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Reiseerlebnisse mit der Bahn, Eine ganz normale Bahnfahrt [Zur Themenübersicht]
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Entenfang
  Geschrieben am: 21 May 2014, 19:55


Lebende Forenlegende


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QUOTE (Martin H. @ 21 May 2014, 20:05)
Ein dunkles Vorsignal ist völlig normal, wenn es im eingestellten Fahrweg kein passendes Hauptsignal gibt, bei anderen möglichen Fahrwegen aber schon.

Danke für die Erläuterung. Habe ich mittlerweile schon herausgefunden wink.gif

Mit dem Thema das sich daraus entwickelt hat, geht es hier weiter:

http://www.eisenbahnforum.de/index.php?act...b6400d8e2d37fcd



Bearbeitet von Martin H. am 26 May 2014, 21:50

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DumbShitAward
  Geschrieben am: 21 May 2014, 21:27


Lebende Forenlegende


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Bin beeindruckt über deine Containance... bei jeder der Fahrten wäre was dabei gewesen wo ich garantiert zumindest innerlich die Nerven verloren hätte. Am 612 liegts aber nicht.

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Lektion 73 in unserer Serie "Rechtsstaat für Anfänger", heute: §81 StGB

Wer es unternimmt, mit Gewalt oder durch Drohung mit Gewalt den Bestand der Bundesrepublik Deutschland zu beeinträchtigen oder die auf dem Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland beruhende verfassungsmäßige Ordnung zu ändern, wird mit lebenslanger Freiheitsstrafe oder mit Freiheitsstrafe nicht unter zehn Jahren bestraft.
    
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Michi Greger
  Geschrieben am: 22 May 2014, 19:40


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QUOTE (Entenfang @ 21 May 2014, 19:24)
Kleine Haie und große Säufer

Mal wieder eine schöne Reisegeschichte! Gefällt mir! smile.gif Gerne mehr.

Gruß Michi

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JeDi
  Geschrieben am: 22 May 2014, 19:47


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QUOTE (Entenfang @ 21 May 2014, 19:24)
Bei der Fahrkartenkontrolle meint der Schaffner: „Ah, Bad Schandau, Elbsandsteingebirge. Schöne Gegend.“

Damit ist dann auch klar, wers war wink.gif

Danke für den Bericht - und zumindest über das Zugpersonal von Regio Württemberg scheint es ja keine Beschwerden zu geben :-)

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Entenfang
  Geschrieben am: 22 May 2014, 20:50


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QUOTE (DumbShitAward @ 21 May 2014, 22:27)
Bin beeindruckt über deine Containance... bei jeder der Fahrten wäre was dabei gewesen wo ich garantiert zumindest innerlich die Nerven verloren hätte. Am 612 liegts aber nicht.

Fairerweise muss ich schon anmerken, dass ich natürlich nur die Fahrten schriftlich festhalte, in denen auch was los ist. Ich erlebe durchaus auch Fahrten, in denen nichts Aufregendes passiert wink.gif
Anderseits stellt auch wieder die Frage, welche Alternativen ich habe. Und da sehe ich eher schwarz. Wenn man die kleinen und größeren Pannen mit bisschen Humor nimmt, dann kann man auch seinen Spaß haben. Ich hoffe, dass das in den Geschichten rübergekommen ist.

QUOTE
Damit ist dann auch klar, wers war

Sollte ich den kennen? huh.gif

QUOTE
zumindest über das Zugpersonal von Regio Württemberg scheint es ja keine Beschwerden zu geben

Ehrlich gesagt würde mir jetzt spontan kein einziger Fall einfallen, in denen ich mich wirklich über das Zugpersonal geärgert habe, unabhängig vom Ort.

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DumbShitAward
  Geschrieben am: 22 May 2014, 21:27


Lebende Forenlegende


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QUOTE (Entenfang @ 22 May 2014, 21:50)
Fairerweise muss ich schon anmerken, dass ich natürlich nur die Fahrten schriftlich festhalte, in denen auch was los ist. Ich erlebe durchaus auch Fahrten, in denen nichts Aufregendes passiert wink.gif
Anderseits stellt auch wieder die Frage, welche Alternativen ich habe. Und da sehe ich eher schwarz. Wenn man die kleinen und größeren Pannen mit bisschen Humor nimmt, dann kann man auch seinen Spaß haben. Ich hoffe, dass das in den Geschichten rübergekommen ist.

Ich meinte eher die Mitreisenden, nicht betriebliche Störungen wink.gif

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Lektion 73 in unserer Serie "Rechtsstaat für Anfänger", heute: §81 StGB

Wer es unternimmt, mit Gewalt oder durch Drohung mit Gewalt den Bestand der Bundesrepublik Deutschland zu beeinträchtigen oder die auf dem Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland beruhende verfassungsmäßige Ordnung zu ändern, wird mit lebenslanger Freiheitsstrafe oder mit Freiheitsstrafe nicht unter zehn Jahren bestraft.
    
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Entenfang
  Geschrieben am: 22 May 2014, 22:07


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Gerade die sollte man mit viel Humor nehmen und sich nicht darüber aufregen.

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Entenfang
  Geschrieben am: 19 Jun 2014, 23:10


Lebende Forenlegende


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Odysseus fährt nach Dresden


Die Ferien sind zu Ende, Zeit für mich, aus dem Ländle wieder in den Osten zu fahren. Wegen einer Baustelle fährt mein Zug schon 5 Minuten früher in Metzingen ab. Ich mache es mir im oberen Stock gemütlich und sehe eine Frau im letzten Moment mit dem Koffer aus der Unterführung hechten. Da hat wohl jemand den Rat des DSA nicht beachtet. „Fahrplanänderungen bis zum 22.6.14 Bitte informieren Sie sich.“ Aber vielleicht tue ich ihr ja Unrecht und sie ist einfach nur spät dran.

In Stuttgart ist mein IC nach Nürnberg mit +10 angekündigt und dieses Mal gießt es auch nicht aus Kübeln, also nutze ich die 40 Minuten für eine kleine Baustellenbegehung. Auf die Baustellenzäune sind auf kreative Weise noch kreativere Sprüche angebracht. Mit weißem Klebeband kritisiert jemand: „S21 isst überall. Bildung, Soziales, ÖPNV“ Auf der anderen Seite ist man weniger kreativ und jemand hat in riesigen Lettern „S21: MAFIÖSES DRECKSPROJEKT“ an den Bauzaun gesprayt. Ein paar Meter weiter verkündet der Bauzaun in ebenso großer Schrift: „GIER FT HIRISSRN“ Da wurde wohl die Reihenfolge der Bauzäune zwischenzeitlich geändert… Langsam mache ich mich auf den Rückweg und stelle mich an den Bahnsteig. Mittlerweile sind schon fast 10 Minuten nach der Planabfahrt vorbei und weit und breit kein Zug in Sicht (also schon Züge, von 425 bis TGV ist alles dabei, aber nicht mein IC). Dann kommt eine Durchsage, der IC kommt mit +20. Noch ist alles in Ordnung, in Nürnberg habe ich schließlich 24 Minuten Umsteigezeit.
Irgendwann kommt er dann endlich, mit +24 fahren wir ab. Langsam mache ich mir schon Sorgen, aber ein paar Minuten fahren wir vielleicht noch raus und mein Anschluss nach Hof kann ja noch kurz warten. Bei der Ansage entschuldigt sich der Zub für die Verspätung und wünscht trotzdem eine entspannte Fahrt. Richtig entspannen kann ich mich aber nicht. Es ist stickig, die Klimaanlage scheint nicht richtig zu funktionieren. Eine Frau telefoniert: „Ja, ich hab Verspätung, keine Ahnung, ob ich meinen Anschluss in Aalen noch erwische.“

„Ja, der ist schon mit Verspätung in Karlsruhe angekommen, aber anstatt dass dann alle aus- und einsteigen und der gleich weiter fährt, nein, dann haben wir auch noch ewig gestanden…“

In Schwäbisch Gmünd sind es noch +22, in Aalen noch +20. So weit so gut, irgendwann werden dann die Fahrkarten kontrolliert, der Zub klärt jeden Fahrgast stoisch darüber auf, dass er noch keine Informationen zu Anschlüssen habe und um Geduld bitte.
Einige Reihen vor mir sitzt ein Mann, dessen Online-Ticket nicht auf seinen Namen ausgestellt ist. Er hat auch die Kreditkarte dabei, mit der die Fahrkarte gebucht wurde, die ihm aber nicht gehört. Den Zub verstehe ich gut, die Antworten des Mannes leider nicht.
„Wissen Sie, ich kann Ihnen jetzt die Kreditkarte gar nicht zurückgeben“, meint der Zub, „ich muss die sperren lassen. Wir müssen davon ausgehen, dass Sie die geklaut haben. Aber dann hätten Sie mit ja wohl kaum den Ausweis gezeigt.“

„Ja, aber der Herr X soll sich mal durchlesen, was er da bei der Buchung zweimal bestätigt hat. Der muss schon persönlich fahren und darf seine Kreditkarte nicht aus der Hand geben.“

„Ich muss Ihnen auf jeden Fall das erhöhte Beförderungsentgelt berechnen, schließlich fahren ja Sie. Das müssen Sie dann mit dem Herrn X klären.“
Der Zub verschwindet dann mit Online-Ticket und Kreditkarte.
Einige Zeit später kommt eine Zub, die weiter die Fahrkarten kontrolliert. Ein älterer Mann fragt sie, ob es ein Zugtelefon gebe. „Wissen Sie, ich gehöre noch zu den Leuten, die kein Handy haben…“ Sie braucht einen Moment, bis sie versteht, was der Mann eigentlich will. Die Zub bietet ihr Handy an, meint aber, dass sie später nochmal vorbeikommen würde, weil sie gerade keinen Empfang habe.

In Ellwangen haben wir wieder +22.
Der Zub kommt zurück, inklusive Kreditkarte und einem Fahrschein, der etwa einen Meter lang ist. „Ja, da haben Sie Glück, ich soll die Karte doch nicht sperren lassen. Hier haben Sie die Karte wieder. Kümmern Sie sich auf jeden Fall darum, das erhöhte Beförderungsentgelt zu bezahlen, sonst droht Ihnen noch eine Anzeige. Das mit der Kreditkarte klären Sie dann am besten mit dem Herrn X. Und sowas machen Sie bitte nie wieder. Eigentlich müsste ich wegen Verdacht auf Kreditkartenbetrug die Polizei anrufen.“ Der Mann ist sichtlich schockiert.
Einige Zeit später telefoniert er dann. „Soll ich dir die Kreditkarte nachher vorbeibringen? … Wie? … Ja, OK, dann bring ich sie nachher vorbei.“

In Crailsheim sind es noch +20.

Die Zub kommt wieder und meint: „So, jetzt habe ich wieder Empfang.“ Sie gibt dem Mann ihr Handy. Er will ihr Geld geben. „Nein, nein, das ist schon OK, ich habe eine Flat.“
Ich spüre eine kühle Brise. Juhu, die Klimaanlage funktioniert ja doch.

Wegen Baustelle haben wir in Ansbach wieder +26, der Zub hatte einige Fahrgäste schon vorgewarnt. Aber er ist zuversichtlich, dass es mit den Anschlüssen klappt, da bis Nürnberg noch Luft im Fahrplan ist.

Wir nähern uns Nürnberg, ich packe zeitig meine Sachen und gehe zur Tür, bevor es kein Durchkommen mehr gibt. Es sind noch 7 km bis Nürnberg, da bremst der Zug ab. Nicht gut. Bitte kein rotes Signal jetzt. Wir bremsen auf 40 runter, dann auf 30, dann auf 20. Gar nicht gut. Na los, schalte um, du dummes Signal. Wir rollen mit 10, dann mit 5. Dann bleiben wir stehen. Mitten im Wald. Schlecht. Wir stehen einige Minuten. Ganz schlecht. Dann kommt eine Durchsage. „Meine Damen und Herren, ich gebe Ihnen jetzt… Moment, wir kriegen gerade neue Informationen rein.“ „*Seufz* Leider keine guten Neuigkeiten. Wegen einer suizidgefährdeten Person in Nürnberg-Stein ist eine Weiterfahrt zurzeit nicht möglich. Alle vorgesehenen Anschlüsse wurden uns abgesagt. *Seufz*“ Absolute Katastrophe. Zahlreiche Fahrgäste stöhnen auf. „Wir werden Sie informieren, sobald wir Näheres wissen. Ladies and gentlemen, as there´s a person running around the line, it´s not possible to go on.” Der war schön. Einige Fahrgäste müssen schmunzeln. “We will try to keep you informed via intercom announcement.”
Ich nehme wieder Platz. So schnell wird es wohl nicht weitergehen, wie ich jetzt noch nach Dresden kommen soll, ist mir schleierhaft. Schließlich habe ich mich mal wieder für die letzte Verbindung des Tages entschieden.
Wir stehen und stehen und stehen. Nach einer halben Stunde kommt wieder eine Durchsage. Man merkt, dass dem Zub wirklich alles furchtbar leid tut. „Meine Damen und Herren, wir haben leider immer noch keine weiteren Informationen. Einsatzkräfte von Bundes- und Landespolizei sind bemüht, die Person wieder einzufangen. Das ist leider schwierig, da es sich um einen mehrere Kilometer langen Abschnitt handelt. Ladies and gentlemen, it´s still not possible to go on.“
Einige Fahrgäste laufen durch den Zug, nach vorne und wieder zurück, nach hinten und wieder nach vorne. Auch zwei junge Männer hinter mir bewegen sich ständig nervös durch die Gegend. Einer der beiden will aussteigen und schauen, warum es nicht weitergeht. Aber die Außentür kriegt er natürlich nicht auf und er setzt sich wieder entnervt hin.
Nach einiger Zeit meint der eine: „Ne Stunde stehn wir schon.“
„Schnauze“, meint der andere.
„Was, Schnauze? Ist schon ne Stunde.“
„Bis se ne net finde, kömmer net weiterfahre“, stellt der andere völlig korrekt fest.
„Son Scheißdreck.“

Nach einer guten Dreiviertelstunde, es ist mittlerweile schon 19:20, meldet sich der Zub wieder seufzend. „Meine Damen und Herren, wir können nun den vor uns liegenden Streckenabschnitt auf Sicht befahren…“ „Sehr gut, dann fahr“, kommentiert der junge Mann hinter mir. „…und werden in Kürze unsere Fahrt fortsetzen. Erwartete…“ Da rollt der Zug auch schon an. „…Ankunft in Nürnberg Hauptbahnhof zwischen 19:30 und 19:40. Wir stehen noch mit der Zentrale in München in Verbindung, um Sie wegen der nächsten Anschlüsse zu informieren.“ Das nützt mir aber auch alles nichts mehr. Keine Ahnung, wie ich jetzt noch nach Dresden kommen soll. Wieder einmal verfluche ich das frühe Ende des Regionalverkehrs nach Dresden. Ich befrage den DB Navigator, aber anscheinend gibt es keine Möglichkeit mehr. Mein Akku blinkt rot. Ohweia, ich habe mal wieder vergessen, mein Handy zu laden.
Wir tuckeln mit 25 los und über eine Brücke. Am anderen Ende steht ein Polizist, wir durchfahren den Bahnhof Nürnberg-Stein, dann beschleunigen wir. Die Anschlüsse werden durchgesagt. Eigentlich ist mir das jetzt auch egal, ich weiß ja, dass auf meiner Strecke nichts mehr fährt. Moment, war das gerade ein ICE nach Berlin? Geht da vielleicht noch was über Leipzig? Was hat er nochmal gesagt? Abfahrt 19:35? Das könnte doch klappen.
Der Zub entschuldigt sich nochmals für die Verspätung und man merkt, dass es ihm wirklich sehr leid tut und ihm alles furchtbar unangenehm ist. „Ja, es tut ihm leid“, kommentiert eine Frau genervt, „jetzt kann ich schauen, wie ich ans Ziel komme.“ Ich erinnere sie daran, dass „die Bahn“ eher wenig für suizidgefährdete Personen kann und frage sie, wohin sie denn möchte. „Nach Hirschaid.“ Wo ist das denn? „Bei Forchheim, aber das sagt Ihnen ja wahrscheinlich auch nichts.“ In der Tat.
Nach wenigen Minuten halten wir in Nürnberg mit +69.
So, mal schauen. Zügig mache ich mich durch die Unterführung auf den Weg ins Empfangsgebäude, mit der Absicht, die DB Information aufzusuchen und mir Ideen für die Weiterfahrt zu holen. Ich lande in der Haupthalle, dort springt mir das Reisezentrum ins Blickfeld. Ich prüfe noch den Abfahrtsbildschirm, ICE nach Berlin über Leipzig Abfahrt 19:35, keine Verspätung angekündigt. Es ist 19:29. Im Reisezentrum erwartet mich der Hinweis, eine Nummer zu ziehen. Na bei 6 Minuten ganz sicher nicht. Da wird gerade der 1. Klasse/bahn.comfort/BC 100-Schalter frei. Ich fühle mich keiner der genannten Kategorien zugehörig, versuche dennoch mein Glück. Ich sage, dass ich nach Dresden will. Die Frau verkündet kurze Zeit später, dass das heute nichts mehr wird. Auch nicht über Leipzig? Wenn ich den ICE nach Berlin nehme? „Nein, dann kommen Sie allerhöchstens noch bis Chemnitz.“ Das ist natürlich schlecht, ich erkläre mein Dilemma mit dem suizidgefährdeten IC äh der suizidgefährdeten Person vor meinem IC. „Das habe ich mir schon gedacht“, meint die Frau. Sie empfiehlt mir, zur DB Information zu gehen. Aber dann verpasse ich ja den ICE. „Das müssen Sie entscheiden.“ In der Tat muss ich entscheiden und vor allem schnell entscheiden. Ich verlasse im Laufschritt das Reisezentrum. Die DB Information ist direkt vor mir, leider stehen dort mindestens 10 Leute. Weniger als 3 Minuten, dann fährt der ICE nach Berlin. Verspätung ist immer noch keine angekündigt. Gutscheine und Erstattungen kann man immer noch nachholen, abgefahrene Züge einholen ist dagegen nur schlecht möglich. Und von hier aus komme ich ganz sicher nirgendwo mehr hin, also renne ich in die Unterführung.

Ich gehe die Treppe hoch, noch anderthalb Minuten bis zur Abfahrt. Hä, was ist denn das für ein komischer ICE? Moment mal, das könnte doch…
Eigentlich will ich einen Mitarbeiter fragen, ob es etwas bringt, nach Leipzig zu fahren. Auf den ersten Blick ist aber niemand zu sehen, also steige ich ein.
Tatsächlich, da habe ich doch glatt den MET erwischt. Erschöpft lasse ich mich in einen Ledersitz fallen. Der Vierer ist von Nürnberg bis Erlangen reserviert. Die Strecke kann ich notfalls auch stehen. Eigentlich sollten wir schon abgefahren sein, aber der Zug steht noch einige Minuten. Schließlich fahren wir mit +8 ab. Die Ledersitze, die 2+1 Bestuhlung, die Holzvertäfelung – die Atmosphäre allgemein – strahlt einen Hauch von Luxus aus. Niemand beansprucht einen Platz, sodass ich den Vierer komplett für mich alleine habe.

Es dauert ziemlich lange, bis der Zub kommt. Ich kläre ihn über meine Lage auf. Er gibt mir daraufhin ein Fahrgastrechteformular und empfiehlt mir, mich wegen der Weiterfahrt an die Information in Leipzig zu wenden. Für den Fall, dass die Zeit dort nicht reicht, soll ich mich in den RE nach Chemnitz setzen und beim Zub einen Taxigutschein weiter nach Dresden holen. Falls der Zug nicht begleitet ist, soll ich die Fahrtkosten vorstrecken.
Ich nutze die Zeit, um das Formular so weit wie möglich auszufüllen.
Sehr geehrter Kunde, wir bedauern sehr, dass Ihnen durch eine Verspätung eines Zuges Unannehmlichkeiten entstanden sind.
Ja, das bedaure ich auch.
Zwischenzeitlich haben wir unsere Verspätung beinahe wieder aufgeholt, aber in Lichtenfels haben wir dann +10 wegen Baustelle. Scheinbar wird gerade überall im Land auf Hochtouren gebaut.

Durch das Abendlicht rollt der MET Richtung Thüringer Wald. Erst recht zügig, dann immer gemütlicher. Bei einer weiteren Fahrkartenkontrolle meint der Zub: „Ausweis dazu, bitte.“
„Warum das denn?“, will der Fahrgast wissen.
„Na man kanns ja mal kontrollieren.“
Der Fahrgast reicht ihm den Ausweis.
„Danke sehr. Und Vorsicht, Ihr Ausweis läuft Ende des Monats ab.“
„Ja, aber ich kann doch auch den Reisepass nehmen?“
„Nein, das geht nicht. Das gilt bei uns nicht als gültige Identifizierungskarte.“
„Und warum nicht?“
„Weil der Herr aus Kenia auch einen Reisepass hat. Das wird bei uns nicht erkannt.“
„Aha.“
„Das ist auch der Grund, warum Führerscheine, Sozialversicherungskarten oder der Kassenbon von Aldi nicht gehen. Da stehen auch überall Nummern drauf und die kann ich alle hier eingeben. Aber erkannt werden die nicht.“
„Alles klar.“
„Ich verstehe Sie ja. Ich wurde auch mal zur Führerscheinkontrolle angehalten und sollte den Ausweis zeigen. Wieso Ausweis? Tja, 10 Euro musste ich dafür abdrücken. Deswegen weise ich auch immer darauf hin.“

Im MET gibt es keine der klapprigen Metallabfalleimer an den Plätzen, ich vermute also, dass man den Abfall im Vorraum entsorgen muss. Als ich mich im Vorraum, der auf mich wie ein Flur mit Einbauschränken wirkt, umsehe, fällt mein Blick auf ein Abfallpiktogramm. Jetzt muss ich den entsprechenden Schrankteil bloß noch aufkriegen. Die Zugchefin hat ihr Büro direkt daneben und ich frage sie um Rat. Mülleimerschubladen, wieder etwas dazugelernt.

Nach einer halben Ewigkeit erreichen wir Saalfeld, die Verspätung haben wir schon fast wieder aufgeholt. Ich arbeite mich durch meine Vorlesungsunterlagen.

Der Zub geht durch und entfernt die Reservierungen. Der Zug scheint ziemlich frei von Elektronik zu sein, denn es gibt noch Zettelchen. Er nimmt die Reservierungen für die beiden mir gegenüber liegenden Plätze und fragt mich, ob ich ihm denn die auf meiner Seite geben könne. Aber klar kann ich, das findet er cool.

In Jena steigen dann ein Mann mittleren Alters und eine junge Frau zu, die sich auf die beiden mir gegenüberliegenden Plätze setzen. Von Anfang an unterhalten sie sich laut, damit ist die Arbeitsatmosphäre dahin. Dann muss ich ihnen wohl zuhören. Wie sich wenig später herausstellt, sind es Vater und Tochter. Der Mann hat einen riesigen Rucksack und weiß offensichtlich nicht so recht, wohin damit, obwohl die Gepäckablage zu 90% frei ist. Schließlich schlägt der Mann, der am Zweier mit Tisch auf der anderen Seite des Ganges sitzt, vor, den Rucksack auf den ihm gegenüberliegenden Sitz zu stellen, was der Mann dann auch so macht. Die Frau hat 3 kleinere Gepäckstücke, 2 davon verstaut sie oben auf der Gepäckablage und einen Rucksack unter unserem Tisch.
„Ist schon ewig her, dass ich das letzte Mal ICE gefahren bin, bestimmt 15 Jahre“, meint der Mann, „musst mir mal die Technik erklären.“ So schwierig ist es nicht, den Sitz zu verstellen, und als der Mann es probiert, klappt es problemlos.
Die beiden wollen nach Stralsund, sie kommt aus Salzburg. Woher er kommt, finde ich leider nicht heraus, aber er ist aus einer anderen Richtung gekommen. Offensichtlich haben sie eine Verbindung, die einen mehrstündigen Aufenthalt in Eberswalde über Nacht enthält. Als der Zub zur Fahrkartenkontrolle vorbeikommt, erkundigen sie sich nach den Fahrtmöglichkeiten Richtung Stralsund. Er wundert sich ein wenig über die Verbindung, da meint die junge Frau: „Die hat mich am Telefon noch gefragt: Wollen Sie das wirklich machen?“ „Naja, um 1 ist es bestimmt schön in Eberswalde“, meint der Mann. „Ja, das würd ich jeden Tag machen wollen“, entgegnet der Zub, „und wieso find ich die Verbindung net, sagens mer des.“ Mittlerweile ist die Zugchefin dazugekommen. „Chefin, sag mer, warum find ich des net.“ Einige Wischer später verkündet er: „Fehler beim Laden. Ahso, ich hab kein Netz. Naja, egal. Im Nahverkehr gibt’s keine Zugbindung. Sie können auch mit einem anderen Zug fahren.“ „Und das geht sicher?“, fragt der Mann skeptisch, „ich werd dann sagen, der Kollege – erschaut auf das Namensschild des Zub - Y hat gesagt, es gilt.“ Der Zub schreibt schließlich auf sein Online-Ticket: „Gilt auch für Fahrt nach Neustrelitz“ und unterschreibt. Die Frau will auch ein Autogramm haben, bekommt aber keines. „Ich hab in Eberswalde studiert“, sagt der Mann. „Was kamma denn da studieren?“, wundert sich der Zub. „Forst, Waldzeug“, erklärt der Mann. „Also i dad das net macha“, meint der Zub, „sucha se sich a Kneipe in Berlin, heute um 0 Uhr ist das letzte Spiel.“ „Fußball ist mal unwichtig für zwei Wochen“, meint der Mann. „Naja, zum Zeitrumbringa…“
„Der ist voll cool“, stellt die Frau eine Weile, nachdem der Zub weg ist, fest, „wenn nur alle so wären. Aber bei der Rückfahrt habe ich sogar einen Ruhesessel reserviert.“

Die Frau scheint sich doch etwas über die Ausstattung der 2. Klasse zu wundern, während der Mann diese wohl als völlig normal ansieht. „Ich glaube, das war mal ein 1.Klasse-Wagen, jetzt haben sie ihn degradiert, weil er schon so alt ist.“ Naja, alt ist der nicht unbedingt. Und an dem Wagen kann man jetzt wirklich nichts aussetzen. Insgeheim wünsche ich ihnen DBuza zur Weiterfahrt, um mal altes Rollmaterial kennenzulernen.

„Hast schon mal so ein altes Handy gesehen?“, will der Mann wissen und zeigt sein Handy vor, das noch Tasten hat und nicht dem modernen Design entspricht. „Das hat doch sogar ein Farbdisplay“, meint die Frau. Jaja, ich kann mich noch daran erinnern, als Handys mit Tasten, dafür ohne Farbdisplay modern waren. Das ist gar nicht mal so lange her.
Ich habe meine Vorlesungsunterlagen geöffnet und schreibe auf einem Zettel einige Stichworte des Gesprächs mit. Immer wieder werfen mir die beiden, insbesondere die Frau, kritische Blicke zu. Haben die noch nie einen fleißigen Studenten gesehen?
Ich überlege, ob ich mein Handy aufladen soll. Dummerweise habe ich das Ladekabel im Koffer. Was die von mir denken, wenn ich jetzt auch noch das Ladekabel im Koffer suche, will ich mir lieber nicht ausmalen. Außerdem brauche ich das Handy jetzt nicht unbedingt.

In Naumburg steigt der Mann auf der anderen Seite des Ganges schließlich aus. Sofort schlägt die Frau vor: „Sollen wir uns rüber setzen? Dann sitzen wir uns gegenüber und du kannst mir besser deine Pläne zeigen.“ Entweder mag sie meine Gesellschaft nicht, oder es handelt sich um streng geheime Pläne, oder sie hat Lunte gerochen, dass ich ihr Gespräch belausche. Tja, nächstes Mal vielleicht etwas leiser reden, dann kann ich mich auf meine Vorlesungsunterlagen konzentrieren und muss mir nicht ihr Gespräch anhören. Der große Rucksack wandert auf den Sitz schräg gegenüber von mir, sie räumt ihre Gepäckstücke von der Ablage auf dieser Seite auf die Ablage der anderen Seite. Ihr Handy lässt sie auf dem Tisch liegen, den ich jetzt wieder für mich alleine habe. Sie picknicken im Zug, der Mann rundet seinen Speiseplan mit einer kleinen Flasche Rotkäppchensekt ab, den er direkt aus der Flasche trinkt. „Uähh, zu warm“, kommentiert er. Etwa nach einer Viertelstunde fällt der Frau auf, dass sie ihr Handy bei mir vergessen hat und schnappt es sich.

Wir nähern uns Leipzig, ich packe meine Sachen und gehe in den Flur äh Vorraum. Der Zub unterhält sich dort mit der Zugchefin. Ich verabschiede mich von ihnen und sage, dass die Fahrt mit dem MET doch eine kleine Entschädigung für die Unannehmlichkeiten war. Der Zub meint schmunzelnd: „Wolla Sie die vielleicht mitnehma?“ Je weiter die Zeit vorangeschritten ist, desto breiter wurde sein Bayerisch. Ich wende ein, dass der MET vermutlich nicht in meine Wohnung passt. „Ach, mit bisserl umstellen geht das scho.“ Die Zugchefin schaut ihn irritiert an. „Na klar, jeder kann die mitnehma“, klärt der Zub sie auf. Er wünscht mir noch viel Glück auf meinem weiteren Weg.
Pünktlich halten wir in Leipzig, bis mein Zug nach Chemnitz abfährt, habe ich über eine halbe Stunde. Ich gehe direkt zur DB Information und erkläre meine Situation.
„Waaaas?!?! Sie wölln vön Kämnitz nach Dräsden mitm Taxi fahrn?!?! Das geht nischt!!!! Das is viiiiiiel zu weit!!!!“ Ja Entschuldigung mal… „Wär hatn das gesagt? Der Zugbägleiter?“ Allerdings. Und die Frau an der Information in Nürnberg hat es auch angesprochen, dass ich versuchen soll, so weit wie möglich zu fahren und von dort ein Taxi zu nehmen. Aber natürlich bin ich für weitere Vorschläge gerne offen. Er wurschtelt eine Weile am Computer herum, will meine Fahrkarte sehen und meinen Namen wissen. Dann schlägt er etwas versöhnlicher und in etwas gemäßigterem Sächsisch vor: „Okay, Sie ham zwei Möglischkeiten. Entweder Hotel hier oder um null Uhr neun nach Oschatz und von dort mitm Taxi.“ Eigentlich will ich endlich in mein Bett und entscheide mich für letzteres, obwohl ich wirklich gerne eine kurze Stadtbesichtigung in Leipzig gemacht hätte. Aber da wäre ja immer noch die Vorlesung morgen um 9:20…
Ich bekomme einen weiteren Stempel auf mein Online-Ticket und einen Taxigutschein. Ich werde in Oschatz erwartet. So weit, so gut. Zum Abschluss meint er noch: „Ach, und der McDonalds hier hat rund um die Uhr geöffnet.“ Auf meinen skeptischen Blick entgegnet er: „Naja, wissen Sie, ich will Ihnen nischt die Holzbänke hier empfehlen.“ Tatsächlich muss ich fast eine Stunde warten, aber da habe ich doch geringfügig andere Vorstellungen, als die im McDonalds zu abzusitzen. Vor allem angesichts der Tatsache, dass ich den kompletten Leipziger Hauptbahnhof quasi für mich alleine habe. Für solche Notfälle habe ich immer einen Müsliriegel irgendwo in den Tiefen meines Rucksacks. Aber ein Wasser bräuchte ich noch. „Das kann ich Ihnen auch hier geben.“ Ich bedanke mich und mache mich auf den Weg zum Bahnhofsvorplatz. In Leipzig war ich noch nie und vielleicht springt ja noch ein Nachtfoto von der Straßenbahn raus.
Als ich den Bahnhof verlasse, stehen rund um das Bahnhofgebäude mindestens 10 Straßenbahnen. Da habe ich wohl gerade einen abendlichen Knoten erwischt. Bis ich meine Kamera und mein Stativ aufgebaut habe, ist der Knoten leider schon in der Auflösung. Aber ein bisschen Material bekomme ich doch noch. Die nächsten Bahnen sind erst in einer halben Stunde angekündigt und ich schaue mich ein wenig im Bahnhofsgebäude um. Die Gelegenheit, den riesigen Bahnhof in aller Ruhe anschauen (und ein paar Bilder machen) zu können, muss ich natürlich nutzen. Jetzt kann ich auch endlich das Ladekabel für mein Handy aus dem Koffer kramen, ohne die Blicke meiner Mitreisenden auf mich zu ziehen. Und vielleicht muss ich es ja noch benutzen.
Um Mitternacht gehe ich schließlich zum S-Bahnsteig im Tiefgeschoss und setze mich in meinen Hamster nach Oschatz. Die Steckdosen sind leider direkt unter der Gepäckablage angebracht und mein Kabel ist nicht lange genug, um das Handy auf dem kleinen Tisch abzulegen, auf dem das Netz der S-Bahn Mitteldeutschland (allerdings mit Schreibfehler in Elsterwerda-Biehla, wo jemand das h verschluckt hat) abgebildet ist. Ich versuche eine Konstruktion mit meinen beiden Wasserflaschen, aber als der Zug anfährt, wird das labile Gleichgewicht natürlich zerstört. Und auf die Gepäckablage will ich es nicht legen, weil dann die Gefahr, es zu vergessen, zu groß ist, vor allem in meinem mittlerweile ziemlich müden Zustand. Einige Plätze weiter sitzt ein Mann mit Kopfhörern im Ohr, der sich zur Musik bewegt und stumm mitsingt. Nachdem wir eine Station gefahren sind, nimmt er plötzlich die Kopfhörer aus dem Ohr. „Hä, wasn das?“ brummt er. Ob er wohl in die falsche Richtung eingestiegen ist? „Fährt der jetzt nach Halle?“ Hoffentlich nicht. Aber ich bin mir doch sehr sicher, dass auf dem Zug und am Bahnsteig Oschatz stand. In der Tat steht allerdings auf den Bildschirmen im Zug Halle – Leipzig. Vielleicht war das ja die vorherige Fahrt. Ganz zufrieden stellt ihn meine Erklärung aber nicht und am nächsten Halt schaut er aus der Tür, was auf der ZZA am Bahnsteig steht. Puh, Oschatz. Alles gut. Außerdem bin ich mir auch sehr sicher, dass keine S-Bahn vom Leipziger Hbf über den Citytunnel nach Halle fährt.
Mein Handy baumelt am Ladekabel vor und zurück, während der Zug beschleunigt und bremst.
Dumdedim. Nächster Halt Völkerschlachtdenkmal. Ausstieg in Fahrtrichtung rechts.
Zum ersten Mal meldet sich die automatische Ansage, auch der Bildschirm zeigt jetzt den korrekten Zuglauf an.
Obwohl an den zahlreichen Haltestellen kaum Fahrgastwechsel herrscht, hält mich das ständige penetrante Gepiepe wach. Muss das denn wirklich sein, frage ich mich zum wiederholten Male.
Der tiefstehende, nahezu volle Mond begleitet mich auf dem Weg durch die Nacht, während die Abstände der Haltestellen größer und größer werden und die Geschwindigkeit dazwischen in gleichem Maße zunimmt.
Dumdedim. Nächster Halt Wurzen. Umsteigemöglichkeit zum Regionalverkehr und zur Buslinie Sechshundertdreiundneunzig. Muss wohl eine sehr wichtige Buslinie sein.
Überpünktlich erreichen wir kurz vor eins Oschatz. Außer mir und der Zub ist immerhin noch ein weiterer Fahrgast im Zug. Das ist ja fast schon wie eine Taxifahrt, bloß mit wesentlich mehr Platz.

Das Taxi wartet auf mich, während der Fahrt durch zahlreiche Dörfer, in denen ich noch nie war und von denen ich noch nie den Namen gehört habe, erfahre ich, dass es ein bis zweimal im Monat vorkommt, dass jemand hier strandet und ein Taxi nach Dresden bekommt.

Kurz nach 2 und mit mehr als +180 bin ich endlich an meinem Ziel. Über 11 Stunden für ursprünglich 630 Bahnkilometer. Das sind ja fast schon rumänische Verhältnisse. Jetzt habe ich mir mein Bett aber wirklich verdient.

Am nächsten Tag (nein, eigentlich ja am selben) gehe ich zur DB Information am Dresdner Hbf, um meine Entschädigung zu bekommen. Ich benötige noch Rat, was ich genau wie ankreuzen muss. War das jetzt eine abgebrochene Fahrt? Oder eine andere Reiseroute? Und mit welchem Zug bin ich am Zielort angekommen? Um mir die 50% auszahlen zu lassen, schickt sie mich ins Reisezentrum. Jetzt führt wohl kein Weg am Nummer ziehen vorbei… Ich füge mich also meinem Schicksal und nehme auf dem roten Sofa Platz. Allzu viele Nummern sind nicht vor mir und alle 6 Schalter sind geöffnet. Zur Überbrückung der kurzen Wartezeit wische ich ein wenig auf meinem Handy herum, aber nach kurzer Zeit spricht mich eine alte Frau an, die neben mir auf dem Sofa sitzt und einige Papiere neben sich ausgelegt hat. „Darf ich Ihnen eine ganz persönliche Frage stellen?“ Achduje, was will die denn von mir. Noch 14 Nummern vor mir. Ob ich an Gott glaube und ob ich Rat bräuchte.
Noch 12 Nummern.
Dass sie nie an Gott geglaubt habe bis sie ihn persönlich getroffen habe.
Noch 11 Nummern.
Ich gebe mir wenig Mühe, meine Genervtheit zu verbergen.
Dass der Herr für uns ans Kreuz gegangen sei.
Noch immer 11 Nummern.
Sie drückt mir zwei gefaltete Blatt Papier in die Hand, ein rotes und ein weißes. Dass es ein Geschenk sei. Irgendwie scheine ich solche Leute in letzter Zeit magisch anzuziehen.
Noch 10 Nummern.
Dass das eine sich vielleicht wie ein Gedicht lese, aber keines sei.
Immer noch 10 Nummern.
Sie gibt schließlich auf, bleibt aber noch eine Weile stumm sitzen. Ich stopfe die Papiere in meinen Rucksack.
Noch 8 Nummern.
Schließlich spricht sie einen Schwarzen auf Englisch an und drückt ihm auch zwei Blatt Papier in die Hand. Zumindest die Überschrift ist auf Englisch, die scheint ja tatsächlich ihre Dichtung übersetzt zu haben.
Noch 7 Nummern.
Danach packt sie die verbleibenden Gedichte, die keine sind, ein und verschwindet aus dem Reisezentrum.
Irgendwann bin ich dann auch mal dran.
„Wohin wollen Sie fahren?“, fragt mich die Dame am Schalter freundlich. Ächz, eigentlich nirgendwo hin. Ich bin froh, hier zu sein. Meine Ankunft ist noch nicht einmal 12 Stunden her, es kommt mir aber schon wesentlich länger vor. Meine 18,40€ bekomme ich anstandslos ausgezahlt. Ein schlechter Stundenlohn für über 3 Stunden Verspätung. Aber immerhin fast schon genug, um meine nächste Heimfahrt zu bezahlen.
Und das wird hoffentlich eine völlig normale, stinklangweilige Fahrt sein.

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Lion's City
  Geschrieben am: 19 Jun 2014, 23:47


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Sehr schöner Reisebericht ... hat Spaß gemacht das zu lesen .... über weitere Reiseberichte von Dir würde ich mich freuen !
    
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Bayernlover
  Geschrieben am: 20 Jun 2014, 05:09


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Chat: Bayernlover 

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Super Bericht! Allerdings sollten die beteiligten Zubs zu rechtlichen Dingen einfach die Klappe halten biggrin.gif

Und wieder mal die Erkenntnis, dass Dresden bahntechnisch gesehen am Ende der Welt liegt.

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DumbShitAward
  Geschrieben am: 20 Jun 2014, 10:35


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Wieder mal fühle ich mich darin bestätigt, nach Möglichkeit nicht die letztmögliche Verbindung des Tages zu nehmen und grundsätzlich immer mit vollem Handy unterwegs zu sein (auch Wechselrichter fallen aus).

Was ich da aber schon interessant finde ist, dass da so ein Theater wegen der Taxifahrt gemacht wurde, so wie ich das sehe ist der Unterschied in der Fahrstrecke von Oschatz - Dresden im Vergleich zu Chemnitz - Dresden gerade einmal fünf Kilometer.

Ich durfte mal Mannheim - Basel mit dem Taxi fahren biggrin.gif

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Lektion 73 in unserer Serie "Rechtsstaat für Anfänger", heute: §81 StGB

Wer es unternimmt, mit Gewalt oder durch Drohung mit Gewalt den Bestand der Bundesrepublik Deutschland zu beeinträchtigen oder die auf dem Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland beruhende verfassungsmäßige Ordnung zu ändern, wird mit lebenslanger Freiheitsstrafe oder mit Freiheitsstrafe nicht unter zehn Jahren bestraft.
    
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JeDi
  Geschrieben am: 20 Jun 2014, 10:37


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QUOTE (DumbShitAward @ 20 Jun 2014, 11:35)
Wieder mal fühle ich mich darin bestätigt, nach Möglichkeit nicht die letztmögliche Verbindung des Tages zu nehmen

Wobei ich da noch nie ein Problem hatte. Der letzte Zug wartet im Zweifel auch mal eine knappe Stunde...

QUOTE (DumbShitAward @ 20 Jun 2014, 11:35)
Ich durfte mal Mannheim - Basel mit dem Taxi fahren biggrin.gif

Ich hätte jetzt eigentlich auch erwartet, dass es das Taxi ab Leipzig gibt...

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DumbShitAward
  Geschrieben am: 20 Jun 2014, 10:46


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QUOTE (JeDi @ 20 Jun 2014, 11:37)
Wobei ich da noch nie ein Problem hatte. Der letzte Zug wartet im Zweifel auch mal eine knappe Stunde...

So wie ich das mal erklärt bekommen habe aber nur, wenn der zu erwartende Rattenschwanz erheblich kürzer wäre, als das, was man ohne Warten bezahlen muss - eine recht ökonomische Entscheidung.

QUOTE (JeDi @ 20 Jun 2014, 11:37)

Ich hätte jetzt eigentlich auch erwartet, dass es das Taxi ab Leipzig gibt...

Ich eigentlich auch, da das mit knapp 30km nicht irrsinnig viel weiter ist, er eine Stunde in Leipzig aufenthalt hatte und es so durchaus möglich gewesen wäre, dass er mit weniger als +120 angekommen wäre und so eine realistische Chance bestanden hätte, dass er unter +120 ankommt und die Bahn somit 13,25€ weniger Entschädigung bezahlen hätte müssen - obwohl... ob das die 30km mehr Taxi aufgefangen hätte...

Edit: sinnentstellender Grammatikfehler

Edit: mutmaßlich nicht, wenn man den Taxikostenrechnern Glauben schenken darf, auch wenn üblicherweise auf solchen Distanzen Pauschalpreise verhandelt werden.

Bearbeitet von DumbShitAward am 20 Jun 2014, 10:49

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JeDi
  Geschrieben am: 20 Jun 2014, 10:50


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QUOTE (DumbShitAward @ 20 Jun 2014, 11:46)
So wie ich das mal erklärt bekommen habe aber nur, wenn der zu erwartende Rattenschwanz erheblich kürzer wäre, als das, was man ohne Warten bezahlen muss - eine recht ökonomische Entscheidung.

Mei, dass der letzte Zug noch irgendwelche Nennenswerten Anschlüsse hat, die nicht problemlos warten können, ist eher selten...

Passend zu dem Thema gabs übrigens letztens das hier vom SM-Team der Bahn.

QUOTE
und die Bahn somit 13,25€ weniger Entschädigung bezahlen hätte müssen

Eher 9,20 weniger, oder?

Nachtrag:

QUOTE
Edit: mutmaßlich nicht, wenn man den Taxikostenrechnern Glauben schenken darf, auch wenn üblicherweise auf solchen Distanzen Pauschalpreise verhandelt werden.

Die Bahn hat da ohnehin Spezialkonditionen - die Verträge werden hin und wieder ausgeschrieben...

Bearbeitet von JeDi am 20 Jun 2014, 10:50

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DumbShitAward
  Geschrieben am: 20 Jun 2014, 11:01


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QUOTE (JeDi @ 20 Jun 2014, 11:50)
Mei, dass der letzte Zug noch irgendwelche Nennenswerten Anschlüsse hat, die nicht problemlos warten können, ist eher selten...

Na kommt halt auf die Situation an... könnt mir schon Situationen vorstellen, wo ich in den sauren Apfel beißen muss, weil der IC oder RE ein Zubringer zu einer Ladung ICEs ist...

QUOTE (JeDi @ 20 Jun 2014, 11:50)

Passend zu dem Thema gabs übrigens letztens das hier vom SM-Team der Bahn.

Das ist mal Public Relations! Sollte im Format 21x15 Meter in auf jedem Bahnsteig aufgestellt werden und jeder Fahrgast muss unterschreiben, dass er es durchgelesen hat biggrin.gif

QUOTE (JeDi @ 20 Jun 2014, 11:50)

Eher 9,20 weniger, oder?

Ich hab zwar die Nacht fast nicht geschlafen, aber auf welche Route beziehst du dich?



QUOTE (JeDi @ 20 Jun 2014, 11:50)

Die Bahn hat da ohnehin Spezialkonditionen - die Verträge werden hin und wieder ausgeschrieben...

Klar, aber das dürfte wohl nicht viel an den Verhältnissen zwischen den Preisen ändern.

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Lektion 73 in unserer Serie "Rechtsstaat für Anfänger", heute: §81 StGB

Wer es unternimmt, mit Gewalt oder durch Drohung mit Gewalt den Bestand der Bundesrepublik Deutschland zu beeinträchtigen oder die auf dem Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland beruhende verfassungsmäßige Ordnung zu ändern, wird mit lebenslanger Freiheitsstrafe oder mit Freiheitsstrafe nicht unter zehn Jahren bestraft.
    
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