Problemfall Bahn: Vereinfachtes Netz als Ultimativlösung?

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U-Bahn Gern
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Problemfall Bahn: Vereinfachtes Netz als Ultimativlösung?

Beitrag von U-Bahn Gern »

Erstmal Hallo zusammen!

Der Thementitel hört sich eventuell etwas seltsam an, aber lasst es mich erklären. Als treuer Bahnfahrer geistert mir diese Idee schon seit längerem im Kopf herum, sodass ich sie jetzt mal einfach hier zur Diskussion anbieten wollte. Dass unsere liebe Bahn in DE nicht die pünktlichste ist, sollte den meisten hier bekannt sein. Die Gründe dafür ebenso. Das deutsche Bahnnetz ist riesig und jede Hauptbahn trägt im Normalfall 3-4 verschiedene Linien, die meist alle in einem Stundentakt oder häufiger verkehren. Dazu kommen noch einzelne Zwischenzüge und der Güterverkehr. Bei so einer Überlastung, gepaart mit dem stets stockenden Ausbau, sind die Zustände der Pünktlichkeit kein Wunder. Verschiedene Zugarten, Startbahnhöfe, Endbahnhöfe, Zwischenhalte. Da ist Chaos vorprogrammiert.

Als ich vor ein paar Jahren in Japan war, ist mir dort beim Bahnnetz etwas aufgefallen, was wohl maßgeblich zur perfekten Pünktlichkeit dort beitragen wird: Es gibt so gut wie keine Überlagerung an Linien, vor allem im Regionalverkehr. Fast jede Strecke wird von genauer einer Linie bedient. Die Idee blieb mir im Kopf. Theoretisch könnte das auch hier funktionieren.

Klar gibt es, vor allem in einem dichten und organischen Netz wie DE, dadurch einige Nachteile. Weniger Direktverbindungen und mehr Umsteigen. Aber mal ehrlich: Wäre es wirklich schlimmer, einmal einen (dann gut organisierten und pünktlichen) Umstieg zu machen, als mit einem Direktzug zwei Stunden später anzukommen, weil die Strecke überlastet war? Oder gar nicht, weil der Zug früher enden musste? :lol: Ich denke, dass wir nur mit einer solchen Vereinfachung des Bestandnetzes wirklich etwas verbessern können.

Ausbau schreitet mit der deutschen Politik nur schleichend langsam voran und dauert Jahrzehnte, während eine solche Lösung theoretisch in einem Fahrplanwechsel einzuführen wäre. So eine Umstrukturierung würde auch andere Probleme lösen. Während für Ausbauten heutzutage kaum vorhandenes Geld, neue Fahrzeuge und neues Personal benötigt werden, könnte man so effizient mit jetzigen Mitteln den Betrieb grundlegend umkrempeln und verbessern. Und nein: Vereinfachung heißt NICHT automatisch weniger Züge!

Beispiel Werdenfelsbahn: Was wäre, wenn es statt dem heutigen Fahrplan mit vielen verschiedenen Zielen wie Weilheim, Kochel, Reutte, Mittenwald, Innsbruck und Garmisch, welche allesamt in losen Stunden- oder Zweistundentakten bedient werden (+ den einzelnen Fernzügen auf der Strecke), EINE einzige Linie gäbe, welche jede halbe Stunde von München nach Mittenwald fährt und dabei überall hält? Abgestimmt darauf gäbe es dann einmal stündlich Anschluss nach Kochel in Tutzing, nach Reutte in Garmisch und nach Innsbruck in Mittenwald. Eine Strecke, ein Fahrplan, ein einheitlicher Takt. Keine unregelmäßigen Zugkreuzungen, Flügelungen, Vereinigungen oder sonstiges, was ein unnötiges Verspätungsrisiko darstellt.

Klingt verrückt? Vielleicht. Aber ist es so unrealistisch? Ich bin mal gespannt, was ihr zu dem Ganzen hier zu sagen habt. Allerdings wäre es m.M.n. der beste und effizienteste Weg, das deutsche Bahnnetz wieder pünktlich und zuverlässig zu machen, ohne dafür auf Neubaustrecken mit Fertigstellung 2089 warten zu müssen.
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Re: Problemfall Bahn: Vereinfachtes Netz als Ultimativlösung?

Beitrag von Cloakmaster »

Endet die S6 aus Tutzing am Westkreuz, oder fällt sie ganz weg, weil die Strecke ja schon der der RE6 bedient? Und die hält dann von Innsbruck bis München an jedem Klecker-Bahnsteig, mit einer Fahrzeit von was? Drei Stunden? Für eine Fahrt von München nach Oberammergau muss dann eben in Pasing, Westkreuz, Tutzing, Weilheim und Murnau umgestiegen werden. 5 Umstiege machen bestimmt niemandem etwas aus.


Machen wir es bei der U-Bahn auch so? U31 Fürstenried-Implerstraße, und U32 Freiheit-Moosach? S3 und S4 werden natürlich auch gestrichen, die sind nur unnötiger Parallelverkehr zu anderen Zügen, dafür fährt die S8 dann ab Herrsching im 4-Minuten-Takt?

So in etwa? Tolle Lösung, wirklich absolut Ultima.
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Re: Problemfall Bahn: Vereinfachtes Netz als Ultimativlösung?

Beitrag von ET 412 »

Cloakmaster hat geschrieben: 27 Mär 2026, 08:47 Und die hält dann von Innsbruck bis München an jedem Klecker-Bahnsteig, mit einer Fahrzeit von was? Drei Stunden?
Die RB6 benötigt auch jetzt schon 2:48 Stunden von Innsbruck nach München. In der Gegenrichtung sind es 2:51 Stunden.
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Re: Problemfall Bahn: Vereinfachtes Netz als Ultimativlösung?

Beitrag von 4002 »

Die Idee bräuchte gute Planung und gute Infrastruktur. Dazu die Bereitschaft der Fahrgäste.

In Deutschland bin ich auf längeren Strecken froh, wenn ich möglichst wenig umsteigen muss, denn da kann was schiefgehen aber ich sitze ja schon im richtigen Zug und der Zeitverlust minimiert sich.

Aus diesem Grund verliert man auch so unfassbar viele potenzielle Fahrgäste mit jedem Umsteigezwang.


Ich bin im Februar 2025 mal mit Regionalbahnen von München nach Görlitz gefahren und da es an einem Werktag um 5:42 losging, haben die zwei Umstiege in Hof (8min) und Dresden (12min) funktioniert und ich war in 8h ohne Verspätung angekommen.

Mit ICE gab es eine Verbindung nochmal 30min früher, die 7h gebraucht hätte oder Verbindungen die mich 5mal umsteigen lassen wollten.

Da war die Entscheidung klar und ich habe mir extra dafür ein D-Ticket gekauft.

So konnte ich immer lang entspannen.

Der Rückweg fand mit Auto auf Nacht statt und ich habe etwas 3 1/2h gebraucht, aber anderes Thema.
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Re: Problemfall Bahn: Vereinfachtes Netz als Ultimativlösung?

Beitrag von Cloakmaster »

ET 412 hat geschrieben: 27 Mär 2026, 09:44
Cloakmaster hat geschrieben: 27 Mär 2026, 08:47 Und die hält dann von Innsbruck bis München an jedem Klecker-Bahnsteig, mit einer Fahrzeit von was? Drei Stunden?
Die RB6 benötigt auch jetzt schon 2:48 Stunden von Innsbruck nach München. In der Gegenrichtung sind es 2:51 Stunden.
Dann werden es eben vier oder fünf Stunden. Noch besser. Für rund 150 Kilometer Luftline.
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218 466-1
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Re: Problemfall Bahn: Vereinfachtes Netz als Ultimativlösung?

Beitrag von 218 466-1 »

Es ist ja nicht so, das in Japan nur Bummelbahnen gibt, die an jeder Station halten. Schnellere Züge haben sowas geniales wie ihre eigenen extra Gleise. Wahsinn! :shock:
Keine Alternative zum Transrapid MUC
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Re: Problemfall Bahn: Vereinfachtes Netz als Ultimativlösung?

Beitrag von Cloakmaster »

218 466-1 hat geschrieben: 27 Mär 2026, 13:43 Es ist ja nicht so, das in Japan nur Bummelbahnen gibt, die an jeder Station halten. Schnellere Züge haben sowas geniales wie ihre eigenen extra Gleise. Wahsinn! :shock:
Genau, und das ultimative, revolutionäre Konzept ist jetzt eben, jegliche schnellere Züge ersatzlos einzustellen, wo diese eben keine eigenen Gleise haben.
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Re: Problemfall Bahn: Vereinfachtes Netz als Ultimativlösung?

Beitrag von TramBahnFreak »

4002 hat geschrieben: 27 Mär 2026, 10:08 Die Idee bräuchte gute Planung und gute Infrastruktur. Dazu die Bereitschaft der Fahrgäste.

In Deutschland bin ich auf längeren Strecken froh, wenn ich möglichst wenig umsteigen muss, denn da kann was schiefgehen aber ich sitze ja schon im richtigen Zug und der Zeitverlust minimiert sich.

Aus diesem Grund verliert man auch so unfassbar viele potenzielle Fahrgäste mit jedem Umsteigezwang.
Dass das keine zwingende Folge ist, sieht man in der Schweiz sehr schön. Hier klappen Umstiege in den allermeisten Fällen sehr zuverlässig.

Aber in D kann man ja nichtmal 2 min warten, wenn der Zubringer von einem anderen EVU betrieben wird... :roll:
ET 412
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Re: Problemfall Bahn: Vereinfachtes Netz als Ultimativlösung?

Beitrag von ET 412 »

TramBahnFreak hat geschrieben: 27 Mär 2026, 17:09 Aber in D kann man ja nichtmal 2 min warten, wenn der Zubringer von einem anderen EVU betrieben wird... :roll:
Auch innerhalb eines EVU bzw. innerhalb des DB-Konzerns klappt das nicht immer...
Martin H.
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Re: Problemfall Bahn: Vereinfachtes Netz als Ultimativlösung?

Beitrag von Martin H. »

Gestern wurde auch der Anschluss verwehrt.
Da im nächsten Knotenbahnhof aber grad ein Knoten war haben troyz +15 noch sämtliche Anschlüsse funktioniert. 😁
U-Bahn Gern
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Re: Problemfall Bahn: Vereinfachtes Netz als Ultimativlösung?

Beitrag von U-Bahn Gern »

Cloakmaster hat geschrieben: 27 Mär 2026, 08:47 Endet die S6 aus Tutzing am Westkreuz, oder fällt sie ganz weg, weil die Strecke ja schon der der RE6 bedient? Und die hält dann von Innsbruck bis München an jedem Klecker-Bahnsteig, mit einer Fahrzeit von was? Drei Stunden? Für eine Fahrt von München nach Oberammergau muss dann eben in Pasing, Westkreuz, Tutzing, Weilheim und Murnau umgestiegen werden. 5 Umstiege machen bestimmt niemandem etwas aus.


Machen wir es bei der U-Bahn auch so? U31 Fürstenried-Implerstraße, und U32 Freiheit-Moosach? S3 und S4 werden natürlich auch gestrichen, die sind nur unnötiger Parallelverkehr zu anderen Zügen, dafür fährt die S8 dann ab Herrsching im 4-Minuten-Takt?

So in etwa? Tolle Lösung, wirklich absolut Ultima.
Man kann auch übertreiben. :lol: Der Regio von München bis Innsbruck braucht schon heute gut drei Stunden und hält an den meisten Unterwegshalten. Wirklich "schnelle" Züge auf dieser Strecke gibt es eigentlich nicht mehr. Noch dazu fährt diese Verbindung eh kaum jemand komplett, weil es über Kufstein deutlich schneller geht, selbst mit RV. Deshalb würde ich die Regios von München ja auch in Mittenwald enden lassen. Ab da kann dann die ÖBB mit Anschluss übernehmen. Die S-Bahn-Stammstrecke wird wohl immer ein Nadelöhr bleiben, zumindest bis wir in einem Jahrhundert die zweite haben. Aber da könnte man auch schon abhelfen, indem man die meisten Linien so gut wie möglich auf ihre eigenen Strecken begrenzt und dort dann dafür höhere, zuverlässigere Takte anbietet. S6 bis Gauting im T10, dort dann getakteter Anschluss an Regionalzug im T30.

Bei einigen Strecken wie der S4 wird es ohne Ausbau tatsächlich knifflig. Die beste Lösung wäre da wahrscheinlich wirklich noch, die Züge von der Stammstrecke zu isolieren und z.B. auf dem Anschnitt München - Buchloe eine "urbane" Verstärkung der Regionalzüge einzuführen, mit Halt an den bestehenden S-Bahnhöfen.
218 466-1 hat geschrieben: 27 Mär 2026, 13:43 Es ist ja nicht so, das in Japan nur Bummelbahnen gibt, die an jeder Station halten. Schnellere Züge haben sowas geniales wie ihre eigenen extra Gleise. Wahsinn! :shock:
Schön wär's, wenn man sowas wahnsinniges auch bei uns im größeren Stil bauen könnte. :P Nur gibt es hierzulande die unerschütterliche Allianz aus abweisender Politik, wütenden Bürgern und "Umweltschutz". Aber tatsächlich gab es meinem Ansehen nach dort kaum "RE"-Züge. Neben dem Shinkansen fuhren viele Nahverkehrszüge mit S-Bahn-artigen Haltabständen von Tokio bis ins tiefste Umland. Klar dauert es ein bisschen länger, aber immerhin kann man sich drauf verlassen.
4002 hat geschrieben: 27 Mär 2026, 10:08 Aus diesem Grund verliert man auch so unfassbar viele potenzielle Fahrgäste mit jedem Umsteigezwang.
Ich finde das Argument von TramBahnFreak hierzu ziemlich gut. In der Schweiz muss man z.B. auf vielen Verbindungen (auch im FV) öfter umsteigen, aber das klappt in 99% der Fälle super stressfrei. Wenn man attraktive Umsteigezeiten, relativ einfache Wege zwischen Zügen und hohe Takte hat, dann ist das für die Fahrgäste gleich gar nicht mehr so schlimm, wie mal wieder in 4 Minuten von Gleis 15 zu Gleis 3A rennen zu müssen. Und natürlich, wenn die Umstiege auch tatsächlich so funktionieren, wie sie sollen. :lol:
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Re: Problemfall Bahn: Vereinfachtes Netz als Ultimativlösung?

Beitrag von Entenfang »

Auch wenn diese Idee immer wieder aufkommt, kann ich ihr absolut nichts abgewinnen. Insbesondere bei sehr schlechter Betriebsqualität sind Direktverbindungen um ein Vielfaches attraktiver als Umsteigeverbindungen, weil man eigentlich immer mit einem Anschlussverlust und weiterem Zeitverlust rechnen muss. Insbesondere für Fahrgäste mit Gepäck, Kindern oder Mobilitätseingeschränkte dürften viele Umstiege ein Ausschlusskriterium für die Nutzung der Bahn sein.
Natürlich trägt der komplexe Mix aus langsamen und schnellen Zügen zu weiteren Verspätungen bei - ursächlich ist meiner Meinung nach aber die generelle Überlastung des Netzes. Um mal das Beispiel der S-Bahn-Stammstrecke in München zu nehmen - dort ist genau der beschriebene Fall Realität. Alle Züge sind genau gleich schnell. Wer vom übrigen Regional- und Fernverkehr kommt, muss umsteigen. Und trotzdem bricht dort regelmäßig der Verkehr zusammen. Denn durch den (zu) dichten Takt sorgt jede kleine Verzögerung für einen Dominoeffekt und Folgeverspätungen.
Außerdem taugt die aktuelle Infrastruktur auch gar nicht für ein radikales Umsteigesystem mit ausschließlich kurzen Zugläufen, da die Bahnhöfe teils gar nicht ausreichend Gleise hätten, um so viele Züge gleichzeitig aufzunehmen oder die Wendezeiten wären so kurz, dass man auch nicht stabil unterwegs wäre.

Der Vergleich mit Japan ist in meinen Augen so nicht korrekt. Das Gegenteil ist richtig - eine extrem komplexe Haltepolitik und eine Mischung unterschiedlich schneller Zuggattungen auf demselben Gleis sind in Japan noch viel weiter verbreitet als bei uns. Dazu 2 Beispiele:

Beginnen wir mit dem international so bekannten Shinkansen. Auf dem Tokaido Shinkansen (Strecke Tokyo - Shin-Osaka) gibt es (abgesehen von Bahnhöfen) durchgängig nur 2 Gleise, d.h. alle Züge müssen sich pro Richtung ein Gleis teilen.

https://en.wikipedia.org/wiki/Tokaido_S ... e_patterns
Die Grafik auf Wikipedia zeigt sehr schön, dass dort 3 unterschiedlich schnelle Zuggattungen unterwegs sind. Die Kodama-Züge halten an allen Bahnhöfen (15 Zwischenhalte), die Hikari-Züge nur an ausgewählten Zwischenhalten, die zudem ständig wechseln (bis zu 12 Zwischenhalte). Die Nozomi-Züge halten nur an 4 Zwischenhalten.

Schaut man sich den Fahrplan für Di, 31.03. an, sieht der Betrieb aus der Strecke so aus:
https://japantravel.navitime.com/en/boo ... time=06:57

Die Differenz der Reisezeiten ist extrem - die Kodama-Züge brauchen über 50% länger als die Nozomi-Züge. Der Kodama 803 muss folglich von nicht weniger als 11 anderen Zügen unterwegs überholt werden. Da alle Züge zunächst gleichschnell sind und in Shinagawa und Shin-Yokohama halten, bedeutet das, dass es an manchen Zwischenhalten sogar Doppelüberholungen geben muss (was ich durch Beobachtungen bestätigen kann) - und das bei maximal 6 min (!) Haltezeit (Klick auf die Zugnummer zeigt die Zwischenhalte).

2. Beispiel - die Monorail, welche den Flughafen Haneda mit der Innenstadt verbindet.

An einem Werktag sieht der Fahrplan ab der stadtseitigen Endstation Hamamatsucho so aus:
https://train-cloud.navitime.biz/en/tok ... 2026-03-30

In der HVZ verkehrt alle 4 min eine Bahn und alle halten an allen Zwischenstationen. In Hamamatsucho gibt es übrigens nur 1 Gleis, sodass die Wendezeit dort deutlich unter 4 min betragen muss (funktioniert mit Tf-Wechsel). In der NVZ dagegen gibt es einen 10 min-Takt aus Local (halten überall) und Rapid (ohne Zwischenhalte). Auch hier werden die Local-Züge unterwegs durch die Rapid überholt.
Das System von extrem komplexen Überlagerungen von Zügen unterschiedlicher Halteregimes gibt es auch auf diversen Tokyoter S-Bahnstrecken, die teils im U-Bahnnetz weiterfahren.

Du hast insofern recht, dass man in Japan tendenziell häufiger umsteigen muss. So gibt es beispielsweise keine durchfahrenen Shinkansen in Tokyo (will man von Nord-Honshu nach Süd-Honshu, muss man also immer in Tokyo umsteigen) und auch im konventionellen Netz gibt es eher weniger langlaufende Züge. Das ist teils systembedingt (Elektrifizierung, Neigetechnik), teils kapazitätsbedingt (in einer sehr ländlichen Region reicht ein kürzerer Zug als im Ballungsraum). Bei uns wird so etwas häufig durch Stärken/Schwächen gelöst, was es in Japan zwar auch gibt, aber soweit ich das beobachten konnte, eher selten praktiziert wird und Systemgrenzen überwindet man hierzulande oft mit Dieseln unter Fahrdraht oder zunehmend mit Akkuzügen.

Warum ist die Bahn in Japan also so viel pünktlicher als in Deutschland? Dafür gibt es wahrscheinlich sehr viele Gründe. Die "Entmischung" der Verkehre ist nur ein Teilaspekt, da es eben viele unterschiedliche Halteregimes auf derselben Strecke gibt. Shinkansen-Strecken sind zu einem Großteil aufgeständert oder im Tunnel, eingezäunt und an vielen Stationen sind die Gleise mit Bahnsteigtüren abgeschirmt. Dadurch dürften BÜ-Unfälle, PU aller Art, Kühe & Personen auf oder neben dem Gleis sowie umgestürzte Bäume auf der Strecke auf nahezu 0 reduziert werden, was in Deutschland sehr häufige Verspätungsgründe sein dürften. Zusätzlich gibt es eine sehr starke Resilienz gegenüber Naturereignissen aller Art - z.B. Heißwasserdüsen gegen die sehr schneereichen Winter https://www.youtube.com/watch?v=Sni49EJAyso oder kilometerweit aufgeständerte Bahnstrecken zum Schutz vor Hochwasser und Tsunamis - auf einer eher unwichtigen Nebenbahn wohlgemerkt: https://visitkochijapan.com/image/rende ... 3fb5ba55ab oder Schneeportale über Weichen: https://www.tramtrain-bilder.de/wp-cont ... a-2001.jpg

Ein weiterer ganz erheblicher Unterschied sind die (fast) nicht vorhandenen Baustellen. In Japan gibt es so gut wie keinen Zugverkehr zwischen 22:00 und 6:00. Ein sehr großer Anteil der Baustellen wird außerhalb der Betriebszeiten erledigt, sodass Baufahrpläne, La und SEV quasi nicht existent sind.

In meinen Augen ein ebenfalls nicht zu unterschätzender Faktor ist die Disziplin von Fahrgästen und Personal. Niemand hält die Tür auf, jeder steigt zügig aus und ein und ein ausführliches Schwätzchen bei der Ablösung gibt es auch nicht.

Dass die Bahn in Japan mit wesentlich besserer und extrem resilienter Infrastruktur, einem sehr guten Baustellenmanagement (das aber zulasten von Nachtverkehr geht) und höherer Disziplin so pünktlich ist, ist also kein Wunder und nicht unbedingt auf den zusätzlichen Umsteigezwang zurückzuführen. Auch bei uns könnte man einfache und schnell umsetzbare Maßnahmen ergreifen, wie alle Hauptstrecken einzuzäunen, damit nicht ständig Gleislatscher den Verkehr lahmlegen oder Bäume so weit fällen, dass sie nicht beim nächsten Sturm auf die Gleise fallen (oder der Verkehr gleich vorsorglich für 2 Tage eingestellt wird, weil es eine Sturmwarnung gibt).
Mein Bahnjahr 2025
Zurückgelegte Strecke: 30.600 km - Planmäßige Gesamtreisezeit: 16,2 Tage - Gesamtverspätung (analog FGR): 882 min - Planmäßige Reisegeschwindigkeit: 79 km/h - Durchschnittliche Fahrzeitverlängerung aufgrund von Verspätung: 3,8% - Fahrtkosten: 10,0 Cent/km - Anschlussquote (alle Anschlüsse einer Verbindung mit min. 1 Umstieg erreicht): 89,1% -
3-min-Pünktlichkeit innerhalb CH: 90,4% - 6-min-Pünktlichkeit innerhalb D sowie international D/CH: 57,8%
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Re: Problemfall Bahn: Vereinfachtes Netz als Ultimativlösung?

Beitrag von U-Bahn Gern »

Mit den teils verschiedenen Betriebsarten in Japan, vor allem beim Shinkansen, hast du natürlich Recht. Sowas ist gegensätzlich zum von mir beschriebenen Konzept. Allerdings muss man halt hier wieder beachten, dass diese Betriebsarten meistens trotzdem noch eine isolierte Strecke umgreifen. Das ist vor allem bei den Shinkansen-Strecken (und dem immer nötigen Umstieg in Tokio) sichtbar, aber auch bei den U-/S-Bahn-Linien. Jede Linie hat dann meist einen eigenen Fahrzeugpark, eigene Gleise und oft sogar ein eigenes Betriebswerk samt Abstellung. Kreuzungen oder gar Mischverkehr mit anderen Linien gibt es so gut wie nie. So eine Infrastruktur ist hierzulande natürlich nicht gegeben, genauso wie die sämtlichen Schutz- und Sicherheitsmaßnahmen vor Störungen. Und sowas hier auszubauen würde vermutlich ein Jahrhundertprojekt werden. Deshalb habe ich mich mit dem Konzept auf den Ablauf im "klassischen" Netz bezogen.

Ein weiterer Unterschied ist halt, dass auf einer isolierten Linie wie z.B. dem Shinkansen Tokio - Osaka immer noch die meisten Züge zwischen zwei festen Endbahnhöfen fahren, nur mit verschiedenem Betrieb dazwischen. Auf einer Strecke wie der Münchner Stammstrecke hingegen fahren Züge von und zu allen möglichen Orten. Und wenn dann z.B. ein Zug auf der S4 Verspätung bekommt, hat das ab der Einfahrt in die Stammstrecke nicht nur Auswirkungen auf die S4, sondern auch auf die anderen Linien, ergo der besagte Dominoeffekt.

Wenn man es schaffen würde, solche Verschlingungen und Überlagerungen irgendwie möglichst oft zu entzerren, könnte das die Betriebsqualität schon deutlich steigern. Das Schweizer FV-Netz mit klar definierten Linien und wenig Parallelverkehr, dafür aber gut funktionierenden Umsteigebeziehungen, finde ich hierfür wie schon gesagt auch ein perfektes Beispiel.
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Re: Problemfall Bahn: Vereinfachtes Netz als Ultimativlösung?

Beitrag von TramBahnFreak »

Entenfang hat geschrieben: 28 Mär 2026, 00:26Auch bei uns könnte man einfache und schnell umsetzbare Maßnahmen ergreifen, wie alle Hauptstrecken einzuzäunen, damit nicht ständig Gleislatscher den Verkehr lahmlegen oder Bäume so weit fällen, dass sie nicht beim nächsten Sturm auf die Gleise fallen (oder der Verkehr gleich vorsorglich für 2 Tage eingestellt wird, weil es eine Sturmwarnung gibt).
Es würde schon reichen, nicht bei jedem Menschen, den irgendjemand aus der Entfernung in gleisnähe vermutet, prophylaktisch sämtlichen Verkehr über Stunden einzustellen. Eine Vielzahl an Problemen in Deutschland ist komplett hausgemacht.
Aber das würde ja die grösste ABM seit der Wiedervereinigung untergraben... :roll:
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Re: Problemfall Bahn: Vereinfachtes Netz als Ultimativlösung?

Beitrag von TramBahnFreak »

U-Bahn Gern hat geschrieben: 28 Mär 2026, 01:57Das Schweizer FV-Netz mit [...] wenig Parallelverkehr,
Naja... 8)
Klar definiert, ja, aber da hat's schon auch einige Überlagerungen - teilweise sogar unter der selben Liniennummer...
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Re: Problemfall Bahn: Vereinfachtes Netz als Ultimativlösung?

Beitrag von U-Bahn Gern »

TramBahnFreak hat geschrieben: 28 Mär 2026, 02:09
U-Bahn Gern hat geschrieben: 28 Mär 2026, 01:57Das Schweizer FV-Netz mit [...] wenig Parallelverkehr,
Naja... 8)
Klar definiert, ja, aber da hat's schon auch einige Überlagerungen - teilweise sogar unter der selben Liniennummer...
Klar ist es nicht linienrein, aber wenn man sich mal die Strecken anschaut, sieht man einfach eine echt gute Struktur drin. Siehe z.B. die Strecke zwischen Lausanne und Bern. Zwei Großstädte, dazwischen eine einzige IC-Linie, ergänzt durch einen noch etwas öfter haltenden IR. In DE würden sich alleine auf dieser Strecke vermutlich pro Stunde und Richtung mindestens 6 ICEs verschiedenster Zugläufe tummeln. Einer nach St. Gallen, einer nach Luzern, einer nach Basel, vielleicht noch ein reingequetschter Extrazug nach Schaffhausen oder Biel. Und wenn Überlagerung, dann ist es halt meist viel geregelter. Siehe das Bündel IC2/21 oder IC6/61. Sowas findet man im deutschen FV kaum. Die "Linien" sind hier gefühlt nur grobe Absteckungen, während Start-, End- und Zwischenbahnhöfe beliebig oft variieren können.
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Re: Problemfall Bahn: Vereinfachtes Netz als Ultimativlösung?

Beitrag von TramBahnFreak »

D ist eben auch mehr als 8 mal so groß wie die CH. Da liegt es in der Natur der Sache, dass es wesentlich mehr Mobilitäts-Beziehungen gibt, die abgedeckt sein wollen.

Ich sage nicht, dass das Schweizer Bahnnetz nicht als Beispiel dienen kann.
Aber es ist in keinster Weise 1:1 auf Deutschland übertragbar.
Mit einem Haltabstand wie beim Schweizer IC 1 gewinnst du in Deutschland keinen Blumentopf, für die grob 85 km von Zürich nach St. Gallen braucht der 1h15. Das gibt einen Durchschnitt von 68 km/h. Damit dauert es plötzlich 9 Stunden von Berlin nach München...
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