschas klingelnd und Kleintransporter hupend rücksichtslos ihren Weg durch die Menschenmassen bahnen, wird es mir endgültig nicht mehr geheuer und ich flüchte über eine Treppe auf die Howrah Bridge, um einen besseren Überblick zu bekommen.
https://flic.kr/p/2jvUVzA

https://flic.kr/p/2jvRzHz

https://flic.kr/p/2jvW3YC

Ich plane, mit der Tram zurückzufahren. Doch ich warte eine halbe Stunde im Verkehrsgewühl und keine Tram in Sicht.
https://flic.kr/p/2jvW3W8

Daher riskiere ich doch mal eine Busfahrt. Von hier zur nächsten Metrostation zweigen nur kleine Seitenstraßen ab, sodass ich mir sicher sein kann, dass alle 1000 Busse die richtige Strecke fahren werden. Das Auf- und Abspringen während der Fahrt finde ich stark gewöhnungsbedürftig und ich beobachte erst ein paar Einheimische dabei, ehe ich mich selbst traue. Ganz wohl ist mir allerdings nicht dabei und so bin ich ganz froh, dass der Bus zufällig doch vollständig anhält.
https://flic.kr/p/2jvW3TC

Die Busbegleiter stehen stets in der offenen Tür und plärren ununterbrochen irgendwas. Ob das Hinweise an den Busfahrer sind oder der Fahrgastakquise dienen soll, weiß ich nicht.
Langsam, aber sicher bringt mich der Bus zur Metro und ich fahre zum Supermarkt. Glücklicherweise muss ich meinen Rucksack hier im Gegensatz zu Allahabad nicht abgeben, sondern ein Wachmann am Eingang verschließt den Reißverschluss mit Kabelbindern.
Meine Bekannte hat mir einen indischen Hustentee mit Kräuterzusatz empfohlen, um endlich meinen Husten loszuwerden. Taschentücher bräuchte ich inzwischen auch wieder dringend, finde aber keine.

Ein Tourist filmt den chaotischen Verkehr einer großen Kreuzung. Natürlich darf auch ein kurzer Blick in die Tramwendeschleife nicht fehlen.
https://flic.kr/p/2jvW3Nh

"Photo, please!"
https://flic.kr/p/2jvUVk2

Geschrieben von: Entenfang am 13 Aug 2020, 12:20
Ein Bus wartet auf seinen nächsten Einsatz
https://flic.kr/p/2jvRzqL

Verkaufsstand
https://flic.kr/p/2jvRztr

https://flic.kr/p/2jvRzob

Abendspaziergang
https://flic.kr/p/2jvRzmc
Überall liegen Gleise im Teer, doch viele sind stillgelegt.

Ich entdecke einen kleinen Laden, der Papiertaschentücher verkauft. Der Verkäufer bietet mir eine einzelne Packung mit 10 Taschentüchern an. Mehr, viel mehr, bitte... Er nimmt eine neue Packung, wie sie bei uns üblich ist und will sie schon aufreißen. Ich halte ihn davon ab und kaufe sie zu seiner großen Überraschung komplett. Wenn meine Erkältung so weitergeht, wird es wegen mir bald einen Taschentuchmangel in Indien geben.

Eine Wonton-Suppe ist eine willkommene Abwechslung und gut für meinen rauen Hals.
https://flic.kr/p/2jvRzhK

Geschäftiges Treiben in den abendlichen Seitengassen
https://flic.kr/p/2jvRzeD

Geschrieben von: einen_Benutzernamen am 13 Aug 2020, 16:16
cool.gif Hast du wenigstens ein paar Ountis getroffen?

Geschrieben von: Entenfang am 14 Aug 2020, 11:17
QUOTE (einen_Benutzernamen @ 13 Aug 2020, 16:16)
cool.gif Hast du wenigstens ein paar Ountis getroffen?

Bitte wen oder was? huh.gif



Tag 15 Kalkutta

Zum Start in den Tag gibt es ein sparsames Frühstück, denn mehr als zwei Scheiben Toast mit einer winzigen Packung Glibberpaste und Butter und ein kleines Omelette stehen einem Hotelgast nicht zu.

Los geht's mit der U-Bahn. Auch wenn es nicht so aussieht, handelt es sich um einen klimatisierten Zug der dritten Generation mit Baujahr ab 2010.
https://flic.kr/p/2jwabVV

Offenbar sind immer beide Führerstände besetzt, wie am herausgestreckten Kopf zu erkennen ist. Der Mitarbeiter im hinteren Führerstand hilft beim Abfertigen der rund 150 m langen Züge.

https://flic.kr/p/2jwdt86
Etliche Einbahnstraßen wechseln je nach Tageszeit ihre Richtung.

https://flic.kr/p/2jweCRd
Statue der ehemaligen Premierministerin Indira Gandhi, die 1984 ermordet wurde. Tote gab es in Indien aufgrund religiöser Konflikte leider in der Vergangenheit sehr viele - und bevor sich die Welt nur noch für Corona interessierte, wurde vom Premierminister Modi ein äußerst umstrittenes Gesetz zur Bevölkerungsregistrierung, das von Muslimen jahrzehntealte Dokumente verlangt, verabschiedet.
https://www.nbcnews.com/think/opinion/india-s-new-anti-muslim-law-shows-broad-allure-right-ncna1112446

Das koloniale Erbe ist in den breiten, grünen Boulevards unübersehbar. Sogar Fußwege haben die Briten gebracht!
https://flic.kr/p/2jwabu4

https://flic.kr/p/2jweAHq

St. Paul's Cathedral
https://flic.kr/p/2jwdsPW

https://flic.kr/p/2jwabyc

Victoria Park
https://flic.kr/p/2jwabpK

Victoria Memorial - ich fühle mich nach London versetzt.
https://flic.kr/p/2jweCsC

https://flic.kr/p/2jweANA

Geschrieben von: Entenfang am 14 Aug 2020, 11:18
Ich setze mich auf eine schattige Bank und genieße es, das Gehupe und Dröhnen der Stadt nur ganz am Rande zu hören. In den Vordergrund drängen sich das laute Geplapper und Telefonieren der Einheimischen sowie über Handys abgespielte Musik.
https://flic.kr/p/2jwdqV5

Ich laufe zur nächsten Tramstrecke und hoffe auf eine stadtauswärtige Abfahrt. Ich setze mich auf ein Mäuerchen und warte. Zeit verliert an Bedeutung, wenn man in einem Land wie Indien unterwegs ist. Es vergehen über 15 Minuten, ehe eine Tram kommt. Leider fährt sie nicht in die erhoffte Richtung. Da ich mir nahezu sicher bin, dass kein weiterer Kurs stadtseitig unterwegs ist, müsste ich auf die Rückkehr dieses Wagens warten.
https://flic.kr/p/2jweADh[
Ehe ich noch ewig herumsitze, steige ich lieber ein, um zur Esplanade zurückzufahren. Hier im Park gibt es wenigstens einen eigenen Gleiskörper.

Besonders überfüllt sind die Trambahnen normalerweise nicht, da sie so selten und langsam fahren, dass ihre Nutzung für den normalen Fahrgast sehr unattraktiv ist.
https://flic.kr/p/2jwdqyD

Als wir uns dem chaotischen Busbahnhof nähern, müssen wieder erst unzählige Fahrzeuge umgeparkt werden, um die Tram passieren zu lassen - der Polizeiwagen braucht dafür gleich mehrere Minuten.
https://flic.kr/p/2jwa9ps

Die Tram wendet im Gewusel - zum Glück dauert das Umparken der Fahrzeuge so lange, dass ich problemlos zu Fuß mitlaufen kann und mehrere Versuche habe und zumindest ein Bild erhalte, das nicht komplett zugelaufen ist.
https://flic.kr/p/2jweApK

Für das Mittagessen suche ich nochmal die bengalische Kette auf. Im Eingangsbereich warten um die 10 Menschen auf einen freien Tisch und der Wachmann erklärt, dass ich kurz warten müsste. Doch schon nach weniger als einer Minute werde ich vor den Einheimischen durchgewunken - ganz wohl fühle ich mich dabei nicht. Das Restaurant ist voller Büroleute in der Mittagspause, aber auch einige Familien sind dabei.

An einer längeren Tramfahrt führt kein Weg vorbei, denn für mich ist sie klar das verkehrliche Highlight der Reise. Also suche ich mal wieder die großzügige Wendeschleife auf.
Statt einer Tram stolpere ich aber erst über diesen fabrikneuen Elektrobus.
https://flic.kr/p/2jwdqmV

Nach etwa einer Viertelstunde kommen gleich drei Trambahnen hintereinander.
https://flic.kr/p/2jweAhA

Ich hoffe auf eine Linie 5 nach Norden, um von der dortigen Endstation mit der Metro zurückfahren zu können. Glücklicherweise ist die gewünschte Linie dabei.
Los geht's.
https://flic.kr/p/2jwa96G

Bimmelnd kämpft sich der Wagen Meter für Meter voran.
Autos und Mofas müssen umgeparkt werden...
https://flic.kr/p/2jweAag

https://flic.kr/p/2jwabhv

Geschrieben von: Entenfang am 14 Aug 2020, 11:24
Die Fahrt hat etwas Historisches - beide Wagen sind mit Schaffnern begleitet, die Fahrkarten für 9 Cent verkaufen. Da es keine festen Haltestellen gibt, zieht der Schaffner einmal an einer Schnur und es klingelt. So weiß der Fahrer, dass jemand aussteigen möchte. Wer zusteigen möchte, winkt am Straßenrand oder springt einfach während der Fahrt auf.
https://flic.kr/p/2jwdsiv
Zum Abfertigen klingelt erst der Schaffner hinten zweimal, dann der im vorderen Wagen zweimal und der Fahrer setzt die Fahrt fort. Manchmal kommen wir keine 50 m weit, ehe wieder jemand ein- oder aussteigen möchte.

Durch eine quirlige Einkaufsstraße geht es Richtung Norden. Hier ist der Verkehr zwar nicht so dicht, aber dafür möchte ständig jemand ein- oder aussteigen und wir fahren selten mehr als 100 m am Stück. Ding. Halten. Dingding. Bw fertig. Dingding. Tw fertig. Ruckartig setzt sich die Tram wieder in Bewegung.

https://flic.kr/p/2jwdsc3

Manchmal sind die Gleise für eine Weile blockiert.
https://flic.kr/p/2jweC39

Ein aussichtsloser Versuch, die Menschen zu weniger Hupen zu erziehen
https://flic.kr/p/2jweBU8

Was auch immer das mal werden sollte, es ist nicht fertiggestellt worden.
https://flic.kr/p/2jweBQk

Besonders interessant sind Abbiegemanöver, weil die Gleise eigentlich immer durch Gegenverkehr belegt sind. Dann hilft nur viel Winken, Rangieren und vor allem viel, viel Geduld.
https://flic.kr/p/2jwdrSA
Die hier gezeigte Strecke ist aber ohnehin "vorübergehend" wegen den Bauarbeiten an der Metrolinie 2 eingestellt.

Die Endstation Shyambazar macht ihrem Namen alle Ehre
https://flic.kr/p/2jweBvH
Angesichts des beschriebenen Fahrtverlaufs wird es niemanden wundern, dass wir für 5,2 km satte 45 Minuten benötigen, was einem Schnitt von rund 7 km/h (!) entspricht.

Die zugehörige Abstellanlage
https://flic.kr/p/2jwdrNc

Der Personalraum
https://flic.kr/p/2jweBBE

Warten auf den nächsten Einsatz
https://flic.kr/p/2jwdrD9

Geschrieben von: Entenfang am 14 Aug 2020, 11:24
Und weil es so schön ist, noch ein Bild der Abfahrt in den letzten Sonnenstrahlen des Tages
https://flic.kr/p/2jwdrxN

Ein paar Sprüche auf dem Bus - aber ich sage ganz klar: Safe drive - save life auf ein Fahrzeug draufzuschreiben, reicht nicht. Man muss schon selbst entsprechend handeln...
https://flic.kr/p/2jwaakf


https://flic.kr/p/2jwdrsx
Eine Kreuzung in der Nähe. Die weitere Strecke ist bereits eingestellt und das einst riesige Depot Belgachia wird offenbar jetzt für Busse genutzt.
https://goo.gl/maps/4ksTPd68nZUgof2G7

Der Tabakverkäufer bittet um ein Foto
https://flic.kr/p/2jwaaeo

Ich habe Mühe, vor lauter Marktständen den Metroeingang zu finden und fahre schließlich zurück nach Süden. In der Park Street sind einige europäische Verpflegungsmöglichkeiten beheimatet, darunter auch ein Café. Ein Wächter öffnet mir die Tür. Es handelt sich um ein riesiges Wiener Café und ist fast vollständig mit Einheimischen gefüllt. Entenfang gönnt sich richtig - einen Cappuccino, ein Stück Kuchen und eine Leipziger Lerche (mit Marzipan) zum Preis eines indischen Mittagessens. Ahhh, köstlich...
https://flic.kr/p/2jwdrj1

Auf dem Rückweg zur Metro
https://flic.kr/p/2jwaa93

Eines ist klar - ich möchte den Abend für eine Nachtfahrt mit der Tram nutzen. Die Musik des in Dauerschleife auf den zahlreichen Fernsehern in der Station Esplanade laufenden Filmtrailers begrüßt mich jedes Mal aufs Neue, als ich aus in der nun herrschenden HVZ sehr vollen U-Bahn aussteige.

Wenig später stehe ich wieder in der Wendeschleife. Nach eigenen Sichtungen müsste es noch zwei andere Linien geben, die hier abfahren. Nach rund zehn Minuten fahren wieder drei Bahnen auf einmal ein. Die erste ist eine 5, die kenne ich schon. Die hinteren beiden sind 25er.
https://flic.kr/p/2jwdrcT

https://flic.kr/p/2jweB8Z

Ich nehme die hintere 25 und setze mich in den Bw, welcher mit Längsbestuhlung ausgestattet ist.
https://flic.kr/p/2jwdqYX

Im Tw gibt es teilweise Querbestuhlung und größere Ventilatoren, daher bevorzugen ihn die meisten Fahrgäste.
https://flic.kr/p/2jwa9YP
Die Auslastung ist gering - soweit ich es erkennen kann, sind Zusteiger unterwegs vor allem Gelegenheitsfahrgäste, die einsteigen, weil die Tram gerade zufällig vorbeikommt.

Der Schaffner spricht mich an - überraschenderweise in perfektem Englisch, womit ich bei seinem Beruf nicht gerechnet habe. Ja, ich interessiere mich für Straßenbahnen und finde den Betrieb hier wirklich faszinierend. Leider würden die Fahrzeuge nicht gut gewartet, meint er bedauernd. Wie alles in Indien..., denke ich. Er erzählt weiter, dass auch sein Vater und Großvater bei der Tram beschäftigt waren und er jetzt auch schon über 30 Jahre dabei wäre. Er hat den Niedergang der Straßenbahn Kalkutta in voller Länge miterlebt - zu Beginn waren über 250 Fahrzeuge gleichzeitig im Einsatz, heute sind es weniger als 20. Damals wären die Straßen komplett frei gewesen, aber heute herrscht das totale Chaos. Die Regierung würde sich wenig um die Tram kümmern, aber er ist sich sicher, dass sie nie ganz eingestellt wird. Zumindest ein Alibi-Fahrzeug würde weiterfahren, denn eine komplette Stilllegung scheut die Regierung auch, weil doch zahlreiche Einheimische von diesem Verkehrsmittel begeistert wären.
In der Tat ist mir aufgefallen, dass mehrfach die vorbeifahrende Tram von Passanten gefilmt wurde. Zwei weitere Männer sitzen in der Nähe und quatschen auch mit dem Schaffner. Gelegentlich stellen sie mir eine Frage in einer Mischung aus Hindi und Englisch, die ich kaum verstehen kann. Der Schaffner dolmetscht.

Besonders hart wird der Kampf, als wir eine Einbahnstraße entgegen ihrer Fahrtrichtung befahren müssen. Für 1,5 km brauchen wir vermutlich über 15 Minuten, nicht zuletzt, weil auch noch zwei Falschparker die Gleise blockieren und erst durch Dauerbimmeln herbeigeordert werden müssen.

Nach gut 50 Minuten erreichen wir die Endstation Gariahat Tram Depot, was einem Schnitt von rund 7 km/h entspricht. Da wird das Abfahren einer Tramlinie zum Halbtagesausflug. Der Schaffner meint zu mir, er hätte jetzt erstmal eine Stunde Pause und würde kurz vor 9 wieder zurückfahren. Ich könne doch wieder mitfahren.
Warum eigentlich nicht? Die Pause lässt sich hervorragend nutzen, um das Abendessen einzunehmen. Hoffentlich reicht die Zeit...

Geschrieben von: Entenfang am 14 Aug 2020, 11:24
Im Depot stehen einige Fahrzeuge im Dämmerlicht, doch ein Wachmann schaut schon schief, bevor ich die Kamera überhaupt zücke und so versuche ich es lieber von draußen.
https://flic.kr/p/2jweB2g

Doch sofort taucht ein anderer Wachmann auf und verbietet weitere Fotos. Grmpf.

Die erste Option für das Abendessen ist zwar auf Google Maps eingetragen, ich finde sie aber nicht in der Realität. Bei der zweiten Option werde ich fündig und schaffe es problemlos bis 20:45 Uhr zurück zum Depot.
https://flic.kr/p/2jwa9SS
Kurz vor neun taucht der Fahrer wieder auf, ich steige als einziger Fahrgast in den Bw ein. Da kommt auch schon der Schaffner und die beiden anderen Männer, die bereits auf der Hinfahrt mitgequatscht haben und offensichtlich auch nur spazieren fahren.

Auf den nun deutlich leereren Straßen geht es zügiger voran, aber kaum weniger laut. Durch die offenen Fenster dringen das Rattern und Hupen ungedämpft herein und macht eine Unterhaltung sehr schwierig. Die beiden Männer steigen unterwegs irgendwann aus und ich bleibe die restliche Fahrt allein mit dem Schaffner im Beiwagen. "Die fahren nächste Woche zurück nach Bangladesch. Und du bald nach Deutschland...", meint er. Es wird sicher noch weitere gesprächsfreudige Fahrgäste geben...
Der Schaffner erzählt mir noch, dass er zu einer christlichen Minderheit gehört, die auf Ehen von Briten während der Kolonialzeit mit Einheimischen zurückgeht und deren Muttersprache Englisch ist. Er bittet um ein gemeinsames Foto und schießt ein verwackeltes Selfie.
Kalkutta würde ihm eigentlich gar nicht gefallen, obwohl er hier schon sein ganzes Leben verbracht hat. Er träumt von einem Leben in Europa, wo es laut den Fernsehdokus, die er gesehen hat, sauber und gut organisiert ist. Außerdem hätte er auch Freunde in Europa, Dubai und Kanada und dank Internet wäre ja die Kommunikation auch sehr einfach und billig.
Er fragt schließlich danach, ob wir denn in Deutschland auch einen Straßenbahnbetrieb hätten. Nicht einen, sondern 57. Während der Fahrt kann man bei uns aber nicht ein- und aussteigen. Wie das? Wir haben automatische Türen, die elektrisch betrieben sind und während der Fahrt verschlossen sind. Für einen Straßenbahner aus Kalkutta muss das mindestens genauso absurd klingen wie für uns das Auf- und Abspringen während der Fahrt...

Bis auf einen Taxifahrer, der auf der Gegenfahrbahn an der Kreuzung steht und deswegen die Gleise blockiert sowie einem am Straßenrand parkenden LKW, dessen Passieren Millimeterarbeit erfordert, läuft alles rund und nach weniger als 40 Minuten sind wir "schon" wieder zurück in der Wendeschleife Esplanade - immerhin ein Schnitt von fast 10 km/h.

Bewegtbilder? Hier, bitte:
https://www.youtube.com/watch?v=pMxp4YKKPqs

Der Filmtrailer empfängt mich in der U-Bahnstation. Es ist immer wieder lustig anzuschauen, wenn Leute nicht wissen, wie man eine Rolltreppe benutzt. Auch eine halbe Stunde vor Betriebsschluss sind die Bahnen noch gut gefüllt.
Noch immer verzaubert von der stimmungsvollen Nachtfahrt fahre ich zurück zum Hotel. Sie wird mein schönstes Erlebnis der Reise bleiben.

Geschrieben von: einen_Benutzernamen am 14 Aug 2020, 15:15
https://www.google.com/search?client=firefox-b-d&q=indian+Auntie biggrin.gif

Geschrieben von: Entenfang am 15 Aug 2020, 22:37
Tag 16 Nationalpark Sundarban

Morgens um halb acht, kurz nach Betriebsbeginn, ist die U-Bahn noch nicht sehr voll. In Indien beginnt der Tag eher spät. Wir haben eine dreitägige Tour in den Nationalpark des Gangesdeltas gebucht. Fünf weitere Rucksacktouristen warten schon, doch natürlich startet die Tour nicht pünktlich um acht, sondern um halb neun. Mit einem Kleinbus fahren wir durch den noch lockeren Verkehr stadtauswärts. Am Rande einer Schnellstraße halten wir an, um noch Einheimische aufzunehmen, die ebenfalls mitkommen. Schließlich lassen wir Kalkutta auf einer engen und stark befahrenen Landstraße zurück.
Am Horizont taucht eine Hügelkette auf. "Guess, what it is", meint der Führer leicht verschmitzt zu uns.
Ein Bild gelingt mir aufgrund der großen Entfernung nicht, aber bei Street View bin ich fündig geworden.
https://goo.gl/maps/J5kQrDjW3jUHSroK6
Morgen gibt's die Auflösung.

Wir kommen langsam voran, denn auf der schmalen Straße sind zahlreiche LKW und Rikschas unterwegs und allzu eilige Fahrer werden doch heftige Bodenwellen ausgebremst. Übler Gestank zieht durch die offenen Fenster herein - wir passieren Ledergerbereien. "The air will get better now", meint der Führer.

In der Tat, nach fast zwei Stunden Fahrzeit bessert sich die Luftqualität endlich. Nur in den Ortsdurchfahrten gibt es wieder das übliche Gehupe, den Trubel und die dicke Luft. Je weiter wir fahren, desto dünner wird der Verkehr. Doch auf einem Stück wird der Straßenzustand derart katastrophal, dass wir keine 30 km/h mehr schaffen.

Kurze Pause in einem kleinen Ort unterwegs
https://flic.kr/p/2jwFUdh

Der Bus ist für indische Verhältnisse in einem wirklich guten Zustand, der Boden wurde allerdings schon seit Jahren nicht mehr gewischt und ist so klebrig, dass es richtig unangenehm ist, die Wasserflasche anzufassen, nachdem sie mir einmal runtergefallen ist.
https://flic.kr/p/2jwH2m9

https://flic.kr/p/2jwFU4K

Die Landschaft zieht vorbei...
https://flic.kr/p/2jwCAsW

https://flic.kr/p/2jwFTSs

Nach mehr als dreieinhalb Stunden Fahrzeit (Pause nicht mitgerechnet) erreichen wir endlich das Straßenende. Nach 90 km auf holprigen Straßen und waghalsigen Fahrmanövern wird mir langsam schlecht.
Während uns empfohlen wurde, nur das absolut nötige Minimum mitzunehmen, scheint das für Einheimische nicht zu gelten (oder sie bleiben einfach länger) und so tragen einige Inder Rollkoffer über ihrem Kopf zum Fähranleger.
https://flic.kr/p/2jwFTM7

https://flic.kr/p/2jwCA8H

Wir werden auf ein Schiff gelotst, dessen Bestuhlung aus ausgemusterten Autositzen besteht. Für die nächsten zwei Stunden tuckern wir durch die weitläufigen Flussarme.
https://flic.kr/p/2jwH1Pn

Es handelt sich um Brackwasser, also Salzwasser und wird von Ebbe und Flut beeinflusst. Daher ist aufgrund der gerade herrschenden Ebbe der Schlick rechts gut zu sehen.

Nur Mangroven kommen mit dem Salzwasser gut zurecht und bilden daher die Hauptvegetation.
https://flic.kr/p/2jwH1L6

Der Nationalpark ist bekannt für den bengalischen Tiger, welcher jedoch für die Einheimischen eine große Gefahr darstellt. In den letzten Wochen gab es mehrere Tote durch Tiger und die Regierung versucht, durch Zäune wie im Bild den Tiger von Siedlungen fernzuhalten.

Irgendwie habe ich mir die Landschaft völlig anders vorgestellt - einsamer, höher und dichter bewaldet, nicht so weitläufig...
https://flic.kr/p/2jwCzW5

Geschrieben von: Entenfang am 15 Aug 2020, 22:38
Ziel erreicht
https://flic.kr/p/2jwCzSC

Auch unsere Unterkunft habe ich mir anders vorgestellt - eher einsam im Wald gelegen als in einem Dorf.
https://flic.kr/p/2jwFTbT

https://flic.kr/p/2jwH1xk
Immerhin sind die Lehmhütten sehr bequem und bieten abgesehen von warmem Wasser eigentlich alles, was man braucht.

https://flic.kr/p/2jwCyE2
Wir bekommen eine ausgiebige Stärkung nach der langen Reise im offenen Speiseraum und werden dann durch das Dorf und die Umgebung geführt.
https://flic.kr/p/2jwFT4o

https://flic.kr/p/2jwH1by

Zur Vogelbeobachtung habe ich eindeutig nicht die geeignete Kamera.
https://flic.kr/p/2jwCzqA

Welch eine Wohltat, dass man beim Spaziergang nicht ständig angehupt wird, sondern höchstens von Fahrradfahrern angeklingelt wiHUUUUUUP!
Seufz, wäre ja auch zu schön gewesen. Leider gibt es auch hier Mofas.

https://flic.kr/p/2jwCzfk
Dass es hier so weitläufige Felder gibt, hätte ich mir nie vorgestellt. Und Menschenansammlungen erst...

https://flic.kr/p/2jwGZZ1
Der Hahnenkampf scheint ein wichtiges Event zu sein, ich finde es pure Tierquälerei. Man beachte die Zusammensetzung der Zuschauer - keine einzige Frau.

Geschrieben von: Entenfang am 15 Aug 2020, 22:38
Langsam nähert sich die Sonne dem Horizont
https://flic.kr/p/2jwGZUw

https://flic.kr/p/2jwGZPr

https://flic.kr/p/2jwGZJg

https://flic.kr/p/2jwCyQN

https://flic.kr/p/2jwFShy
Meine Erkältung schlägt plötzlich nochmal richtig zu und ich ruhe mich lieber aus, statt eine Bootstour zu machen. Später bitte ich in der offenen Küche um einen Tee gegen meinen immer schlimmeren Husten. Eine alte Frau sitzt im Schneidersitz auf dem Boden und schnippelt irgendwelche Kräuter. Sie schöpft ein wenig Wasser aus irgendeiner Tonne, bringt es zum Kochen und schenkt es mir in ein Glas ein. Ich habe größte Schwierigkeiten, das heiße Glas zur Hütte zurückzubringen. Der Tee schmeckt erdig. Hoffentlich macht das mein Magen mit...

Nach dem Abendessen gibt es eine Nachtbootstour. Der Sternenhimmel und das gleichmäßige Platschen des Ruderers strahlen eine fantastische Ruhe aus. Noch schöner wäre es sicher gewesen, wenn nicht ab und zu jemand das Handy oder eine Kopflampe einschalten würde, obwohl der Führer ausdrücklich darum gebeten hat, das nicht zu tun. Und dann noch schön ein Selfie mit Blitz... Der Ruderer protestiert irgendwas und der Führer übersetzt, dass er wegen dem ganzen Licht nichts sehen könne.
Als wir zurückkehren, passieren wir einen kleinen Tempel, an dem einige Leute sitzen, kochen und aus einem Ghettoblaster europäische Partymusik hören.

Geschrieben von: Entenfang am 16 Aug 2020, 11:18
Tag 17 Nationalpark Sundarban

Auflösung von gestern: Ich habe es schon geahnt - es ist ein Müllberg. Auf dieser Müllkippe werden die Überreste der 15-Millionen-Metropole gesammelt, teilweise sortiert und recycelt, teilweise verbrannt.


Ich gönne mir einfach einen Tag Ruhe. Ich lausche dem Schnattern der Gänse und dem Gackern der Hühner.
https://flic.kr/p/2jwQrbo

Freche Vögel stürzen sich auf die Essensreste, sobald ein Tisch geräumt wird.
https://flic.kr/p/2jwRykn

Es gibt wohl schlimmere Orte, um eine Erkältung auszukurieren...
https://flic.kr/p/2jwQr5G

Ein alter Mann kehrt in Zeitlupentempo irgendwelche Blätter herum.
Ich bitte nochmal um heißes Wasser für Tee, nehme aber Mineralwasser zur Küche mit. Die alte Frau wäscht Geschirr im Tümpel. Der Tee schmeckt heute nicht erdig. Sie gibt mir noch einige Stücke Ingwer gegen meinen Husten.

Nachmittags fühle ich mich erholt und fit für eine kleine Bootstour.
https://flic.kr/p/2jwRy4q

https://flic.kr/p/2jwQqV3
Leider bin ich ausschließlich mit Indern auf einem Boot und das bedeutet nicht nur, dass es keine englischen Erläuterungen gibt, sondern vor allem, dass permanent jemand telefoniert.
Aus der Ferne schallt Musik über das Wasser.

Plötzlich bringt der Bootsführer den Kahn am Ufer im Schlick zum Stehen. Der Führer meint, jetzt sollten wir die Schuhe ausziehen und aussteigen. Ich glaube zuerst an einen Scherz, doch als er selbst mit hochgekrempelten Hosen rausspringt und fast bis zu den Knien im Schlick versinkt, traue ich meinen Augen zunächst nicht.
https://flic.kr/p/2jwM7Nz

Nach zwei Minuten springe ich schließlich auch in den Schlick. "Leave your camera here!", meint ein Inder besserwisserisch. Im Gegensatz zu deinem iPhone kann ich die wunderbar und sicher um den Hals hängen, denke ich nur. Zwei Inderinnen jammern zuerst ein wenig herum, lassen sich dann aber doch überzeugen. Die Ausländer dagegen haben vom ersten Moment an einen Heidenspaß an der Aktion.

"Hier, guckt mal, ein Krebs!", ruft der Führer und sammelt einen annähernd handtellergroßen aus dem Schlick auf, "davon gibt es hier ganz viele!" "Oh god, no one wants to know...", jammert eine Inderin, während der Führer offenbar Spaß daran hat, alle Anwesenden ein wenig zu schocken. Dazu sei gesagt, dass die Einheimischen vermutlich alle aus der indischen Mittelschicht kommen und vermutlich nur in klimatisierten und sauberen Räumen sowie im Auto unterwegs sind, während jeder Ausländer hier gewiss einen Hang zum Abenteuer mitbringt.

"Come this side!" ruft mir der Besserwisser zu, als ich zum Boot zurückkehre. Das Boot hat schon bedenkliche Schlagseite in diese Richtung und der Bootsführer deutet hektisch auf die andere Seite. "Come here, come here!", insistiert der Besserwisser. Isjagut. Ich ignoriere ihn und klettere auf der anderen Seite rein.
In gemütlichem Tempo schaukelt die Nussschale zurück zum Dorf. Zwei Inder telefonieren ununterbrochen, darunter der Besserwisser.

Geschrieben von: Eisenbahnfreak2000 am 16 Aug 2020, 15:25
Wow, ich bin etwas spät mit meiner Antwort wie ich sehe, aber bin erst seit neuem in dem Forum.
Richtig guter Reisebericht, ich werde auch mal dort hinfahren!

Geschrieben von: Entenfang am 17 Aug 2020, 12:27
QUOTE (Eisenbahnfreak2000 @ 16 Aug 2020, 15:25)
Wow, ich bin etwas spät mit meiner Antwort wie ich sehe, aber bin erst seit neuem in dem Forum.
Richtig guter Reisebericht, ich werde auch mal dort hinfahren!

Dann willkommen bei uns und danke für die positive Rückmeldung! Willst du trotz oder wegen meines Reiseberichts nach Indien oder weil du schon immer wolltest? biggrin.gif


Tag 18 Kalkutta

Ein guter Tag beginnt mit einem üppigen Frühstück.
https://flic.kr/p/2jxeUBA
Zu den Chapati gibt es Gemüse in einer Soße, gebratenes Gemüse ohne Soße, hinten mutmaßlich Ei und der kleine Block links daneben ist eine Süßigkeit.

Anschließend gibt es einen Abschiedsspaziergang durch die nähere Umgebung.
https://flic.kr/p/2jxatdt

https://flic.kr/p/2jxat6Q

https://flic.kr/p/2jxat1j

https://flic.kr/p/2jxdNqd

https://flic.kr/p/2jxeUbL
Überall herrscht geschäftiges Treiben, es wird gewerkelt und geschafft. Hühner picken, Hähne krähen und Kühe mampfen Stroh. Enten futtern sich durch Wasserpflanzen. Die Felder werden durch in den Tümpeln gesammeltes Regenwasser bewässert. Es ist ein Wunder, dass Mofas einfach vorbeifahren können, ohne zu hupen. Nach zwei Wochen in indischen Großstädten bin ich schon überzeugt, das widerspricht einem Naturgesetz.

Auf dem Hinweg haben wir mit einer Österreicherin gequatscht, die schon mehrere Monate unterwegs ist, hier ihren ersten Stop in Indien hat und noch so lange reisen möchte, bis ihr das Geld ausgeht. Wir sind kein bisschen überrascht, als sie uns erzählt, dass sie nicht zurück nach Kalkutta fahren wird, sondern ihren Aufenthalt im Nationalpark verlängert.

Wir besteigen die Fähre, die dieses Mal mit Plastikstühlen ausgestattet ist. Dann tuckern wir zwei Stunden zurück.
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Die Flut überschwemmt den Mangrovenwald und verbirgt den Schlick.
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Nach dem gemütlichen Tuckern der Fähre ist der Bus ein herber Komfortverlust. Vermutlich hat der Busfahrer Feierabend, sobald er uns nach Kalkutta zurückgebracht hat und dementsprechend ist sein Fahrstil. Dazu ständig dieses sinnlose Gehupe... Auf den wenigen besser ausgebauten Abschnitten mit wenig Verkehr fährt er für meinen Geschmack deutlich zu schnell für die vielen Tiere, die am Straßenrand ihren Tätigkeiten nachgehen. Oft wäre es mir lieber, die indischen Verkehrsteilnehmer würden 10% des Einsatzes ihrer Hupe durch den Einsatz der Bremse ersetzen. Alle gefährlichen Situationen aufzuzählen, die auf der dreistündigen Rückfahrt auftreten, erspare ich mir. Als wir uns Kalkutta nähern, wird allzu wilder Raserei durch die heftigen Bodenwellen ein Ende gesetzt, was natürlich den entgegenkommenden Busfahrer aber nicht davon abhalten kann, beim Überholmanöver direkt auf uns zuzufahren, ehe beide Fahrzeuge im letzten Moment aneinandervorbeisausen.
"Stinkt eigentlich das ganze Land nach Kuhscheiße oder liegt das am Bus?", meint Paul zu mir. Meine Vermutung ist, dass der Gestank von den inzwischen wieder erreichten Ledergerbereien kommt... Aber wer weiß das schon?

Am Stadtrand verlassen alle Inder den Bus und wir werden mit einem amerikanischen Pärchen, das auf Weltreise ist, in einen Jeep gebeten. Wir dürfen auf den quer im Kofferraum angebrachten Bänken platznehmen, na toll. Glücklicherweise dauert die restliche Fahrt nicht mehr lange, denn mir ist eh schon wieder schlecht.

Ein bisschen Abwechslung muss sein und wir suchen ein Pub auf.
https://flic.kr/p/2jxasxf

Nun trennen sich unsere Wege, da Paul an die Uni nach Chandigarh zurückkehren muss und ich weiter zu einem Bekannten nach Ahmedabad fahren werde, der mir versprochen hat, Kontakte an seiner Uni herzustellen.
Um die nächste Etappe habe ich besonders lange gerungen. Gibt man in der Fahrplanauskunft Kalkutta - Ahmedabad für den gewünschten Tag ein, erhält man 36h Reisezeit mit einem Direktzug. Die planmäßige Ankunft ist gegen 23:30 Uhr und die Durchschnittsverspätung beträgt über vier Stunden. "36 hours on the train? I don't know how that's going to be..."
Um es kurz zu fassen - es ist keine gute Idee.

Doch Entenfang gibt nicht so schnell auf und experimentiert ein wenig mit Umsteigeverbindungen. Dabei kristallisieren sich zwei brauchbare Möglichkeiten heraus:

Kalkutta (Howrah)....ab 8:20..............HWH CSTM Duronto Exp 12262
Mumbai CSMT...........an 10:30 (+1)

Mumbai Central.........ab 15:40............Tejas Exp 82901
Ahmedabad Jn..........an 21:55

---

Kalkutta (Sealdah).....ab 18:30...........NDLS Duronto Exp 12259
New Delhi..................an 11:30

Delhi.........................ab 15:20...........Ashram Exp 12916
Ahmedabad Jn..........an 7:40

Wie unschwer zu erkennen ist, bleibt die Zeit zwischen Start und Ziel nahezu identisch mit dem Direktzug, beinhaltet aber höherwertige Züge wie Duronto und Tejas mit gesicherter Verpflegung sowie deutlich bessere Ankunftszeiten und Pünktlichkeitswerte. Nun stellt sich noch die Frage - 2 Nächte und 1 Tag im Zug oder doch 2 Tage und 1 Nacht?
"I recommend you to take a flight."
Aber es macht dir nichts aus, wenn ich abends um 21:55 Uhr ankomme?
"No, if you want to arrive at that time, that's perfectly fine for me."

Damit ist die Entscheidung schon gefallen. Ich verwerfe alle Überlegungen, doch zu fliegen, und entscheide mich für Variante 1 via Mumbai, sodass ich nicht nur beide Fahrten in Premiumzügen zurücklegen kann, sondern auch noch bei pünktlicher Ankunft Zeit für eine Testfahrt mit der S-Bahn und der Monorail in Mumbai habe.
Anmerkung: In Realität habe ich diese Überlegungen bereits in Jaipur gemacht und auch die Fahrkarten schon 2 Wochen im Voraus beschafft.


Nach einer Stärkung im bereits bekannten Café kehre ich zum Hotel zurück, wo ich meinen Koffer unkompliziert für die letzten 3 Tage deponieren konnte. Zeit für einen Abendspaziergang.
https://flic.kr/p/2jxdN6k

Geschrieben von: Entenfang am 17 Aug 2020, 12:28
Die Nakhoda-Moschee lässt sich inmitten all des Trubels nur schwer ablichten.
https://flic.kr/p/2jxeTQf

https://flic.kr/p/2jxaskB
Die Tramstrecke ist bereits stillgelegt.
Ständig bleiben Leute stehen und schauen mir beim Fotografieren zu. Brauchbare Bilder zu bekommen, ist ein sehr harter Kampf. Während der Belichtungszeit bleibt ein Mann direkt vor der Kamera stehen und stellt sich vor, als würde ich ein Interview mit ihm führen. Anschließend fragt er, woher ich komme. "Ah, Germany, good country! I'm an automotive engineer. You have ¦koda, Volkswagen!"

Schließlich laufe ich zurück und finde keinen einzigen Stand mehr, an dem ich Bananen für die morgen anstehende Reise kaufen könnte. Auf dem anders gewählten Hinweg bin ich sicher an fünf Möglichkeiten vorbeigekommen. Muss wohl Murphys Gesetz sein...

Geschrieben von: Entenfang am 18 Aug 2020, 10:26
Tag 19 Kalkutta -> Mumbai

Was sich schon gestern angebahnt hat, zeigt sich am frühen Morgen in aller Deutlichkeit. Endlich sind Erkältung und Husten deutlich besser geworden, dafür protestiert mein Magen. Vielleicht war das im Tümpel gewaschene Geschirr zu viel... Naja, was soll's. Ich habe 26 Stunden Zugfahrt vor mir und damit 26 Stunden gesicherten Zugang zu einem WC.

Ich bestelle mir ein Uber zum Bahnhof. Gleich zwei Hotelangestellte stehen bereit, um den Fahrer heranzuwinken und mir den Koffer in das Auto zu verladen. Das ist mir fast schon unangenehm, aber in Indien gibt es entweder überhaupt keinen oder zu viel Service. Doch man merkt ein Stück weit schon die britische Mentalität, Service wichtiger zu nehmen als in Deutschland. Um halb acht erwacht die Stadt erst langsam, sodass ich nicht im Stau stehe und schon nach weniger als 15 Minuten den Bahnhof erreiche. Das Gewusel ist vergleichsweise überschaubar. Regen setzt ein.
https://flic.kr/p/2jxu3RK

Hauptsächlich wegen des besseren Essens habe ich mir 1st AC gegönnt und die knapp 2000 km lange Fahrt kostet inklusive fünf Mahlzeiten rund 80 ¤ - für indische Verhältnisse ein kleines Vermögen.
Ich teile mir ein 2er-Abteil mit einem mittelalten Inder, der mich sofort nach dem Betreten des Abteils und einer Begrüßung fragt, ob ich ein Problem mit seinem Haustier hätte. Ein Hase schaut etwas verängstigt aus einer Transportbox. In Indien ist Reisen mit Haustieren unüblich und wird offenbar nicht gerne gesehen - mir ist es angesichts bellender und stinkender Hunde in deutschen Zügen herzlich egal.
Er hat eine Weile für einen großen Konzern in Deutschland gearbeitet, stammt aus Kalkutta und lebt derzeit in Mumbai. Er hat sich für die Zugfahrt entschieden, weil er seinen Hasen vorübergehend für die Dauer eines Auslandaufenthalts bei seinen Schwiegereltern in Kalkutta gelassen hat und der Hase keinen Flug verträgt. Grundsätzlich bevorzugt er Zugreisen gegenüber Fliegen und wäre in Europa nur mit Bus und Bahn gefahren, um mehr zu sehen.

Während Kalkutta langsam zurückbleibt, geht auch schon ein Mitarbeiter durch, um nach besonderen Frühstückswünschen zu fragen.
Mit Toast, Cornflakes und Banane kann man eigentlich nichts falsch machen. Wenig später bringt er zwei Klapptische und Essen. Der Inder benutzt wie ich vor dem Essen ein Hände-Desinfektionsgel. Es ist das einzige Mal während der gesamten Reise, dass ich einen Einheimischen so etwas benutzen sehe.
https://flic.kr/p/2jxxneo
Vom Mangosaft lasse ich meinem Magen zuliebe erstmal die Finger.

Wir bekommen auch Zeitungen. Der Inder meint, ich solle doch mal reinschauen, auch wenn bestimmt ein Großteil der Berichte nur den anstehenden Besuch von Trump in Ahmedabad behandeln würde. "He is a clown", meint er über Trump, "just like our prime minister. That's why they get along so well."

Trump wird in The Times of India über den bevorstehenden Besuch wie folgt zitiert: "[...] I hear it's going to be a big event... The biggest event they ever had in India. That's what the prime minister told me. [...]"

Ich bezweifele sehr stark, dass die Veranstaltung auch nur ansatzweise mit dem Khumb Mela-Fest in Allahabad und den Millionen von Besuchern mithalten kann. So viele passen vermutlich nicht mal in das neue Cricketstadion in Ahmedabad, welches von den beiden Landesfürsten unter großem Tamtam eröffnet wird. Aber vielleicht bezieht sich die Aussage auch nur auf das größte Event beim Besuch eines amerikanischen Clowns.

Eine Reinigungskraft schaut kurz vorbei und sprüht ein bisschen Raumduft in den Vorhang. Erinnerungen an meinen ersten Besuch in Indien werden wach.

Ein trüber Tag zieht am Fenster vorbei.
https://flic.kr/p/2jxxniM

Reisfelder, überflutete Ebenen, Wasserläufe, Palmen, Eisenbahnwaggons. Neben den Gleisen. Hoppla. Ich erwache aus meinem Eisenbahndelirium, in das ich nach zwei Stunden Fahrzeit geglitten bin. Glücklicherweise liegt die Kamera griffbereit.
https://flic.kr/p/2jxxngY

Was ich schon vermutet habe, bestätigt die Recherche im Nachgang - hier liegen die Überreste eines Eisenbahnunfalls aus dem Jahr 2010.

Und weil in Indien einfach so viele Menschen leben, dass immer irgendjemand an den gesuchten Ort kommt, gibt es auf Google Maps an der entsprechenden Stelle auch ein paar Bilder.
https://goo.gl/maps/UDoKjGerKDkJMEdE7

Pünktlich erreichen wir den ersten Zwischenhalt. Ursprünglich hatten Duronto-Expresse überhaupt keine Verkehrshalte, sondern waren reine Punkt-zu-Punkt-Verbindungen zwischen wichtigen Metropolen. Doch sie haben schon immer unterwegs angehalten, wenn auch nur als Betriebshalt.
https://flic.kr/p/2jxyu2F
Und der Grund dafür ist auf dem Bild zu erkennen - so wird dafür gesorgt, dass es immer frische Verpflegung an Bord gibt. Inzwischen kann man auch zu den Zwischenhalten Fahrkarten kaufen. Nach meiner Beobachtung wird jedoch kaum davon Gebrauch gemacht - vermutlich sind rund 90% der Fahrgäste Durchfahrer von Kalkutta bis Mumbai.
https://flic.kr/p/2jxxnbs

Jemand versprüht in einem abgestellten Zug irgendwelche Chemikalien. Jemand wischt den Bahnsteig. In diesem Land muss man einfach alles ständig putzen und wischen, damit es nicht innerhalb kürzester Zeit hoffnungslos versifft.

Zeit fürs Mittagessen. "Richtiges" Geschirr ist der 1st AC-Klasse vorbehalten, alle anderen bekommen nur Aluschachteln.
https://flic.kr/p/2jxu4qq

Der Inder bittet um etwas Gemüse für den Hasen, doch der verweigert beharrlich jede Nahrungsaufnahme und knabbert lieber am Wasserschälchen im Käfig. "She is feeling unsafe, because the train is moving. But she will get sick if she doesn't eat anything..."

Allmählich wandelt sich die Landschaft. Reisfelder und Palmen werden seltener, dafür gibt es mehr Laubbäume. Könnte fast Deutschland sein...
https://flic.kr/p/2jxytWA

Regentropfen laufen die Scheiben hinab.
https://flic.kr/p/2jxxn2z

Die Region ist relativ dünn besiedelt.

Der Inder nimmt den Hasen aus dem Käfig und dieser beginnt, neugierig das Abteil zu erkunden. Als der Zug die nächste Bremsung durchführt, läuft eine gelbliche Flüssigkeit unter meiner Liege hervor. "Oh, shit...", meint der Inder und saugt die Ausscheidungen mit dem Handtuch auf. Sichtlich glücklich über die neue Freiheit beginnt der Hase sogar, an den Gurkenstücken zu knabbern und setzt dann seine Erkundungstour fort. "Nono! Stop!!!" Die Abteiltür ist nicht ganz geschlossen und der Hase ist ausgebüchst. Glücklicherweise kann der Inder ihn eine halbe Minute später einfangen und zurückbringen.

Nächster Zwischenhalt zum Essen fassen
https://flic.kr/p/2jxytMH
Alles wird im Küchenwagen frisch zubereitet. Der Wagen ähnelt einer Kantinenküche, in dem zahlreiche Mitarbeiter in großen Kochtöpfen rühren. In dem Wagen befinden sich auch Liegen für das Personal. Ich versuche mein Glück, doch als ich mit Kamera in der Küche auftauche, winkt einer einladend, während zwei fuchtelnd ablehnen - also lasse ich es lieber.

Geschrieben von: Entenfang am 18 Aug 2020, 10:26
https://flic.kr/p/2jxxmTD
Regen begleitet mich in die Nacht. Ich kann problemlos Musikvideos auf Youtube anschauen, denn obwohl wir fernab jeder Zivilisation unterwegs sind, gibt es bis auf wenige Ausnahmen LTE-Empfang.

Als der Tag zu Ende geht und das Personal die wohlverdiente Pause einlegt, gibt es wohl einen Mangel an Liegen. Einer liegt jedenfalls im Einstiegsbereich auf dem Boden und schnarcht leise.

Geschrieben von: TramBahnFreak am 18 Aug 2020, 18:07
Wow!

Ich hatte schon befürchtet, dass deine Reise Corona zum Opfer gefallen sein könnte – umso besser, dass du sie erleben konntest und wir jetzt teilhaben dürfen. cool.gif

Geschrieben von: Jean am 18 Aug 2020, 18:08
Sehr schöner Bilder und interessanter Bericht. Danke.

Geschrieben von: Entenfang am 19 Aug 2020, 22:49
QUOTE (TramBahnFreak @ 18 Aug 2020, 18:07)
Ich hatte schon befürchtet, dass deine Reise Corona zum Opfer gefallen sein könnte - umso besser, dass du sie erleben konntest und wir jetzt teilhaben dürfen.  cool.gif

Ich habe sehr viel Glück gehabt und freue mich, dass der Bilderbogen auf so viel Interesse stößt. smile.gif


Tag 20 Mumbai -> Ahmedabad

Der Hase ist im Gegensatz zu mir an diesem Morgen fit und hoppelt fröhlich durch das Abteil. Mein Durchfall dagegen hat sich nicht gebessert.
Ein paar Berge ziehen vorbei. In der Monsunzeit könnte ich hier viele Wasserfälle bestaunen, meint der Inder zu mir.
https://flic.kr/p/2jxZUXU

Noch spektakulärer ist die Strecke von Mumbai nach Pune, die einen netten Hingucker vor einem Gefälleabschnitt hat - ein steil ansteigendes Nebengleis, auf das Züge geleitet werden können, wenn die Bremsen versagen.
https://youtu.be/UtluQZ5xrqw?t=15

Die nächsten Stunden vergehen und wir bekommen noch ein Frühstück, welches dem gestrigen ähnelt.

Schließlich tauchen wir in die Vororte von Mumbai ein.
https://flic.kr/p/2jxZUUH

Es fällt mir sofort auf, dass hier viel mehr Wolkenkratzer und Hochhäuser als in Delhi oder Kalkutta stehen. Völlig überfüllte S-Bahnen bringen Pendler Richtung Zentrum. Immer wieder passieren wir ausgedehnte Slums, die aus dicht beieinanderstehenden Hütten bestehen. So rollen wir durch immer mehr Hochhäuser und die längste Etappe endet mit +31 am Chhatrapati Shivaji Maharaj Terminus. Früher hieß der Bahnhof Victoria Terminus, aber das war wohl zu britisch oder zu einfach und musste deswegen geändert werden.
https://flic.kr/p/2jy5fjv

Von den hier gezeigten WAP-7-Loks wurden in den letzten 20 Jahren mehr als 1000 Stück gebaut, sodass sie eine der "Klassiker" vor Personenzügen auf elektrifizierten Strecken sind.

Hier entstand auch das Rätselbild, welches ich vor Beginn des Reiseberichts gezeigt hatte.

So bleibt mir noch ausreichend Zeit, um den lokalen ÖPNV ein wenig zu testen. Und während ich durch den großen Bahnhof streife, in dem die riesigen Deckenventilatoren die Hitze nur unzureichend lindern können, ...
https://flic.kr/p/2jy5ffh

https://flic.kr/p/2jxZUB3

https://flic.kr/p/2jy4baj

...spricht mich eine Frau an. Ob ich etwas suchen würde? Ungewöhnlich genug - Selfies wollten bisher nur Männer.
Ja, die S-Bahn.
"Which country?"
Germany.
"Aha, bitteschön, dankeschön. When I was in Germany, I didn't want to return to India."
Sie zeigt mir die Fahrkartenautomaten, die ganz stolz als Neuerung bei Indian Railways angepriesen werden. Wohin ich fahren wolle?
Chembur.
"Is there anybody waiting for you in Chembur?!"
Scheint wohl nicht gerade das typische Ziel von Ausländern zu sein und ich fahre dort auch nur hin, um in die Monorail umzusteigen und zurückzufahren.
"Then you could have left your luggage at the cloakroom."
Nee, mein Zug nach Ahmedabad fährt vom Bahnhof Mumbai Central ab. Außerdem hat mir die Bekannte abgeraten, die Gepäckaufbewahrung im Bahnhof zu nutzen.
"You want 1st or 2nd class?"
Hmm. Ich kann den Füllgrad nur schwer einschätzen, fahre aber stadtauswärts und damit gegen die Lastrichtung. Ich wähle trotzdem sicherheitshalber 1st class.
Noch ehe ich es mich versehe, halte ich schon die Fahrkarte in der Hand. Ein Mitarbeiter steht bereit, um den Fahrkartenautomaten zu bedienen und hat mir die Fahrkarte schon rausgelassen. Aha, so funktioniert als ein Fahrkartenautomat in Indien... So ganz scheint man den personenbedienten Verkauf dann doch nicht aufgeben zu wollen. Ich zahle 1,30 ¤.
"Ok, platform 1 or 2. And next time I go to Germany, I'll not return!", meint die Frau entschieden, bevor sie sich verabschiedet und in der Menge verschwindet.

Der Zahn der Zeit nagt am britischen Erbe
https://flic.kr/p/2jy5eRb

Von den 18 Gleisen des Bahnhofs sind 7 für S-Bahnen reserviert und das ist auch bitter nötig.
https://flic.kr/p/2jy5eWr

Die 12-Wagen-Züge fahren an die spanischen Bahnsteige ein und nach regem Fahrgastwechsel und wenigen Minuten Kurzwende schon wieder zurück, um Platz für den nächsten Zug zu schaffen. Praktischerweise lässt sich der Fahrgastwechsel auch (wie im Bild) während der Fahrt durchführen, sodass eine kurze Wendezeit ausreichend ist. Beide Führerstände sind und bleiben wie bei der Metro Kalkutta stets besetzt, sodass der Tf nicht 250 m durch das Gewusel zum anderen Ende laufen muss. Außerdem hilft er vermutlich bei der Abfertigung, wobei die Türen ohnehin vom Fahrgast per Hand zu schließen sind, was natürlich im Anbetracht der Hitze unterbleibt. Vielleicht sollte man über dieses Konzept als Übergangslösung auch bei der S-Bahn München nachdenken, um die Zugfolgezeit in der Stammstrecke reduzieren zu können?
https://flic.kr/p/2jy5eGo

Irgendwie kommt mir hier alles wage bekannt vor. So, als wäre ich schon mal dagewesen. Aber das kann eigentlich nicht sein, denn ich war noch nie in Mumbai. Die nachträgliche Recherche bestätigt schließlich meine Vermutung - diverse Filmszenen in Slumdog Millionaire wurden in diesem Bahnhof gedreht.
https://www.youtube.com/watch?v=xwwAVRyNmgQ

Geschäftiges Treiben - es gibt abgesehen von den normalen 2nd class-Wagen auch Wagenteile für Frauen, für Behinderte und Krebskranke sowie 1st class, zwischen denen es aber nicht die geringsten Komfortunterschiede gibt. Der einzige Faktor ist wohl der Füllungsgrad.
https://flic.kr/p/2jy5eMi

Geschrieben von: Entenfang am 19 Aug 2020, 22:50
Ich laufe bis zum Bahnsteigende, um die Einfahrt meines Zuges zu dokumentieren.
https://flic.kr/p/2jy4aLD

Servus!
https://flic.kr/p/2jy4aFU

In meinem 1st class-Abteil bin ich erstmal ganz allein.
https://flic.kr/p/2jy5epQ

Hinter dem nächsten Gitter befindet sich 1st class nur für Frauen. Die Ventilatoren können durch Schalter selbstständig ein- oder ausgeschaltet werden. Angesichts der ganzen vergitterten Fenster habe ich schon immer gewisse Sicherheitsbedenken – Notausstiege werden in Indien offenbar als nicht so wichtig erachtet. Der gesamte Zug ist auf maximale Kapazität ausgelegt, wie an den zahlreichen Haltegriffen erkennbar ist.
Inzwischen gibt es auch einige klimatisierte Züge mit automatischen Türen, gesichtet habe ich jedoch keine.
https://timesofindia.indiatimes.com/travel/things-to-do/mumbai-ac-local-train-everything-you-need-to-know/as63232059.cms

Alle Züge fahren pünktlich zum Zeigerschlag wie auf den Displays angegeben ab. Manchmal rennt noch jemand hinterher und springt in den abfahrenden Zug rein.

https://flic.kr/p/2jy5ebJ
Ich finde die Fahrt bei offener Tür sehr gewöhnungsbedürftig und habe ständig Angst, rauszufallen. Wir fahren zwar vermutlich nie schneller als 60, aber auf den Weichen ruckelt es teilweise heftig. Angeblich sterben jeden Tag drei Menschen in Indien, weil sie aus Zügen rausfallen.

Überall schießen Wolkenkratzer in die Höhe.
https://flic.kr/p/2jy5e7L

Erst später füllt sich der Zug etwas, doch Überfüllung erlebe ich auf der gut halbstündigen Fahrt glücklicherweise nicht. Weder die Ventilatoren noch die offenen Türen können die Hitze nennenswert erträglicher machen.

https://flic.kr/p/2jxZTAW

Ein für indische Verhältnisse sehr guter Fußweg führt mich zur nahegelegenen Monorail-Station, eine monströse Konstruktion ähnlich zu Jaipur.
https://flic.kr/p/2jy5dXh

Die höhenfreie Gestaltung von Verkehrswegen soll für einen flüssigeren Verkehr sorgen - Kernstück sind dabei Straßenüberführungen (Flyover), welche die darunterliegende Kreuzung umfahren bzw. überfahren.
https://flic.kr/p/2jy49YS

Die Monorail fährt im attraktiven Takt 30 (!) und ich muss fast eine halbe Stunde warten, obwohl die Abfahrt laut Fahrplan eigentlich in einer Viertelstunde sein sollte.
https://flic.kr/p/2jy49TB

Für ein innerstädtisches Verkehrsmittel ist die Taktdichte ein sehr schlechter Witz - und das, nachdem der zweite Abschnitt der einzigen Monoraillinie eines einst geplanten umfangreichen Netzes erst 2019 nach jahrelanger Verspätung in Betrieb gegangen ist. Mumbai setzt jetzt doch auf den Aufbau einer Metro.
Die Mittagshitze macht mir zu schaffen. Endlich komme ich wieder in den Genuss eines klimatisierten Raumes...
https://flic.kr/p/2jy49Nm

Geschrieben von: Entenfang am 19 Aug 2020, 22:51
https://flic.kr/p/2jy5duZ

Es sind gerade einmal die wenigen Sitzplätze belegt und auch während der rund 45-minütigen Fahrzeit steigt kaum jemand zu oder aus.
Besonders ruhig ist die Fahrt auch nicht und erinnert in den Kurven mit starker Überhöhung an eine Achterbahn. Zumindest der Ausblick kann sich sehen lassen.
Slums neben Hochhäusern sind ein häufiger Anblick
https://flic.kr/p/2jxZSQh

Es entstehen geradezu monströse Wohngebäude - dass es sich beim folgenden, 30-stöckigen Hochhauspaar um eine Siedlung für den Mittelstand handelt, ist unzweifelhaft daran zu erkennen, dass die untersten 5 Etagen nur als Parkhaus dienen (!). Da muss man sich über den Verkehr in den Großstädten nicht mehr wundern.
https://flic.kr/p/2jy5dnK

Je näher ich zum Stadtzentrum zurückkehre, desto seltener werden die Hütten. Wolkenkratzer dominieren das Bild. Das derzeitige Ende der Monorail liegt etwas unmotiviert im Nichts und bietet keinerlei sinnvolle Weiterreisemöglichkeiten. Also bestelle ich ein Uber. Aufgrund des endlosen Staus dauert es fast 10 Minuten, bis der Fahrer sich ein paar Hundert Meter zu mir durchgekämpft hat und weitere 20 Minuten für die zwei Kilometer bis in Bahnhofsnähe, wo ich mir noch eine Pizza gönne. Ich laufe ein kurzes Stück zum Bahnhof und bin danach schon reichlich erschöpft, denn ich musste den Koffer nicht nur eine Brücke hochziehen, sondern auch noch über diverse Löcher im Pflaster heben und dazu auch noch diese Hitze...

Ich bin früh dran und mir bleibt noch Zeit zum Umschauen.
https://flic.kr/p/2jxZSDR
Indische Bahnhofshallen wirken stets ein wenig düster. Verglaste Dächer, wie man sie aus Deutschland gewohnt ist, hätten aber den entscheidenden Nachteil, die Sonne nicht abzuhalten.

Bahnsteigzugang mit lauter undefinierbaren Paketen
https://flic.kr/p/2jy49fs

Während ich kurz die Dostos bestaune, fragen mich schon zwei Personen, ob ich irgendwas suchen würde.
https://flic.kr/p/2jxZSph
Interessant finde ich, dass die Fenster im oberen Stockwerk nicht vergittert sind. Eine Erklärung dafür habe ich aber nicht gefunden.

Ich suche den Bahnsteig für den Tejas Express. Einige Züge haben einen eigenen Generatorwagen - ich konnte aber nicht in Erfahrung bringen, womit ihre Einreihung oder Nicht-Einreihung zusammenhängt.
https://flic.kr/p/2jy4945

Dass der Zug auf die zahlungskräftige Kundschaft ausgelegt ist, kann man sofort erkennen. Nach der Premiere des Tejas-Express von Mumbai nach Karmali im Jahr 2017 ist die Verbindung Mumbai <> Ahmedabad der vierte Tejas-Express. Aus den zahlreichen Selfies der Einheimischen schließe ich, dass der Zug ungewohnt ist. Und tatsächlich - er ist brandneu keine zwei Monate vor meiner Reise eingeführt worden.
https://flic.kr/p/2jy48Sy

https://flic.kr/p/2jy48NR
Die Wagen sind mit automatischen Türen, Vakuum-WCs, WLAN sowie elektrischer Beschattung zwischen den Fensterscheiben ausgestattet. Im Executive chair car gibt es sogar Bildschirme mit Entertainment-Programm.
https://flic.kr/p/2jy5c6m

Wie lange so viel Technik wohl funktionieren wird?

Der Zug hat grundsätzlich westlichen Standard, nur die Zwischentüren müssen von Hand aufgeschoben werden und sind ziemlich schwergängig. Die Wagen sind laut Anschrieb für 200 km/h ausgelegt, obwohl diese Geschwindigkeit bisher noch nirgendwo gefahren werden kann.

Geschrieben von: Entenfang am 19 Aug 2020, 22:51
Mumbai lässt der Zug ziemlich leer zurück, doch schon nach einer halben Stunde beim Halt an einem Vorortbahnhof wird er komplett voll. Und kaum ist der Sitzplatz vor mir belegt, wird der Sonnenschutz auch schon heruntergefahren und versperrt mir den Blick nach draußen. Erst zum Sonnenuntergang sehe ich wieder etwas.
https://flic.kr/p/2jy48Fm

Snacks werden serviert, später Abendessen. Sieht lecker aus, hoffentlich protestiert mein Magen nicht wieder. Seit ich vor der Ankunft in Mumbai eine Tablette genommen habe, hat sich die Lage beruhigt.
https://flic.kr/p/2jy5csU

Im Großraumwagen herrscht ein hoher Lärmpegel - in Indien ein ganz klarer Nachteil gegenüber Abteilen. Kinder schreien, mehrere Leute telefonieren, einer schaut Videos auf voller Lautstärke und die anderen plappern lautstark.

Den letzten Zwischenhalt erreichen wir wie fast alle ein paar Minuten zu früh, sodass ich zum Fotografieren kurz aussteige.
Die goldene Lackierung soll die hohe Qualität des Tejas-Express verdeutlichen.
https://flic.kr/p/2jy48yH

Aus dem Führerstand händigt jemand einem Jungen Essenspakete aus. Er setzt sich hin und isst genüsslich.
https://flic.kr/p/2jxZRDu
Jemand winkt aus einer Waggontür und bietet vermutlich noch Brot dazu an. Als wir wenige Minuten später abfahren, trägt der Junge einen ganzen Karton voll Essen den Bahnsteig entlang. Es gibt also doch Menschen, die ein Herz haben und das übrige Essen verschenken, ehe am Endbahnhof alles weggeschmissen wird. Ich hatte schon daran gezweifelt...

Mit -7 geht die Reiseetappe an einem heißen Abend zu Ende.
https://flic.kr/p/2jy48uE

Noch ein kurzer Blick in die Lok...
https://flic.kr/p/2jy48rD

...ehe ich mich mit einem Bekannten treffe, dessen Fahrer uns fast eine Stunde einmal quer durch die Stadt bis zum äußersten Stadtrand bringt. Der Fahrer muss gelotst werden und mein Bekannter kommentiert nur, dass der Fahrer keine Ahnung habe, wohin er fahren müsse. Er würde nie jemanden vom Bahnhof abholen und selbst nie mit dem Zug fahren - das wäre ihm viel zu chaotisch. Eins ist mir aber trotz meiner Erschöpfung nicht entgangen - die nächsten zwei Wochen werde ich direkt neben einer Eisenbahnstrecke wohnen.

Geschrieben von: Entenfang am 20 Aug 2020, 13:03
Tag 21 Ahmedabad

Ich gönne mir ausreichend Schlaf, bevor ich zusammen mit dem Bekannten zu seiner Arbeitsstelle an einer privaten Uni am Stadtrand fahre.
https://flic.kr/p/2jydNBV

https://flic.kr/p/2jyeQTx

Mehrere Studenten treiben sich um den Aufzug herum, an dem drei Zettel "Staff only" kleben. In Indien sind einfach alle entsetzlich lauffaul und warten lieber ewig auf den Aufzug, anstatt zwei oder drei Stockwerke zu Fuß zu gehen.
600 ¤ Studiengebühren pro Jahr sind ein üblicher Preis für Privatunis in Indien, daher steht Studieren in Deutschland auf der Beliebtheitsskala in Indien inzwischen recht weit oben.

Ein Kollege führt mich durch die Uni und die Labore, z.B. für Werkstofftests und Erdbebensicherheit. Leider ist die Eisenbahn hier nicht vertreten, weil es dafür eine eigene Fachabteilung rund 100 km entfernt gibt. Der Campus liegt weit außerhalb und die meisten Studenten kommen mit dem eigenen Mofa oder seltener mit dem Auto, aber es werden auch Busse angeboten. Ich verquatsche mich den ganzen Tag mit den Kollegen. Einer kennt sich sehr gut mit Eisenbahn aus und erzählt mir später, dass er während seines Studiums in Bangalore regelmäßig einfach den nächsten Bus irgendwohin genommen habe und nach einigen Jahren sämtliche Buslinien der Stadt auswendig konnte.

Auch Mittagessen wird in der offenen Kantine angeboten.
https://flic.kr/p/2jyawcJ
Es gibt Palak Paneer (indischer Käse mit Spinat), Kichererbsen (das dunklere Braun), Dal (das hellere Braun) und natürlich Reis und Chapati.

Geschrieben von: Entenfang am 21 Aug 2020, 10:31
Tag 22 Ahmedabad

Heute Vormittag soll irgendein studentischer Wettbewerb an einer anderen Uni stattfinden. Der Fahrer bringt uns hin. Wir schütteln ein paar Hände und mein Bekannter spricht seinen Studenten ein paar lobende Worte und Mut zu. Wir nehmen ein paar Minuten in einem großen Saal Platz und plötzlich meint er zu mir, wir würden jetzt ins Büro zurückfahren. Ich bin reichlich verwirrt - aber der Wettbewerb hat doch noch gar nicht angefangen?! Das stimme zwar, aber das würde eh noch eine Weile dauern und wenn es mal angefangen habe, könne er ja nicht plötzlich abhauen und er habe nachher noch einen wichtigen Termin...

Abends machen wir noch gemeinsam eine Testfahrt mit dem BRT-System, für das Ahmedabad bekannt ist und das in Indien als vorbildlich gilt. Wohlgemerkt machen wir wohl beide eine Testfahrt, denn vermutlich hat er das System angesichts der Verfügbarkeit eines Wagens mit Fahrer seit Jahren nicht genutzt.
Einen recht gut verständlichen Netzplan gibt es auf Wikipedia.
https://en.wikipedia.org/wiki/Ahmedabad_Bus_Rapid_Transit_System#/media/File:Brts_wiki_map_final_1_june_2018.jpg
Die Netzlänge beträgt rund 125 km, davon 90 km auf eigener Trasse. Der 1. Abschnitt wurde 2009 eröffnet und das Netz seitdem stetig erweitert. Bisher handelt es sich um das einzige verhältnismäßig leistungsfähige ÖV der 7-Mio.-Stadt.

Laut der Webseite verkehren die meisten Linien alle 10 bis 12 Minuten.
http://www.ahmedabadbrts.org/

Wie viel die beabsichtigte Fahrt kostet, ist am aushängenden Tarifplan ersichtlich und orientiert sich an der Entfernung.
https://flic.kr/p/2jyvZtb

Die Preise bewegen sich zwischen 5 und 30 Cent.

Hier nahe der Endstation ist abends kaum etwas los.
https://flic.kr/p/2jyrFmy
Alle Haltestellen der Busspuren sind Hochbahnsteige mit offenen Seiten. Üblicherweise haben diese Zugänge von beiden Enden - jedoch waren nur in der Anfangszeit beide Zugänge besetzt. Daher sind die Drehkreuze inzwischen obsolet, denn zum Fahrkartenkauf muss man eh erstmal über den Bahnsteig zum anderen Ende laufen. Auf den Kassenbon-Fahrscheinen ist ein QR-Code abgebildet, den man eigentlich auf einen Scanner halten muss und wodurch das Drehkreuz freigegeben wird. Man muss sich jedoch viel Mühe geben, um die richtige Position zu treffen und so laufen die meisten einfach durch das immer geöffnete Tor für Behinderte.

Die Bahnsteigtüren öffnen automatisch, sobald der Bus eingefahren ist. Die Fahrzeuge haben nur eine breite Doppeltür in Fahrzeugmitte.
https://flic.kr/p/2jyvZAq

Zwar werden inzwischen nur noch klimatisierte Fahrzeuge eingesetzt, doch dafür wird man auf ungünstigen Plätzen direkt mit einem Schwall eiskalter Luft beglückt.

Im weiteren Verlauf wird der Bus bald formschlüssig voll und wir haben größte Mühe, an einem Unterwegshalt zu den Türen in der Mitte vorzudringen.

https://flic.kr/p/2jyrFag
Wenn sie denn funktionieren, zeigen Bildschirme die nächsten Abfahrten an. Dabei wechseln sie zwischen Englisch, Hindi und Gujarati. Die Fahrzeuge sind derart schwach motorisiert, dass sie nur mit Mühe eine Steigung hochkommen und schaffen dabei keine 30 km/h mehr.

Eine Kuh steht mitten auf der Straße, ihr Kalb trinkt seelenruhig Milch, während rechts und links der Verkehr vorbeibraust.

Geschrieben von: Entenfang am 22 Aug 2020, 10:51
Tag 23 Ahmedabad

Im Laufe des Tages teilt mir ein Kollege an der Uni mit, dass morgen ein Besuch bei der Metro möglich ist. Eine Stunde später gilt das nicht mehr und der Besuch ist auf nächste Woche verschoben. In Indien muss man immer dreimal nachfragen, ob irgendwas jetzt auch wirklich ganz sicher und echt jetzt gemacht wird...
Mein Bekannter fliegt über das Wochenende nach Jaipur und ich bleibe allein mit dem Haushälter vor Ort. Die Verständigung mit ihm ist schwierig, da er nur wenige Worte Englisch spricht (was mir als "he is decent at English" verkauft wird). Nachdem wir ohne Hausherrn zurückkehren, macht er erstmal indische Musik an und dreht das Radio ziemlich laut auf. Partyyyyyy!

Da wir heute endlich mal früher Feierabend gemacht haben, sehe ich eine gute Chance, noch ein Bahnbild im Abendlicht zu bekommen. Doch ausgerechnet heute Nachmittag sind Wolken aufgezogen. Kaum bin ich auf der Straße, höre ich es schon pfeifen. Da darf man nicht zimperlich sein, ich durchquere irgendwelche Müllhaufen und bemühe mich, in nichts allzu Ekliges zu treten, mich nicht im Dornengestrüpp zu verfangen und keine Straßenhunde aufzuscheuchen. Im Bild muss ich nach links zur Bahnstrecke.
https://flic.kr/p/2jyQ1L5

Keine Minute später rumpelt ein Kesselwagenzug vorbei...
https://flic.kr/p/2jyP7io

...und Richtung Sonnenuntergang.
https://flic.kr/p/2jyQ1Np

Als ich der Straße ein Stück weit folge, spricht mich ein 10-jähriger Junge auf einem Fahrrad an. "Are you a foreigner?"
Ich muss wohl ein sehr kurioses Bild abgeben. Unterwegs in einer Stadt, die nie ein Ausländer besucht, an ihrem äußersten Stadtrand, wo kein Tourist je hinfahren würde und dann auch noch zum Eisenbahnfotografieren...
Es folgt ein wenig Smalltalk - woher ich komme, warum ich in Indien wäre, wo ich wohne, wohin ich gehe. Dann saust er mit einem Freund zusammen davon.

Ich laufe noch bis zum nächsten BÜ, der mir zuvor aus dem Auto ins Auge gefallen war. Er ist allerdings nicht besetzt und deswegen dauerhaft geschlossen, was Fußgänger freilich nicht von der Querung abhält.
https://flic.kr/p/2jyP7aH

https://flic.kr/p/2jyQ1Eo
Rund einen Kilometer weiter gibt es eine Unterführung, sodass sich der Umweg für Fahrzeuge in Grenzen hält. Rundum wachsen Wohnblocks in die Höhe. Die Bauarbeiter wohnen mit ihren Familien in Wellblechverschlägen daneben.

Nicht übel, wenn man sich einfach an den gedeckten Tisch setzen kann. Während ich fuzzen war, hat der Haushälter Reis, Dal und gegrillte Aubergine zubereitet. Die Auberginen werden übrigens einfach direkt auf der Flamme des Gasherds gegrillt. biggrin.gif
https://flic.kr/p/2jyP75c

Geschrieben von: Südostbayer am 22 Aug 2020, 15:36
Zwischendrin einfach mal Danke für die bisher sehr interessante Reiseberichtsserie!

Geschrieben von: Entenfang am 23 Aug 2020, 10:38
Tag 24 Ahmedabad

Heute steht mir der ganze Tag zur freien Verfügung. Also schlafe ich erstmal aus. Der Haushälter staunt nicht schlecht, als er sieht, wie lange ich schlafen kann. "11 o'clock!" Bereits zwei Tage zuvor habe ich entdeckt, dass hinter dem Haus ein Fahrrad steht. Laut meinem Bekannten befindet es sich in fahrbarem Zustand. Doch der Sattel ist viel zu niedrig und es ist wenig Luft in den Reifen. Er verspricht mir, dass sich der Haushälter darum kümmern wird.

Natürlich hat der das nicht getan - hatte ich aber auch nicht erwartet. Er sagt nur "Bopal, Bopal" und deutet grob in Richtung des gleichnamigen Stadtteilzentrums. Also nehme ich die Sache wohl oder übel selbst in die Hand und fahre das kurze Stück auf einem viel zu kleinen Fahrrad. Google Maps verzeichnet eine Fahrradreparatur und nach ein paar Minuten werde ich fündig. Der Sattel lässt sich leider nur um wenige Zentimeter erhöhen. Ich deute noch auf die Reifen und sie bekommen mehr Luft. Der Verkäufer hält mir einen 10-Rupien-Schein hin, als ich ihn fragend anschaue. 12 Cent kostet der Service also.

Erfreulicherweise gibt es hier eine schattige Bank und ich setze mich ein wenig hin, in der Mitte das immer noch furchtbar niedrige Fahrrad. Besser als über 20 Minuten zur Bushaltestelle zu laufen ist es aber doch und vielleicht ergibt sich so noch die eine oder andere Möglichkeit, entlang der Bahnstrecke nach Motiven zu suchen...
https://flic.kr/p/2jz8vZF

Sauber aufgereiht sind ein paar Rikschas
https://flic.kr/p/2jz8w36

Dieser Schmied bittet mich um ein Foto, als ich vorbeikomme
https://flic.kr/p/2jz8w6N


Die BRT-Trasse führt in Straßenmitte und ist mit Mittelbahnsteigen ausgestattet. Daher sind die hochflurigen Türen auf der rechten Seite angebracht.
https://flic.kr/p/2jz591i

Da die LED-Zielanzeigen nur selten funktionieren, wird in der Regel die Liniennummer anders vorgezeigt. Hier ein seltener Fall der Verwendung der Gujarati-Ziffern. Es handelt sich um die Linie 1.
https://en.wikipedia.org/wiki/Gujarati_numerals

In Ahmedabad gibt es abgesehen vom BRT-System noch Busse von AMTS. Es handelt sich um nicht klimatisierte Fahrzeuge, die in der Regel nicht auf der gesonderten Trasse verkehren, sondern im normalen Verkehr mitschwimmen bzw. -stehen.
https://flic.kr/p/2jz9tyC

Links ein modernerer Wagen von Ashok Leyland als BRT. Wie gut zu erkennen ist, hat er auf der linken Seite eine Tür zum Niederflureinstieg, denn nicht das komplette Netz ist mit eigener Trasse ausgestattet, sodass normale Haltestellen am Straßenrand mitbedient werden. Die Liniennummer ist hier mit weißer Farbe in die Frontscheibe gemalt.
Der AMTS-Wagen besticht hier durch eine funktionierende LED-Anzeige, hat aber als Redundanz noch ein Zielschild mit Gujarati-Nummer in der Frontscheibe stehen.

Selbst wenn die BRT-Trasse immer frei wäre (was sie nicht ist), gibt es immer noch zahlreiche Knotenpunkte, an denen es üblicherweise so zugeht:
https://flic.kr/p/2jz8vTU

Die Herangehensweise eines sich annähernden Busses funktioniert oft so: Möglichst wenig bremsen, möglichst viel hupen und hoffen, dass alle im Interesse ihres eigenen Wohlergehens rechtzeitig die Bahn räumen.
https://flic.kr/p/2jz9tq1

Warum dieses Fahrzeug mit gleich drei Kennzeichen gesegnet ist, kann ich leider nicht erklären. Die mit Kreppband aufgeklebte Liniennummer muss man aber mit der Lupe suchen.

Für rund zwei Wochen meine Haus-Haltestelle: Bopal Gam
https://flic.kr/p/2jz8vMX

Obligatorische Features: Barrierefreie Rampe zum Hochbahnsteig mit Pollern in so engem Abstand, dass nicht mal die Mofas durchpassen und einer Fußgängerampel, die so gut wie nie funktioniert. Während meines gesamten Aufenthalts habe ich zweimal eine funktionierende Fußgängerampel an BRT-Haltestellen gesehen. Leider hat sie niemand beachtet.

Da wir uns hier nahe der auswärtigen Endstation befinden, kommen die Fahrzeuge stadteinwärts ziemlich regelmäßig im 10-Minuten-Takt. Stadtauswärts gibt es dagegen eher einen Takt 1-19. Ein kleiner Junge bettelt bzw. will mir die Schuhe putzen. Es wird der einzige Fall in diesem Stadtviertel bleiben.

Kühe gibt es hier draußen in großer Zahl auf der Straße
https://flic.kr/p/2jz58Jm

Wäschetrockner
https://flic.kr/p/2jz58Et

Geschrieben von: Entenfang am 23 Aug 2020, 10:38
Eine Gated Community, typische Wohnanlage für den Mittelstand
https://flic.kr/p/2jz8vyR

Die Mittagshitze verbringe ich lieber drinnen bei gebratenem Gemüse, Dal und Chapati
https://flic.kr/p/2jz8vs3


Doch nachmittags zieht mich die Lust auf einen Kaffee wieder nach draußen. Ich radle zur BRT-Haltestelle, sehe den Bus vor meiner Nase wegfahren, doch schon wenige Minuten später kommt der nächste.
https://flic.kr/p/2jz9sVi

Wenn ich mich recht erinnere, ist das ein recht neuer Ashok Leyland-Wagen. Alle Fahrzeuge haben einen Frontmotor und der Fahrer sitzt quasi direkt drauf. Dank der eher mäßigen Lärmdämmung hat der Fahrer wenigstens etwas vom Motorgeheule äh Sound.

Viele Haltestellen sind mit diesen Toren ausgestattet, welche die Exklusivität der Busspur gegenüber sämtlichen anderen Verkehrsteilnehmern durchsetzen sollen. Sie öffnen zu meiner großen Verwunderung sogar automatisch nach Einfahrt eines Busses.
https://flic.kr/p/2jz8vct

Ein abfahrender Tata-Wagen
https://flic.kr/p/2jz589Z

https://flic.kr/p/2jz9sAa
Die Gelegenheit wurde genutzt, mit dem Bau der Bustrasse auch das Stadtbild aufzuwerten. Nur sind die Möglichkeiten dabei natürlich stark eingeschränkt und allzu viel Bewuchs entlang der Trasse ist eher kontraproduktiv, denn die Busse müssen gelegentlich den Ästen ausweichen.

In einer Mall finde ich Kaffee und der ist sogar in einer Porzellantasse. Nur gibt es dazu leider einen Einweg-Holzlöffel, bei dessen Verwendung ich sofort an die Holzstäbchen denken muss, mit denen man beim Arzt zum Husten gebracht wird. Immerhin scheint dem Einwegplastik der Kampf angesagt worden zu sein.

Welche Linien fahren hier an der AMTS-Haltestelle ab?
https://flic.kr/p/2jz5824


In der Nähe gibt es einen Park, der auf der Karte vielversprechend aussieht. Ich laufe hin und suche den Eingang. Die Tore sind versperrt und davor knutschen einige Pärchen auf ihren Mofas. Ich traue mich nicht, zu stören, doch bald fragt jemand, was ich suchen würde. Den Eingang. Er deutet wage in eine Richtung, ein anderer meint: "It's closed now. I think it opens again at 7:30." Also in anderthalb Stunden. Das bezweifle ich, denn im Park halten sich diverse Leute auf. Auf Google Maps sind noch zwei weitere Eingänge eingezeichnet. Und tatsächlich - das Tor 300 m weiter steht offen. Fragt nicht, warum. In Indien sind die Dinge, wie sie eben sind.
https://flic.kr/p/2jz8uRD
Beim Verlassen des Parks spare ich mir den Umweg und klettere gleich über den Zaun, wie die Einheimischen auch.

Noch ein kurzer Blick zum Tempel auf dem Rückweg
https://flic.kr/p/2jz8uMW

https://flic.kr/p/2jz57wb
Die herabhängenden Plastikbänder dienen vermutlich dazu, die Tauben draußen zu halten.

Immer wieder grüßen mich Menschen überrascht, nicht nur beim Busfotografieren. Ich warte über 10 Minuten und als der Bus endlich kommt, fuchtelt eine Wächterin im Fahrzeug herum. Da dämmert mir, gelesen zu haben, dass es spezielle Busse für Frauen gibt. Weitere 5 Minuten vergehen, ehe ich mich in einen ziemlich überfüllten Bus quetschen kann.
Zwei dumme Mofafahrer sind auf die BRT-Trasse gefahren und stecken zwischen Bus und Tor fest. Dieses öffnet anscheinend nur, wenn der Bus korrekt an der Haltestelle steht. Nach viel Gehupe und Rangieren des Mofas geht es endlich auf.


Verehrte Leser, zwecks Beschaffung neuen Bildmaterials in weniger exotischen Gefilden muss die Weiterfahrt in diesem Reisebericht leider pausieren. Sie dürfen gerne aussteigen und die Maske abnehmen. Ich werde die Weiterfahrt rechtzeitig ankündigen. Vielen Dank für Ihr Verständnis.

Geschrieben von: karhu am 26 Aug 2020, 21:11
Danke für deinen interessanten Bericht smile.gif
Ab 2021 könntest du auch mit dem Bus ohne umzusteigen (!) nach Indien reisen: https://www.mirror.co.uk/travel/asia-middle-east/epic-new-bus-route-launch-22569468?fbclid=IwAR3ymCM8Gi4JR6LaldavBCZ-Gn3oj6rZSYdm6R7yADyvMJ0CNf9NM-CXifM laugh.gif

Geschrieben von: Stellwerk am 27 Aug 2020, 05:51
Ein DICKES Dankeschön zwischendrin!

Geschrieben von: Oliver-BergamLaim am 31 Aug 2020, 13:43
Ich bin absolut begeistert und hingerissen von diesem Reisebericht! smile.gif Es macht ganz ganz großen Spaß mitzufahren und ich freue mich mit Dir, dass Deine Reise vor Corona noch so geklappt hat! smile.gif

Eine Frage nochmal zum Essen wink.gif sind Dir denn zwischen den einzelnen Regionen Indiens signifikante Unterschiede in der Küche aufgefallen? Oder gibt es letztlich doch im ganzen Land dieselben Gerichte, die dann auch gleich schmecken? Falls es Unterschiede zwischen den Regionen gibt: wo schmeckt es (für unseren Geschmack als Touristen, die indisches Essen lieben) dann am Besten?

Dann noch eine Frage zum Schärfegrad der Gerichte. Wenn ich in Deutschland indisch essen gehe, gibt es ja sowohl sehr scharfe Soßenmischungen bzw. Gerichte auf der Speisekarte, z.B. ein Chicken Vindaloo (das ich in meinem Leben genau einmal bestellt habe und aufgrund der Schärfe kaum essen konnte). Aber es gibt eben auch sehr milde Gerichte, die fast gar keine wahrnehmbare Schärfe haben, z.B. ein Butter Chicken, Chicken Korma oder ein Chicken Jaipuri. Ist das denn in Indien ähnlich, dass es auch völlig milde und gefühlt "nicht scharfe" Gerichte gibt, oder ist dort dann auch ein in Deutschland sehr mildes Chicken Korma sehr scharf gewürzt?

Geschrieben von: Entenfang am 1 Sep 2020, 00:23
Sehr geehrte Leser, wir können den Reisebericht nun fortsetzen. Bitte beachten Sie, dass während der Fahrt die Pflicht zur Mund-Nase-Bedeckung auf diesem Forum besteht.



Ich danke für die lobenden Worte und freue mich über das große Interesse. smile.gif

QUOTE (karhu @ 26 Aug 2020, 21:11)
Danke für deinen interessanten Bericht smile.gif
Ab 2021 könntest du auch mit dem Bus ohne umzusteigen (!) nach Indien reisen: https://www.mirror.co.uk/travel/asia-middle-east/epic-new-bus-route-launch-22569468?fbclid=IwAR3ymCM8Gi4JR6LaldavBCZ-Gn3oj6rZSYdm6R7yADyvMJ0CNf9NM-CXifM  laugh.gif

Ich glaube, das wäre nichts für mich. Ich habe auch mal in der Zeit von einer Busreise um die Welt gelesen, aber abgesehen vom Preis passt diese Art der Reise irgendwie nicht zu mir. Ohne es ernsthaft zu erwägen, habe ich aber durchaus mal grob recherchiert, ob man denn auf dem Landweg, noch besser auf dem Schienenweg wink.gif, nach Indien reisen kann. Angeblich ist das sogar möglich, wenn auch zumindest in der Grenzregion Iran/Pakistan als sehr sicherheitskritisch zu bewerten...

QUOTE (Oliver-BergamLaim @ 31 Aug 2020, 13:43)
Ich bin absolut begeistert und hingerissen von diesem Reisebericht!  smile.gif Es macht ganz ganz großen Spaß mitzufahren und ich freue mich mit Dir, dass Deine Reise vor Corona noch so geklappt hat!  smile.gif

Tja, und so endet vorerst die Reisefreiheit ganz anders, als ich mir das je hätte vorstellen können...

QUOTE (Oliver-BergamLaim @ 31 Aug 2020, 13:43)
Eine Frage nochmal zum Essen wink.gif sind Dir denn zwischen den einzelnen Regionen Indiens signifikante Unterschiede in der Küche aufgefallen? Oder gibt es letztlich doch im ganzen Land dieselben Gerichte, die dann auch gleich schmecken? Falls es Unterschiede zwischen den Regionen gibt: wo schmeckt es (für unseren Geschmack als Touristen, die indisches Essen lieben) dann am Besten?

Ich würde schon sagen, dass die Unterschiede sehr deutlich sind. Grundsätzlich unterscheidet man in Punjab-Küche (=Nordindisch) und South Indian. Ich würde sagen, dass bei uns ganz klar Punjab-Küche überwiegt. Dazu gehören eigentlich alle Gerichte, die jeder, der schon zweimal beim Inder essen war, kennt: Dal, Paneer, Gemüsecurrys. Südindisch dagegen war für mich komplett neu - vor meinem Besuch hatte ich noch nie etwas von Idli, Dosa und Mendu Vada gehört und die findet man bei uns auch eher selten. Punjab-Küche bekommt man in Indien eigentlich überall, ich würde sagen, diese Standardgerichte schmecken dann tatsächlich irgendwann alle irgendwie gleich. Südindisch ist (zumindest im Norden, wo ich ja unterwegs war), nicht so gängig und unterschiedet sich deutlich. In Ahmedabad habe ich auf Empfehlung gezielt Restaurants ausgewählt, um südindische Spezialitäten zu verkosten. Wie es in Südindien selbst ist, kann ich mangels Erfahrung nicht beurteilen.
Was am besten schmeckt, kann ich natürlich für dich nicht beurteilen. Jeder hat da ja andere Präferenzen. Ich finde, die Mischung machts. Mein Lieblingsgericht waren Panipuri, die ich bereits zu https://flic.kr/p/2jqrZqW gezeigt habe. Gleichzeitig sind die tückisch, weil die Koriandersoße nicht gekocht ist... wink.gif

QUOTE (Oliver-BergamLaim @ 31 Aug 2020, 13:43)
Dann noch eine Frage zum Schärfegrad der Gerichte. Wenn ich in Deutschland indisch essen gehe, gibt es ja sowohl sehr scharfe Soßenmischungen bzw. Gerichte auf der Speisekarte, z.B. ein Chicken Vindaloo (das ich in meinem Leben genau einmal bestellt habe und aufgrund der Schärfe kaum essen konnte). Aber es gibt eben auch sehr milde Gerichte, die fast gar keine wahrnehmbare Schärfe haben, z.B. ein Butter Chicken, Chicken Korma oder ein Chicken Jaipuri. Ist das denn in Indien ähnlich, dass es auch völlig milde und gefühlt "nicht scharfe" Gerichte gibt, oder ist dort dann auch ein in Deutschland sehr mildes Chicken Korma sehr scharf gewürzt?

Schärfe allgemeingültig einzuordnen fällt mir sehr schwer. Die Wahrnehmung hängt nach meiner Erfahrung einfach zu sehr davon ab, wie sehr man daran gewöhnt ist. Ich kenne durchaus Menschen, denen ist Essen schon zu scharf, da fällt es mir noch gar nicht richtig auf... biggrin.gif
Ich würde sagen, Gerichte ganz ohne Schärfe wird man in Indien so gut wie gar nicht finden, außer vielleicht auf speziellen Wunsch hin. Wer also Schärfe gar nicht gewöhnt ist und damit überhaupt nicht klarkommt, dem muss ich von Indien als Reiseland abraten. Ansonsten ist die Bandbreite natürlich sehr weit, teilweise haben wir auch dasselbe Gericht in unterschiedlichen Restaurants unterschiedlich scharf bekommen. Inwiefern die Schärfe automatisch angepasst wird, wenn Ausländer bestellten, kann ich nicht sicher sagen. Ich gehe aber stark davon aus, dass die Einheimischen teilweise deutlich schärfer essen, als wir es bekommen haben. Und viele Gerichte brauchen sehr lange in der Zubereitung, sind also mit Sicherheit schon fertig gekocht und daher auch gewürzt. Naja, und "medium spicy" wird auch überall anders interpretiert... Bis auf das eine Buffet in Allahabad konnten wir alles problemlos essen, haben aber auch immer irgendwas nicht Scharfes wie Reis, Naan oder Raita dazugenommen, um die Schärfe abzumildern.


Tag 25 Ahmedabad

Ich starte den Tag mit einer kleinen Fahrradtour entlang der Bahnstrecke. Nach ein paar Minuten komme ich zu einem BÜ, den ich sogleich dokumentiere.
https://flic.kr/p/2jCafeM
Praktischerweise gibt es auch eine Unterführung zum Viehtrieb.

Dann warte ich im Schatten auf einen Zug. 15 Minuten vergehen. Plötzlich winkt mir jemand aus dem Wärter-Kabuff zu. Ich nähere mich und zwei Männer bedeuten mir, reinzukommen.

Besonders stark unterscheidet sich der Posten eigentlich nicht von einem deutschen Pendent.
Zugmeldebuch, Telefon, Uhr...
https://flic.kr/p/2jC5ZwV

...Drucktastenstellwerk für die Bksig...
https://flic.kr/p/2jC613z

...und die Einrichtung zum Heben und Senken der Schranken, inzwischen auf Knopfdruck und nicht mehr per Kurbel.
https://flic.kr/p/2jCaf5J

Anscheinend ist der BÜ Hp-gesichert, denn erst nachdem der Wärter die Schranken geschlossen hat, stellt er das Signal auf Fahrt.
Und dann kommt pfeifend der Zug angerattert.
https://flic.kr/p/2jC9tRc

Alle Güterzüge in Indien führen am Zugschluss einen Bremserwagen mit.
https://flic.kr/p/2jC9tyd
Diese sind auch stets besetzt, doch für Betriebsbremsungen ist ihr Eingreifen nicht erforderlich. Angesichts der verhältnismäßig kurzen Zuglängen erscheint mir das auch nicht nötig. Der Bremser dient quasi als Zugschluss und kann im Notfall eine Bremsung einleiten.

Im Kabuff halten sich drei Männer auf, von denen offenbar zwei betriebliche Aufgaben erfüllen. Einer der drei spricht halbwegs passables Englisch und nutzt die Gelegenheit für ein Schwätzchen. Wie denn ein BÜ in Deutschland aussehen würde? Ob ich davon zufällig ein Foto hätte? Ich erkläre, dass die Unterschiede gering sind, bei uns aber zugbewirkt automatisch schaltende BÜ überwiegen und kein Wärter vor Ort arbeitet. Ich google ein passendes Bild. Interessiert schaut er und die beiden Kollegen auf eine Schranke mit Blinklicht.
Dringdring. Dringdring. Das Telefon unterbricht meine Erläuterungen. Der nächste Zug wird gemeldet und kommt aus lichtgünstiger Richtung.
Ahrrrg! Woher kommt der Typ denn plötzlich angelatscht?
https://flic.kr/p/2jC5ZQv

Und da kommt schon wieder einer westwärts
https://flic.kr/p/2jC5ZKR

Zwischen den Zügen stellt der Wärter weitere Fragen und übersetzt für die beiden Kollegen, wenn nötig. Was mein Beruf wäre? Warum ich nach Indien gekommen sei? Ob ich in einem Hotel wohne? Wie viel man in Deutschland verdiene? Wie viel dort eine Flasche Wasser koste? Wie viel PS eine deutsche Lok habe? Ob ich verheiratet wäre? Ob ich in Indien Reis essen würde und ob wir in Deutschland dasselbe Essen wie in Indien essen würden?
Dringdring. Dringdring.
Dööööö. Dööööö! DÖÖÖÖÖÖÖ! DÖÖÖÖÖÖÖÜÜÜÜÜÜÜÜÜ!
https://flic.kr/p/2jCaeKv

Und so vergeht eine Dreiviertelstunde, ehe ich mich wieder auf den Sattel schwinge. Ein Tempel in der Nähe
https://flic.kr/p/2jC9trE

Geschrieben von: Entenfang am 1 Sep 2020, 00:23
Ein Kesselwagenzug
https://flic.kr/p/2jC5ZoJ

Noch ein Tempel
https://flic.kr/p/2jCaeoi

Ich bleibe ein paar Minuten auf einer schattigen Bank sitzen, ehe ich durch labyrinthartige enge Gassen zurückfahre. Ich muss ständig anhalten und überprüfen, ob ich noch auf dem richtigen Weg bin.
https://flic.kr/p/2jC9tcm
Ich verfahre mich trotzdem dreimal und ziehe sämtliche Blicke auf mich. Über eine Straße ist nahezu auf ihrer kompletten Breite eine Decke ausgebreitet, auf der irgendwelche Gräser getrocknet werden. Ich traue mich nicht, drüberzufahren, passe aber auch nicht am Rand vorbei. Während ich rätsele, winkt mir eine Frau, drüberzufahren.

https://flic.kr/p/2jC5Z4F
Dieser Tempel sticht mir ins Auge, ich halte an, um ein Bild zu machen. Da kommt auch schon ein Mann angelaufen und bittet mich, näherzutreten. Er schließt den Tempel auf und bittet mich um ein Selfie. Mehrere Kinder sind ebenfalls aufmerksam geworden und plappern auf mich ein, ohne dass ich auch nur ein Wort verstehen würde. Ein 10-jähriger Junge will unbedingt mein Fahrrad ausprobieren und nur mit Mühe kann ich endlich weiterfahren, nachdem er drei Runden im Kreis gefahren ist.


Nachmittags ziehe ich nochmal los. Ich radle zur BRT-Haltestelle und nehme den nächsten Bus. Einige Autos und Mofas müssen umdrehen, weil sie die Trasse befahren haben, aber leider nicht durch das geschlossene Tor kommen. Zuerst fahre ich zu einer Kunstgalerie.
https://flic.kr/p/2jC5YZn
An der im Hintergrund sichtbaren Kreuzung müssen die Busse eine 180°-Kehre zurücklegen, denn der weitere Trassenverlauf führt wieder einige Hundert Meter zurück und zweigt dort dann ab. Um einen ausreichenden Wendekreis zu erhalten, müssen sie ganz nach links ausholen und können dementsprechend schwer nach rechts abbiegen.

Auch wenn ich kein Kunstkenner bin, hat das Museum mit dem schönen Namen Amdavad-ni-Gufa seinen Reiz.
Ausstellung im Garten
https://flic.kr/p/2jCadUY

Das ungewöhnliche Museumsgebäude von draußen...
https://flic.kr/p/2jC9sRM

...und von drinnen
https://flic.kr/p/2jCadSD

https://flic.kr/p/2jC5YHa

Einer der zahlreichen kleinen Tempel am Straßenrand
https://flic.kr/p/2jC9sqX

Zum Spazieren wurde mir die neu angelegte Uferpromenade entlang des Flusses Sabarmati empfohlen. In der Uber-App kann man auch Rikschas bestellen und das probiere ich gleich mal aus. Der Fahrer ruft mich gleich an, doch ich kann kein Wort verstehen, da er kein Englisch spricht. Laut Standort in der App kommt er jedenfalls nicht näher und nach einigen Minuten storniere ich die Fahrt und bestelle eine Neue. Wieder ruft der Fahrer an und ich verstehe nichts. Doch er steht gleich um die Ecke und ich laufe hin. Das Kennzeichen stimmt zwar nicht mit dem in der App überein, doch auf dem Handy des Fahrers wird mein Name angezeigt, also wird es wohl seine Richtigkeit haben.

Ich hatte gedacht, der große Vorteil einer Bestellung in der App ist es, dem Fahrer nicht das Ziel erklären zu müssen, weil man es selbst auf der Karte auswählen kann. Doch offensichtlich kann er damit nichts anfangen und fragt erstmal ein paar andere Fahrer. Er fährt dann trotzdem irgendwie immer anders als in der App angezeigt und das Ziel rückt eher weiter weg als näher. Irgendwann soll ich ihn dann lotsen, doch er fährt trotzdem falsch. Er hält nochmal an und fragt irgendwelche Wachleute an einem Hotel. Laut App müssen wir umdrehen und ein kurzes Stück weiter rechts abbiegen. 200 m weiter hält er wieder an, um jemanden zu fragen. Der Gefragte ruft jemanden an und reicht mir das Handy. Der Angerufene spricht Englisch und ich erkläre, wohin ich möchte und dass wir laut App so und so fahren müssten. "Exactly." Was genau das jetzt gebracht haben soll, weiß ich auch nicht - aber schön, dass die Menschen hier alle so hilfsbereit sind, wenn auch wenig dabei rauskommt.

Der ursprünglich Befragte erklärt dem Rikschafahrer irgendwas und ich hoffe, dass er es jetzt endlich verstanden hat, doch er fährt wieder anders als erwartet. Statt der prognostizierten 15 Minuten bin ich jetzt schon fast 40 unterwegs. So vergeht die Zeit...
Hier links, hier links...
Er murmelt irgendwas und fährt dann doch geradeaus. Immerhin bin ich jetzt in Flussnähe, zahle ihn aus und beschließe, zu Fuß weiterzugehen.
Nachträgliche Recherchen haben ergeben, dass offenbar die Uferstraße für Rikschas verboten ist und der Fahrer deswegen riesige Umwege gefahren ist, anstatt einfach geradeaus. Denn mehr Geld hat er dafür nicht bekommen, da der Preis vor Abfahrt in der App festgelegt ist.

Der Eintritt in den Park am Hochufer kostet 10 Rupien und ich gebe einen 100er, um stets ausreichend Kleingeldreserven in der Hinterhand zu haben. "No change." Ich auch nicht, behaupte ich einfach. Der Kassierer zieht die Geldschublade auf und zum Vorschein kommt mehr als genug Kleingeld. "No change", lügt er mir dreist ins Gesicht. Ich solle zum Parkplatz gehen und dort irgendwo wechseln. Das ist mir dann doch zu blöd und so gebe ich notgedrungen eine meiner letzten 10-Rupien-Münzen hin.

Geschrieben von: Entenfang am 1 Sep 2020, 00:23
Leider ist die Uferpromenade mit unzureichenden Sitzgelegenheiten ausgestattet und besteht fast komplett aus Beton. Der hat sich im Laufe des Tages stark aufgeheizt und selbst jetzt nach Sonnenuntergang halte ich die Hitze kaum aus. Gute Idee - schlecht umgesetzt. Ein riesiges Plakat wirbt für den wenige Tage zuvor stattgefundenen Besuch des indischen Premierministers mit Trump und dessen Frau in Ahmedabad.
https://flic.kr/p/2jC5Yje

Wofür diese Konstruktion dient, kann ich nur erraten - möglicherweise zur Gewinnung von Leitungswasser.
https://flic.kr/p/2jC9saX

https://flic.kr/p/2jC9skg

Für die Rückfahrt bestelle ich mir ein Uber, denn ein Kilometer Fußweg bis zur nächsten BRT-Haltestelle ist mir zu weit. Die Bestellung und die Fahrt funktionieren im Gegensatz zur Rikscha problemlos, auch wenn ich die letzten 500 m 10 Minuten im Stau stehe. Ich bleibe trotzdem bis zu meinem Ziel sitzen, denn laufen macht ja auch keinen Spaß.
Ich möchte einem Hypermarkt einen Besuch abstatten und schauen, ob man dort ein paar westliche Produkte erhält, die ich allmählich zu vermissen beginne, richtige Marmelade zum Beispiel. Und meine von daheim mitgebrachte Bitterschokolade ist auch fast weg... Am Eingang muss ich mal wieder meinen Rucksack abgeben, riskiere es dieses Mal aber, die Kamera drinnen zu lassen. Im Laden herrschen ein Lärmpegel und ein Gewusel zum Verrücktwerden. Abgesehen von einer Bäckertheke, an der ich eine Dose Kekse nehme, finde ich nichts Ansprechendes und stelle mich in die ewig lange Schlange an der Kasse. Ein kleiner Junge in den Armen der Mutter schaut mich neugierig an. Die Frau hinter mir rammt mir ständig ihre Einkäufe in den Rücken. Und so vergeht fast eine halbe Stunde, nur um dann an der Kasse zu erfahren, dass man die Kekse direkt am Bäckerstand bezahlen muss und ich mich gar nicht hätte anstellen müssen. Grmpf.

Inzwischen habe ich richtig Kohldampf und gehe zu Domino's Pizza gegenüber in der Erwartung, dass ich dort schnell etwas bekommen werde. Alle anderen Gäste kommen und gehen, nur um meine Bestellung scheint sich niemand zu kümmern. Es dauert eine geschlagene Dreiviertelstunde, bis ich endlich meine Pizza Margherita erhalte, sie müde und heißhungrig runterschlinge und mit einem der letzten Busse zurückfahre.

Geschrieben von: Entenfang am 1 Sep 2020, 12:56
Tag 26 Ahmedabad

Ich verbringe den ganzen Tag an der Uni. Der Termin mit einem Mitarbeiter der Metro scheint nun wirklich echt jetzt morgen vereinbart zu sein und gemeinsam mit zwei Kollegen rätseln wir, wie man am besten dorthin kommt. Der Treffunkt befindet sich am anderen Ende der Stadt, fast 35 km entfernt von der Uni. Laut Google Maps dauert eine Fahrt rein mit dem ÖPNV etwa 2h, wobei ich höchste Zweifel habe, ob das in Realität nicht deutlich länger dauert. Hier draußen an der Uni fährt der Bus nämlich nach meinen Beobachtungen ziemlich selten.
Auf der einen Seite würde ich natürlich gerne ein bisschen ÖPNV ausprobieren, auf der anderen Seite aber die Reisezeit irgendwie begrenzt halten. Es erscheint sinnvoll, mit dem Auto ein Stück von der Uni zum BRT zu fahren, dieses System bis zur nächstgelegenen Haltestelle zu unserem Ziel zu nutzen und dann eine Rikscha zu nehmen.

Den Rest des Tages lese ich mangels Beschäftigung DSO, denn das EF ist kurioserweise im Gegensatz zu DSO vom Administrator des Uni-Netzwerks gesperrt, weil es sich um eine Hobby-Webseite handelt. Jetzt wissen wir es - die größten Freaks sind auf dem EF und nicht bei DSO! biggrin.gif

Zusammen mit dem Bekannten mache ich nach Feierabend einen Spaziergang. Wir müssen noch Joghurt für das Abendessen einkaufen und nachdem wir über eine halbe Stunde durch die dunklen und staubigen Straßen gelaufen sind, frage ich schließlich, wo wir denn einkaufen würden. Er fühlt sich sichtlich schlecht dabei, mir zu sagen, dass wir jetzt die Gleise irgendwo überqueren müssten. (Anm.: Da er viele Jahre in Deutschland gelebt hat, sind ihm die Differenzen in puncto Sicherheit sehr wohl bekannt.) Ich sehe da aber kein Problem - man muss sich eben den lokalen Gegebenheiten anpassen und in Tschechien bin ich ja auch über die Gleise gelaufen.

Im Dunklen suchen wir nach erfolgreicher Querung die Fortsetzung des Trampelpfades auf der anderen Seite, ohne dabei im Dornengestrüpp zu landen. Ein junger Mann, der gerade am Bahndamm sein großes Geschäft erledigt, ist uns gerne dabei behilflich - als wäre es das normalste auf der Welt, beim Kacken jemandem den Weg vom Bahndamm durch das Dornengestrüpp zu erklären. Zwei überquerte Stacheldrahtzäune später (die schon ordentlich mitgenommen und die Drähte nach unten gebogen sind) stehen wir wieder auf einer richtigen Straße - willkommen in Indien...
Die drei Menschen, zwei Hunde und zwei Taschen auf einem vorbeiknatternden Mofa fallen mir nur noch am Rande auf. Wir passieren Wellblechhütten am Rande der Baustellen für die Hochhäuser. Vor einigen flackert ein Lagerfeuer und der Duft nach indischen Gewürzen zieht in meine Nase.
Ungelernte Arbeitskräfte verdienen etwa 7 ¤ pro normalen Arbeitstag, also etwa 8h. Es ist üblich, dass sie noch Überstunden machen, um mehr Geld zu verdienen, bis zu 30 Tage am Stück ohne Ruhetag arbeiten und nach 8 bis 9 Monaten genug gespart haben, um in ihre Heimat zurückzukehren und die Familie zu unterstützen. Wohlgemerkt - wir sprechen hier über äußerst harte körperliche Arbeit (Zementsäcke durch den Rohbau auf den Schultern hochtragen) unter heftigen klimatischen Bedingungen (in den Sommermonaten stets über 40°C bei sengender Sonne).

Geschrieben von: Entenfang am 2 Sep 2020, 13:32
Tag 27 Ahmedabad

Gestern hieß es, dass wir gegen 9:30 Uhr von der Uni losfahren sollten, damit wir etwa um 11:00 Uhr am vereinbarten Treffpunkt sind. Als wir um 9:15 Uhr in der Uni ankommen, ist vom Kollegen, der mich begleiten wird, nichts zu sehen. Erst um 10 taucht er auf. Mich wundert inzwischen gar nichts mehr, denn zu Pünktlichkeit hat man in Indien eben ein völlig anderes Verhältnis als in Deutschland. Tatsächlich werden mich gleich zwei Kollegen von der Uni begleiten.

Der Fahrer bringt uns schließlich zur nächsten BRT-Station (und denkt sich sicherlich seinen Teil dazu, dass der Ausländer immer mit dem Fahrrad zum Bus fährt und solche lustigen Aktionen plant). Mit einem Umstieg können wir so in die Nähe unseres Ziels gelangen.

Wir nehmen also den Bus - glücklicherweise gibt es noch ausreichend Sitzplätze - und fahren etwa eine halbe Stunde. Ein älterer Herr schüttelt mir die Hand. "Which country?" Die Kollegen erklären den Grund meines Aufenthalts und dieses Ausflugs, da er nur wenige Worte Englisch spricht. "You're very welcome to India!", meint er zu mir, als wir aussteigen. Wir müssen eigentlich in die Linie 5 umsteigen, doch die ist auf dem Bildschirm nicht unter den nächsten 10 Abfahrten. Ich glaube ja eher, dass ein Übertragungsfehler vorliegt, als dass der Bus gar nicht (oder erst in über 20 Minuten) fährt, doch die Kollegen haben gute Argumente auf ihrer Seite, als sie vorschlagen, eine andere Linie zu nehmen, die schon ein paar Haltestellen vor unserer eigentlich geplanten Ausstiegshaltestelle endet und von dort eine Rikscha zu nehmen.

Auf den schlechten Straßen werden die Insassen des Busses gut durchgeschüttelt. Immerhin ist das Fahrzeug nicht so überfüllt. An einigen Stellen sitzen Menschen auf einem Plastikstuhl zwischen Bustrasse und normaler Fahrbahn und halten ein Seil hoch, um nicht berechtigte Verkehrsteilnehmer von der Einfahrt in die Bustrasse abzuhalten. Manche sitzen einfach nur da und halten das Seil in der Hand, ohne es zu spannen und so fahren auch die Mofas wie die Busse über das Seil. Mancherorts gibt es ein improvisiertes kleines Dach aus irgendwelchen Planen, um die Sonne fernzuhalten. Jobs, die keiner braucht... Die automatischen Tore gibt es nur auf den späteren Erweiterungen des BRT-Netzes.

Eine weitere halbe Stunde später steigen wir aus und 30 Sekunden später fährt schon die Linie 5 ein, welche zuvor nicht auf dem Bildschirm angezeigt wurde. So kommen wir doch noch zur ursprünglich vorgesehenen Zielhaltestelle. Dort wartet am Ausgang schon eine Rikscha und ein Mann, der auch aus dem Bus ausgestiegen ist, sitzt bereits in der Rikscha. Offenbar will er in dieselbe Richtung wie wir und natürlich quetschen wir uns zu viert auf die Rückbank. Da kommen noch zwei ältere Frauen, die auch mitfahren wollen. Ein Kollege und der zuerst eingestiegene Mann quetschen sich auf den Sitz zum Fahrer, die beiden Frauen zu mir und dem anderen Kollegen auf die Rückbank. Zum Glück sind wir alle schlank... Und los geht's - sieben Personen in einer Rikscha ist für mich neuer Rekord.

Im März 2019 wurde ein erster kurzer Abschnitt der Metro vom Depot Apparel Park bis zur östlichen Endstation Vastral Gam eröffnet. Dort erwartet uns ein Bekannter eines Kollegen, der Stationsvorsteher in Vastral Gam und auch U-Bahnfahrer ist. Der gute Kontakt hat den großen Vorteil, dass ich trotz der unzähligen Wachleute und des überall aushängenden Fotografierverbots meinem Hobby nachgehen kann und hier auch bildliches Material zeigen kann. Nach einer äußerst peniblen Sicherheitskontrolle mit Durchsuchen des Rucksacks und Abtasten mit einem Metalldetektor auf Straßenniveau dürfen wir in das Zwischengeschoss. Der Aufbau der aufgeständerten Stationen ist ähnlich wie in Jaipur und die Bauweise ähnlich monströs und mit viel Platz.
https://flic.kr/p/2jCzgLY
Rechts der Control Room, aus dem der Stationsvorsteher den Bahnhof mit Überwachungskameras im Auge behält, aber auch die technischen Anlagen und als Ansprechpartner für die Fahrgäste zur Verfügung steht.
Wie im Hintergrund deutlich zu erkennen ist, herrscht noch rege Bautätigkeit. Beispielsweise fehlen noch die Rolltreppen und Aufzüge. Alle Stationen werden (theoretisch) komplett barrierefrei erreichbar sein - wie weit man dann auf Straßenniveau barrierefrei kommt, steht auf einem anderen Blatt.

https://flic.kr/p/2jCzgEf
Wie in allen indischen Metrosystemen gibt es Zugangssperren. Im Hintergrund ein Pausenraum für das Fahrpersonal.

https://flic.kr/p/2jCDx4c
Bahnsteigebene - alle aufgeständerten Haltestellen werden mit Seitenbahnsteigen ausgestattet, die unterirdischen mit Inselbahnsteigen. Dazu gibt es halbhohe Bahnsteigtüren, die aktuell noch nicht fertiggestellt sind. Aber wofür wohl der mit schwerer Schusswaffe ausgestattete Wachmann gebraucht wird?! Ein Problem macht sich jedenfalls schon bemerkbar und das sind die Tauben.

Auf dem rund 7 km langen Abschnitt pendelt ein einziger Zug siebenmal täglich im 50-Minuten-Takt.
https://www.gujaratmetrorail.com/passenger-information/time-table/
Er verkehrt noch völlig ohne Zugbeeinflussung und ist daher im vorderen und hinteren (!) Führerstand stets mit zwei Fahrern besetzt.
Die Fahrten dienen in erster Linie der Schulung des Fahrpersonals und als Testfahrten, können aber auch ganz regulär von Fahrgästen genutzt werden.

https://flic.kr/p/2jCCJCk
Hier kommt endlich der Dreiwagenzug von Hyundai-Rotem eingefahren.
Während die meisten indischen Metros mit Überleitung ausgestattet sind, hat man sich in Ahmedabad für eine Stromschiene entschieden. Des Rätsels Lösung: Ich bin bereits darauf eingegangen, dass Drachensteigen eine beliebte Beschäftigung von Kindern ist. Wie im Hintergrund gut zu erkennen ist, sind die Häuser ziemlich nahe an der U-Bahntrasse und da hatte man wohl gewisse Bedenken.

Die Züge bestechen durch nüchternes Design, Klimaanlage und Längsbestuhlung. Separate Frauenabteile wie in Delhi sind nicht vorgesehen. In der NVZ wird mit 3 P/m2 gerechnet, sodass dann ein Dreiwagenzug 450 Fahrgästen Platz bietet. In der HVZ bei 6 P/m2 sind es 764. Alle Haltestellen sind auf Doppeltraktionen ausgelegt, in der auf rund 130 m dann 1500 Fahrgäste befördert werden können.
Außerdem sind die Züge für den vollautomatischen Betrieb vorbereitet, der aber frühestens in 7 Jahren kommen soll.
https://flic.kr/p/2jCDwT7

https://flic.kr/p/2jCzgdJ
Indientypisch musste bereits improvisiert werden, ehe der Regelbetrieb überhaupt begonnen hat.

https://en.wikipedia.org/wiki/Ahmedabad_Metro
Phase 1, bestehend aus einer Nord-Süd-Linie und einer Ost-West-Linie, insgesamt 40 km, soll schon im Jahr 2021 eröffnet werden. Phase 2 ist bereits genehmigt und wird die Nord-Süd-Linie bis in die Regierungsstadt Gandhinagar nördlich von Ahmedabad verlängern sowie einen kurzen Abzweig zu einem Unicampus beinhalten.

Wer noch mehr Details nachlesen will, wird im 723 Seiten langen pdf fündig.
https://www.gujaratmetrorail.com/wp-content/uploads/2016/07/Ahmedabad-Metro-DPR-2014.pdf

In sehr gemütlichem Tempo legen wir die Strecke über den Dächern der Stadt zurück.
https://flic.kr/p/2jCCJtN

https://flic.kr/p/2jCzgjv
Ein typischer Straßenquerschnitt in Indien - zusätzlich zur gut ausgebauten Ringstraße gibt es noch beidseitig eine Service Road, welche die Fahrräder, fliegenden Händler etc. aufnimmt, um den Verkehr zu beschleunigen.
Das gleiche Prinzip mit BRT in der Mitte
https://flic.kr/p/2jCDwDu

Der Bahnhof Apparel Park ist großzügig mit drei Gleisen ausgestattet, wobei das Gleis rechts nur zum Depot führt, die beiden Gleise links von der aufgeständerten Trasse zum Tunneleingang geführt werden.
https://flic.kr/p/2jCzg4R

Geschrieben von: Entenfang am 2 Sep 2020, 13:32
Die Konstruktion fügt sich hübsch ins Stadtbild ein. Nicht.
https://flic.kr/p/2jCDwuM

Interessant finde ich, dass man am Ausgang zuerst das Token an einen Scanner an der Sperre halten muss. Erst danach wird der Schlitz freigegeben, in den man das Token werfen und die Sperre öffnen kann.

Wir nehmen eine Rikscha zu Subway, wo wir thematisch passend unser Mittagessen einnehmen. Praktischerweise ist es von dort nur ein kurzer Fußweg zur nächsten BRT-Haltestelle.
Braucht jemand eine neue Windschutzscheibe für seine Rikscha?
https://flic.kr/p/2jCCJ63

Und warum hat Indien ein Taubenproblem? Darum:
https://flic.kr/p/2jCCJ1U

Der ganz alltägliche Verkehr
https://flic.kr/p/2jCCHWa

Normale Busse müssen generell herangewunken werden und wenn man Glück hat, bleiben sie sogar stehen.
https://flic.kr/p/2jCCHSY
In der Straßenmitte ist die BRT-Trasse nur in eine Richtung vorhanden, da sie in einer großen Häuserblockschleife geführt wird.

https://flic.kr/p/2jCDw9g
Was kann an Eis eigentlich nicht vegetarisch sein?
"Die Gelatine", erläutert mir ein Kollege. Außerdem erzählt er mir noch, dass es in Indien auch eine Gruppe der Unter-der-Erde-Vegetarier gibt, die nichts essen, das unter der Erde wächst (z.B. Kartoffeln). Die Begründung dafür lautet, dass beim Ausgraben die Bodenfauna gestört wird. Ganz einleuchtend finde ich das nicht - auch oberirdisch wachsendes Gemüse muss schließlich gepflanzt und die Reste irgendwann umgeackert werden.

Ein Elektrobus kommt angesirrt
https://flic.kr/p/2jCzfz9
Fast eine Dreiviertelstunde dauert die Busfahrt, dann nehmen wir eine Rikscha zurück zur Uni. Fast einen ganzen Tag hat der Ausflug gedauert, aber trotzdem sehr lohnend.
Man stelle sich also vor, für einen interessierten ausländischen Bekannten werden ein Auto mit Fahrer und zwei Kollegen bereitgestellt - das wäre bei uns wohl völlig undenkbar.

An diesem Flugzeug werden Ingenieure der Instandhaltung ausgebildet
https://flic.kr/p/2jCCHHE

Als mein Bekannter endlich bereit für den Feierabend ist und wir noch ein Schwätzchen mit einem zufällig getroffenen Kollegen hinter uns haben, erklärt er mir, dass er noch schnell in irgendein anderes Büro irgendwas besprechen müsse. Ich spare mir weiteren Smalltalk und halte lieber den Sonnenuntergang fest - diesen Vorteil hat die Lage der Uni am Ende der Welt zumindest.
https://flic.kr/p/2jCDvZJ

Geschrieben von: Entenfang am 3 Sep 2020, 13:02
Tag 28 Ahmedabad

Der Vormittag zieht in der Uni ins Land. Zum Mittagessen gibt es in der Kantine ein besonderes Dal, das süß ist. Mal was Anderes. Aber ehrlich gesagt fände ich ein Wiener Schnitzel mit Bratkartoffeln allmählich schon verlockend...
Ich möchte heute mal etwas zeitiger aus der Uni verschwinden und nicht den ganzen Nachmittag drinnen verbringen. Als Ziel habe ich die angeblich beste Shopping Mall der Stadt auserkoren. Gegen 15 Uhr gelingt es mir schließlich. Doch als ich ein Uber rufen will, meint ein Kollege, dass sein Besucher gerade zufällig in dieselbe Richtung müsse und mich natürlich mitnehmen könne.
Ein anderer Kollege gibt mir gute Ratschläge - ich solle mir doch mal eine Maske wegen Corona kaufen. (Anm.: Zu diesem Zeitpunkt gab es bereits erste bestätigte Fälle in Indien.) Hier in Ahmedabad wäre es natürlich überhaupt kein Problem und an der Uni sowieso nicht. Es wäre ja niemand in China gewesen. Aber wenn ich dann weiter nach Jaipur oder Delhi fahren würde - mit den ganzen Touristen wäre das sehr gefährlich dort... Zu diesem Zeitpunkt erschien es mir noch grotesk, angesichts all der anderen Gefahren, die in Indien lauern und vor denen ich mich auch nicht übermäßig fürchte.
In China hätte es aber schon über 40.000 Tote gegeben, fährt der Kollege unbeeindruckt fort. Eine andere Kollegin mischt sich ein, dass das ja nicht sein könne, denn das wäre mehr als die Gesamtzahl Infizierter. Jaja, aber irgendein Bekannter aus China hätte ihm erzählt, dass die offiziellen Zahlen nicht stimmen würden. Ich unterdrücke ein Gähnen und den auf der Zunge liegenden Kommentar: Und dein Bekannter hat sicher selbst alle Toten gezählt?
Ich bin froh, als ich endlich mit dem Besucher des anderen Kollegen im Auto sitze und nicht weiter über das leidige Thema Corona diskutieren muss, welches schon zu Beginn meiner Reise permanent auf der Agenda stand. Es sollte mich früh genug wieder einholen.

Ich werde in der Nähe meines Ziels abgesetzt und ich nehme eine Rikscha für den Rest der Strecke zu einem Park an der Mall.
Straßenszenen
https://flic.kr/p/2jCX2wp

https://flic.kr/p/2jCX2sw

https://flic.kr/p/2jCXP6r

https://flic.kr/p/2jCTuVN

Ehe ich in den Park gehe, brauche ich noch eine Flasche Wasser. Aus Indien stammt eine geniale Idee - der Maximum Retail Price (MRP). Auf sämtlichen (verpackten) Produkten vom Wasser bis zum Laptop gibt es einen aufgedruckten MRP. Es ist untersagt, ein Produkt über diesem Preis zu verkaufen, Ausnahmen gibt es z.B. im Restaurant. Der Kioskverkäufer sollte der einzige auf der ganzen Reise bleiben, der für das Wasser 30 Rupien verlangt, obwohl ich ganz genau weiß, dass der MRP 20 beträgt. Ein kurzes Zögern, ich habe noch gar nicht laut protestiert, genügt, um ihn zum Einlenken zu bewegen nicht zuletzt, weil ein paar umstehende Männer auch sofort protestieren.

So eine Bank ist doch verlockend:
https://flic.kr/p/2jCXP2o

Nach links geht's links lang.
https://flic.kr/p/2jCTuS1

Arbeitssicherheit?! Vermutlich weiß in Indien niemand, was das Wort überhaupt bedeutet.
https://flic.kr/p/2jCX25s

Die Sicherheitskontrolle am Eingang in die Mall fällt lasch aus. Ich will es hier nochmal mit einem Besuch in einem Supermarkt versuchen, der sich im Keller befindet. Zumindest zum Frühstück verspüre ich stark abnehmenden Appetit auf gebratenen Reis und stark gewürztes Gemüse und sehne mich nach Toast (gibt es) mit richtiger Marmelade (die gefärbte, nach Chemie schmeckende Paste ist glücklicherweise ausgegangen).
Und siehe da, ich werde fündig. Zwar gibt es die rote Chemieküche in allen Größen, aber auch eine aus Frankreich importierte Premium-Waldbeerenmarmelade zum fünffachen Preis. Sogar Bitterschokolade finde ich und begebe mich glücklich zur Kasse. Keine ewigen Schlangen, kein Gedränge. Zwei Minuten später bin ich wieder draußen. Da fällt mir auf, dass ich nicht mal den Rucksack abgeben oder versiegeln lassen musste und auch der Kassenbon muss nicht noch dreimal kontrolliert und abgestempelt werden. Nach 4 Wochen Indien freue ich mich über ein wenig gewohnte Normalität aus der Heimat.

Der Indoor-Spielplatz mit dröhnender Musik darf nicht fehlen
https://flic.kr/p/2jCXNHc
Was ich in der Premium-Mall jedoch vergeblich suche, ist Kaffee aus einer richtigen Tasse. Da verzichte ich lieber ganz darauf. Zum Kuchen gibt es natürlich auch einen Arzt-Holzlöffel. Ich nehme mir vor, zusätzlich zum Klopapier und zum Anti-Klimaanlagen-Pulli noch einen richtigen Löffel in die Standardbeladung meines Rucksacks aufzunehmen. Oder soll ich auch gleich noch eine Porzellantasse mitbringen und schauen, was dann passiert?

Da der Rikschafahrer Mondpreise verlangt und nicht mit sich verhandeln lässt, nehme ich ein Uber zum bereits bekannten BÜ. Etwa eine Stunde vor Sonnenuntergang kommt die andere Seite ins Licht.
https://flic.kr/p/2jCTz2P

Geschrieben von: Entenfang am 3 Sep 2020, 13:02
Kaum ist der Reisezug durch, rumpelt auch schon ein Gz herbei...
https://flic.kr/p/2jCXNA8

...und in den staubigen Abend.
https://flic.kr/p/2jCX1Q9

Ein Mann läuft zusammen mit einem Jungen über die Gleise, beide tragen irgendwelche Blecheimer. Er plappert vor sich hin, geht mir auf die Nerven und deutet auf die Oberleitung und auf die Straße. Ich ignoriere ihn, doch er zieht nicht ab. Nach ein paar Minuten gebe ich auf und gehe in die entgegengesetzte Richtung davon. Die beiden schleppen ihre Blecheimer durch das Gleisbett weiter.

Doch heute ist mir nur wenig Glück vergönnt. Es kommt kein weiterer Zug mehr bis zum Einbruch der Dämmerung vorbei.

Geschrieben von: Entenfang am 4 Sep 2020, 10:26
Tag 29 Ahmedabad

Heute schaffen wir es erst kurz vor 10 Uhr in die Uni - stört aber offenbar niemanden. Alle Kollegen scheinen irgendwo anders beschäftigt zu sein, denn das Großraumbüro ist fast leer. Das heute ein Kochwettbewerb mit anschließender gemeinsamer Verkostung stattfindet, erfahre ich leider erst, nachdem alles aufgegessen ist.
Ich beschließe, nachmittags zur Science City zu fahren. Zufälligerweise fährt gerade einer der Kollegen in diese Richtung - nur leider mit dem Mofa. Ich willige schließlich ein, dieses für Indien so typische Verkehrsmittel auch mal auszuprobieren - aber bitte mit Helm. Aber das wäre hier doch gar nicht vorgeschrieben, meint der Kollege. Zumindest in Kalkutta standen überall entsprechende Schilder und selbst wenn es nicht vorgeschrieben wäre, bestehe ich trotzdem darauf.
Ganz wohl ist mir wirklich nicht auf der ersten Mofafahrt meines Lebens und das, obwohl wir nur auf Straßen mit wenig Verkehr unterwegs sind und der Kollege sich alle Mühe gibt, vorsichtig zu fahren. Ich bin jedenfalls heilfroh, als ich nach einer Viertelstunde wieder absteigen kann.
Am Eingang zur Science City besteht mal wieder ein Verbot, Essen mitzunehmen. Ich behaupte einfach, keines dabeizuhaben. "Ok, show." Die Wächterin findet die letzten Reste meiner Lindt-Schokolade im Rucksack, begutachtet sie dann ausgiebig. Möglicherweise fällt das unter zulässiges Essen, denn ich darf damit rein.

Bunte Blüten im Park
https://flic.kr/p/2jDeuT7

Am Eingang zum naturwissenschaftlichen Museum muss ich sogar meine Wasserflasche abgeben, was mir natürlich gar nicht taugt. Nachdem die Kamera schon die Aufbewahrung überstanden hat, wird es meine Wasserflasche wohl auch tun.
In einem halbkugelförmigen Gebäude gibt es physikalische Experimente zum Ausprobieren, von denen die Hälfte nicht funktionieren.
https://flic.kr/p/2jDacZS

Das Highlight ist eine Show zu Außerirdischen. Auf Anweisung eines Aufsehers werden alle umstehenden Personen in einen runden Raum eingelassen, dort setzen sich alle auf den Boden. Der Raum ist ab drei Metern Höhe von einer Leinwand umgeben, die von mehreren Beamern mit völlig unterschiedlichen und unpassenden Trapezeinstellungen und selbstverständlich nicht von einem zusammenhängenden Bild bestrahlt werden.

Irgendwo im Park steht dieser Dinosaurier
https://flic.kr/p/2jDev54

https://flic.kr/p/2jDacQU
In der Weltkugel gibt es noch ein Museum zu Naturkräften.

Bevor ich das Gelände verlasse, setze ich mich noch auf eine schattige Bank. Bald kommt eine indische Familie vorbei, mit der ich Händeschütteln und Fotos machen muss. Zwei der erwachsenen Kinder haben Masken auf, gegen Corona, wie mir die Mutter ausführlich erläutert.

Ich versuche mich am AMTS-Bus.
https://flic.kr/p/2jDeuQb

Drei Haltestellen entlang der Hauptstraße ist eigentlich eine sichere Sache und laut Google Maps soll alle paar Minuten ein Bus kommen. Ich muss nicht lange warten, springe in den bereits anfahrenden Bus, und bis ich bezahlt habe, muss ich auch schon wieder aussteigen. Das Prinzip ist: Hinten beim Schaffner einsteigen, vorne beim Fahrer aussteigen, damit dieser weiß, wann jemand raus möchte. Haltewunschtasten gibt es natürlich nicht.

Im auserwählten Café gibt es leider nur Cremetorten, die sich gar nicht zum Mitnehmen eignen und Sitzgelegenheiten sind keine vorhanden. Notgedrungen kaufe ich zwei abgepackte Muffins und esse sie auf einer Bank am Straßenrand.

Ich starte einen weiteren Versuch am bereits bekannten BÜ, nachdem ich mit Uber hingefahren bin.
Von Westen her ziehen wuchtige Quellwolken auf und ich bin mir ziemlich sicher, dass es regnen wird, auch wenn die Wettervorhersage 5% Regenwahrscheinlichkeit angekündigt hat.
https://flic.kr/p/2jDdGQE

Heute kommen zwar mehr Züge vorbei, doch die Sonne verschwindet bald hinter den Wolken.
https://flic.kr/p/2jDdGUT

https://flic.kr/p/2jDeuDj

Allein schon an den Hektometersteinen erkennt man, wie groß Indien ist.
https://flic.kr/p/2jDeuzM

Vier Jungs zwischen 10 und 13 fragen mich, was ich hier machen würde. Leider sprechen sie in einer Mischung aus Hindi und Englisch, sodass ich die weiteren Fragen nur mit größter Mühe verstehe. Manchmal helfen sie sich gegenseitig mit englischen Vokabeln aus.

Ein Zug rauscht durch, doch das Signal in Gegenrichtung steht auch noch auf Fahrt und der BÜ bleibt zu. So warte ich 5 Minuten, doch kein weiterer Zug kommt. Das Signal wird irgendwann zurückgenommen und der BÜ geöffnet.

Kein seltenes Bild am Straßenrand:
https://flic.kr/p/2jDacs4

Geschrieben von: Entenfang am 4 Sep 2020, 10:26
Als ich auf dem Rückweg bin, fallen ein paar Regentropfen. Die vier Jungs kommen auf einem Mofa angebraust. "Photo, please!!!"
https://flic.kr/p/2jDackA

Der offensichtlich viel zu junge Fahrer zieht es anscheinend vor, nicht abgelichtet zu werden.
Vermutlich haben sie auf einem Mofa mehr Spaß als ich...

Und tatsächlich gibt es rund eine Stunde später zu meiner großen Freude einen kräftigen Regenguss, welcher endlich den ganzen Staub wegspült.

Geschrieben von: Entenfang am 5 Sep 2020, 22:20
Tag 30 Ahmedabad

Den nach dem gestrigen Regen verhältnismäßig kühlen Vormittag nutze ich für ein paar weitere Bahnfotos.
https://flic.kr/p/2jDGQCZ

https://flic.kr/p/2jDFXT6

https://flic.kr/p/2jDCwJm

Und das heutige Highlight - eine bunte Dotra
https://flic.kr/p/2jDCwBC

Diesen Sarg braucht offenbar niemand mehr - wollen wir hoffen, dass derjenige, für den er gedacht war, einfach nicht gestorben ist.
https://flic.kr/p/2jDGQVn


Ein Kollege hat vorgeschlagen, abends gemeinsam bei einer Kette essen zu gehen, bei der ich noch ein paar neue Gerichte ausprobieren könne.
Ich starte ein bisschen früher, um noch Nachtfotos zu machen.

Braucht jemand ein paar Kokosnüsse zum Opfern?
https://flic.kr/p/2jDGQ8q

Mal wieder versuchen ein paar Autos und Mofas, sich vor oder hinter dem Bus über die BRT-Trasse durchzumogeln. Heute Abend ist auf der normalen Fahrbahn gar kein Stau - das verstehe, wer will... Ich glaube ja inzwischen, dass sich in Indien schon aus Prinzip keiner an irgendwelche Regeln hält. Selbst wenn die komplette Straße frei ist, fahren alle irgendwo und nicht in den markierten Fahrstreifen.

Eine typische Ladenzeile
https://flic.kr/p/2jDCwms

Eisstand
https://flic.kr/p/2jDCwh4

Obst- und Popcornverkäufer
https://flic.kr/p/2jDGPHY

Jede Menge Billig-Plastik
https://flic.kr/p/2jDFX3y

Geschrieben von: Entenfang am 5 Sep 2020, 22:20
Bereits mehrfach bin ich mit dem Bus an einem Gemüsemarkt vorbeigefahren, jetzt steige ich einfach mal aus und schaue ihn mir an. Das Geschrei der Händler hallt über die Stände.
https://flic.kr/p/2jDCvQC

Nur das übliche Chaos
https://flic.kr/p/2jDCvLz

https://flic.kr/p/2jDGPao

Das Highlight des Abends ist das hier:
https://flic.kr/p/2jqrZqW

Die schmackhaften Bällchen heißen Panipuri und sind mit Gemüse gefüllt. Ich bin froh, dass der Kollege mir erklärt, wie man die überhaupt isst - man füllt nach Belieben vom roten Chutney und vom Korianderwasser in ein Bällchen und steckt es dann ganz in den Mund, um keine Sauerei zu verursachen.

Geschrieben von: Entenfang am 6 Sep 2020, 18:03
Tag 31 Ahmedabad

Heute schlafe ich richtig aus, denn nachmittags habe ich viel vor. Ein Kollege hat mir eine Stadtbesichtigungstour empfohlen. Um ein Haar hätte ich vorschnell abgelehnt, weil ich absurde Touri-Preise erwartet habe. Aber als ich gehört habe, dass die gesamte Tour nur 6 ¤ kostet und auch einen Teil außerhalb der Stadt hat, wo ich ohnehin hinwollte, sage ich zu.

Ich fahre zunächst mit dem Fahrrad zur BRT-Station. Laut App sollen die Abfahrten heute zur Minute 6 sein. Ich bin früh dran und sehe um 12:00 Uhr den Bus abfahren. Grmpf, hätte ich doch lieber auf meine beobachtete Minute 9 vertraut.

Ich warte geschlagene 16 Minuten auf den nächsten Bus, während drei stadtauswärts fahren. Laut App dauert die Fahrt 46 Minuten und die Tour startet um 13:15 Uhr. Also sollten trotz der langen Wartezeit noch ein paar Minuten Puffer bleiben. Gefühlsmäßig habe ich bisher aber immer länger als voranschlagt gebraucht. Ärgerlicherweise finde ich nicht mal hier am Stadtrand einen Sitzplatz, weil davor so eine lange Lücke war.
Ich steige nach 4 Minuten Wartezeit um - zu meiner großen Freude bekomme ich endlich eine Testfahrt im Elektrobus.
https://flic.kr/p/2jDTnyc
Der Unterschied zum Dieselbus ist enorm - statt eines schwerfälligen, lauten Monsters sitze ich in einem flinken Wiesel, in dem man kaum Stehen kann, so sehr gleicht die Fahrt einer Achterbahn.

Auf der Strecke gibt es etliche LSA mit Umlaufzeit 180 s und da es für den BRT keine Vorrangschaltung und nur eine relativ kurze Freigabephase gibt, verbummle ich einige Minuten vor Kreuzungen.
Wie die Läufer vor dem Start - Auf die Plätze... ...fertig... ...LOOOOOOS!
https://flic.kr/p/2jDXFLA

Hier ist die BRT-Trasse momentan wegen der Metro-Baustelle gesperrt und der Bus hält am Fahrbahnrand
https://flic.kr/p/2jDTnsW

Der Bus"bahnhof" RTO Circle - nach 55 Minuten statt 46 habe ich mein Ziel fast erreicht.
https://flic.kr/p/2jDTnqB

"Photo, please!"
https://flic.kr/p/2jDWN3z

https://flic.kr/p/2jDXFxK
Wo wir gerade dabei sind, kann mich einer von euch Rikschafahrern zu Gandhi Ashram bringen?
"Na klar, nur rein!"
Moooooment. Wie viel kostet das?
"100." Haha, guter Witz. 20. "70." 30. "50." 40 oder ich buche Uber. "Ok, 40."

Eine Rikscha mit Werbung, die den professionellen Umgang mit Photoshop demonstriert
https://flic.kr/p/2jDWMxm

Kaum 3 Minuten später bin ich am Ziel. Ein roter Sightseeing-Bus steht herum, aber wo und wann startet die Tour? Einige Minuten vergehen, bis mich jemand mit meinem Namen anspricht. Er hätte sich schon gewundert, wo denn der Ausländer der Tour bleiben würde.

https://flic.kr/p/2jDTnck
Mahatma Gandhi lebte hier für 12 Jahre. Ahmedabad war im Jahr 1930 Startpunkt von Gandhis Salzmarsch, einem Protest gegen die hohen Steuern auf Salz von der britischen Kolonialregierung.

In einem klimatisierten Bus - welch ein Luxus - klappern wir dann ein paar Sehenswürdigkeiten in der Stadt ab. Der erste Stop ist am Hutheesing Jain Temple. Extra für mich erläutert die Führerin alles auch auf Englisch, nachdem sie mit Hindi durch ist.
https://flic.kr/p/2jDXFo6

Ein Inder, der in London lebt und auf Heimatbesuch ist, drängt sich mir geradezu auf, mich zu fotografieren. Leider scheint ihm nicht bewusst zu sein, dass meine Kamera im Gegensatz zu seinem Handy auch die Möglichkeit hat, das Hauptmotiv durch Zoomen in den Mittelpunkt zu rücken. Das Ergebnis sieht nämlich so aus, als wäre ich zufällig ins Bild gelaufen&#8230;

Nur ein kurzer Blick von außen auf das kunstvolle Fenster der Sidi-Saiyyed-Moschee
https://flic.kr/p/2jDWMLc

Geschrieben von: Entenfang am 6 Sep 2020, 18:04
Nächster Halt: Rani Sipri Ki-Moschee
https://flic.kr/p/2jDWMDi

Shaking Minarets
https://flic.kr/p/2jDWMjk

Überall herrscht der gewohnte Trubel, erst am National Memorial am Stadtrand ist es ruhiger.
https://flic.kr/p/2jDTmxe

https://flic.kr/p/2jDXEHy
Highlight dieses Museums ist ein Multimedia-Raum, in dem mehrere Wachleute auf über 50 nicht funktionierende Bildschirme aufpassen. Dieses Museum kann man gesehen haben, muss man aber nicht.

Der Bus ist im Schatten geparkt, man beachte die eigene Tür für den Fahrer auf der "falschen" Seite
https://flic.kr/p/2jDXEDR
Die vereinbarte Abfahrtszeit verstreicht, doch von einigen Teilnehmern ist ebenso wenig zu sehen wie vom Busfahrer. Die Führerin hupt ungeduldig mit dem Bus, doch es vergehen weitere 15 Minuten, bis sich endlich alle inklusive Busfahrer an Ort und Stelle eingefunden haben.

Der nächste Halt ist Adalaj Stepwell, ein etwas außerhalb der Stadt gelegener Brunnen.
Spielende Hunde gehören zu Indien dazu
https://flic.kr/p/2jDXEwg

Es ist ein hübscher Ort. Alle kloppen sich um die besten Fotostellen, die meisten Selfies und laufen sich gegenseitig ins Bild.
Kein Ort ohne Schrein
https://flic.kr/p/2jDTmaR

https://flic.kr/p/2jDXEhU

https://flic.kr/p/2jDXEct
Der Inder aus London zeigt mir, was für ein tolles Bild er mit seinem Handy geschossen hat und drängt sich erneut auf, Bilder für mich zu machen. Da eine gute Stelle gerade frei ist, drängle ich mich elegant vor unentschlossene Einheimische und lasse ihn machen. Bei einem Bild ist zwar mein halber Kopf abgeschnitten, aber immerhin ein brauchbares Bild entsteht an diesem Tag doch. Hier sehe ich die ersten Ausländer während meines bisher 10-tägigen Aufenthalts in Ahmedabad. Ironischerweise sind es zwei Chinesen mit kleinen Rollkoffern.

Von oben ist das Gebäude übrigens indientypisch ohne jede Sicherung - hier geht es mehrere Meter in die Tiefe.
https://flic.kr/p/2jDWLCq

Geschrieben von: Entenfang am 6 Sep 2020, 18:04
Interessanter Schmuck an einem Tempel, der aussieht, als wäre er aus Alufolie.
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Letzter Halt des Tages ist der Akshardam-Tempel in der Planstadt Gandhinagar, welche auch gleichzeitig Regierungssitz des Bundesstaats Gujarat ist. In der zweiten Phase soll sie auch an das Metronetz angeschlossen werden.
Leider gelten im Tempel außerordentlich strenge Sicherheitsvorschriften - man darf nichts außer einem Geldbeutel und einer Flasche Wasser mitnehmen. Nein, nicht mal ein Handy, wiederholt die Führerin noch zweimal im Bus, was nichts daran ändert, dass trotzdem zwei nochmal zurück zum Bus müssen, weil sie das Handy nicht zurückgelassen haben.
Sogar Smartwatches sind verboten. Wenn die Inder was durchziehen, dann aber mit maximaler Konsequenz. Es ist jammerschade, dass ich keine Kamera mitnehmen kann, denn der Tempel erstrahlt gerade golden im schönsten Abendlicht.

Hier gibt es ein paar Eindrücke:
https://www.financialexpress.com/photos/business-gallery/918044/gandhinagars-akshardham-temple-illuminated-for-25th-anniversary-check-out-stunning-images/

Ich überspringe einen Teil des Museums zugunsten des Abendessens. Das Essen im Tempelareal wäre besonders gesund, hat die Führerin zuvor erläutert. Was an frittiertem Zeug, Pizza und einer interessanten Interpretation von italienischer Pasta so außergewöhnlich gesund sein soll, leuchtet mir zwar nicht ein, aber was soll's. Nachdem ich endlich herausgefunden habe, wo man was wie bezahlen und abholen kann, gibt es Samosa und ein Kichererbsengericht mit Naan. Danach bleiben mir noch ein paar Minuten, um den Tempel zur blauen Stunde zu bestaunen - ein ebenfalls herrlicher Anblick.

Dann fahren wir zurück. Der Busfahrer verschafft sich, wie so oft, durch viel Hupen freie Bahn. Ich frage, ob es möglich wäre, bereits am RTO Circle auszusteigen, um dort direkt in den BRT umsteigen zu können. Klar geht das.
Kaum öffnen die Türen, nerven schon fünf Rikschafahrer, die ich allesamt abschüttle und im Kabuff im Getümmel eine Busfahrkarte für 30 Cent kaufe.

Jetzt muss ich nur noch den richtigen Bus finden. Ich kann die Linien 3, 4 oder 201 nehmen. Momentan stehen 2x 12 und die 101 da.
https://flic.kr/p/2jDWLrU

Ein weiterer Bus hält am Straßenrand, doch die Liniennummer lässt sich anhand Klebespuren auf der Windschutzscheibe nicht eindeutig bestimmen. Eine 4 fährt ohne Halt vorbei, obwohl ein Einheimischer winkt.
Schließlich bietet mir jemand Hilfe an. Welche Richtung? Shivranjani. Er führt mich zu einem 20 m abseits geparkten Fahrzeug. Dort ist in der Scheibe eine 3 zu erahnen. Als einziger Fahrgast steige ich ein und wenig später fahren wir ab. Der Busfahrer hat offenbar Freude daran, im 2. Gang durch die Stadt zu dröhnen. Der Frontmotor gibt auch bei halbwegs normalem Fahrverhalten schon einen Höllenlärm ab, aber der Lärmpegel auf dieser Fahrt ist wirklich unbeschreiblich.

Wieder bremsen uns die LSA stark aus. Während der langen Rotphase stauen sich gleich immer zwei bis drei Busse pro Richtung, um sich dann pulkweise in Bewegung zu setzen.

Wir sind an dritter Stelle im Pulk und das erste Fahrzeug schafft offenbar nicht mehr als 30 km/h. Der Bus vor uns überholt irgendwann, doch der Fahrer meines Busses hat es offenbar nicht so eilig und überholt nicht.

An der Umsteigehaltestelle wird keine 1 innerhalb der nächsten 12 Minuten verkündet. Erst kommt eine 8, die zwar in die richtige Richtung fährt, aber schon zuvor endet. Direkt dahinter kommt ein Fahrzeug ohne klare Nummer. Jemand fragt, ich höre nur ISKCON und springe schnell rein. Mit viel Fantasie kann ich in der Frontscheibe eine 1 erahnen, doch der Bus endet leider trotzdem vorzeitig wie die 8.
Immerhin muss ich nicht lange auf die nächste 1 warten. Der Fahrer hat offenbar Freude daran, auf völlig freier Trasse zu hupen.
Fast am Ziel angekommen, stehen zwei Männer mitten auf der BRT-Trasse und bewegen sich selbst unter massivem Hupen nur äußerst widerwillig zur Seite. Sie starren, wie mindestens 50 weitere Menschen, wie gebannt auf irgendeinen Brand. Ob es ein Haus, ein Trafo oder ein Auto ist, kann ich auf die Schnelle nicht erkennen.
Immer wieder werde ich von anderen Fahrgästen angestarrt - meistens fällt es mir gar nicht mehr auf, so sehr habe ich mich schon daran gewöhnt. Für die Rückfahrt brauche ich satte 65 statt 46 Minuten. Während ich das Fahrrad aufsperre, fragt mich der Obstverkäufer, woher ich kommen würde. Muss wohl bald jedem hier im Viertel bekannt sein... Ich bin müde und nicht sehr motiviert für Smalltalk und radle lieber zügig zwischen Hunden und Kühen auf mein Bett zu.

Geschrieben von: Entenfang am 7 Sep 2020, 11:27
Tag 32 Ahmedabad

Der heutige Tag beginnt früh - sehr früh. Schon um 6 Uhr stehe ich auf, um mit Uber zum nahegelegenen Vogelreservat Thol Lake zu fahren. Der Fahrer nutzt die leeren Straßen, um Rallye zu fahren. Ich werde durchgeschüttelt und werde von einer Seite auf die andere geschleudert, während die Dämmerung anbricht. Einige Radfahrer nutzen die angenehmen Temperaturen des frühen Morgens für eine Fahrt.

Kurz bevor ich am Ziel bin, geht die Sonne auf. Mist, 10 Minuten zu spät dran. Der Wachmann am Eingangstor druckst eine Weile herum, erzählt etwas von Camera not allowed. Schließlich zahle ich fast 8 ¤ Eintritt und bekomme irgendeine Quittung. Einige weitere Fotografen stehen schon bereit.


Langsam spaziere ich am See entlang, sehe aber kaum Vögel.
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Ärgerlicherweise darf man ein Stück des Weges auch mit dem Auto oder Mofa entlangfahren und so tauchen ständig lärmende Einheimische auf. Da nehmen wohl alle Vögel Reißaus.

Als der parallele Fahrweg endet, wird es bald einsamer und ruhiger.
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Ich begegne drei jungen Männern, die ein Schlauchboot schleppen. Nach dem üblichen Smalltalk meinen sie nur: "2 weeks in Ahmedabad? Bless you!"

Zwei Männer um die 40 und 60 haben Modelle von Mercedes-SUV auf dem Boden geparkt und setzen sie - im Staub liegend - mit ihren Handys in Szene. Dabei erläutert der Jüngere dem Älteren, wie er das am besten machen soll.

Hier gibt es ja doch Vögel - leider hat meine Kamera nicht genug Tele, um sie schön nah heranzuholen.
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Dorfeinwohner vertreiben durch Rufe und Tröten die Affen, die auf dem Weg sitzen.

Die nächste Zeit bin ich ganz allein.
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Während ich eine Pause im Schatten einlege, flattert sogar ein Eisvogel vorbei.

Mein Plan sieht eigentlich vor, einmal komplett um den See zu laufen, nur führt der Trampelpfad im Osten vom See weg und die Uferlinie ist hinter Gebüsch nicht mehr erkennbar. Weder Google Maps noch maps.me bieten eine brauchbare Karte und so kann ich mich nur mit GPS und einem blauen Punkt, der langsam auf einer weißen Fläche wandert, orientieren. Bald sieht es so aus, als würde ich wieder zum See zurückkommen und erfreulicherweise schützt mich lockerer Wald von der immer höherstehenden Sonne. Zwei Männer knattern auf ihrem Mofa an mir vorbei. Ein Stück vor mir springt einer von ihnen ab und kommt auf mich zu, während der andere weiterfährt. Er spricht mich auf Hindi an und ich verstehe kein Wort. Ich deute auf meinen Startpunkt in Google Maps, der gleichzeitig auch mein Ziel ist.
Er bedeutet mir, zu warten und ruft jemanden an. Ich verstehe nur was von Amerikaner. Bald reicht der Mann mir das Handy weiter und ich werde auf Englisch angesprochen. Woher ich denn kommen würde? Dass ich nur beim offiziellen Eingang reindürfe und Eintritt zahlen müsse. Ähm, ich komme doch vom offiziellen Eingang und 8 ¤ Eintritt sind wahrlich kein Schnäppchen?! Etwas ungläubig meint er, ich solle dem Mann die Quittung zeigen - ich vermute mal, so weit wie ich hat es noch niemand zu Fuß geschafft.
Ich tue, wie mir geheißen und der Mann gibt sich zufrieden, macht aber keine Anstalten, mich allein zu lassen. Er zeigt mir noch ein paar Vögel und gibt mir zu verstehen, ich solle den weiteren Weg suchen.
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Auf Google Maps sieht es so aus, dass der linke Trampelpfad die bessere Wahl ist, sodass ich ihn wähle. Der Mann folgt mir. Ich frage mich nur, wieso ich navigieren soll. Wenn der Mann von hier stammt, müsste er doch die Wege deutlich besser kennen als ich...
Grob nach Himmelsrichtung den Pfaden durch den Wald zu folgen, klappt erstaunlich gut. Hier lang, da lang, abbiegen und immer weiter folge ich den Pfaden durch den Wald - der Mann lässt mich nicht aus den Augen. Vögel sehe ich im Wald keine mehr, wie schade.
Ein Pfad biegt immer weiter nach Süden ab und folgt schließlich dem Ufer in die falsche Richtung. Es ist das einzige Mal, dass wir umkehren müssen. Der Mann folgt mir weiter stumm. Irgendwann deutet er durch Gesten an, wo ich denn mein Fahrzeug geparkt habe. Ich sag nur Uber.
Irgendwie artet in diesem Land alles in ein Abenteuer aus...

Wir passieren schließlich einige Ölförderpumpen und erreichen wenig später die Landstraße, welche zu dem Ort am See führt, in den ich eigentlich immer am Ufer entlanglaufen wollte. 2 km entlang einer Landstraße müssen aber nicht unbedingt sein und ich gebe dem Mann zu verstehen, dass ich eine Rikscha anhalten möchte. Offenbar will er das für mich übernehmen, lässt aber die erste nach rund drei Minuten und nur mit einem Fahrgast besetzte vorbeifahren, um dann die nächste anzuhalten, in der bereits fünf Frauen sitzen. Ohje, muss das sein? Der Fahrer winkt mich zu sich auf den Fahrersitz, ich versuche irgendwie einen Preis auszuhandeln, was aber aufgrund der Sprachbarriere schwierig ist. Der Mann bleibt zurück, keine Ahnung, ob der jetzt den ganzen Weg fast eine Stunde zurücklaufen wird...

Die Frauen plappern auf mich ein und insbesondere die Älteren auf der Rückbank begrapschen mich andauernd. Dann wird ein Ghettoblaster aufgedreht, die Frauen sind offenbar in ebenso guter Stimmung wie der Rikschafahrer, welcher sich offenbar mehr auf seinen ungewöhnlichen Fahrgast als auf die Straße konzentriert, deswegen eine Bodenwelle übersieht, diese viel zu schnell überfährt und infolgedessen das überladene Fahrzeug so heftig durchgeschüttelt wird, dass ich fürchte, aus der Rikscha geschleudert zu werden. Gott sei Dank dauert die Fahrt nur wenige Minuten, ich drücke dem Fahrer etwa 60 Cent in die Hand, was die Frauen grölend und lachend zur Kenntnis nehmen und bin froh, die letzten 2 km zum Ausgangspunkt zunächst auf einem schmalen Fahrweg zurücklegen zu können, der mich dann wieder zum Seeufer führt.
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Heute sollte ich wohl ein Opfer bringen, weil das Abenteuer gut gegangen ist...

Geschrieben von: Entenfang am 7 Sep 2020, 11:28
Kuhweide im Busch
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Blütenpracht
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Endlich wieder am See - ich setze mich auf einen Baumstamm im Schatten, um mich zu erholen.
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Ein paar Mädels bitten mich darum, ein Gruppenbild von ihnen zu machen, dann geht mir noch ein besonders aufdringlicher Bettler auf die Nerven. Ich sehe keinen anderen Ausweg, als weiter zu gehen, um in Ruhe gelassen zu werden.
Für die Rückfahrt muss ich fast 20 Minuten warten, bis ein Uber kommt, doch glücklicherweise funktioniert die Abholung einwandfrei. Ich hatte befürchtet, dass der Fahrer vielleicht die kleine Seitenstraße nicht findet, doch der Fahrer erzählt mir, dass er schon über 20 Fahrten zum Eingang des Vogelreservats gemacht hat.

Nachmittags brauche ich dringend einen Kaffee.
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Die Schwarzwälder Torte hat mit dem Original allerdings wenig gemeinsam außer dem Namen.

Einige Busse der Marke Corona haben ein Automatikgetriebe und Heckmotor und weisen wesentlich bessere Fahreigenschaften auf und sind auch viel leiser.
Diesel trifft Elektro am Law Garden
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Das übliche bunte Treiben am Straßenrand
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Oh, ein Fahrradweg.
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Im angenehmen Park Law Garden
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Ich setze mich auf eine Bank, um mal wieder ein paar Nachrichten aus der Heimat zu lesen. Liveblog zum Corona-Virus - Wegwisch. Aktuelle Fallzahlen nach Bundesland - Wegwisch. Seufz. In Deutschland gibt es nur ein Thema, doch hier in Indien erscheint es um Lichtjahre entfernt. Die Supermärkte daheim sind leergehamstert, Lufthansa hat alle Flüge nach Indien bereits eingestellt.

Drei Halbstarke setzen sich auffallend nahe zu mir auf die Bank und fuchteln mit dem Handy herum. 20 Rupees.
Da schauen sie ziemlich blöd - tut nicht so unschuldig, ich habs genau gesehen, dass ich auf dem Foto drauf bin.
Vielleicht bin ich zu nett für dieses Land und lasse mich doch noch zu einem Selfie überreden.
Doch damit nicht genug, ich werde weiterhin als Fotomotiv begehrt und muss mich schließlich umsetzen, um meine Ruhe zu haben.

Eine halbe Stunde später sprechen mich drei Studenten an. Einer will seinen Master in Deutschland machen und so fragt er mich, wie viel denn ein Ingenieur in Deutschland verdienen würde. Ich rechne 40.000 ¤ in Rupien um, ein für indische Verhältnisse absurd hoher Betrag im Millionenbereich kommt heraus. Tatsächlich scheint er sich schon einige Gedanken gemacht zu haben, denn Fragen zu Studiengebühren und ob es auch Vorlesungen auf Englisch gibt übersteigen dann doch den üblichen Smalltalk. Zum Schluss komme ich natürlich um ein weiteres Selfie nicht herum.

Es vergehen keine fünf Minuten, da spricht mich der nächste Student an. Deutschland scheint bei indischen Studenten immer höher im Kurs zu stehen, denn bald darf ich ähnliche Fragen nochmal beantworten. Uff, jetzt habe ich aber langsam Hunger und begebe mich zurück zur Bushaltestelle.
So schön wie hier ist der Linienverlauf leider selten dargestellt
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Geschrieben von: Entenfang am 7 Sep 2020, 11:28
Je später der Tag, desto mehr Trubel
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Straßenhändler warten auf Kundschaft
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Für die Fahrt zeigt die App 36 Minuten an, was aber nicht sein kann, wenn in den Details 26 Minuten Fahrzeit in der ersten Linie, dann 3 Minuten Umsteigezeit und nochmal 10 Minuten Fahrzeit mit einer anderen Linie stehen.
Tatsächlich sind es 29+1+8, was ausnahmsweise erstaunlich gut an die Prognose der App herankommt.
An einer Haltestelle gehen die Bahnsteigtüren nicht auf und ein Fahrgast wendet sofort rohe Gewalt an, um auszusteigen. Wieder spricht mich ein Fahrgast an. Woher ich kommen würde. Ob München größer als Ahmedabad wäre. Wohin ich fahren würde.

Auf Empfehlung eines Kollegen esse ich heute Abend südindisch. Es gibt Medu Vada (frittierte Kringel)...
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...und Idli (schwammartige, gedämpfte Teigware).
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Dazu werden diverse Chutneys und Soßen gereicht, die alle sehr lecker sind. Aber fies, dass ausgerechnet die grüne am schärfsten ist.

Gut gefüllt fahre ich schließlich zurück. Ich habe dummerweise gedacht, dass es vernünftig ist, abends mal gut durchzulüften und bin erstmal eine Stunde beschäftigt, 100 Stechmücken zu jagen. Dann rennt auch noch ein riesiges Insekt, vermutlich eine Heuschrecke, über den Boden unter den Schrank und es wird ein langes Katz- und Mausspiel, ehe ich sie endlich eingefangen und nach draußen befördert habe.

Geschrieben von: Entenfang am 16 Sep 2020, 10:25
Gleis EF: Einfahrt Reisebericht nach Delhi Sarai Rohilla über Jodhpur, Abfahrt ursprünglich 8. September.


Tag 33 Ahmedabad

Was im einen Moment ein ruhiger Schleichweg ist, den man mal mit dem Fahrrad erkunden kann...
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...führt dann plötzlich durch eine Müllkippe, die auch gleichzeitig Kuhweide ist.
https://flic.kr/p/2jH72rT

Ich frage mich, ob es überhaupt Sinn ergibt, meinen Müll ordnungsgemäß zu entsorgen, wenn der ohnehin später hier in die Landschaft gekippt und vom Wind verteilt wird.

Kleine Erkundungstour durch die dörfliche Gegend
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https://flic.kr/p/2jH3ssz

https://flic.kr/p/2jH7PDo

https://flic.kr/p/2jH7NQz


Nachmittags zieht es mich ins historische Zentrum, welches ich bisher noch gar nicht besucht habe.
Immer wieder passiere ich solche Holzhaufen und wundere mich, welchem Zweck sie dienen.
https://flic.kr/p/2jH71jN

Meistens folgen die aufgeständerten U-Bahnen breiten Straßen. Doch in Ahmedabad ergab sich für die Nord-Süd-Linie ein glücklicher Zufall.
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Eine Eisenbahntrasse führt mitten durch die ganze Stadt, sodass ausreichend Fläche vorhanden ist. Die Meterspurstrecke soll auf indische Breitspur umgespurt und dann wieder in Betrieb genommen werden.

Die Ellis Bridge stammt aus dem Jahr 1869 - nur schade, dass man die neuen Brücken nicht dazu genutzt hat, sie beispielsweise als Fußgängerboulevard zu nutzen.
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Auch diese Fahrt dauert deutlich länger als voranschlagt. Natürlich herrscht in der Innenstadt das übliche Gewusel. Statt Autos zieht sich ein endloser Strom Mofas und Rikschas durch die engen Straßen. Die BRT-Trasse wird hier auch durch die AMTS-Fahrzeuge mitgenutzt.
https://flic.kr/p/2jH3rok

Geschrieben von: Entenfang am 16 Sep 2020, 10:25
https://flic.kr/p/2jH3rku

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https://flic.kr/p/2jH3rgG

Dieser Hund hat einen sicheren Schlafplatz gefunden - auf dem Boden ist die Gefahr einfach sehr groß, überfahren zu werden.
https://flic.kr/p/2jH3qc7

Ich lasse mich durch die Gassen treiben und lande vor diesem kleinen Tempel.
https://flic.kr/p/2jH6Yuf

Augenblicklich bin ich von mehreren Menschen umringt, die jede Menge Fragen an mich haben. Woher ich komme. Ob mir Indien gefalle. Ob ich allein unterwegs wäre. In welchem Hotel ich wohnen würde. Dass ich sehr klug wäre.
Na da fühle ich mich aber geehrt...

Jemand bietet mir einen Plastikstuhl an. Um 19 Uhr würde der Holzhaufen angezündet, ich könne gerne als VIP so lange sitzen bleiben.

So richtig Lust habe ich nicht darauf, eine Stunde lang alle möglichen Fragen zu beantworten und außerdem wollte ich noch mehr als 5 Minuten von der Bushaltestelle laufen.
Also beschließe ich, weiterzuziehen und später nochmal zurückzukehren, um mir das Spektakel anzusehen.
Ein paar Eindrücke von den belebten Straßen
https://flic.kr/p/2jH713v

https://flic.kr/p/2jH3rcy

https://flic.kr/p/2jH6ZYY

https://flic.kr/p/2jH6ZWd

https://flic.kr/p/2jH7Nmi

Geschrieben von: Entenfang am 16 Sep 2020, 10:26
https://flic.kr/p/2jH6ZMk

https://flic.kr/p/2jH7NaM

https://flic.kr/p/2jH7N94

Schließlich lande ich an einem reich dekorierten Tempel.
https://flic.kr/p/2jH6ZuM

https://flic.kr/p/2jH6ZAJ

https://flic.kr/p/2jH6ZyK

Ich kehre zum kleinen Tempel zurück, nicht ohne noch mehrmals angequatscht worden zu sein und wegen dem permanenten Gehupe kurz vor dem Nervenzusammenbruch zu stehen. Um 19 Uhr wird der Holzhaufen nach mehreren Versuchen schließlich erfolgreich angezündet.
https://flic.kr/p/2jH3qBq

https://flic.kr/p/2jH3qvi

Ein Mann verteilt Süßigkeiten an die Umstehenden, während einige weißes Pulver ins Feuer werfen und beim Umkreisen Weihwasser versprengen.
Ich setze mich auf einen Mauervorsprung und schaue dem Treiben eine Weile zu. Dabei entsteht auch dieses Bild vom Blick in einen Hauseingang.
https://flic.kr/p/2jH6Zjg

Einige Passanten und Mofafahrer falten im Vorbeigehen die Hände und nehmen die Süßigkeiten gerne entgegen. Ich bekomme in 15 Minuten schon die dritte angeboten. Ein Mann telefoniert, während er das Weihwasser versprengt. Das Leben geht weiter, trotz des wichtigen Holi-Fests.

Irgendwann empfiehlt mir jemand, auch mal auf die Hauptstraße zu gehen und dort die Feuer anzuschauen. Ich will mich gerade auf den Weg machen, da quatscht mich ein vielleicht neunjähriger Junge an und bedeutet mir, mitzukommen.

Zwei verwinkelte Hausdurchgänge später stehe ich auf der nächsten Straße, wo ein Feuer über zwei Meter hoch lodert und eine enorme Hitze ausstrahlt.
https://flic.kr/p/2jH7MKD

Geschrieben von: Entenfang am 16 Sep 2020, 10:26
Und ehe ich es mich versehe, bin ich von fünf Kindern umringt, die mir Popcorn anbieten, auf mich einplappern und meine Fotolinie komplett blockieren. Nur mit Mühe kann ich mich nach einiger Zeit wieder losreißen und schaue mich noch in weiteren Straßen um.
https://flic.kr/p/2jH7MGs

https://flic.kr/p/2jH3qmL
Angemerkt sei noch, dass sich durch die Straßen dichter Verkehr quält - die Bilder sind in den wenigen Augenblicken entstanden, als sich gerade kein Mofa und keine Rikscha ihre Bahn durch die Menschenmange gehupt hat.

https://flic.kr/p/2jH7MD1

https://flic.kr/p/2jH3qi9
Zwei ältere Herren nutzen die Gelegenheit, irgendwelche alten Bretter loszuwerden - Sperrmüllentsorgung auf indische Art.
Kaum bleibe ich stehen, spricht mich ein junger Mann an und die Fragerei geht von Neuem los. Bald stehen zehn Menschen um mich herum und er übersetzt für alle. Praktischerweise ist bei so vielen Menschen immer jemand dabei, der Englisch spricht.

Weitere Eindrücke aus der nächtlichen Innenstadt
https://flic.kr/p/2jH7Ptt

https://flic.kr/p/2jH3sbx

https://flic.kr/p/2jH3s8g

https://flic.kr/p/2jH71Ty

https://flic.kr/p/2jH3s2u

https://flic.kr/p/2jH71Mw

Geschrieben von: Entenfang am 16 Sep 2020, 10:26
Abendgebet in der Jama Masjid
https://flic.kr/p/2jH3rWp


Eigentlich bin ich in die Stadt gefahren, um mich mit einem Kollegen für eine kulinarische Expedition über den Night Market zu treffen. Dass ich schon früher losgefahren bin und die ganzen Feuer gesehen habe, war ein glücklicher Zufall.

https://flic.kr/p/2jH723w
Ab etwa 21 Uhr geht es auf dem Nachtmarkt los.

Auch wenn der Kollege mehrfach betont, dass alles hygienisch und unbedenklich ist, bleibe ich dabei, ausschließlich durchgegarte Speisen zu probieren.
Los geht's mit knusprigen, frittierten Objekten.
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Die orangefarbenen Schnecken rechts sind im Gegensatz zum Rest pappsüß. An die Chutneys habe ich mich nicht getraut und an die Chilis nur mit äußerster Vorsicht, doch ich konnte sie problemlos essen.

Auf dem Platz werden Tische und Stühle aufgestellt und man kann sich einfach hinsetzen. Ah, da ist ja ein freier Tisch. JAAAAAAAAAAAUUUUUUUUUUUUUULLLLLLLL! Ohgottohgott?!?!
Beim Hinsetzen muss ich mich auf einen Hund gesetzt haben, der unter dem Tisch gelegen hat und den ich nicht gesehen habe. Etwas verstört zieht er von dannen und ich setze mich, noch ziemlich erschrocken, wieder ganz vorsichtig hin.
Nur schwer können wir einen abschütteln, der uns unbedingt Kaffee verkaufen will. Stattdessen bestellt der Kollege Dosa an einem Stand des Vertrauens. Serviert werden alle Gerichte leider auf Einweggeschirr.
https://flic.kr/p/2jH7P2S

Nicht zuletzt die Soße rechts, welche zu einem Großteil aus Käse besteht, macht ziemlich satt.

Als kleinen Nachtisch gibt es noch eingedickte und gezuckerte Milch - die wäre selbstverständlich gekocht, ich solle mir keine Sorgen machen.
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https://flic.kr/p/2jH71BM

https://flic.kr/p/2jH71uc
Das wird mir übrigens als "Medium Crowd" verkauft - der Nachtmarkt läuft bis spät nachts um 3 und wird bis Mitternacht noch viel voller als auf den Bildern, erfahre ich. Ursprünglich hatte der Nachtmarkt einen praktischen Hintergrund. Auf dem Platz gibt es zahlreiche Schmuckgeschäfte. Einbrecher sollen abgeschreckt werden, wenn außerhalb der Öffnungszeiten viele Menschen zugegen sind.

Der Kollege bietet mir an, mich mit dem Mofa zurückzufahren, aber ich schrecke doch sehr davor zurück, in diesem Chaos ungeschützt unterwegs zu sein und bevorzuge es dann doch, nur ein kurzes Stück bis zur Bushaltestelle mitzufahren. Naja, noch ein oder zwei Fahrten mehr und ich beginne Spaß am Mofafahren zu haben, meine ich lachend zum Kollegen.

Ein Bus fährt mir vor der Nase weg, weil der Fahrkartenverkäufer ewig herumtrödelt. Dafür erklärt er mir dann bereitwillig, wo ich wann wie umsteigen müsse. Voranschlagt sind 30 Min. bis ISKCON, dann 3 Min. Umsteigezeit, dann 12 Min. bis Bopal. Es muss für den Busfahrer die letzte Fahrt vor Feierabend sein, denn er fährt derart schnell, dass es nicht mehr feierlich ist. Wann immer kein Ein- oder Ausstiegswunsch erkennbar scheint, rauscht er ohne Halt durch die Haltestellen. Viele Schranken stehen jetzt offen, die wenigen geschlossenen sorgen für empfindliche Geschwindigkeitsdämpfer, weil sie nicht auf Durchfahrten ausgelegt sind. Überall glimmen letzte Reste der Feuer.
Wir überfahren mehr als zehn Ampeln bei Rot und siehe da - statt 30 dauert die erste Fahrt nur 28 Minuten. Die angegebenen Fahrzeiten sind jedenfalls unter Normalbedingungen völlig illusorisch.

Statt 3 warte ich geschlagene 23 Min. auf den Anschluss und stehe schon kurz davor, ein Uber zu bestellen, als der Bus doch noch kommt. Wieder rauschen wir durch etliche Haltestellen durch, die teilweise sogar schon verriegelt sind. Und wenn da jemand noch aussteigen will?!
In Bopal ist auch schon das Tor auf einer Seite geschlossen. Ich steige als einziger Fahrgast aus, ein Wachmann, eingepackt in einen Schal, streckt die Hand nach meiner Fahrkarte aus und winkt mir zum Abschied zu.

Gerade als ich die komplett unbeleuchtete Unterführung passiere, höre ich einen Zug pfeifen und halte nochmal an, um die mystische Stimmung des späten Abends einzufangen.
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Geschrieben von: Oliver-BergamLaim am 16 Sep 2020, 14:10
QUOTE (Entenfang @ 7 Sep 2020, 12:28)
Die Schwarzwälder Torte hat mit dem Original allerdings wenig gemeinsam außer dem Namen.

Wenigstens gibt es in Indien überhaupt eine Schwarzwälder wink.gif Ich liebe diesen Kuchen und muss zunehmend frustriert feststellen, dass man sie in München nirgends mehr bekommt. Ein oder zwei Bäcker haben sie zwar (allerdings auch nur sporadisch und nicht jeden Tag vor Ort erhältlich, meistens natürlich gerade an genau dem Tag nicht, an dem man einen riesigen Umweg zu eben jenem Bäcker macht), aber ich kann und will meistens nicht für ein Stück Torte durch die halbe Stadt fahren - da freue ich mich jedes Mal wenn ich in Asien bin, weil man dort witzigerweise in vielen Ländern in vielen Cafes problemlos eine Schwarzwälder Kirschtorte bekommt, ihr also quasi ständig zufällig über den Weg läuft.
wink.gif

Geschrieben von: Entenfang am 17 Sep 2020, 10:55
QUOTE (Oliver-BergamLaim @ 16 Sep 2020, 14:10)
Wenigstens gibt es in Indien überhaupt eine Schwarzwälder wink.gif Ich liebe diesen Kuchen und muss zunehmend frustriert feststellen, dass man sie in München nirgends mehr bekommt. Ein oder zwei Bäcker haben sie zwar (allerdings auch nur sporadisch und nicht jeden Tag vor Ort erhältlich, meistens natürlich gerade an genau dem Tag nicht, an dem man einen riesigen Umweg zu eben jenem Bäcker macht), aber ich kann und will meistens nicht für ein Stück Torte durch die halbe Stadt fahren - da freue ich mich jedes Mal wenn ich in Asien bin, weil man dort witzigerweise in vielen Ländern in vielen Cafes problemlos eine Schwarzwälder Kirschtorte bekommt, ihr also quasi ständig zufällig über den Weg läuft.
wink.gif

Da sie aber mit dem Original nichts gemein hat außer eine gewisse optische Ähnlichkeit, hätte man den Kuchen genauso gut ganz anders nennen können...

Bevor du sinnlos durch die halbe Stadt fährst, kannst du sie doch selbst backen. wink.gif


Tag 34 Ahmedabad

Heute ist Holi, ein wichtiger Feiertag. Er ist bekannt dafür, dass mit buntem Pulver herumgeworfen und ausgelassen gefeiert wird. Auf einen Tipp hin breche ich zur CEPT-Uni auf, in der Studenten traditionell Holi feiern und sich fröhlich Farbpulver-Schlachten liefern. Es ist auffallend wenig auf den Straßen los und auch die Busse sind viel leerer als in den letzten Tagen, wie bei uns zu Weihnachten.
https://flic.kr/p/2jHmNBX
Ich hatte schon befürchtet, dass der ÖPNV vielleicht pausieren könnte, aber die Befürchtung hat sich glücklicherweise als unbegründet herausgestellt.

Der Umstieg klappt zügig und die prognostizierte Fahrzeit stimmt ungefähr, wenn auch wieder mit mehreren überfahrenen roten Ampeln. Nachdem ich ausgestiegen bin, deutet ein Mann bereits Richtung Uni.
Ich betrete den Campus. Dort herrscht eine merkwürdige Stille, von Partystimmung nichts zu spüren. Zwei Studenten sitzen auf einer Bank und ich erkundige mich, wo denn die Holi-Feier stattfinde. "Cancelled due to corona-virus."

Ich muss mich sehr zusammenreißen, denn die Furcht vor dem Virus kommt mir geradezu lächerlich vor in einem Land wie Indien, in dem 1000 andere Gefahren lauern.

Als Alternativplan fahre ich weiter Richtung Innenstadt, um ein bereits ausgewähltes Busmotiv umzusetzen.
Hier der fragwürdige U-Turn, den alle Busse in beide Fahrtrichtungen machen müssen.
https://flic.kr/p/2jHqyn4

Unsinnigerweise halten die Fahrzeuge beider Fahrtrichtungen auf einer Seite, nur an unterschiedlichen Türen. An den Bahnsteigtüren steht nur leider nicht dran, wo welche Richtung abfährt. Und die improvisierten Liniennummern in der Frontscheibe sagen blöderweise nichts über die Fahrtrichtung aus...

Eine 9 hält an der vorderen Tür. Da angesichts des heute geringen Fahrgastaufkommens nur äußerst kurz gehalten wird, habe ich keine Chance, nachzufragen. Bisher haben die Busse Richtung Innenstadt doch immer hinten gehalten, oder? Ich lasse ihn fahren. Wenige Augenblicke später kommt eine 8, die hinten hält. Ich steige ein. Wir nähern uns der nächsten Kreuzung, wo sich die beiden Richtungen verzweigen uuuuuuund... ...ich habe richtig spekuliert.

Auf der Straße spielen Kinder und werfen Farbbeutel durch die Gegend. Offenbar haben sie weder Angst vor Corona noch vor dem hupenden Bus.

Diese Stelle wollte ich unbedingt bildlich festhalten. Hätte ich hier nur geschrieben, dass mitten auf der BRT-Trasse ein Tempel steht, hättet ihr vermutlich an einen Scherz geglaubt. Doch Indien ist immer für eine Überraschung gut...
https://flic.kr/p/2jHmNqK

https://flic.kr/p/2jHmNtf
Problematisch ist nur, dass ich zum Fotografieren selbst mitten auf der Trasse stehen muss. Da ich diesen Reisebericht heute poste, muss ich die Aktion überlebt haben. wink.gif

Ich spaziere ein wenig entlang der Straße. Ständig schütteln mir Menschen die Hände und wollen fotografiert werden. Der Mann rechts im Bild hat offenbar auch schon seine Ladung abbekommen.
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"You're a good photographer", kommentiert einer der Männer, nachdem sie sich reihum das Bild im Replay meiner Kamera angeschaut haben. Danke und Happy Holi...

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https://flic.kr/p/2jHqoYj

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Die Linie 2 passiert einen Wasserturm
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Geschrieben von: Entenfang am 17 Sep 2020, 10:56
Die Umsetzung des folgenden Motivs gestaltet sich als äußerst schwierig:
https://flic.kr/p/2jHmMTY
Ich halte mich im Hintergrund, bis ein Bus in Sichtweite kommt. Nur sobald ich an den Straßenrand trete, wittern die Rikschafahrer Geschäft, werden langsamer und fahren mir jedes Bild zu.
Das rote Gebäude im Hintergrund ist übrigens der Hbf.

Ich kehre zur BRT-Haltestelle zurück, um die Mittagshitze im schattigen Law Garden zu verbringen. Eine Kindergruppe wartet ebenfalls auf den Bus und sie schreien aus Leibeskräften, sobald ein Bus in Sicht kommt. Als es auch noch die richtige Linie ist, will der Jubel gar nicht mehr aufhören.

Nachdem drei Linien durch sind, die ich nicht nehmen kann, kommt ein Dieselbus ohne erkennbare Nummer. Ich spiele Roulette und steige einfach ein. Sollte er falsch abbiegen, lerne ich eben eine neue Strecke kennen. Der Busfahrer mustert mich neugierig, als ich, wie so oft, auf dem Sitz mit bestem Blick durch die Frontscheibe platznehme. Er fragt irgendwas, das ich beim Lärm des anfahrenden Busses nicht verstehe und ich antworte einfach mal mit Law Garden. "Ok, which country?" Ausländer scheint es in Ahmedabad wirklich äußerst selten zu geben und Ausländer im Bus wohl noch viel seltener. Der Bus ist so lahm, dass ich schon fürchte, aussteigen und schieben zu müssen.

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Über die Ellis Bridge stadtauswärts

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Die Fahrstreifenbreite auf der Brückenzufahrt ist so schmal, dass zwei PKW nebeneinander eigentlich keinen Platz haben und daher in die Gegenfahrbahn ragen.

Hilfsbereit gibt mir der Fahrer Bescheid, bevor meine Haltestelle kommt. Dass der Law Garden zwischen 12 und 2 geschlossen ist, bemerke ich sehr bald und laufe wieder zurück zum Bus. Einer fährt mir vor der Nase weg und ich muss über 10 Min. warten. Die Taktdichte ist heute am Feiertag spürbar reduziert. Dann kommt eine 8, die bis ISKCON fährt. Dort muss ich in die 1 umsteigen, doch die ist direkt vor uns und ich habe keine Chance, sie zu erwischen, da beide Linien an derselben Tür halten und der Fahrer daher immer erst die Türen öffnet, wenn die 1 abgefahren ist und die Tür geräumt hat.

Daher steige ich schon eine Haltestelle vorher aus, um noch ein Bild zu machen. Die Wachleute schauen mich fragend an, während ich im Haltestellenbereich herumspaziere. Ich brauche die 1 nach Bopal. "Mhm, ok. Ticket, please." Ich reiche es dem Wachmann. "Ok, first door."
Auch in Gegenrichtung sind die beiden Linien direkt hintereinander unterwegs, allerdings sinnvollerweise die erst hier beginnende 8 hinter der 1, sodass man umsteigen kann.
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Nach 15 Min. kommt endlich die nächste 1. Mit 58 Min. Reisezeit bin ich deutlich über den geplanten 42 (bzw. 50 mit Umsteigezeit).
Welche Linie fährt wo ab? Dafür sollte man die Gujarati-Ziffern kennen.
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Bereits seit gestern schwirrt mir eine Idee durch den Hinterkopf. Allmählich bin ich lange genug in Ahmedabad. Zwar wurden beide Fahrkarten nach Jaipur (übermorgen und in drei Tagen) von der Warteliste confirmed, doch ich überlege, noch einen weiteren Ort unterwegs mitzunehmen und schon morgen abzufahren. Sinnvoll sind nur Orte, die irgendwie mit einer Nachtzugfahrt von Ahmedabad erreichbar und nicht dann nicht mehr allzu weit von Jaipur entfernt sind. Schnell fasse ich Jodhpur ins Auge, eines der Highlights in Rajasthan, das ich sogar in einer frühen Planungsvariante auch mal im Plan drinhatte.
Aber was nun? Habe ich überhaupt eine Chance, so kurzfristig eine Fahrkarte zu bekommen? Genau dafür hat Indian Railways eine spezielle Ticketquote vorgesehen, die Tatkal-Tickets. Sie werden am Vortag der Abfahrt um 10 Uhr freigeschaltet. Dummerweise ist es schon fast 14 Uhr, als ich den Entschluss gefasst habe, dass ich spontan umplanen möchte.
Zwei Züge kommen in Frage, die abends um halb 10 bzw. halb 11 in Ahmedabad abfahren und am nächsten Morgen um halb 7 bzw. halb 8 Jodhpur erreichen. Da ich im späteren Zug nicht so früh aufstehen muss, bevorzuge ich ihn. Normale Tickets sind völlig aussichtslos mit ellenlangen Wartelisten, also muss ich auf Tatkal setzen, auch wenn diese Tickets deutlich teurer sind.
Ich wähle den späteren der beiden Züge aus.
Tatkal - not available.

Ich wähle den früheren Zug aus.
Tatkal - available: 1

Diese Fahrkarte muss Indian Railways wohl extra für mich aufgehoben haben, weil ich die letzten Wochen so ein treuer Kunde war. Welch ein Glück, dass dazwischen ein Monatswechsel war, wie hätte ich sonst die ganzen Fahrkarten bei einem Limit von nur 5 monatlich buchen sollen?

Ich buche die letzte Fahrkarte schleunigst, ehe sie vergriffen ist und finde sogar noch eine normale Fahrkarte von Jodhpur nach Jaipur.

Am späten Nachmittag zieht es mich nochmal in die Innenstadt. Ich steige am westlichen Rand aus. Kirchen sind ein eher seltener Anblick
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Der Besuch von Trump wird überall auffällig beworben
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Das idyllisch zugewachsene Fort
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Ein kunterbunter Tempel
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Ich lande im muslimischen Viertel, wo Fleisch verkauft wird. Es dauert keine Minute und ich begreife, was der Kollege gestern gemeint hat, als er mir erläutert hat, dass der Nachtmarkt aus Sicht der Einheimischen sehr hygienisch wäre.
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Es stinkt entsetzlich in der Gasse, etliche Hühner sind wohl schon in den Käfigen verendet und bewegen sich nicht mehr. Das bei 30° ungekühlt ausliegende Fleisch wird von Fliegenschwärmen belagert.

Geschrieben von: Entenfang am 17 Sep 2020, 10:56
Möglicherweise eine Müllverbrennungsanlage?!
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Menschen winken mir freundlich zu und ich werde ständig um Fotos gebeten.
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https://flic.kr/p/2jHraM3

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Eigentlich würde ich lieber zügig weitergehen, um endlich aus den übelriechenden Gassen rauszukommen. Zum Glück habe ich in Indien kaum Fleisch gegessen, denn spätestens jetzt wäre mir der Appetit endgültig vergangen.
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https://flic.kr/p/2jHmLDi

Ständig rufen mir Passanten etwas zu und ich wäre beinahe an diesen beiden Kindern vorbeigelaufen, hätte mich nicht die Mutter auf der gegenüberliegenden Straßenseite nochmal angesprochen und darum gebeten, ein Foto von ihnen zu machen...
https://flic.kr/p/2jHraEE

Wieder sprechen mich einige Kinder an, vielleicht 12 Jahre alt. Ich solle doch mal ein Foto von einem ihrer Freunde machen. Unter größtem Protest schieben sie einen gleichaltrigen, weißen Jungen vor. Was der hier macht, weiß ich zwar nicht, aber er will im Gegensatz zu seinen Freunden auf gar keinen Fall fotografiert werden.

Der Tag geht zu Ende
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Schließlich lande ich wieder in der Jama Masjid, heute ist es viel ruhiger in der Umgebung und viele Geschäfte haben geschlossen.
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Geschrieben von: Entenfang am 17 Sep 2020, 10:57
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Was ist das und wofür ist es gut? Man weiß es nicht...
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Mein Ziel ist nochmal der reich verzierte Tempel, an dem ich gestern war. Auf dem Weg dorthin zeigt ein Mann in eine Seitengasse, die ich mal anschauen sollte.
Je untouristischer der Ort, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, dass solche Hinweise zum Laden des Cousins mit good prices führen - stattdessen gibt es einen weiteren, netten Tempel...
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...und diese Fassade.
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Einige Selfies später erreiche ich endlich mein Ziel.
Gemüsemarkt vor dem Eingangstor
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"Hallo!"
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Und der prächtige Tempel zur blauen Stunde
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Mit der Rikscha fahre ich nach harten Preisverhandlungen zur Edel-Mall, die ärgerlicherweise keinen BRT-Anschluss hat. Ich benötige noch Geschenke für die Uni-Kollegen, ehe ich morgen abreise. Dass die Mall geöffnet hat, konnte ich nicht der Webseite entnehmen, denn die ist indientypisch unbrauchbar. Wer in Indien etwas wissen will, der schaut auf Fragen und Antworten bei Google. Es ist erstaunlich, wie viele brauchbare Antworten man auf diese Weise erhält - einfach aufgrund der unglaublich großen Zahl an Menschen und Handynutzern gibt es für (fast) alles Bewertungen auf Google und es findet sich immer jemand, der die Fragen beantwortet.

Nachdem ich fündig geworden bin, gönne ich mir eine Portion Pasta, ehe ich den Rückweg antrete. Das mit Abstand beste Werbeplakat der Reise verkündet:
Don't be afraid of Corona-virus! Get homeopathic medicine to prevent Corona-virus starting from Rs. 40!
Dazu sei noch angemerkt, dass die traditionelle indische Medizin, Ayurveda, aber auch Homöopathie in Indien aktuell großen Zulauf erhalten. Es ist bekannt, dass Ärzte unnötige Medikamente verschreiben, weil sie dafür Provision von den Pharma-Konzernen erhalten. Diese Praxis hat zu einem grundsätzlichen Misstrauen in weiten Teilen der Bevölkerung geführt.


Indien hat heute mit sofortiger Wirkung sämtliche bereits erteilten Touristen- und Geschäftsvisa für ungültig erklärt. Nur noch Inder dürfen einreisen.


Es ist wie Musik in meinen Ohren, wenn ein Zug pfeifend das Haus passiert. Begegnen sich zwei Züge, erklingt beinahe ein Trompetenkonzert. Ich glaube, das wird mir fehlen.

Geschrieben von: Entenfang am 18 Sep 2020, 08:23
Tag 35 Ahmedabad -> Jodhpur

Der Flug meines Bekannten hat über anderthalb Stunden Verspätung und so schaffen wir es erst um halb zwölf in die Uni. Doch das ist kein Problem.
Ich verquatsche mich den ganzen Tag und immer wieder fragen mich Kollegen, wann ich denn heute abfahren würde. Nachdem ich 21:25 Uhr gesagt habe, wissen fast alle auswendig, dass es sich um den Suryanagari-Express mit der Zugnummer 12480 nach Jodhpur handeln würde. Ich bin immer wieder erstaunt, wie viele Menschen in Indien die Zugfahrpläne außerordentlich gut im Kopf haben. Oft habe ich sogar gleich noch die Information zum Abfahrtsbahnsteig (!) ungefragt dazubekommen.

Heute möchte ich etwas früher heimfahren, um noch meinen Koffer fertig packen zu können. Neinnein, es wäre nicht nötig, ein Uber zu nehmen. Der Fahrer könne mich selbstverständlich heimbringen und dann nochmal zurückkommen. Mir ist es immer ein wenig unangenehm, dass mich ständig jemand irgendwohin fährt.

Ich packe zügig, um noch Zeit für einen kurzen Spaziergang zu haben. Ich habe das Grundstück kaum verlassen, da höre ich es schon pfeifen. Mal wieder springe ich durch das Dornengestrüpp, möglichst ohne mich darin zu verheddern, ohne in irgendwas Ekliges reinzutreten oder von Hunden angebellt zu werden. Und schon saust der Zug durch:
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Im feinsten Abendlicht entsteht mein Lieblings-Bahnbild der Reise, welches ich bereits in der Vorschau ganz zu Beginn gezeigt habe. Aber weil es so schön ist, nochmal hier:
https://flic.kr/p/2jqpdaX
Auch Opa und Enkel schauen Züge und der Kleine winkt dem vorbeifahrenden Zug zu.

Und ab geht die Reise in den Sonnenuntergang
https://flic.kr/p/2jHHD76

Im letzten Licht folgt noch ein Zug
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Das Abendessen fällt üppig aus - es gibt Gujarati Thali mit all you can eat und all you can drink. Dabei kommt allerdings das Buffet zum Tisch, denn ständig laufen Bedienungen herum und drängen uns noch mehr Essen auf. Man muss sich schon entschieden wehren, um nicht ständig Nachschub zu bekommen.
Weil ich meine Kamera im Auto gelassen habe, gibt es leider kein eigenes Bild - aber so ähnlich sah es aus:
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Gujarat_Thali.JPG#/media/File:Gujarat_Thali.JPG
Mein Bekannter meint noch, er hätte zuerst ein anderes Restaurant im Blick gehabt, sich dann aber doch für das Bessere entschieden. Und nun schätzt mal, wie viel das pro Person gekostet hat.

Dann ist es schon an der Zeit, Abschied zu nehmen. 15 Tage sind verflogen... Ich werde im Gewusel am Bahnhof abgeladen.
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Überpünktlich fährt mein Zug ein.
Wie froh ich doch bin, dass es Zugnummern gibt...
https://flic.kr/p/2jHHCWX

Ein hübsches Bild-Zuglaufschild gibt es auch.
https://flic.kr/p/2jHDeB9

Von Mumbai wird der Zug mit E-Traktion gefahren, hier in Ahmedabad dann die Lok gewechselt.
https://flic.kr/p/2jHDevh

https://flic.kr/p/2jHDett
Am Bahnhof stinkt es nach Kotze und Kacke. Das fällt mir nur noch am Rande auf. Es ist ebenso zur Normalität geworden, wie die vielen auf dem Bahnsteig schlafenden Menschen. Tröööööt! Der Tf erhält den Bremszettel und ich steige allmählich ein.
Ich habe zwar eine obere Liege, stelle aber erfreut fest, dass kurz vor der Abfahrt die untere Liege immer noch frei ist. Doch tatsächlich kommt eine Frau 1 Minute vor Abfahrt, setzt sich aber gleich zu Bekannten auf anderen Plätzen, sodass ich bei 15 km/h den aufgehenden Mond und die zurückbleibende Stadt aus dem Fenster beobachten kann.

Die niedrige Reisegeschwindigkeit auf der Strecke lässt sich durch lange Kreuzungsaufenthalte auf eingleisiger Strecke erklären. Ich denke mir noch scherzhaft, dass es mir gar nichts ausmachen würde, wenn der Zug ein bisschen Verspätung bekommen würde. Dann müsste ich wenigstens nicht schon um 6:30 Uhr aussteigen. Die Wahrscheinlichkeit spricht aber gegen mich - von den letzten 50 Ankünften waren alle weniger als 15 Minuten verspätet.

Geschrieben von: Entenfang am 19 Sep 2020, 16:07
Tag 36 Jodhpur

Auflösung von gestern: Das hervorragende Abendessen hat mit 300 Rupien pro Nase zu Buche geschlagen - nicht mal 4 ¤.

Der Zug steht, als ich aufwache. Die Uhr zeigt 5:59. Ich checke die Live-Position in der Railyatri-App. Delay 59 min.
Ich stelle den Wecker eine Stunde später und schlafe weiter - unverhofft kommt oft.

An der Verspätung ändert sich nichts, bis wir in Jodhpur einlaufen. Mit etwas Glück erwischt man im 2nd AC-Wagen das vorderste Abteil im Wagen, welches nur zwei Liegen hat.
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Ein nettes Low-Tech-Feature finde ich übrigens die Leselampe.
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Auch wenn es vielleicht ein bisschen schwierig zu erkennen ist - am roten Griff kann man die Lampe auf- und zuklappen. Lässt man dabei nur einen kleinen Spalt offen, taugt sie super als Nachtlampe, ohne den ganzen Wagen zu blenden. Klappt man sie ganz auf, kann man z.B. lesen.

Der Mond steht noch leuchtend am Himmel - ist ja auch noch ziemlich früh
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Auf den ersten Blick sieht Jodhpur eher nach einer zweiten Pink City aus - den Beinamen Blue City kann ich nur am Bahnsteigdach festmachen, welches übrigens vorbildlich mit Solarzellen bestückt ist.
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Ich schüttle alle Rikschafahrer ab, denn ich habe das Hotel bewusst in unmittelbarer Nähe zum Bahnhof ausgewählt. Erfreulicherweise darf ich direkt nach dem Eintragen in das wie üblich riesige Gästebuch sofort in mein Zimmer.
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Die bereits bewährte Hotelkette kostet mich hier nur 17 ¤ pro Nacht, ob das an den stark rückläufigen Touristenzahlen wegen des Einreisestops, an der Nebensaison liegt oder immer so günstig ist, weiß ich nicht. Nur das warme Wasser funktioniert mal wieder nicht. Was soll's, die letzten zwei Wochen in Ahmedabad hatte ich auch keins.

Bahnblick habe ich aus meinem Zimmer nicht, dafür aber aus dem Treppenhaus.
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Das Elektrifizierungsprogramm hat Jodhpur noch nicht erreicht.

Vorbildlich aufgereiht sind viele Brandlasten auf dem Fluchtweg
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Mein Stadtspaziergang beginnt daher schon um halb neun zu ungewohnt früher Stunde. Ein kunstvoll bemaltes Schild
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Auf den Straßen ist wenig los und die meisten Geschäfte sind noch geschlossen.
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Geschrieben von: Entenfang am 19 Sep 2020, 16:07
https://flic.kr/p/2jJ7Zpj

"Photo, please!"
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Noch halten sich die Selfie-Wünsche glücklicherweise in Grenzen.
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Das große Reinemachen
https://flic.kr/p/2jJ79in

https://flic.kr/p/2jJ7YZ6

Von der Blue City ist enttäuschend wenig zu sehen
https://flic.kr/p/2jJ3xpC

https://flic.kr/p/2jJ3xdW

https://flic.kr/p/2jJ3wXR

https://flic.kr/p/2jJ78ob

Irgendein teures Hotel
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Geschrieben von: Entenfang am 19 Sep 2020, 16:08
Straßenköter gibt es in Jodhpur jedenfalls in sehr großer Zahl
https://flic.kr/p/2jJ3xjn

Ich laufe bis zum zentralen Platz mit Uhrturm und frage mich, wo denn die Blue City ist.
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Auch auf dem großen Platz ist (noch) nichts los. Im Hintergrund thront Mehrangarh Fort
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https://flic.kr/p/2jJ781N

Ich suche eine Weile, bis ich endlich eine Gelegenheit zum Frühstücken finde. Fast alles ist geschlossen.
Da ich von der Dachterrasse einen herrlichen Ausblick habe, stört es mich auch nicht weiter, dass ich eine halbe Stunde auf den Pfannkuchen warten muss.
https://flic.kr/p/2jJ77Uv

https://flic.kr/p/2jJ77CU
Links im Hintergrund der Umaid-Bhavan-Palast, ein Teil davon dient der ehemaligen königlichen Familie noch immer als Residenz, während der Rest ein Luxus-Hotel ist.


Als nächstes Ziel steht der Desert Rock Park am Stadtrand auf dem Plan. Die Rikschafahrer wollen mich gnadenlos abzocken (man merkt eindeutig, dass ich wieder in einem touristischen Ort bin), also nehme ich ein Uber. In der App werden als Preis 48 Rupien angezeigt, was mir schon sehr wenig vorkommt. Da man mit dem Auto nicht durch die engen Gassen fahren kann, wird es ein riesiger Umweg und kostet am Ende 120. Es ist der einzige Fall auf der ganzen Reise, dass der tatsächliche Preis am Ende von der Erwartung abweicht. Ärgerlich ist es trotzdem, denn dann wäre die Rikscha doch deutlich billiger gewesen.

Der freundliche Kassierer erläutert mir gerne ausführlich, dass es zwei Wege gibt, einen gelb markierten und einen grün markierten. Auf dem Faltplan steht für die gut einen Kilometer langen Wege eine prognostizierte Zeit von 90 Min. (!) Sollte ich mich verlaufen, könne ich ihn jederzeit unter der angegebenen Telefonnummer erreichen. Ich solle dann aber bitte das Planquadrat angeben, damit er wisse, wo ich bin. Wenn ich das auch nicht sagen könne, sollte ich halt denselben Weg wieder zurückgehen.
Ich bin mir doch recht sicher, dass ich diese schwierige Wanderung meistern werde. Zumal es hier in Rajasthan zu meiner Freude auch fast 10° kühler als in Ahmedabad ist, wenn auch die Sonne trotzdem fies brennt.
Im Park begegne ich keiner Menschenseele. Welch angenehme Stille und garantiert mofasicher.
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https://flic.kr/p/2jJ83Da

https://flic.kr/p/2jJ3Bcn
Das sind übrigens keine Kakteen, verkündet eine Informationstafel. Was es dann ist, steht leider nicht dabei.

Blick zum Fort
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Geschrieben von: Entenfang am 19 Sep 2020, 16:08
Wüstenlandschaft
https://flic.kr/p/2jJ7crw

Ich winke die nächste Rikscha zum nahegelegenen Maharadscha-Denkmal Jaswant Thada heran.
Das Marmorgebäude ist wahrlich eindrucksvoll.
https://flic.kr/p/2jJ3AUo

Zum zweiten Mal auf dieser Reise versucht ein Inder gaaaaanz unauffällig, mich zufällig ins Selfie einzubauen.
Ich schaue mich weiter um:
https://flic.kr/p/2jJ7cdA

https://flic.kr/p/2jJ3AHX

https://flic.kr/p/2jJ7c5V
Die Rikschafahrer wollen absurde Preise, also bestelle ich ein Uber. Vermutlich gibt es hier genug Touristen, die man abzocken kann, sodass sich eine Fahrt zum halbwegs normalen Preis nicht lohnt. Inzwischen ist die Stadt erwacht und das Hupkonzert viel schlimmer geworden.

Beim Mittagessen recherchiere ich, wo denn der blaue Teil der Stadt ist - hinter dem Fort. Also laufe ich dorthin. Und siehe da - die Stadt macht wirklich was her:
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https://flic.kr/p/2jJ3y81

https://flic.kr/p/2jJ7bRt

https://flic.kr/p/2jJ7bKm
Viele Menschen grüßen freundlich, während ich durch die Gassen streife.

Ich entdecke, hinter zehn Winkeln und fünf Treppen versteckt, ein Café mit Dachterrasse.
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Geschrieben von: Entenfang am 19 Sep 2020, 16:09
Bei Kaffee und einem Gebäck aus Keksen und Banane kann ich mich gar nicht sattsehen. Eigentlich könnte ich hier den ganzen Tag sitzen bleiben.
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https://flic.kr/p/2jJ7buX

Da das Fort schon geschlossen hat, suche ich stattdessen den Weg zu einem anscheinend frei zugänglichen Aussichtspunkt. Aber wie kommt man dorthin? Im Café hilft man mir gerne weiter. Bis zum Hotel sowieso, dann rechts.
Ich folge der Beschreibung zum Hotel, gehe dann rechts und tatsächlich ist an irgendeiner Hauswand irgendein Hill ausgeschrieben und der Pfeil deutet nach rechts.
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Hier wurde auch ausgelassen Holi gefeiert

Unter den neugierigen Blicken der Einheimischen folge ich der Gasse, werde immer wieder gegrüßt. Kühe und Hunde streunen durch die schmale Straße und einige Mofas hupen.
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Aber der Weg gewinnt nicht an Höhe, sondern scheint um den Hügel herumzuführen. Ich probiere die nächste Seitengasse, natürlich eine Sackgasse. Ich bitte einen Mann um Rat. Er deutet nach rechts, von dort bin ich gekommen. "I'm a little busy now, but people there will show you the way."
Ich probiere noch zwei Seitengassen, beides Sackgassen.
https://flic.kr/p/2jJ3zKp

https://flic.kr/p/2jJ7aZi
In der dritten werde ich plötzlich von fünf Hunden angekläfft. Ein Mann schaut aus einer Haustür. Äh, geht's hier zum Tempel hoch?! "Next one." Ich nehme schleunigst Reißaus, während ein paar Hunde durch die Gasse rennen, immer noch bellend. Plötzlich setzt ein Kläffkonzert ein, das aus allen Richtungen von den Häuserwenden wiederhallt. Von allen Seiten stürmen Hunde auf mich zu, an mir vorbei und in die Gasse, aus der ich gekommen bin. Ich erwache aus meiner Schockstarre und gehe weiter. Die nächste Seitengasse ist wieder eine Sackgasse, in der nachfolgenden werde ich wieder von zehn bellenden Hunden begrüßt. Ob es der richtige Weg ist, traue ich mich nicht mehr herauszufinden. Nach fast einer Stunde stehe ich wieder an dem Hotel mit dem Pfeil zum Hill nach rechts. Ich setze mich, erschöpft von der Sucherei, an einen nahegelegenen See.
https://flic.kr/p/2jJ3zrD

Ein junger Mann spricht mich an, fragt das Übliche. Woher, wie lange, welcher Beruf. Dann: "Can I ask you something? You must be very disappointed. I can see it from your face..." Ja, verdammt, ich hab viel zu wenig geschlafen und irre seit einer Stunde durch sämtliche Gassen, hatte dreimal Angst, von Hunden gebissen zu werden und habe den Aussichtspunkt immer noch nicht gefunden. "Just follow Google Maps."
Schön wärs, aber die ganzen Seitengassen sind natürlich nicht eingetragen.

Als es dämmert, trete ich den Rückweg an.
https://flic.kr/p/2jJ3zeQ

Eigentlich möchte ich Rikscha fahren, doch keiner der drei Fahrer, die ich in der Nähe sehe, lässt auch nur 1 Rupie mit sich verhandeln. Mit dem üblichen Trick, einfach weiterzugehen, um dann doch noch einen Rabatt zu bekommen, habe ich mich verspekuliert und so laufe ich am Ende fast 2 km durch das Gewusel und Gehupe zurück.
Dafür gibt's noch ein paar Abendaufnahmen
https://flic.kr/p/2jJ7aza

https://flic.kr/p/2jJ7asB

Geschrieben von: Entenfang am 19 Sep 2020, 16:09
https://flic.kr/p/2jJ7anr

https://flic.kr/p/2jJ3yJg

Basar vor den Toren des Marktplatzes
https://flic.kr/p/2jJ7a4W

Der bunt beleuchtete, aber natürlich wegen Renovierung eingerüstete und geschlossene Uhrturm
https://flic.kr/p/2jJ7ZP2

Abendessen gibt es mit tollem Blick auf das beleuchtete Fort...
https://flic.kr/p/2jJ7Zzp

...ehe ich nach harten Verhandlungen zumindest den Preis für die Rückfahrt auf die Hälfte senken kann.

Geschrieben von: Entenfang am 20 Sep 2020, 22:23
Tag 37 Jodhpur

Heute möchte ich das 15 km entfernte Mandore besuchen. Die Hauptsehenswürdigkeit ist ein schöner Park, der sehr nahe am dortigen Bahnhof liegt. Nur leider fahren nur zwei Züge am Tag die Strecke und die Abfahrtszeiten sind völlig ungeeignet, sodass ich eine Rikscha nehme und für Hin- und Rückfahrt 5 ¤ bezahle.

Der Park lädt wirklich zur Entspannung ein.
https://flic.kr/p/2jJBvey

https://flic.kr/p/2jJAFoH

Ein Tempel
https://flic.kr/p/2jJAFMJ

Die kurze Wanderung zu einer nahen Ruine ist auch empfehlenswert, aber leider wüstentypisch schattenarm
https://flic.kr/p/2jJx7pu

https://flic.kr/p/2jJBviB
Unter diesem Baum wäre ich gerne noch eine Stunde sitzen geblieben, aber mit dem Rikschafahrer waren anderthalb Stunden vereinbart, die ich zwar indientypisch deutlich überziehe. Aber auf Diskussionen um Extra charge habe ich jetzt keine Lust und fahre wieder zurück.

Ein paar Eindrücke vom Marktplatz, ich denke, die Bilder sind selbsterklärend
https://flic.kr/p/2jJAFhq

https://flic.kr/p/2jJx5oa

https://flic.kr/p/2jJx59H

Mein Mittagessen nehme ich mal wieder auf einer Dachterrasse ein
https://flic.kr/p/2jJAFcA

Blick zum Jaswant Thada
https://flic.kr/p/2jJADf4

Geschrieben von: Entenfang am 20 Sep 2020, 22:23
Ich schaue zu, wie jemand jemandem beim professionellen Verlegen eines Rohrs zuschaut
https://flic.kr/p/2jJBt1v

Nachmittags erklimme ich den Forthügel.
https://flic.kr/p/2jJx4Qw

https://flic.kr/p/2jJBsL7

https://flic.kr/p/2jJBsEk
"Very hot today...", kommentiert der Mann, der im vorstehenden Bild zu sehen ist.
Naja, noch geht's ja. Aber das wird in einem Monat sicher anders. Tatsächlich kündigt die Wettervorhersage bereits für nächste Woche einen heftigen Temperaturanstieg bis nahe an die 40°-Marke an - also alles richtig geplant.
"Germany is a very good country. Dankedanke, Indien ist auch sehr schön.

Alle Ausländer müssen vor Betreten des Forts eine Fiebermessung machen und Name sowie Hotel in einem weiteren dicken Buch eintragen. Corona hat mich doch noch eingeholt, so ein Mist.

Ein hübscher Tempel in Fortnähe - sicher ein guter Aussichtspunkt und verlaufen kann man sich auf dem Weg auch nicht...
https://flic.kr/p/2jJBsxb

Ein paar Eindrücke vom Fort
https://flic.kr/p/2jJBssb

https://flic.kr/p/2jJBskH

Die Zufahrt wurde bewusst mit besonders vielen Spitzkehren angelegt, um dem Feind das Erstürmen auf Elefanten zu erschweren.
https://flic.kr/p/2jJAChn

https://flic.kr/p/2jJBuxd

Die Topografie ist im Zweifel die beste Verteidigung &#8211; der Anstieg kostet mich ziemlich viel Energie.
https://flic.kr/p/2jJBseq

Geschrieben von: Entenfang am 20 Sep 2020, 22:24
Bienenstock
https://flic.kr/p/2jJBuMw

Reich geschmückt
https://flic.kr/p/2jqp2yw

Jaswant Thada von oben
https://flic.kr/p/2jJBuTU

Marktplatz mit Uhrturm
https://flic.kr/p/2jJBuKn

Es ist wirklich äußerst schade, dass weite Teile der Mauer nicht (mehr) zugänglich sind, denn der Ausblick ist atemberaubend. Seit einem tödlichen Sturz nach einem Selfie halten diverse Absperrungen die Besucher von den besten Fotostellen fern.
https://flic.kr/p/2jJAEEP

Der Maa-Chamunda-Tempel hat eine Lage mit Weitblick
https://flic.kr/p/2jJBuoF

Auf diesen Grat wollte ich gestern Abend eigentlich
https://flic.kr/p/2jJAEdS

Blue City von oben
https://flic.kr/p/2jJx6jt
Leider sind diese Bilder nur durch einen schmalen Spalt im Gitter entstanden - gemütlich den Sonnenuntergang schauen geht hier nicht. Daher beschließe ich, den zuvor entdeckten Hügel zu besteigen.

Die achtarmige Göttin Durga
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Offensichtlich ist der Hügel als frei zugänglicher Aussichtspunkt sehr bekannt, denn ich bin bei Weitem nicht der einzige mit der Idee. "Schau mal hier, eine riesige Ameise!", höre ich, "oh nein, das sind ja zwei."
Die Frage 'Which country?' spare ich mir mal, meine ich lachend zu dem jungen Pärchen, das ebenfalls den Hügel besteigt. Dann stellt sich heraus, dass die Welt doch sehr klein ist, denn sie kommen auch aus München. Sie haben bereits einen Monat Indien hinter sich und noch einen vor sich. Immer wieder muss ich feststellen, dass ich verglichen mit vielen anderen mit meinen fünf Wochen geplanten Aufenthalts eher eine kurze Reise mache.

Auch zahlreiche junge Inder suchen den Aussichtspunkt auf und kurz vor Sonnenuntergang ist die Stelle gut besucht.
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Geschrieben von: Entenfang am 20 Sep 2020, 22:24
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Inder wie Ausländer vollführen waghalsige Manöver auf der Mauer vor dem Abgrund bei kräftigem Wind.
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Vier Inder rauchen erst Gras und springen dann auf der Mauer herum. Aber Hauptsache Panik vor Corona. Bis jetzt überwiegt noch der Wunsch nach Selfies und Händeschütteln, aber ich habe in den letzten beiden Tagen schon einige Male gesehen, wie sich Einheimische von mir oder anderen Touristen bewusst abgewendet haben.

Der perfekte Sonnenuntergang
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Mehrangarh Fort zur blauen Stunde
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Nach diesem Bild steige ich ab, ehe es stockfinster wird. Ich muss fast eine halbe Stunde auf ein Uber warten, da zwei Fahrten gecancelt werden und ein Fahrer einfach nicht kommt. Hätte ich doch besser eine Rikscha anhalten sollen.

Die Hiobsbotschaft des Tages - Tschechien kündigt als erstes europäisches Land die Grenzschließung ab übermorgen an. Ich lese schon wieder mehr über Corona, als ich eigentlich wollte und suche halbherzig danach, ob es irgendwelche Schwierigkeiten mit meinem geplanten Zwischenstop in Dubai geben könnte. Die Liste der von Emirates eingestellten Destinationen ist noch nicht sehr lange, aber bereits weitere Streichungen für die nächsten Tage angekündigt. Deutsche Ziele gehören zum Glück nicht dazu und - am wichtigsten - keine indischen.
Mehr oder weniger nebenbei sticht mir die Schlagzeile "VAE stops visa-issuing" ins Auge. Ohje, ich rechne mit dem Schlimmsten. Fällt meine Heimreise jetzt zusammen wie ein Kartenhaus? Ich klicke auf den Link. Keine neuen Visa mehr ab nächstem Dienstag, bereits erteilte behalten ihre Gültigkeit.
Meine Laune steigt schlagartig, denn meine Einreise ist für Montag geplant.

Geschrieben von: Entenfang am 21 Sep 2020, 11:47
Tag 38 Jodhpur -> Jaipur

Gleich nach dem Frühstück starte ich zum Bahnhof. Natürlich wird mir sofort eine Rikscha angeboten. Nachdem ich den Preis von 50 auf 20 runtergehandelt habe, spare ich es mir, den Koffer durch den Staub zu ziehen. 25 Cent kann man dafür schon mal investieren, oder?

Byebye, Suncity
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Das übliche bunte Treiben am Bahnhof
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1x Schuhe putzen lassen kostet 25 Cent, eine kleine Schuhreparatur 40 Cent, eine große Schuhreparatur 80 Cent.

Ob man nun Hindi oder Ziffern lesen kann, spielt keine Rolle. Dieser Zug fährt von Jodhpur nach Varanasi.
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Fahrplanübergabe
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Der große Vorteil von 1st oder 2nd AC-Wagen ist die Einreihung meistens an dritter oder vierter Stelle im Zug, sodass man noch gut Bilder von der Lok machen kann (sofern man an der Zugspitze und nicht am Zugschluss ist). Ein Nachteil bei Nachtfahrten ist allerdings unzweifelhaft die höhere Lärmbelästigung durch das permanente Pfeifen. Ohne Ohrstöpsel hätte ich kein Auge zugedrückt.

Eines der 2nd AC-Vierer-Abteile in Tagstellung
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Die unteren Liegen sind deutlich besser - man kann nämlich selbst entscheiden, wann man in Tagstellung umbauen möchte. Es ist doch sehr unwahrscheinlich, dass der Fahrgast der oberen Liege um Punkt 6 auf einen Umbau besteht.
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Im Vierer gegenüber nehmen bald sieben Einheimische Platz, der achte sitzt mir gegenüber im Zweier. Sie frühstücken erstmal ausgiebig und unterhalten sich lebhaft. Ich wundere mich schon etwas, dass sich ein bewaffneter Schaffner auf der oberen Liege gegenüber hingelegt hat. Bisher habe ich kein bewaffnetes Personal in den Zügen gesehen. Die Landschaft zieht vorbei, es sind hauptsächlich Felder und ein paar wenige Bäume.
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Die Strecke ist eingleisig und wir müssen immer wieder Kreuzungen abwarten. Die lebhaften Inder steigen bald aus. Etwas später kommen zwei Bahnangestellte vorbei, einer setzt sich, mir sofort unangenehm auffallend, auf den freien Sitz mir gegenüber. Von "Which country?" sind wir sehr schnell bei einem Lobgesang über Deutschland "very good country, Germany good friends of India, like Japan, Australia, Great Britain." Welche Währung wir in Deutschland hätten? Diese Frage habe ich schon ein paar Mal gestellt bekommen und auch die Nachfrage, ob ich zufällig einen Schein dabeihätte und ihn mal zeigen könnte. Während ich einen 5¤-Schein herauskrame, bin ich bereits überzeugt davon, dass er ihn am Ende behalten möchte. Nur doof, dass auf der eigenen Uniform groß "No tips, please!" draufsteht.
"Woooooow, veeeeeeery nice! It looks so niceeeee! Is this gate in Germany?" Uff, ehrlich gesagt, keine Ahnung. Ich google, die Brücken und Tore auf den Euroscheinen haben offenbar keine direkten realen Vorbilder. "How much is this in Rupees?" 400. "Ohhhhhh, so nice! And on the back is Howrah Bridge?" (Anm.: die Stahlbrücke in Kalkutta, die ich bereits gezeigt habe, ähnelt tatsächlich entfernt der Brücke auf dem 5¤-Schein.) Vermutlich nicht. "And this signature? Germany's prime minister?" "It's sooooo nice. Can I keep it and give it to my girlfriend?" Tja, wie klar war das. Nein, ganz sicher nicht.

Der bewaffnete Eisenbahner setzt sich jetzt auch dazu. "He is from railway police", erklärt der nach der Ablehnung etwas enttäuschte Typ sofort und fügt noch hinzu: "He doesn't speak English." Die beiden wechseln ein paar Sätze auf Hindi, ich verstehe nur Germany. "Where do you come from? Jodhpur?", fragt mich der Polizist. Ich nicke. "And going to?" Jaipur. Er macht noch bisschen Smalltalk, von wegen, der kann kein Englisch. "You haven't been to Jaisalmer? (Anm.: Wüstenstadt, bekannt für Dünen) Why not?" Oh Mann, was soll man denn darauf antworten... Er wechselt ziemlich schnell die Gesprächsthemen - von der Frage, ob ich allein unterwegs wäre sind wir plötzlich wieder bei meinem Beruf und wie viel man denn in Deutschland als Ingenieur verdient. Wieder komme ich mir ein bisschen blöd vor, als ich die Summe in Rupien umgerechnet in den Taschenrechner eingebe. Alle Umsitzenden sind erstmal ein paar Sekunden still. Ich relativiere ein bisschen, höhere Kosten, viele Steuern usw. "Is this normal salary in Germany?" Ja, durchaus. "Are you here on tourist visa or any other visa?" Hoppla, ist das hier eine unauffällige polizeiliche Befragung? Ich hatte schon ein merkwürdiges Gefühl... "How long have you been here?" Schon seit Anfang Februar. Ich ahne, worauf das Ganze abzielen könnte und füge an:
Damals gab es noch keine Corona-Fälle in Deutschland. Ob das stimmt, weiß ich zwar gar nicht mehr, weil ich es überhaupt nicht verfolgt habe. (Anm.: Es stimmt nicht, bereits Ende Januar gab es den ersten Fall bei Webasto, wie ich später nachgelesen habe)
"How long will you stay?" Nur noch 2 Tage. Übermorgen fliege ich zurück. "So you will take flight from Jaipur to Germany?" Nee, erst mit dem Zug nach Delhi. "So how do you like India?" Aha, jetzt sind wir wieder vom Schnüffel- in den Smalltalkmodus gefallen. Sehr, bin schon zum zweiten Mal hier und komme bestimmt nochmal wieder. "Who suggested you to come to India?" Was ist denn das bitte für eine Frage? Also doch wieder Schnüffelmodus... War meine Idee. Ja, ich bin immer noch allein unterwegs, auch wenn du mir die Frage noch dreimal stellst. Mir ist inzwischen sehr unwohl. Der Wagen ist ziemlich leer und keine anderen Fahrgäste in meiner Nähe, nur drei Bahnangestellte und der Polizist sitzen um mich herum. Worauf läuft das alles hinaus?
Ja, ich bin wirklich allein unterwegs. Und verheiratet bin ich auch nicht. Der letzte Punkt scheint für Inder sehr schwer begreiflich zu sein. "Which countries have you visited before India?" Also, wenn das keine polizeiliche Befragung ist... Naja, ich habe fast alle europäischen Länder schon besucht... Damit gibt sich der Polizist sichtlich nicht zufrieden. Ich ergänze noch, dass ich bis kurz vor meiner Abreise in Tschechien meine Abschlussarbeit geschrieben habe. Damit ist er schon deutlich zufriedener und wenig später verschwindet der Polizist ein Abteil weiter.
Die ganze Situation kommt mir sehr mysteriös vor. Aber irgendwie bin ich mir doch recht sicher, dass es nicht bloß zufällige Fragen waren, denn das wäre doch ein bisschen zu viel Zufall auf einmal. Aber ausgeschlossen ist es natürlich nicht. Ich sitze ein paar Minuten schweigend da, dann bricht der Bahnangestellte, der den Euroschein haben wollte und der ganzen Befragung stumm gelauscht hat, das Schweigen. "I hate Pakistan. They're mad country. Germany, Australia, England friends but I hate Pakistan! Prime minister Modi very good. I love him." Schön, wenn die Welt so einfach ist, denke ich nur, ohne darauf einzugehen. Ich hatte mich eh schon gewundert, wann ich den Hass auf Pakistan unter die Nase gerieben bekomme.

Bis jetzt noch nicht näher bin ich auf ein nicht ganz unwichtiges Thema eingegangen - Toiletten. In aller Regel wird in Indien zwischen Western Style (=WC-Schüssel mit Brille, wie wir es gewohnt sind) und Indian Style (=Plumpsklo) unterschieden. In den Zügen gibt es an den Wagenenden meistens zwei WC, davon ein Western Style und ein Indian Style. Beim Geruch nimmt sich nicht viel, aber weil das Plumpsklo kontaktärmer ist, habe ich ihm meistens den Vorzug gegeben.
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Die Spülung funktioniert auf zwei Wegen. Man drückt den Knopf und aus dem Rohr fließt Wasser...

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...da das oft eher ärmlich plätschert, bleibt aber manchmal etwas hängen. Deshalb gibt es noch einen Wasserhahn und einen Eimer, mit dem man nachspülen kann.
Die Spritzpistole findet man übrigens auch an fast allen WCs - denn nicht vergessen, Klopapier ist in Indien ein seltenes Luxusgut...
Die grundsätzliche Ausstattung ist überall gleich - Western Style gibt es nur in den meisten Hotels und Restaurants, die auch auf Touristen ausgelegt oder etwas teurer sind. In öffentlichen Toiletten an Sehenswürdigkeiten, Tempeln etc. findet man sie so gut wie nie. Bei öffentlichen Toiletten gibt es oft auch gar keine automatische Spülung, man muss also immer den Eimer benutzen.
Achso, nicht zu vergessen:
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Der Ventilator ist auch noch ganz wichtig und in Indien wirklich an den undenkbarsten Stellen zu finden.

Geschrieben von: Entenfang am 21 Sep 2020, 11:47
Gemütlich rumpelt der Zug durch Salzgewinnungsfelder.
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Am Ende der eingleisigen Strecke sind wir mit +30 unterwegs, aber dank großzügigem Puffer erreichen wir die zweigleisige Hauptstrecke bei Phulera wieder pünktlich. Daran ändert sich auch bis Jaipur nichts mehr und ich bin sehr froh, dass die letzte Stunde ohne weitere Fragerei von irgendwem vorbeizieht und ich endlich aussteigen kann. Es ist das erste und einzige Mal auf der Reise, dass ich mich wirklich unwohl gefühlt habe.

Kaum habe ich den Koffer auf den Bahnsteig gehievt, weist mich ein Mann schon freundlich darauf hin, wo der Ausgang ist. "Welcome to Jaipur. Which country?" Germany. "You know, I'm a Tuktuk driver." Na, so eine Überraschung aber auch. Da wäre ich ja nie draufgekommen... Ich brauche aber keine.
"Tuk-Tuk?" "Taxi?" Die geballt an der Eingangstür zum Bahnhof stehenden Fahrer kloppen sich beinahe schon um die Poleposition, als ich auftauche. No, no, no. "Where are you going?" Metro. "Which hotel are you staying?" In gar keinem. Sie geben glücklicherweise bald auf, als ich zügigen Schrittes den bereits bekannten Weg zurücklege. Sind tatsächlich 5 Wochen vergangen, seit ich angekommen bin? Die Zeit ist so schnell verflogen...

Normalerweise vermeide ich auf Reisen U-Bahnfahrten und bevorzuge Oberflächenverkehrsmittel. In Indien dagegen bietet die U-Bahn oft den besten Ausblick.
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In engen Bögen folgt die Trasse dem Straßenverlauf
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Für dieses Bild muss ich etwa 10 Minuten nach dem Ausstieg warten, ständig in Angst, mit Taubenkacke von oben beglückt zu werden. Ein zerdeppertes Ei liegt auf dem Bahnsteig. War wohl doch kein so guter Brutplatz...

Meine Bekannte ist gerade beschäftigt und bittet mich, eine Rikscha für den letzten Kilometer zu nehmen. Der erste Fahrer spricht kein Wort Englisch und hält mir einen 100er unter die Nase. Ich tippe 20 ins Handy ein. Aber da fährt er lieber weiter. Der nächste ist schon ehrlicher und verlangt erst 50, wir einigen uns auf 30. Ich solle ihn bitte lotsen. Er entschuldigt sich für die versuchte Abzocke des anderen Fahrers. Ja sicher, denke ich nur, ist ja nur ein Einzelfall gewesen...

Ich erzähle meiner Bekannten von meinem Erlebnis auf der Zugfahrt. "Nowadays, people are not so friendly to foreigners anymore." Ordentlich geschürt durch die Medien, macht sich Angst vor Ausländern breit. Die ersten Coronafälle in Indien wurden mutmaßlich durch eine italienische Reisegruppe eingeschleppt. "Anybody who mentions Italy is in big trouble", meint sie und ist sich ziemlich sicher, dass es sich tatsächlich um eine unauffällige Befragung gehandelt hat. Aber Europäer sähen für Inder alle gleich aus und sie könnten nicht einschätzen, woher jemand komme.

Die Situation hat sich rapide zugespitzt. Eine Horrormeldung aus Italien jagt die nächste. Weitere Länder haben Grenzschließungen angekündigt. Soll ich umbuchen, um schneller nach Hause zu kommen? Aber ich habe eigentlich keine bessere Alternative zum Flug über Dubai, denn Direktflüge von Delhi gibt es nicht mehr und auf eine Wiedereinführung zu warten, halte ich für eine sehr dumme Idee. Emirates bietet zwar eine kostenlose Umbuchung an, aber da ich erst um 18:30 Uhr ankomme, habe ich am selben Tag keine Möglichkeit mehr, sofort weiter nach Deutschland zu fliegen. Und früher von Delhi losfliegen geht auch nicht, weil ich ja erst hinfahren muss... Die nächste Weiterreisemöglichkeit ab Dubai ist am folgenden Tag um 3:30 Uhr nachts. 9 Stunden die Zeit nachts am Flughafen totschlagen zu müssen, ist nicht gerade meine Traumvorstellung. Ich beschließe, erstmal alles zu lassen, wie es ist, und in Dubai einzureisen, sofern möglich. Zumindest mein Flug von Delhi nach Dubai scheint normal stattzufinden.

Geschrieben von: Entenfang am 22 Sep 2020, 10:59
Tag 39 Jaipur

Ich lese schon wieder zu viel über Corona, genau wie meine Bekannte. Fast alle Bundesländer haben die Schulen geschlossen. Auch Spanien vermeldet explodierende Zahlen. Die Liste der von Emirates nicht mehr bedienten Ziele wird länger. Deutsche Ziele gehören weiterhin nicht dazu.

Bevor wir uns noch verrückt machen, schlage ich vor, ein paar Süßigkeiten als Mitbringsel einzukaufen.
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Mittagessen - Reis, gefüllte Mini-Auberginen, Dal, Curry, Chapati
https://flic.kr/p/2jK8BnF

Eine Zeitung meldet, dass in Jaipur öffentliche Einrichtungen geschlossen bleiben würden. Ich beschließe trotzdem, heute Nachmittag noch in die Stadt zu fahren und meine letzten Stunden sinnvoll zu nutzen.

Ich nehme ein Uber zum Windpalast in der Pink City.
https://flic.kr/p/2jK4bPG

Nein, ich will jetzt keine Tuk-Tuk. Nein, ich will auch keinen Selfiestick.
https://flic.kr/p/2jK7N3K

Das Leben geht seinen gewohnten Gang, die Sehenswürdigkeiten sind geöffnet. Von den immer noch zahlreichen europäischen Touristen laufen inzwischen viele mit Maske herum, auch immer mehr Einheimische haben sich Tücher umgebunden. Große Schilder weisen auf Hygieneregeln hin, man solle doch bitte niemanden anhusten und sich oft die Hände waschen. Von Masken steht nichts drauf.
https://flic.kr/p/2jK7MYM

Ansonsten überwiegt aber der Wunsch nach Selfies, auch ich werde mehrfach darum gebeten.

https://flic.kr/p/2jK7MUJ

https://flic.kr/p/2jK4bjd

https://flic.kr/p/2jK8AN4
Menschenmassen drängeln sich durch die engen Gänge und Treppenhäuser, wie sie es bisher auch getan haben.

Durchblick zum Nahargarh Fort
https://flic.kr/p/2jK7MJ8

Blick zum Jantar-Mantar-Observatorium, eine Sternwarte aus dem 18. Jahrhundert
https://flic.kr/p/2jK8AV3

Geschrieben von: Entenfang am 22 Sep 2020, 10:59
Blick über das Verkehrschaos, im Vordergrund der sich gut ins Stadtbild einfügende U-Bahneingang der Phase 1.B, deren Eröffnung immer wieder verschoben wurde
https://themetrorailguy.com/2020/03/08/cmrs-to-inspect-jaipur-metros-phase-1b-on-march-16/
https://flic.kr/p/2jK7MRC

Aber inzwischen scheint die Eröffnung endlich stattgefunden zu haben, zumindest werden im Fahrplan auch die neuen Bahnhöfe vermerkt:
http://transport.rajasthan.gov.in/content/dam/transport/metro/Passenger%20Information/Metro%20time%20Table/Salient%20features%20of%20time%20table%20w.e.f.%2023.09.2020.pdf


Ich nehme einen Schleichweg zum City Palace, der mich durch diese Gasse führt
https://flic.kr/p/2jK4dmE

Der Eintritt kostet happige 20 ¤, ich glaube zuerst an einen Scherz. Dafür bekomme ich einen persönlichen Guide zugeteilt und auf der Tour noch einen kostenlosen Tee.
https://flic.kr/p/2jK7Pzn

https://flic.kr/p/2jK8CFN

https://flic.kr/p/2jK7Pqe

https://flic.kr/p/2jK7Pkj

https://flic.kr/p/2jK4cY5

https://flic.kr/p/2jK7Pbw

https://flic.kr/p/2jK8Cg4
Ob der durchaus sehr schöne Palast den hohen Eintritt wert ist, sei mal dahingestellt.

Ich erkunde noch ein wenig die Umgebung - die Bilder sprechen wohl für sich.
https://flic.kr/p/2jK4cKz

Geschrieben von: Entenfang am 22 Sep 2020, 11:00
https://flic.kr/p/2jK7NYn

https://flic.kr/p/2jK4cE4

https://flic.kr/p/2jK7NRy

Die Pink City im schönsten Abendlicht
https://flic.kr/p/2jK7NNC

Die bunten Basare sind so überfüllt, dass man kaum vorwärtskommt. Zweimal ruft mir jemand "Corona" hinterher.
https://flic.kr/p/2jK4cvG

https://flic.kr/p/2jK8BPT

https://flic.kr/p/2jK4cds

Jeder Platz muss genutzt werden
https://flic.kr/p/2jK4cr3

Schließlich erreiche ich das Chandpol-Tor und damit die U-Bahn zur Rückfahrt.
https://flic.kr/p/2jK8BD2

Das letzte gemeinsame Abendessen, leider bei stark gedrückter Stimmung wegen Corona. Das Black Dal, das gebratene Gemüse und die Pilzcremesuppe schmecken trotzdem, wobei Letztere sehr nahe an den gewohnten Geschmack aus Deutschland herankommt. Im Eifer des Gefechts haben wir ganz vergessen, dass ich auch mal was Europäisches hätte kochen können...
https://flic.kr/p/2jK7Nou

Würde meine Heimreise nicht so sehr von den rasanten Entwicklungen abhängen, hätte ich schon längst aufgehört, die Nachrichten zu verfolgen. Es gibt nur noch ein einziges Thema und das offenbar weltweit. Vergessen sind die Flüchtlinge an der griechischen Grenze, vergessen das neue Gesetz von Modi, vergessen die Waldbrände in Australien. Nachdem in Deutschland erst die Supermärkte leergehamstert wurden, hat es auch die Bioläden erwischt. Klopapier und Nudeln sind aus und auch das ist nicht anders wie in Amerika und nicht anders wie in Australien. In Indien fangen die Menschen an, Dal und Reis zu hamstern.
Immerhin, in Deutschland ist entgegen vieler Erwartungen keine Ausgangssperre verhängt worden, nur ein Appell und eine Warnung, keine Corona-Partys zu feiern. Allerdings wurden Grenzkontrollen zu Frankreich, zur Schweiz und zu Österreich beschlossen.

Geschrieben von: Entenfang am 23 Sep 2020, 11:08
Tag 40 Jaipur -> Delhi -> Dubai

Viel zu früh klingelt der Wecker, und das, obwohl die Abfahrt durch einen kleinen Trick sogar ein wenig nach hinten verschoben werden konnte. Der Zug startet um 6:00 Uhr in Jaipur Jn, hält aber nochmal um 6:13 am Bahnhof Jaipur-Gandhinagar, der sogar schneller von der Wohnung zu erreichen ist. Meine Bekannte fährt mich hin. Die Straßen sind menschenleer, als wir im Dunklen losfahren. Doch kaum nähern wir uns dem Bahnhof, herrscht urplötzlich Chaos auf der Straße. Und das ist nicht weiter verwunderlich. Wie viele Autos benötigt man, um Fahrgäste für 13 Dostos mit 3+2-Bestuhlung zum Bahnhof zu bringen? Antwort: Zu viele, gerade bei so einer frühen Abfahrt, zu der natürlich niemand unnötig früh anreisen möchte, selbst wenn hier nur geschätzt die Hälfte einsteigt... Ich gehe die letzten 200 m also zu Fuß, weil kein Durchkommen mehr ist. Ich habe eigentlich erwartet, dass zu so früher Stunde kaum jemand irgendwohin fahren wird und muss feststellen, dass meine Annahme kaum weiter von der Realität hätte abweichen können.
https://flic.kr/p/2jKsBcH

Montagmorgen scheint offenbar eine ganz erhebliche Nachfrage auf der Strecke nach Delhi zu bestehen und es sind zahlreiche Geschäftsleute dabei. Zumindest mein Wagen ist fast bis auf den letzten Platz belegt. Leider kann man bei der Buchung nur Fensterplatz explizit auswählen, nicht aber das Stockwerk. Ich habe dennoch Glück und einen Platz im oberen Stockwerk ergattert.
https://flic.kr/p/2jKrK95

Trotz größeren Lichtraumprofils gibt es einen gewissen Mangel an Gepäckabstellfläche, doch zwischen Treppenhaus und der letzten Sitzreihe werde ich fündig. Die Decke ist dagegen an den Treppen teilweise sehr niedrig und man muss auf das persönliche Lichtraumprofil achten. Vermutlich sind die Aggregate der Klimaanlage an den Wagenenden über dem einstöckigen Bereich untergebracht. Die 3+2-Bestuhlung ist nicht üppig, aber ok.
https://flic.kr/p/2jKrVeA

https://flic.kr/p/2jKsM2s

Die blaue Stunde bricht an, dann das Morgenrot.
https://flic.kr/p/2jKoaCF

Leider zieht mein Vordermann bald die Sonnenblende herunter und ich kann kaum noch rausschauen. Nach einer halben Stunde hört man es von verschiedenen Seiten schnarchen. Viele holen den Schlaf der zu kurzen Nacht nach, auch meine Lider werden schwer. "Chai, chai!" "Chai, chai!", geht der Teeverkäufer mit dem typischen Sprechgesang durch den Wagen. Er macht kaum Geschäft, fast alle Fahrgäste schlafen. Weizenfelder ziehen vorbei.
https://flic.kr/p/2jKsB6W

Zisch, quieeeeetsch. Schnellbremsung. Plötzlich kommen wir, nur halb in einem Bahnhof, mit einem Ruck zum Stehen. 15 Minuten vergehen. Jemand geht die Wagen entlang und kontrolliert die Bremsen. Zwei Anfahrversuche enden mit einem sofortigen, ruckartigen Halt. Weitere 10 Minuten vergehen, es geht nochmal jemand die Wagen entlang, dieses Mal mit Hammer. Einige Minuten später rollen wir an, kommen aber, jetzt vollständig im Bahnhof, nochmal zum Halten. Weitere Minuten verstreichen. Nicht gut, ich habe zwar viel Puffer zum Flug, hatte mich aber bei einer Durchschnittsverspätung von 0 Minuten und oft sogar verfrühter Ankunft noch auf ein Mittagessen in Delhi gefreut.
Schließlich geht es endlich weiter. Ich kann nichts mehr nachschauen, weil ich die Sim-Karte an meine Bekannte zurückgegeben habe. Aber mein Sitznachbar tut das praktischerweise gerade. +55. Sehr unschön. Das wird knapp mit dem Mittagessen, aber ich bin zuversichtlich, dass wir noch Verspätung aufholen, da für die letzten 10 km 35 Minuten vorgesehen sind.
Die Zeit schreitet voran, immer mehr Fahrgäste erwachen und die musikalischen Snack-, Tee- und Frühstücksverkäufer machen immer bessere Geschäfte. Ein paar Mal halten wir noch außerplanmäßig, glücklicherweise aber stets nur kurz.
Schnappschuss aus dem Fenster - gestapelte Container
https://flic.kr/p/2jKoanR
Nur wenige Strecken in Indien sind entsprechend ausgebaut, die aktuell im Bau befindlichen Dedicated Freight corridors erlauben ebenfalls das Stapeln von Containern.
https://en.wikipedia.org/wiki/Western_Dedicated_Freight_Corridor
https://en.wikipedia.org/wiki/Eastern_Dedicated_Freight_Corridor

Es bleibt bei +50, als die Häuser Delhis auftauchen.
https://flic.kr/p/2jKrLq8

https://flic.kr/p/2jKrLcs
Man beachte die feinsäuberliche Abzäunung mit aufgestellten Schwellen in Indian Railways-CI.

Freilandhaltung
https://flic.kr/p/2jKsCeC

Geschrieben von: Entenfang am 23 Sep 2020, 11:09
Mit +40 endet meine letzte Bahnfahrt in Indien am Bahnhof Sarai Rohilla.
https://flic.kr/p/2jKobhm

Die Executive chair cars sind zwei einstöckige Wagen an der Zugspitze
https://flic.kr/p/2jKrKTB

Im Anbetracht der Verspätung halte ich es für gerade noch vertretbar, noch schnell ein Bild von der Lok zu machen.
Natürlich werde ich gleich wieder in ein Gespräch verwickelt und als ich meinen Beruf als Eisenbahningenieur angebe, ist der Kollege hellauf begeistert und will unbedingt ins Bild.
https://flic.kr/p/2jKsBNH

Was offenbar niemanden stört oder niemandem auffällt... (zugegebenermaßen mir auch nicht, bis ich die Fotos gezeigt habe und dann... "Sag mal, ist das eigentlich Blut auf der Lok?!?!")
Tja, und so klärt sich rund einem Monat nach meiner Reise auch auf, warum die letzte Fahrt verspätet war und eine Schnellbremsung hingelegt wurde. Dass ein PU stattgefunden hat, steht für mich nahezu außer Frage. Indien endet so krass, wie es begonnen hat.

Ein letzter Blick über das rege Treiben am Bahnhof - Fußgängerüberführungen sind etwas Großartiges, wenn man nicht gerade den Koffer hochschleppen muss.
https://flic.kr/p/2jKob8o

Leider hat der Bahnhof keine direkte Metroanbindung. Ich nehme den Hinterausgang, welcher der Metro am nächsten liegt und es dauert erwartungsgemäß nicht lange, bis mir eine Rikscha angeboten wird. "Metro?" Ja, wie viel? "70." 30. "50." 40. "Ok." Durch tiefe Schlaglöcher und enge Straßen bringt mich der Fahrer zum U-Bahnhof.
Es dauert natürlich - wie alles in Indien - länger als erwartet und ich bin schon 10 Minuten hinter meinem eigentlichen Zeitplan. Meine Bekannte hat mir empfohlen, mich auf zusätzliche Kontrollen wegen Corona gefasst zu machen und lieber drei Stunden vor Abflug am Flughafen zu sein.
Ich schätze, dass rund ein Drittel der Fahrgäste Mund und Nase bedeckt hält. Natürlich erwische ich am riesigen und unübersichtlichen U-Bahnhof unter dem Connaught Place den falschen Ausgang und muss auf dem Weg zum bereits bekannten Restaurant erst wieder diverse Rikschafahrer abschütteln. Grmpf, ich war schon wieder langsamer als gedacht.

Ich bin der einzige Gast, muss aber trotzdem eine ganze Weile auf mein Biryani warten. Dazu ein Lassi, das ist doch ein hervorragender kulinarischer Abschied aus Indien.
https://flic.kr/p/2jKob57
So, jetzt aber zügig bezahlen und ab zum Flughafen. Leider habe ich es nicht passend und die Rechnung ohne das übliche Tempo in Indien gemacht. Herrje, warum dauert es denn 10 Minuten, das Wechselgeld zu bringen?
Also schnell zur Metro, eine Station zurück, dann in den Flughafen-Express umsteigen. Mein Guthaben auf der Smartcard reicht nicht mehr zum Flughafen. Abfahrt in: 1 min. 11 min. Seufz, keine Chance. Ich muss noch eine Einzelfahrt kaufen. Und es sind jetzt schon nur noch 3h 5 Minuten bis zum Abflug.
Nach 20 Minuten Fahrt bin ich am Flughafen und dort ist wirklich sehr wenig los. Am Eingang zum Terminal steht ein Wächter, der die Flugtickets kontrolliert. Er scrollt zehn Mal hoch und runter über meine Buchungsbestätigung am Handy und zoomt noch zehnmal rein und raus. Keine Ahnung, was das bringen soll. Ach so, war nicht die Erkenntnis der letzten Wochen, nicht ständig nach dem Sinn zu fragen?
Zwei Minuten scrollen und zoomen später darf ich rein. Innen wirkt das Terminal fast schon ausgestorben. Mitarbeiter mit Masken schieben europäische Rentner auf Rollstühlen zum Check-in-Schalter. Ein älterer Herr drückt seinem "Chauffeur" unauffällig einen Schein in die Hand, den dieser blitzschnell in seiner Hosentasche verschwinden lässt.

Die Befürchtung zusätzlicher Kontrollen bestätigt sich nicht - warum auch bei der Ausreise? Schon eine Dreiviertelstunde später bin ich durch und gebe meine letzten Rupien für einen hoffnungslos überteuerten Kaffee aus, um die Müdigkeit zu vertreiben. Pünktlich lasse ich Indien zurück - zu meiner großen Überraschung in einem bis auf den letzten Platz gefüllten Flugzeug. Das ist schon mal gut für Paul, der inzwischen aufgrund der zunehmenden Panik und der aggressiven Stimmung gegen Ausländer zu Beginn nächster Woche nach Deutschland zurückfliegen will. Aufgrund der mangelnden Nachfrage wird wohl erstmal kein Flug eingestellt werden.



Etwaige Befürchtungen, dass es Fragerei bei der Einreise in Dubai geben könnte, erweisen sich als unnötig. "Where are you coming from?" Delhi. Stempel rein, nächster bitte.

Ich nehme die U-Bahn zu meinem Airbnb in Al-Rigga.
https://flic.kr/p/2jKsC1X

https://flic.kr/p/2jKobnw
Wo kommen denn auf einmal die ganzen Bürgersteige her? Wo sind denn die Kühe hin? Und habe ich jetzt gerade ernsthaft gedacht, dass das Auto da drüben ja auf der falschen Seite fährt? Ich glaube, so fühlt sich der Reverse Culture Shock an...
Ups, für das Abendessen gehen 12 ¤ drauf. Dafür hätte ich in Indien dreimal All you can eat haben können. Ich muss mich wieder an ein anderes Preisniveau gewöhnen.

In Dubai geht das Leben seinen normalen Gang. Die allgemeine Lage hat sich nicht nennenswert geändert, oder ich bin zu müde, um noch weiterzulesen. Ich buche nicht um, auch wenn heute Spanien mit stark steigenden Todeszahlen in die Schlagzeilen gekommen ist.

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