Auch wenn diese Idee immer wieder aufkommt, kann ich ihr absolut nichts abgewinnen. Insbesondere bei sehr schlechter Betriebsqualität sind Direktverbindungen um ein Vielfaches attraktiver als Umsteigeverbindungen, weil man eigentlich immer mit einem Anschlussverlust und weiterem Zeitverlust rechnen muss. Insbesondere für Fahrgäste mit Gepäck, Kindern oder Mobilitätseingeschränkte dürften viele Umstiege ein Ausschlusskriterium für die Nutzung der Bahn sein.
Natürlich trägt der komplexe Mix aus langsamen und schnellen Zügen zu weiteren Verspätungen bei - ursächlich ist meiner Meinung nach aber die generelle Überlastung des Netzes. Um mal das Beispiel der S-Bahn-Stammstrecke in München zu nehmen - dort ist genau der beschriebene Fall Realität. Alle Züge sind genau gleich schnell. Wer vom übrigen Regional- und Fernverkehr kommt, muss umsteigen. Und trotzdem bricht dort regelmäßig der Verkehr zusammen. Denn durch den (zu) dichten Takt sorgt jede kleine Verzögerung für einen Dominoeffekt und Folgeverspätungen.
Außerdem taugt die aktuelle Infrastruktur auch gar nicht für ein radikales Umsteigesystem mit ausschließlich kurzen Zugläufen, da die Bahnhöfe teils gar nicht ausreichend Gleise hätten, um so viele Züge gleichzeitig aufzunehmen oder die Wendezeiten wären so kurz, dass man auch nicht stabil unterwegs wäre.
Der Vergleich mit Japan ist in meinen Augen so nicht korrekt. Das Gegenteil ist richtig - eine extrem komplexe Haltepolitik und eine Mischung unterschiedlich schneller Zuggattungen auf demselben Gleis sind in Japan noch viel weiter verbreitet als bei uns. Dazu 2 Beispiele:
Beginnen wir mit dem international so bekannten Shinkansen. Auf dem Tokaido Shinkansen (Strecke Tokyo - Shin-Osaka) gibt es (abgesehen von Bahnhöfen) durchgängig nur 2 Gleise, d.h. alle Züge müssen sich pro Richtung ein Gleis teilen.
https://en.wikipedia.org/wiki/Tokaido_S ... e_patterns
Die Grafik auf Wikipedia zeigt sehr schön, dass dort 3 unterschiedlich schnelle Zuggattungen unterwegs sind. Die Kodama-Züge halten an allen Bahnhöfen (15 Zwischenhalte), die Hikari-Züge nur an ausgewählten Zwischenhalten, die zudem ständig wechseln (bis zu 12 Zwischenhalte). Die Nozomi-Züge halten nur an 4 Zwischenhalten.
Schaut man sich den Fahrplan für Di, 31.03. an, sieht der Betrieb aus der Strecke so aus:
https://japantravel.navitime.com/en/boo ... time=06:57
Die Differenz der Reisezeiten ist extrem - die Kodama-Züge brauchen über 50% länger als die Nozomi-Züge. Der Kodama 803 muss folglich von nicht weniger als 11 anderen Zügen unterwegs überholt werden. Da alle Züge zunächst gleichschnell sind und in Shinagawa und Shin-Yokohama halten, bedeutet das, dass es an manchen Zwischenhalten sogar Doppelüberholungen geben muss (was ich durch Beobachtungen bestätigen kann) - und das bei maximal 6 min (!) Haltezeit (Klick auf die Zugnummer zeigt die Zwischenhalte).
2. Beispiel - die Monorail, welche den Flughafen Haneda mit der Innenstadt verbindet.
An einem Werktag sieht der Fahrplan ab der stadtseitigen Endstation Hamamatsucho so aus:
https://train-cloud.navitime.biz/en/tok ... 2026-03-30
In der HVZ verkehrt alle 4 min eine Bahn und alle halten an allen Zwischenstationen. In Hamamatsucho gibt es übrigens nur 1 Gleis, sodass die Wendezeit dort deutlich unter 4 min betragen muss (funktioniert mit Tf-Wechsel). In der NVZ dagegen gibt es einen 10 min-Takt aus Local (halten überall) und Rapid (ohne Zwischenhalte). Auch hier werden die Local-Züge unterwegs durch die Rapid überholt.
Das System von extrem komplexen Überlagerungen von Zügen unterschiedlicher Halteregimes gibt es auch auf diversen Tokyoter S-Bahnstrecken, die teils im U-Bahnnetz weiterfahren.
Du hast insofern recht, dass man in Japan tendenziell häufiger umsteigen muss. So gibt es beispielsweise keine durchfahrenen Shinkansen in Tokyo (will man von Nord-Honshu nach Süd-Honshu, muss man also immer in Tokyo umsteigen) und auch im konventionellen Netz gibt es eher weniger langlaufende Züge. Das ist teils systembedingt (Elektrifizierung, Neigetechnik), teils kapazitätsbedingt (in einer sehr ländlichen Region reicht ein kürzerer Zug als im Ballungsraum). Bei uns wird so etwas häufig durch Stärken/Schwächen gelöst, was es in Japan zwar auch gibt, aber soweit ich das beobachten konnte, eher selten praktiziert wird und Systemgrenzen überwindet man hierzulande oft mit Dieseln unter Fahrdraht oder zunehmend mit Akkuzügen.
Warum ist die Bahn in Japan also so viel pünktlicher als in Deutschland? Dafür gibt es wahrscheinlich sehr viele Gründe. Die "Entmischung" der Verkehre ist nur ein Teilaspekt, da es eben viele unterschiedliche Halteregimes auf derselben Strecke gibt. Shinkansen-Strecken sind zu einem Großteil aufgeständert oder im Tunnel, eingezäunt und an vielen Stationen sind die Gleise mit Bahnsteigtüren abgeschirmt. Dadurch dürften BÜ-Unfälle, PU aller Art, Kühe & Personen auf oder neben dem Gleis sowie umgestürzte Bäume auf der Strecke auf nahezu 0 reduziert werden, was in Deutschland sehr häufige Verspätungsgründe sein dürften. Zusätzlich gibt es eine sehr starke Resilienz gegenüber Naturereignissen aller Art - z.B. Heißwasserdüsen gegen die sehr schneereichen Winter
https://www.youtube.com/watch?v=Sni49EJAyso oder kilometerweit aufgeständerte Bahnstrecken zum Schutz vor Hochwasser und Tsunamis - auf einer eher unwichtigen Nebenbahn wohlgemerkt:
https://visitkochijapan.com/image/rende ... 3fb5ba55ab oder Schneeportale über Weichen:
https://www.tramtrain-bilder.de/wp-cont ... a-2001.jpg
Ein weiterer ganz erheblicher Unterschied sind die (fast) nicht vorhandenen Baustellen. In Japan gibt es so gut wie keinen Zugverkehr zwischen 22:00 und 6:00. Ein sehr großer Anteil der Baustellen wird außerhalb der Betriebszeiten erledigt, sodass Baufahrpläne, La und SEV quasi nicht existent sind.
In meinen Augen ein ebenfalls nicht zu unterschätzender Faktor ist die Disziplin von Fahrgästen und Personal. Niemand hält die Tür auf, jeder steigt zügig aus und ein und ein ausführliches Schwätzchen bei der Ablösung gibt es auch nicht.
Dass die Bahn in Japan mit wesentlich besserer und extrem resilienter Infrastruktur, einem sehr guten Baustellenmanagement (das aber zulasten von Nachtverkehr geht) und höherer Disziplin so pünktlich ist, ist also kein Wunder und nicht unbedingt auf den zusätzlichen Umsteigezwang zurückzuführen. Auch bei uns könnte man einfache und schnell umsetzbare Maßnahmen ergreifen, wie alle Hauptstrecken einzuzäunen, damit nicht ständig Gleislatscher den Verkehr lahmlegen oder Bäume so weit fällen, dass sie nicht beim nächsten Sturm auf die Gleise fallen (oder der Verkehr gleich vorsorglich für 2 Tage eingestellt wird, weil es eine Sturmwarnung gibt).